Tillmann schaut: BOARDWALK EMPIRE

Ein ganz alter Hut, ich weiß. Habe die Serie von 2010–14 allerdings erst jetzt komplett gesehen. Ich find’s toll, Freund und Kollege Cordemann (dem ich viele geldwerte Tipps verdanke!) mochte es nicht und hat es bald abgebrochen. Ich erwähne dies, um ein mögliches Missverständnis zu Beginn auszuräumen:
BOARDWALK EMPIRE ist keine Gangsterserie!

BOARDWALK EMPIRE ist eine Seifenoper

 

Gut, eine Seifenoper mit Gangstern. Aber im Mittelpunkt steht nicht die kriminelle Action, sondern Beziehungsdramen, Familientragödien, seltsame Lebensläufe und Schicksalswendungen. Verstärkend hinzu kommt das geruhsame Tempo und die Beobachtung einer Handvoll von Hauptfiguren über fünf Staffeln und somit über mehrere Jahre hinweg.
Das gerät den Machern episch bis elegisch, was man abkönnen muss (et dauert wat). Ich darf aber verraten, dass sie alles höchst befriedigend abwickeln!

Es geht um die Macht und die Machenschaften in Atlantic City, dem Las Vegas der 1920-er Jahre. In den USA herrscht die Prohibition, das Alkoholverbot, doch findige Mobster schmuggeln Schnaps in die Stadt und verdienen damit eine Menge Geld.

Steve Buscemi als Nucky Thompson.

Wahre Fakten: Enoch „Nucky“ Johnson regierte 30 Jahre lang die Spielermetropole Atlantic City, das Las Vegas der 1920er-Jahre. In diversen Ämtern (Sheriff, Schatzmeister, Geschäftsmann) gestaltete er die Stadt als Lasterhöhle für Glücksspiel, Prostitution und damals verbotenen Alkoholausschank (Prohibition).
Dieser (echte) Johnson war Millionär, ein Wohltäter, lebte im Ritz, hatte einen deutschen Leibdiener, ging mit 58 Jahren für vier Jahren in den Knast wegen Steuerhinterziehung und starb hochbetagt in einem Seniorenheim.

In der Serie verleiht Steve Buscemi seinem Nucky Thompson (nicht Johnson, der Name wurde variiert, wie auch sein Lebenslauf) sein Gesicht. Auch er hat Geld im Überfluss, lebt im Ritz, hat einen deutschen Leibdiener, zieht die Fäden in Atlantic City – stirbt jedoch einen gewaltsamen Tod.

Die Autoren von BOARDWALK EMPIRE (hauptverantwortlich: Terence Winter, der seine Finger auch an den SOPRANOS hatte) verweben die Kriminalgeschichten (Revierkämpfe, Auftragsmorde, Intrigen und Strafverfolgung) in ein dichtes Netz aus Melodrama: Nucky errettet die unbedarfte, aber kluge Margaret Schroeder aus ärmlichen Verhältnissen und ehelicht sie bald.

Michael Pitt als Jimmy Darmody.

Diese kuriose Ehe geht in die Brüche, denn Nucky schielt nach Showgirls und Margaret hat eine Affäre mit dem Bodyguard. Parallel erleben wir den Kampf seines Ziehsohns Jimmy Darmody um Anerkennung.
Der von Frau und Sohn entfremdete Kriegsheimkehrer räumt für Nucky in den Reihen der Mafia auf und unterhält ein quasi inzestuöses Verhältnis mit seiner jungen Mutter – der zuckersüßen, aber abgefeimten Gillian.
Die wiederum ist abhängig vom päderastischen Commodore, welcher Atlantic City vor Nucky regierte. Zwar kann sich die clevere Lebedame des Commodores entledigen, doch damit fangen ihre Probleme erst an: Die Mafia besetzt ihr Nobelbordell, ihr geliebter Sohn verschwindet spurlos auf immer und für ihren Enkel verliert sie das Sorgerecht

Das klingt nach haarsträubendem Schnulzen-Groschenroman

 

Doch die Extraklasse der Schauspielerinnen und Schauspieler, die Weitsicht des Drehbuchs, das magische Timing und der Stil der Inszenierung kreieren ein Seherlebnis der Sonderklasse. Gott, jetzt schwärme ich schon wieder!

Shea Whigham als Sheriff Eli Thompson.

Ich habe es Seifenoper genannt, und eine Seifenoper über fünf Staffeln hinweg ist es, was BOARDWALK EMPIRE Würze verleiht, sind die jeweils staffelinternen Konfrontationen der rivalisierenden Gangster, kurz: die Intrigen.

Staffel 1 ist erst mal Aufbau und Konsolidierung der Figuren; Staffel 2 ist ein familiärer Machtkampf (Ziehson Jimmy, Bruder Eli und Mentor Commodore wollen Nucky beseitigen); Staffel 3 handelt vom Auftreten und Verschwinden eines Gangster-Emporkömmlings, der alles in Aufruhr stürzt; Staffel 4 schiebt einen wundervollen neuen, schwarzen Spieler aufs Brett (Dr. Narcisse!), bereitet Eli die Hölle und lässt Nucky neue Geschäftsbereiche in der Karibik erkunden (Kuba);
Staffel 5 spinnt mehrere Fäden zu Ende (Chalky, Narcisse, Capone, Van Alden, die Herrschaft über Atlantic City) und ergeht sich in langen Rückblenden an der Jugend und Aufstieg von Nucky.
Das wirkt zunächst aufgesetzt und gestreckt, bleibt aber dank der Darstellung des jungen Nucky (Marc Pickering, der die Manierismen Buscemis schön draufhat) und einiger Plot-Punches (Gillian und der Commodore!) unterhaltsam.

Allerdings: Manche Handlungsstränge ufern aus (der Weltkriegsveteran mit dem halben Gesicht, muss der so lange im Spiel bleiben?), dehnen sich unnötig (der neue Lover von Gillian, das ist höchstens durch die überfallartige Wendung am Ende gerechtfertigt, falsche Spuren legen und so) oder sind überflüssige Exkurse (Kuuubaaa!).
(Jetzt im Ernst, was soll das Gewese auf Kuba? Ist ein eigener Handlungsstrang, der mit den übrigen nicht bedeutsam korreliert, und scheint einzig dazu zu dienen, Patricia Arquette als kesse Braut zu inszenieren.)

Kelly Macdonald als Margaret Schroeder, spätere Mrs. Thompson.

 

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn das Ensemble von BOARDWALK EMPIRE ist so geil besetzt, ich mochte fast jede noch so kleine Figur. Selbst Darsteller, die nur in 10 der 57 Folgen auftauchen, sind oft markant und hinterlassen bleibenden Eindruck:
Meg Steedle als süße Comedienne Billie Kent, Paul Calderon als kubanischer Bodyguard Arquimedes, Peter McRobbie als kerniger FBI-Supervisor Elliot,
Ivo Nandi als feister Mafioso Joe Masseria, Micheal Zegen als rotzfrecher Gangster Benny Siegel, Margot Bingham als stolze Sängerin Daughter Maitland, Julianne Nicholson als toughe Staatsanwältin Esther Randolph, Adam Mucci als teigiger Deputy Halloran, Erik LaRay Harvey als verschlagener Kleinkrimineller Dunn Purnsley, Bobby Cannavale als aggressiver Mobster Gyp Rosetti (der Bösewicht und Widersacher aus Staffel 3) – ich hab sie alle lieb!
Hach, rückblickend alles warme Erinnerungen an memorable Szenen

Bei welcher Serie hört man sich sagen: „Von der Figur hätte ich gerne noch mehr gesehen!“?

 

BOARDWALK EMPIRE ist göttlich inszeniert und ausgestattet, außerdem mag ich (halb) historische Stoffe. Der Clou an der Serie ist, dass wir real existenten Persönlichkeiten begegnen, wenn auch im fiktionalisierten Umfeld.
(Was ja auch der absolute Kick an NARCOS ist, man sitzt mit offenem Mund da, weil das meiste, was wir sehen, tatsächlich so passiert ist.)

Steve Buscemi als Nucky stakst mit eleganter Würde und lakonischem Humor durch diese fünf Staffeln, sagt vieles mit seinen langen, beredten Blicken und ist sicherlich der Sympathieträger dieses Melodrams.
(Mir erschien es jedoch als Bruch, dass Nucky in der zweiten Staffel plötzlich ‚totally evil‘ auftritt und eigenhändig Menschen umbringt.)

Hervorragend gefällt mir auch Shea Whigham als Nuckys kleiner Bruder Eli. Die krasse Hassliebe des Geschwisterpaares sorgt für tolle Wendungen und erschütternde Entwicklungen. Eli beginnt als der loyale Sheriff von Atlantic City, wird dann zum Brutus und Verschwörer, um danach noch die Stationen reumütiger Sünder, Tippelbruder und Quartalssäufer abzulaufen. Whighams stoische Visage belustigt mich fast so sehr wie die von Michael Shannon, der seit BOARDWALK EMPIRE öfter mal auf dem Schirm zu sehen ist (MAN OF STEEL, BATMAN V SUPERMAN, SHAPE OF WATER).

Michael Shannon als Agent Nelson van Alden.

Das sauertöpfische Grieskram- und Magenkranken-Gesicht nämlich, das Michael Shannon seinem FBI-Ermittler Nelson van Alden verleiht, haut mich jedes Mal vor Begeisterung vom Sofa! Muss der Mann einen Spaß gehabt haben, derart miesepetrig, verstopft und schlecht gelaunt auftreten zu dürfen!
Van Alden ist zu Beginn der Serie Nuckys Gegenspieler auf der Seite des Gesetzes und versucht, Belastungsmaterial für dessen Machenschaften aufzutreiben. Sein verbissener Furor ist derart krankhaft, dass die Figur nicht nur das Gesetz brechen, sondern sogar gravierend verletzen wird: Nelson van Alden taucht ab, legt sich eine neue Identität zu und landet in der Verbrecherwelt Chicagos in Diensten von Al Capone!

Das ist schwer zu schlucken und am Rande der Glaubwürdigkeit, aber warten Sie’s ab: Die Figur bekommt zum Ende der Serie einen großartigen Abgang, der alles davor rechtfertigt und noch einen Bogen zu Aldens frühen Taten findet.

Kelly Macdonald als Margaret Schroeder bzw. spätere Mrs. Thompson macht eine interessante Wandung vom Mauerblümchen zur patenten Businessfrau durch, deren Gesichtsausdruck unvergleichlich changieren kann zwischen Ratlosigkeit, Entsetzen und Beflissenheit. Es wirkt ein wenig unfair, dass diese Figur gegen Ende beinahe aus dem Blickfeld rückt – aber auch für Margaret finden die Autoren ein Ende, das in die Geschichte passt.

Der schwarze Gangster mit dem herrlich ironischen Namen Chalky White ist THE WIRE-Guckern noch als der finstere Omar im Gedächtnis. Der fabelhafte Michael Kenneth Williams versprüht auch hier die Aura lauernder Gefährlichkeit, im Fortgang der Serie jedoch mit überraschend verletzlichen Untertönen.
(Williams hat auch die Ko-Hauptrolle in HAP AND LEONARD, muss ich mir unbedingt mal ansehen, dunkle Krimikomödie und immerhin eine Joe-R.-Lansdale-Verfilmung, wenn ich nicht irre; der ist Comickennern als Skripter für einige wüste JONAH-HEX-Hefte in Erinnerung.)

Michael Kenneth Williams als Chalky White.

 

Mickey Doyle, der kackdreiste Kleinganove mit dem winseligen Kichern (Paul Sparks, der Biograf aus HOUSE OF CARDS), steigt tatsächlich noch auf zur Lokalgröße in Atlantic City – und fängt sich in der vorletzten Folge (!) noch die Kugel, die man schon ganz zu Beginn der Serie auf ihn zukommen sah!

Weitere (prominente) Kriminelle sind Anatol Yusef als Meyer Lansky, Vincent Piazza als Lucky Luciano, Stephen Graham als Al Capone und mein Liebling: der seifige Michael Stuhlbarg als Gentleman-Gangster Arnold Rothstein (Stuhlbarg ist auch so ein Nebendarsteller, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht).

Eine Figur, die zum Schluss der Serie noch überraschend an Bedeutung gewinnt, ist Gretchen Mols Gillian Darmody. Die zweite große Frauenfigur in BOARDWALK EMPIRE, die sich vom Missbrauchsopfer zum Showgirl und zur Bordellbetreiberin entwickelt. Gillians labile Psyche lässt sie einen Mord begehen, ausgelöst durch den Verlust ihres Sohnes Jimmy.

Gretchen Mol als Gillian Darmody.

Hier sind wir beim tragischen Part angelangt: Der irgendwie schmollig und unreif wirkende (und spielende) Michael Pitt gibt den traumatisierten Kriegsheimkehrer Jimmy, der nach der Anerkennung seines Mentors Nucky giert.
Daheim ringt er mit der entfremdeten Familie (Sohn Tommy und Frau Angela, die um ein Haar mit einer anderen durchbrennt), im Beruf reibt er sich zwischen den Fronten auf (Handlanger für Nucky bleiben oder – getrieben von der Mutter – den Verrat wagen und selber zum Boss aufsteigen).

Anthony Laciura als Eddie Kessler.

Und dann  ist da noch Eddie! Eddie Kessler, der deutsche Leibdiener von Nucky. Stets beflissen, wuselt Eddie leicht unbeholfen um seinen Boss herum, kriegt oft genug dessen schlechte Laune ab – bis ihm in Staffel 4 der Kragen platzt und er endlich Respekt und Teilhabe einfordert.
Anthony Laciura (übrigens ein Opernsänger von der New Yorker MET, der sonst kein Fernsehen macht!) spielt diese Figur mit komischer Selbstverleugnung und einer herzzerreißenden Servilität.
Eddies Ausscheiden aus der Serie ist der wohl traurigste Moment in allen fünf Staffeln.

Ich finde, BOARDWALK EMPIRE präsentiert die tiefgründigsten Charaktere, die ich jemals in Serien kennenlernen durfte. Eli, Chalky, Gillian, Margaret, Jimmy, Agent van Alden, selbst Al Capone – sie alle sind vielschichtig, faszinierend, wandelbar und dennoch unentrinnbar in ihr Schicksal geworfen. Die Autoren schicken jede Figur durch die Hölle (und manchmal auch wieder zurück), oder?
Nä, eigentlich nicht. Hölle, Hölle, Hölle!

Michael Stuhlbarg als Arnold Rothstein.

In den letzten Folgen wird einem klar, dass Nucky nicht überleben kann und wird. Er hat einen Preis zu zahlen, doch WER ihn schließlich (hin)richtet, das ist noch mal eine fette Überraschung, ein toller Twist, und schließt einen Bogen zurück zu den Anfängen der Serie.

Und: Natürlich auf Englisch schauen (amerikanische und irische Akzente treffen auf italienische und spanische sowie afroamerikanische Idiolekte, die man niemals auf Deutsch wiedergeben kann). Ich schalte allerdings Untertitel ein. Ich liebe Untertitel, viele hassen sie, aber ich kann ein kurzes Schriftbild in einer halben Sekunde erfassen und konzentriere mich dann aufs genüssliche Abhören.

Hier ist zum Schluss und kleinem Vorgeschmack der anscheinend einzige, offizielle Trailer, den HBO zum Start der ersten Staffel produzierte.

(Schauen Sie sich bitte nicht weiter auf YouTube um, da finden sich viele spoilerige Fan-Clips, die Sie nicht anklicken sollten, wenn Sie BOARDWALK EMPIRE noch sehen wollen!
Riskieren Sie besser gar keinen Blick in die rechte Leiste vorgeschlagener Videoclips, denn dort findet sich auch die Schlussszene der Serie mit dem schönen Twist, ausbuchstabiert schon im Titel des Clips: X tötet Y – Ich hätte mich geärgert, wenn ich’s vorher entdeckt hätte!)

 

 

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