Verspielt hoch drei: GUN CRAZY

Blättert man nur in diese Neuerscheinung  bei schreiber&leser hinein, fällt Comicfans eine Parallele zu einem anderen Produkt bei schreiber&leser auf: Format, Aufmachung und Look sind derselbe wie bei SHOOTING RAMIREZ, dem Überraschungserfolg des Jahres 2019.

Selbst das in den USA angesiedelte Retro-Action-Sujet wird hier wie dort bedient – da haben die heißen Schlitten in GUN CRAZY aber besonders breite Trittbretter (Comicfans zum Mitfahren gesucht)!

Mein erster Blick in dieses Album glich einem Assoziations-Knockout. GUN CRAZY überfiel mich mit so viel Wiedererkennung diversester Chiffren, dass ich den Band erst mal wieder zuschlug und ein paar Wochen liegenließ.
Ich brauchte eine ruhige Verfassung, um mich dem Werk von Autor Steve D und Zeichner Jef nähern zu können.

Verspielt hoch eins

 

Beginnen wir mal auf der Meta-Ebene. GUN CRAZY soll ein Videotape sein. Ist es natürlich nicht, aber es spielt mit dieser Anmutung und präsentiert mittendrin Dinge wie einen schwarzen Fernsehbildschirm, Bandfehler und eine Filmvorschau.
(SHOOTING RAMIREZ unterhielt seine Leserschaft mit eingestreuten Werbeanzeigen, Zeitungsausrissen oder Gebrauchsanleitungen.)

GUN CRAZY zeigt uns die Umschlaggestaltung billiger Videofilme und unterbricht die Handlung einer technischen Panne wegen. Es erscheint eine Ansagerinnen-Figur namens „Tanja Tussi“ im Dienste eines „TV Comic Book“-Senders und entschuldigt sich für die ungewollte Pause.

Eine Idee, die sie meines Erachtens aus Monty Pythons „Sinn des Lebens“ adaptiert haben, wo eine Moderatorin den Film anhält und sich direkt ans Publikum wendet. (In diesem Clip auf YouTube fehlt leider der Auftaktsatz der Dame, die nämlich sagt: „Welcome to the Middle of the Film“; wenn ich mich recht erinnere.)

Abgesehen vom Pseudo-Film-Look sonnt sich Zeichenkünstler Jef in stilistischen Zitaten und  grafischen Spielereien. Unübersehbar ist natürlich seine Hommage an den großen Moebius; ganze Seiten schauen aus, als channele er den Meister der Wüsten-Panoramen.

Ich sehe auch Heinz Edelmanns zeitlose Op-Art in diesem Comic, aber ich bin auch speziell. Natürlich ist das schick und toll gemacht, aber was haben wir davon? Jemanden, der Moebius imitieren kann.

Band 1 von GUN CRAZY heißt dann auch noch „Videodrone“, das wiederum ein Hinweis auf einen Film von David Cronenberg namens „Videodrome“, der selber schon mit Realität, Drogenwelten und Comicbildern spielt.
Dieser Comic, den wir hier vor uns haben, ist wahrscheinlich in sich verschlungen in Anspielungen und Zitaten. Verspielt, verspielt, verspielt.

Verspielt hoch zwei

 

Schauen wir auf die Figuren und die Handlung von GUN CRAZY: Im Mittelpunkt stehen zwei junge und wilde Frauen, die sich Dolly und Lanoya nennen, womöglich anders heißen, auf jeden Fall ein lesbisches Pärchen sind.

Wie Sie sehen, ist dieser Comic nicht nur quietschbunt, sondern übertreibt es generell gehörig: In der Bar fliegen nicht nur Flaschen durch die Luft, auch eine Spritze, ein Schlagring, mehrere Tabletten, ein Augapfel sowie ein Gebiss sind darunter.
Das kann nicht realistisch sein! Wahrscheinlich will GUN CRAZY damit kenntlich machen, dass hier nichts ernst gemeint sein soll.
Noch aber ist gar nichts geschehen, das nicht ernst genommen werden könnte. Soll hier präventiv vorab ein Zeichen gesetzt werden? Dann ist es wie der „Achtung, Satire“-Warnhinweis vor einem Zeitungs- oder Fernsehbeitrag – und damit peinlich, zahnlos, sogar anbiedernd.

Zeit der Handlung ist die Gegenwart, obwohl wir uns da nicht sicher sein können. Ich vermute eher eine „nicht allzu ferne Zukunft“ (wird ja immer gern genommen), Anzeichen dafür sind für mich eine extrem rassistisch aufgestellte USA sowie der Hund des Sheriffs (dazu später).

Lanoya und Dolly (die eine hat afroamerikanische Wurzeln, die andere hispanische) werden für ihre bloße Erscheinung feindlich angegangen. Von dummen Rednecks bzw. White Supremacists, anderen Männern begegnen die beiden gar nicht.
Die Frauen verdienen Geld als Stripperinnen. Für diesen Job ziehen sie blonde Perücken auf und schminken sich hell. Verrutscht dieses Outfit, explodieren die Kerle in offenem Hass. Lanoya und Dolly nehmen das in Kauf – denn kommt es soweit, ziehen sie aus ihren hohen Schuhen Handfeuerwaffen und mähen den kompletten Saal nieder.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich finde das schrecklich aufgesetzt und eindimensional. Im Anschluss springen Lanoya und Dolly in ihren Wagen, rasen davon, im Hintergrund explodiert die Hillbilly-Bar in einem Feuerball, danach sinken sie auf ein Motelbett und kuscheln sich in den Schlaf – umringt von einem Ensemble aus Waffen und Drogen, dazu läuft ein Testbild auf dem Fernsehschirm.

Der Textkasten sagt auch noch „Ihre Liebe war so rein und zart“. Abgeschmackter geht es gar nicht mehr! Wenn Sie darin eine ironische Verbeugung vor dem B-Movie-Kosmos sehen können, freue ich mich für Sie. Ich bin zu alt für ausgewalzte Formeln.

Den Frauen gegenüber stehen drei Männerfiguren, denen sie im ersten Band noch nicht begegnen (GUN CRAZY 1 schließt mit einem Eintreffen sämtlicher Charaktere in Las Vegas). Alle drei sind kranke, vom Hass getriebene, mittelalte weiße Männer.

Sheriff Nolti ist noch der „Gute“, obwohl er pillensüchtig ist und eine Abneigung gegen „Indianer“ pflegt, weil seine Frau ihn mit einem betrogen hat. Die beiden anderen sind psychopathische Killerclowns, womöglich gegenseitig aufeinander angesetzt. Was diese Dopplung soll, verstehe ich auch nicht, man möchte wohl größtmöglichen Alarm machen.

Ich erwähnte oben den Hund des Sheriffs (er heißt übrigens „Country Joe Fish“), der mich gründlich irritiert. Er scheint der Dienstpartner des Sheriffs zu sein und läuft immer mit einer Kippe im Mund herum und scheint sich zum Feierabend ein Bierchen zu gönnen. Er spricht allerdings nicht und ist bis auf das Rauchen ein offenbar normaler Vierbeiner.
Entweder ist das nur eine kuriose Idee (ein Scooby-Doo-Zitat?) oder ein Fingerzeig auf künftige Evolution von Haustieren. Sind wir in der Zukunft oder ist der rauchende Hund ein ungerechtfertigter Quatsch, um mich aus der Bahn zu werfen?   :- )

Anyway, ich wollte Ihnen die bösen Buben vorstellen.

Nummer Eins ist ein Neonazi, der sich als Superheld im Ku-Kux-Klan-Kostüm stilisiert und Jagd auf nichtweiße Menschen macht. Dieser selbsterkorene „Super Whiteman“ ist für mich eine versponnene Mixtur aus Robert Crumbs „Whiteman“ (der geistigen Haltung und des Namens wegen) und Gilbert Sheltons „Wonder Wart-Hog“ (der hypertrophe Brustkorb mit dem Logo). Werfen wir noch den Joker in den Mix, des zahnvollen Lachens wegen.
Diese Type fährt durchs Land und wirft sich vor dem Morden originales Nazi-Aufputschmittel ein, um in einen „Führer-Modus“ zu schalten.

Gottchen, ja. Da hauen wir aber tüchtig auf die Pauke.

Ich werde schon müde, Ihnen Nummer Zwei beschreiben zu müssen. Machen wir’s kurz. John St. Pierre heißt der Mann und er reist ebenfalls als Killer durchs Land, hat es dabei auf Geistliche abgesehen. Als Junge ist er von einem Priester vergewaltigt worden, nun spürt er übergriffige Männer Gottes auf und liquidiert sie durch „Gehirnamputation“ oder einen Sprengsatz im Rektum!

Wir bekommen diese Figur im ersten Band kaum zu sehen (er ist der Mann, der im Auto durch die Wüste fährt, s. zweite Abb. in diesem Beitrag, fast ganz oben).
GUN CRAZY ergeht sich lieber in der Darstellung zweier Tatorte seiner Verbrechen und in verschwafelten Texten – oder wie würden Sie das nennen?

Puh. Woran erkenne ich denn „schändliche Kirchen und Tempel“? Der auktoriale Erzähler im blauen Textkasten spricht, als wäre er ziemlich auf der Täterseite.
(Auch das ist so eine „Unwucht“, die mir nadelstichartig diesen Comic verdirbt: Die Erzählstimme gibt mitunter Kommentare ab, die kernig wirken sollen, aber solcherart eine seriöse Position verlassen. Die aber hätten wir gebraucht, um dem sonstigen Rummel ein Gegengewicht zu verleihen.)

Zurück zu den Figuren: Wen haben wir also kennengelernt?
Zwei Frauen, die sich unnötigerweise in Gefahr begeben.
Zwei Psychopathen, die hemmungslos ihre Komplexe ausleben.
Ein bedröhnter Sheriff, der zwischen die Fronten gerät. Das klingt in der Tat wie ein schäbiger Popcorn-Film ohne jeden Anspruch. Verspielt, verspielt, verspielt.

Verspielt hoch drei

 

Kommen wir schlussendlich zur Aussage von GUN CRAZY. Was will uns dieser Comic vermitteln? Will er uns etwas vermitteln oder will er bloß auf die Kacke hauen?
Fünf Figuren in einer kranken Welt, von Rache und Hass getrieben, die sich eventuell gegenseitig eliminieren werden? Wieso sind diese Charaktere überhaupt so negativ drauf?

John St. Pierre ist Missbrauchsopfer. Dolly und Lanoya wurden in der gemeinsamen Zeit beim Militär ihrer Homosexualität wegen diskriminiert und entlassen. Und Super Whiteman war in der Jugend ein Versager in der Liebe, weshalb er nun Frauen vergewaltigt und ermordet. Willkommen in der Welt der Küchenpsychologie.

Die obige Seite aus dem Leben Super Whitemans liegt mir schwer im Magen. Das ist nicht komisch oder cool, das ist ekelhaft. Diese Seite ist auch realistisch gestaltet und ohne die sonst üblichen Überzeichnungen, sieht man mal vom Schlussbild mit den vier indianischen Gestalten ab.
Die wirken verformt und damit der Komik anheimgegeben (und sind im nächsten Moment auch tot, was uns der Textkasten sagt, aber nicht gezeigt wird). Vielleicht sollen diese vier Personen auch schräg aussehen, um nicht unser Mitleid zu erregen.

In anderen Gewaltcomics werden Figuren vor ihrer Hinrichtung Gruppen wie Terroristen oder Straßengangs zugeordnet, um sie als böse abzustempeln oder zumindest in emotionale Distanz zu bringen. Auch Genre-Konventionen helfen, mir als Leser Abstand zur Gewalt zu finden.
Beispielsweise liquidieren in der Superheldenparodie THE SCUMBAG  Sister Mary und Ernie auf dem Mond die Mitglieder einer Bewegung, die die Erdbevölkerung manipulieren möchte. Es ist auch nicht schön, die sterben zu sehen, aber es ist von der Prämisse schon Quatsch (Mond, Hirnstrahlen), markiert die Opfer von vornherein als gefährliche Fremdlinge und ist durch das Genre gewissermaßen entschuldigt.

GUN CRAZY wird doch plötzlich unangenehm real. Schauen wir kurz auf diese Szene, in der des Sheriffs Deputy ein Opfer von St. Pierre findet:

Die zum Glück nur halb gezeigte Splatterszene soll durch Komik konterkariert werden: Sheriff Noltis Handy geht mit den Klingelton „Stayin‘ Alive“ los. Billy Budds Beschreibung des Toten soll ebenfalls schwarzhumorig rüberkommen („Die Hoden hängen ihm überm Ohr“). Bei mir kommt das holzhammermäßig gewollt an.
(Außerdem kann der Krimihandlungs-Logik zufolge Deputy Budd noch nicht über ein Wissen zum Mordmotiv verfügen, er entdeckt ja gerade erst die Leiche …)
Wie auch immer!

Nichts gegen überrissene Parodien, ich habe durchaus Freude an Serien wie THE SCUMBAG oder DIE! DIE! DIE! – aber für mich ist Schluss, wo Gewaltdarstellung nicht von einem reflektierten Konzept getragen wird.
(Klingt jetzt kryptisch, ich lade Sie ein, meine Analyse zu Gewaltcomics zu studieren …)

In einem Comic, der überzeugen kann (egal mit welch krassen Inhalten), geht es um was. In GUN CRAZY aber geht es um nichts. Es ist die Parodie der Parodie.
Ein dreckiges B-Movie kann noch mit Abbildung von Missständen punkten. Ein krawalliger Comic, der solche Werke noch überbieten will, läuft ins Leere.

Faschisten in Amerika? Gewalt gegen Frauen? Missachtete Minderheiten? Relevante Themen, aber in GUN CRAZY nicht ernst zu nehmen, weil dieser Band nur spielen will. Verspielt, verspielt, verspielt. Verspielt hoch drei.

Vielleicht verstehen Sie alles besser, wenn Sie schnell mit mir durch den Band blättern:

 

 

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