Fabelhafte Frechheit: GOLDJUNGE

Hat beim Erscheinen dieses Comics vor fast zwei Jahren bitte jemand herausgestellt, wie erfrischend die Figur des Ludwig van Beethoven hier angegangen wird?!
Egal, ich liefere nach.

Zum einen behandeln 140 der 190 Seiten Kindheit und Jugend des Musikers, nichts darüber hinaus. Gut, fürs Finale gönnt uns Zeichner und Autor Mikael Ross dann noch seinen ersten Erfolg in Wien mit 24 Jahren. Das ist radikal zu nennen.

GOLDJUNGE blendet nicht nur den „Promi“ Beethoven, sondern auch dessen Werk fast vollständig aus und beschränkt sich auf den Werdegang eines Jungen aus der rheinischen Provinz. Und der hat nur am Rande mit Musik zu tun.

Mir gefällt, dass der Großkünstler Beethoven nicht als Heros der Klassik oder verklärter Künstler dargestellt, sondern als getriebener, cholerischer, von Sorgen geplagter Junge vorgeführt wird.

Ludwig van Wer…hoven?

 

Der Auftakt zeigt den gerade mal Achtjährigen, wie er seine jüngeren Brüder schikaniert und sich mit drei größeren Jungs im Schnee prügelt. Wir begleiten Beethoven durch die schwierigen Zeiten in Bonn, die Familie ist von Armut geprägt. Nur Ludwig, der älteste Sohn, erhält eine Rumpfausbildung sowie marginale Förderung seines musikalischen Talents. Er macht Quatsch, er reißt aus, er streicht über Land, er verknallt sich in eine Bürgerstochter.

Leitmotiv in GOLDJUNGE ist weniger die Musik, sondern vielmehr das Geräusch der Körperwinde. Ludwig leidet seit Jugendtagen an nervösem Durchfall – womit ihn seine Brüder gerne aufziehen.

Man beachte den Einsatz der Komik, die Ross wunderbar zu inszenieren versteht: Die beschauliche Szene der schwelgerischen Verliebtheit wird gebrochen durch die flegelhaften Brüder mit ihren Handfurz-Orchester. Das letzte Bild fängt Beethoven in einer Double-Take-artigen Einstellung ein. Seine Augenbrauen zucken ironisch, seine Markenzeiche-Mähne wellt sich willkürlich.

Dieser Comic verleitet einen natürlich zum Nachschlagen. Was weiß man denn wirklich über Beethoven in seinen jungen Jahren? Der Abgleich mit Wikipedia wird Sie erstaunen, denn augenblicklich wird klar, dass Mikael Ross ebenfalls ein genialer Komponist ist – der eine grafisch, der andere musikalisch.

Ich schwärme für Biografien, die sich Freiheiten herausnehmen. Im Fall von GOLDJUNGE bewegen wir uns für ganze Passagen im Reich der Doku-Fiction. Meint: Ross füllt Lücken in Beethovens Leben frei erfunden aus.
Zum Beispiel seine Wiener Begegnung mit Mozart 1787. Die Historiker wissen nicht, ob sich Ludwig und Amadeus wirklich getroffen haben. Der Bonner Wunderknabe wollte beim Meister Unterricht nehmen, reiste jedoch nach wenigen Wochen wieder ab.

GOLDJUNGE präsentiert uns eine schicksalhafte Begegnung auf einer Donaubrücke, wo sich beide zum Kacken niedersetzen. Wir schalten nach Beendigung des Geschäfts in die Szene, wo beide die Zeche bei der Toilettenfrau prellen:

Die Idee, die Figur des Mozart völlig überraschend einzuführen, könnte Ross beim Film „Amadeus“ abgeschaut haben, in welchem die bisherige Hauptfigur Salieri den berühmten Mozart kennenlernt, als der kichernd einer Hofdame nachjagt.
(Überhaupt ist die Figurenführung in „Amadeus“ ein dramaturgischer Geniestreich – und mein Paradebeispiel für die Charakterisierung von Personen!)

Ich liebe also solche Auftritte! Ross aber nutzt die Sequenz nicht nur für puren Spaß und Spekulation, sondern leitet zur Familie Willmann über (in deren Garten Mozart fensterln geht). Bei den Willmanns sollte Beethoven vorstellig werden. Dort erfährt er die Nachricht vom Tode der Mutter und kehrt nach Bonn zurück.
Auch diese Passage scheint historisch nicht belegt, sie ist jedoch ein wunderbar organischer Anschluss zu nächsten Lebensphase Beethovens: der Begegnung mit Joseph Haydn, der seine Karriere befördert und ihn fünf Jahre später endgültig nach Wien führt.

Auf folgender Seite erleben wir Beethoven als aufbrausenden Hitzkopf, der seinen Mentor Haydn konfrontiert.

Die wilde Welt des 18. Jahrhunderts

 

Mikael Ross reichert seinen GOLDJUNGEN mit vielen wundervollen Miniaturen an, die zwar nichts mit Beethoven und seiner Kunst zu tun haben, aber ein glaubhaftes Zeitkolorit vermitteln: Schuldeneintreiber gehen dem Vater an die Gurgel. Ein Aussätziger weist Ludwig den Weg. Ein Fürst langweilt sich. Karneval in Bonn führt zur Sturzgeburt der Mutter. Der kleine Ludwig bekommt zum ersten Mal Schlagsahne serviert. Sein ungarischer Adlatus Smeskall ist ihm loyal ergeben. Eine Dame ringt fluchend mit einem zu eng geschnürten Korsett.

Wir sehen: Diese Graphic Novel will nicht bloß einen Künstler lebendig machen, sondern auch die Zeit, in der er lebte. Und das gelingt Ross in seinem cartoonigen Strich so quirlig und farbenfroh, als sei er selbst dabei gewesen.

Springen wir naturgemäß noch zum Finale, das uns einen besonders hektischen und aufgelösten Beethoven präsentiert. Panikattacken, Durchfall und Lampenfieber drohen seine Premiere zu ruinieren. Würdeloser kann man das Genie der Klassik nicht ausstellen:

Dennoch desavouiert Ross den geliebten Ludwig van nicht. Er holt ihn vom Podest, ja. Aber nur, um ihn Mensch sein zu lassen. Vielleicht übertreibt er damit, doch der Comic ist die Kunstform der Übertreibung.

Das Auftrittsfinale gestaltet Ross mit grafischer Zauberei und frechen Witzen zwischendrin. So stöhnt die arrogante Sängerin beim Anblick der geliehenen Beinkleider: „Pfff, diese Hose“!

Ein letzter Kunstgriff des Zeichners besteht darin, die beginnende Taubheit Beethovens zu inszenieren. Erst scheint ihn ein Tinnitus zu plagen, dann verlöscht die akustische Außenwelt im Moment seines Triumphes.
Das, so sagt uns Wikipedia, ist garantiert historisch falsch und verfrüht – doch greift hier natürlich die Freiheit des Autoren, schon das nächste Unglück in die Geschichte einzuführen. Kein Künstlerleben ohne Fallhöhe: Dramatik entsteht aus dem Kontrast von Glanz und Elend.

Mikael Ross ist der deutsche Zeichner, der locker zum Stamm der L’Association zählen könnte. Sein Strich ist dem Artwork von Blutch, Christoph Blain, Manu Larcenet und Joann Sfar verwandt.
Tatsächlich sind seine Werke auf Französisch verlegt: TOTEM, DER UMFALL – GOLDJUNGE übrigens als „LUDWIG ET BEETHOVEN“. (Da haben wir die zwei Aspekte im Titel: der kleine Ludwig im Kontrast zum großen Beethoven.)

Sein TOTEM war schon beachtlich; DER UMFALL sein preisgekrönter Durchbruch in Deutschland. Mit GOLDJUNGE hat er sich in meinen Augen in den Olymp der Comicschaffenden katapultiert.

Es wird mir ewig nachgehen, dass ich diese geniale Graphic Novel verpasst habe. Als GOLDJUNGE nämlich im Herbst 2020 erschien, hatte ich davon nichts mitbekommen. Dabei hatte ich für die COMIXENE einen spaßigen Bericht über zwei weitere Beethoven-Comics verfasst (2020 war Beethoven-Jahr).
Das Werk von Ross ist mir glatt durchgeflutscht. Hiermit hole ich die Betrachtung nach.

Wer noch Interesse an den anderen Beethoven-Comics hat, klicke auf den orangefarbenen Header; es öffnet sich ein PDF-Viewer zur separaten Ansicht.

beethoven

Außerdem gibt es wie immer ein Blättervideo mit Erläuterungen:

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