Nährboden für Comics: THE HISTORY OF PRESS GRAPHICS

Wer Comics liebt, mag auch Cartoons und Karikaturen. Die Verbindung liegt nahe und geht teilweise auch ineinander über. Das neue Riesenwerk vom Taschen-Verlag ist jedoch keine Geschichte der Karikatur oder gar des Comics!
Allerdings streift Autor Alexander Roob diese Themen und stiftet Bezüge zwischen Pressegrafik, Satire und der Entwicklung der Neunten Kunst. Das ist hochinteressant und diskutabel.

Ehe wir konkret in das Werk einsteigen, sei darauf hingewiesen, dass einem die gezeigte Anzahl und Auswahl Hunderter Illustrationen verwirren und wahllos vorkommen kann. Das ist auch so und mir persönlich fehlt eine „Moderation“, die mir sagt, weshalb wir diese Bilder (in dieser Gewichtung) und keine anderen sehen.
Auch wäre eine Zeittafel hilfreich gewesen, die einem historisches Wissen rekapituliert.

Denn was THE HISTORY OF PRESS GRAPHICS bietet, ist ein chronologischer Ritt durch die Presselandschaft, exemplifiziert an den maßgeblichen Ländern und deren herausragenden Themen und Trends. Das verlangt eigentlich enormes Vorwissen, doch ausführliche und kompetente Bildlegenden geben ihr Bestes, dass ich diesen Band mit dem „Mut zur Lücke“ bewältigen kann.

Ich weiß zu wenig über Frankreich nach Napoleon – haben Sie die politischen Verhältnisse der diversen Republiken bis hin zur Pariser Kommune auf dem Kasten?
Auf welcher Folie veröffentlichte Charles Dickens seine gesellschaftskritischen Reportagen?
Und was war noch gleich mit Senator William Tweed und seiner Korruptionsaffäre um die New Yorker Tammany Hall?

Gut, ein Buch über das Pressewesen von 1819 bis 1921 deckt Weltgeschichte in all ihren Facetten ab: Kriege, Skandale, Moden, Affären, Missstände inklusive Spott auf alles Erwähnte. Das 600 Seiten starke Werk ist kein Geschichtsseminar, sondern punktuelle Bestandsaufnahme der illustrativen Interpretation der Zeitläufte sowie deren Techniken, die dabei zum Einsatz kamen.

Plus (das sei betont) die Würdigung der kreativen Köpfe hinter den konkreten Arbeiten, darunter nicht nur Zeichner und Grafiker, ebenso auch Redakteure und Verleger. Was den erweiterten Blick auf Blattgründungen, Konkurrenzkämpfe sowie Zensurmaßnahmen erlaubt.

Der Schwerpunkt der ausgewählten Werke liegt auf Frankreich, England und Nordamerika – mit überraschend wenigen Beiträgen aus Deutschland und noch weniger exotischen Einsprengseln aus Südeuropa, Südamerika und dem Osten samt Russland.
Hier tut sich die Erkenntnis auf, dass ein solches Werk auch dreimal so dick hätte sein können. Also, dieses prächtige Werk hat etwas von „Overkill“, scheint dem Thema aber inhärent.

Was habe ich als Comicfan davon?

Zunächst mal ist es großartig, dass Autor Roob (selber Illustrator und Dozent an Kunsthochschulen in Hamburg und Stuttgart) Comics überhaupt auf dem Schirm hat und nicht damit geizt, Bezüge zur klassischen Illustrationskunst zu sehen.
Im Folgenden gehe ich durch meine Lektüre und zeige alle Stellen auf, die mir Freude gemacht haben.

Beginnen wir um 1830 mit Klassikern wie Grandville, Delacroix, Daumier, aber auch dem Herausgeber Charles Philipon, der mit seiner Zeitschrift CHARIVARI enorm einflussreich ist – und den legendären Grafik-Coup mit der Birne landet!
Unter künstlerischem Deckmantel machte Philipon den König Louis-Philippe in seiner Physiognomie lächerlich und mit ihm sein ganzes Regime. Ein Magazin machte einen Regenten zur Ikone, aber nicht im staatstragenden Sinne …


Die rein typografische Darstellung hier erwies sich als Trick, der Vorzensur durch Regierungsbehörden zu entgehen, da man keine Illustrationen vorlegen musste.


(Ältere Satire-Aficionados erinnern sich an die Neuauflage dieses Spotts in TITANIC, der in den 1980er-Jahren Bundeskanzler Helmut Kohl traf: „Birne muss Kanzler bleiben!“)

Immer wieder begegnen einem in THE HISTORY OF PRESS GRAPHICS Zeitungskampagnen gegen sklavische Arbeitsverhältnisse, das Elend der Massen und die Wohnbedingungen der unteren Klassen.
In England führten solche Berichte zu einem sozialkritischen Bewusstsein und wurden beispielsweise durch die Schriften von Charles Dickens begleitet. Ins Auge sprang mir ein tolles Fundstück aus dem Jahr 1843: „The Song of the Shirt“ ist bittere Satire auf die Textilherstellung, für die Arbeiterinnen bis aufs Blut ausgebeutet werden.

Klingt das in irgendeiner Weise vertraut?

Autor Roob attestiert den Künstlern Gustave Doré und Richard Doyle, um 1845 grafische „Experimente mit der Umrisslinie“ zu unternehmen. Ihre Zeichnungen mit Outlines könnten als „Vorläufer des Ligne-claire-Stils des Comicstrips“ gelten (siehe unten).

Ja, ävver, sin et nit bloß Zeichnungen? So wie seit Jahrhunderten schon gezeichnet wurde? Seit den Frühtagen der Pamphlete und Flugblätter hat man doch auf diese Weise bereits illustriert. Wahrscheinlich nicht in Zeitungen und Magazinen, das vergisst Roob zu betonen.

Ist  ja schön, dass er es sieht; mir aber scheint diese Deutung vorgegriffen. Hier möchte er Comics kulturhistorisch mit der Brechstange etablieren. Er hat meine Sympathie, aber nicht in diesem konkreten Fall.

Wir kommen aber gleich auf verblüffende Parallelen zum modernen Comic, die sehr viel augenfälliger sind.
Zuvor aber noch eine Bemerkung zu den Künstlern der Pressegrafik, die Stars nicht nur in ihren Redaktionen waren und teils auch Zeichenperformances vor Publikum abhielten (das kennen wir aus dem Comicbereich seit Winsor McCay) –, sondern die auch als Korrespondenten ihrer Blätter (als sogenannte „Special Artists“) um die halbe Welt reisten und vor Ort und live historische Geschehnisse skizzierten.

Dieses wilde Multi-Panel-Bild (!) aus HARPERS WEEKLY inszeniert die Bildreporter auf ironische Weise an ihrem Arbeitsplatz, hier im Amerikanischen Bürgerkrieg:


Kult um Thomas Nast

Amerikas Starillustrator ist ein deutscher Immigrant aus der Pfalz, der mit Anfang 20 bereits seine „Kriegsszenarien als actionreiche Fantasien“ gestaltet.
Thomas Nast heißt er, wird als „Founding Father“ des politischen Cartoons in die Geschichte eingehen, wird mit seinen Werken den korruptem William Tweed stürzen (seine gezeichneten Porträts dienen als Steckbrief), wird den Coca-Cola-Weihnachtsmann erfinden (d.h. eine Urversion, der sich spätere Grafiker bedienen) – und Nast wird Robert Crumb prägen!

Dazu mehr, erst mal ein Holzstich aus seiner Hand: „Aufständische Rebellen werden von einer Kavallerieschwadron der Vereinigten Staaten überrascht“, 1862 (siehe unten).
Das ist deftig, das punktet mit Action, das ist Drama pur. Schauen Sie genau hin: Der vom Pferd gefallene Reiter feuert mit einer Pistole auf den Mann, der gerade seinen Gegner vom Pferd gehauen hat (linke Bildhälfte).
Auf der rechten Bildhälfte zwei weitere Attacken: Ein  weiterer Reiter wird im vollen Galopp von seinem Verfolger mit dem Säbel durchbohrt, und ein Fußsoldat greift einen Kavalleristen an, der jedoch schon zum Schwung ausholt.

Wenn Roob bei Doré die Ligne claire erwittert, stifte ich bei Nast einen Jack-Kirby-Vergleich. Hier herrscht eine Dynamisierung des Geschehens, die der Realität spottet und (warum nicht?) auf die reißerische Action bei CAPTAIN AMERICA vorausweist.

Kommen wir aber zum reiferen Thomas Nast, der zehn Jahre später in New York die waltende Korruption aufs Korn nimmt. Es heißt, Nast sei „zum mächtigsten politischen Kommentator der Vereinigten Staaten“ aufgestiegen.
Er etablierte die Figur des „Uncle Sam“ sowie das Dollarzeichen als grafisches Symbol für die US-Währung und habe generell die amerikanische Populärkultur beeinflusst, so Walt Disneys Tierdarstellungen und die plakative Kunst eines Robert Crumb (der Nast als Vorbild genannt haben soll).

Hier haben wir einen Nast-Cartoon, in dem Uncle Sam vor den Gefahren der Inflation warnt. Der Dollar-Geldsack bläst sich immer weiter auf, bis er schließlich platzt und die Währung bildlich in die Luft geht.
Sein Nachfolger Robert Crumb benutzte ebenfalls markante Chiffren und Ikonografien, um Sachverhalte und Personal griffig einzufangen und abzubilden: über „Whiteman“ und „Projunior“ bis hin zu „Mr. Natural“ bzw. seine zahlreichen Kurzgeschichten über Drogenmissbrauch, Sexsucht oder den traurigen Zustand Amerikas.

Auch ist natürlich der fein schraffierte Zeichenstil eine Technik, die Crumb perfekt beherrscht.

Nicht nur Nast trug mit seinen Illustrationen zum Massenerfolg der Tageszeitungen bei, sondern auch (wir Comicfans wissen das) seine Kollegen Charles Dana Gibson, der mit seinem stylishen Look der „Gibson Girls“ direkt auf BRINGIN‘ UP FATHER von George McManus ausstrahlte, sowie Pioniere der Neunten Kunst wie Winsor McCay (LITTLE NEMO), dessen umfangreiches Editorial-Illustrationsschaffen nur marginal angerissen wird. Aber es gibt genügend Literatur zu McCay.

Für mich interessanter der Hinweis, dass Richard Felton Outcault (YELLOW KID) in George Luks einen Kid-Kopisten fand, der dieselbe Serie fortsetzte, nachdem der Schöpfer zur Konkurrenz abgewandert war. Hab ich das je gewusst? Jetzt schon!


Put me up, put me down, put my feet back on the ground

So, über all den Comicreferenzen hab ich ausgelassen, dass dieses pralle Buch auch Aha-Erlebnisse auf anderen Feldern der Kunst bereithält.
Die niedere Welt der Sensationspresse hatte enge Beziehungen zu Giganten der Hochkultur wie Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso – und van Gogh!

Der tragische Maler war begeisterter Leser und Sammler englischer Presseillustrationen. Er empfahl die gesammelten Werke des Zeichners Luke Fildes seinen Zeitgenossen als „eine Art Bibel für den Künstler“ und ließ sich selber von dessen Motiven inspirieren.
Selbst seine berühmten „Sonnenblumen“ kann man in kratzigen Holzstichen und Rohrfederzeichnungen aus dem Londoner Magazin THE GRAPHIC begründet sehen.

Etwa zeitgleich reüssierte in Paris das legendäre Cabaret „Chat Noir“, das (wer weiß denn so was?) seine eigene Zeitung veröffentlichte. Darin zu finden Bilderfolgen mit einer Pierrot-Figur, die Autor Roob als „Comicreihe“ definiert.
Das Artwork von Adolphe Willette nähme (so der an dieser Stelle zitierte „Comichistoriker David Kunzle“, mir nicht bekannt) die „fantastischen Comicszenarien von LITTLE NEMO und KRAZY KAT“ vorweg.

Na, na, na, sag ich mal. Wo kommen wir denn hin, wenn wir jeden Bilderbogen von Anno Dunnemal als Comic titulieren?! Nennen wir es versöhnlicherweise „Proto-Comics“, Vorformen und Fingerübungen der Neunten Kunst – und freuen uns gemeinsam, dass wir diese Lust am Comic teilen.

THE HISTORY OF PRESS GRAPHICS ist übrigens auch ein Führer durch sämtliche drucktechnischen Prozesse und reprografischen Entwicklungen der Jahrhunderte. Ich persönlich kann einen Holz- kaum von einem Kupferstich unterscheiden, ich komme bei all dem Gestichel schwer ins Schleudern – zumal wir auch das Feld der Lithografie und frühen Fotografie betreten, nicht eingerechnet diverse Misch- und Hybridformen wie Collagen und Retuschen samt ihrer chemischen Finessen.

Da bin ich raus. Lieber noch einen letzten Bezug zu Comics stiften. Auf das folgende Titelbild der „antichristlichen Ausgabe“ des Satireblatts L’ASSIETTE AU BEURRE habe ich zweimal schauen müssen, vor allem auf das Datum. Steht da wirklich „29. Dezember 1906“?!

Der geschundene Hippie-Jesus in seinem herzigen T-Shirt-Leibchen sieht dermaßen nach US-Underground der frühen 1970er-Jahre aus, das ich es geglaubt hätte, wenn als Zeichner Bill Griffith, Kim Deitch oder Dave Sheridan angegeben worden wären.

Ist aber ein gewisser Jules Grandjouan, angeblich kommunistischer Propagandist und Vorreiter der Agit-Prop-Kunst. Wieder mal staune ich, dass manche Leute vor über 100 Jahren radikaler drauf waren, als wir uns das heute trauen würden.

Entscheiden Sie selbst, ob THE HISTORY OF PRESS GRAPHICS eine lohnenswerte Anschaffung für Sie wäre (hier der LINK zur Verlagsseite).
Ich darf sagen, dass das überformatige Buch mit 600 Seiten und fast fünf Kilo Gewicht für schmale 60 Euro zu haben ist. Das ist nicht zu viel verlangt, angesichts der monströsen Wissensmenge, die einem vermittelt wird. Außerdem sind alle Texte in drei Sprachen nebeneinander gesetzt (englisch, deutsch, französisch).

Kann man mal gucken, wie der Coup mit Birne im Original klingt: „Charles Philipon […] réussit à prouver une similitude entre la tête de Louis-Philippe et la forme d’une poire.
Ah, oui, merci.

Kann man auch gucken, wie ich noch in den Band hineinblättere: