Tillmann schaut: THE PEOPLE V. O. J. SIMPSON

Da habe ich ohne große Erwartungen reingeschaltet und war allerdings sofort geflasht. Das ist packendes Serienfernsehen und eine schonungslose Selbstbeleuchtung der amerikanischen Gesellschaft!

Wir wissen zwar von vornherein, wie es ausgeht, aber spannend bleibt es dennoch. Die abgeschlossenen zehn Folgen rollen den  O. J. Simpson-Prozess von 1994/95 auf und zeichnen ein Bild der USA, das den Betrachter schockiert, ernüchtert und vor den Kopf stößt: Da begeht ein Prominenter einen Doppelmord und kommt frei, weil die Verteidigung dem Ganzen einen Dreh verpasst und die angeblich rassistische Polizei auf die Anklagebank setzt.
Denn der Prozess wird überschattet von den Ausschreitungen um Rodney King, die 1991/92 die Stadt Los Angeles ins Chaos stürzten.

Gut, dass wusste ich mehr oder weniger schon, aber es ist gespenstisch, wie ein Trupp hochbezahlter Anwälte alles tut, um den Klienten reinzuwaschen. THE PEOPLE  V.  O. J. SIMPSON präsentiert uns diese Menschen hautnah, verkörpert von Schauspielgrößen wie John Travolta, Nathan Lane und Courtney B. Vance (und das bringen die umwerfend abgefeimt rüber!).

Die eigentlich unerschütterliche Beweislage der Staatsanwaltschaft wird untergraben durch ein alternatives Narrativ von Alltagsrassimus: O. J. Simpson sei das Opfer einer Verschwörung von Schwarzenhassern geworden!

Ja, Herrschaften, der O. J. Simpson-Prozess ist die Geburtsstunde der alternativen Fakten!

Die fatalen Handschuhe: Hat man sie am Tatort platziert, um O.J. zum Mörder zu stempeln?

 

Es ist gespenstisch, das am Schirm mitzuerleben. Wie da getrickst und behauptet wird, dass sich die Balken biegen. Wären diese Taktiken nach dem Prozess nie wieder bedient worden, hätten wir eine hanebüchene Komödie vor Augen, ein tolldreistes Narrenstück bitteren Humors … leider steht politisches Schmierentheater heute auf jedem nationalen Spielplan.

THE PEOPLE  V.  O. J. SIMPSON schafft zudem das Kunststück, keine Seite zu vergessen:  Wir leiden mit den Hinterbliebenen der Mordopfer, wir quälen uns mit der Jury durch monatelange Sitzungen, wir hecken mit der Verteidigung Strategien aus, wir ärgern uns mit der Staatsanwaltschaft über jede neue Pleite vor Gericht, wir zweifeln mit Simpsons Freunden an der Unschuld des Angeklagten.

Die Staatsanwälte Clark und Darden kämpfen gegen Windmühlen, die heiße Luft produzieren.

 

Das alles wird dicht und straff erzählt, ist keine Minute langweilig, ist brillant getimt, lässt Atempausen zum Mitdenken, wo sie hingehören –  und bringt uns die Charaktere nahe, die diesen „Prozess des Jahrhunderts“ bestreiten müssen:

Robert Kardashian (David Schwimmer), O. J.s bibeltreuer Freund, der durch ein Fegefeuer der Loyalität geht. Marcia Clark (Sarah Paulsen), die alleinerziehende Staatsanwältin, die alles verlieren wird. Johnnie Cochran (Courtney B. Vance), der afroamerikanische Staranwalt, der es versteht, meisterlich auf der Klaviatur der ‚Rassenproblematik‘ zu spielen. Robert Shapiro (John Travolta) und F. Lee Bailey (Nathan Lane), seine Kollegen von der Verteidigung, die sich untereinander nicht grün sind. Richter Lance Ito (Kenneth Choi), der unentschlossen durch sein Verfahren laviert. Chris Darden (Sterling K. Brown), der Mitstreiter von Staatsanwältin Clark, der aufgrund seiner Hautfarbe in besondere Konflikte gerät.

Schließlich O. J. Simpson selbst (Cuba Gooding, Jr.), der zwischen Verzweiflung und Verblendung taumelt und bei aller ungläubigen Freude über den Freispruch nicht mehr ins Leben zurückfinden wird.

Die vier Mann hohe Verteidigung wittert Morgenluft: In diesem Verfahren zählen keine Fakten, sondern ALTERNATIVE Fakten tun es auch!

 

Es ist gespenstisch, wie amerikanische Medien einen Zirkus aus der Rechtsfindung machen. (Der Prozess wurde ja auch live in Millionen Haushalte übertragen …)
Immer wieder zeigt uns die Serie, dass die afroamerikanischen Bürgerinnen und Bürger O. J. für unschuldig halten, die weißen hingegen den Killer in ihm sehen.

Es drängt sich das Fazit auf, dass Los Angeles in Flammen aufgegangen wäre, hätte man O. J. verurteilt. Insofern hat das weiße Amerika einen kleinen Preis gezahlt, ein skandalöser Rechtsbruch ist und bleibt die hässliche Narbe dieser Operation.

THE PEOPLE  V.  O. J. SIMPSON geht unter die Haut und besorgt die totale Demontage des US-amerikanischen Justizsystems. Ich wiederhole mich: gespenstisch!

Pflichtprogramm! Nicht nur, um das ‚Rassenproblem‘ der USA zu verstehen. Diese 1990er-Jahre an der Westküste sind vom Kampf Schwarz gegen Weiß geprägt. Den Riss in der Gesellschaft konnte auch ein O. J.-Freispruch nicht kitten. Prophetische Worte zum Schluss der Serie deuten den fortgesetzten Rassismus bis in die heutige Zeit an.

Gespenstisch!

 

Nachtrag: Im amerikanischen Original heißt diese Miniserie nicht THE PEOPLE  V.  O. J. SIMPSON, sondern ist Staffel 1 von AMERICAN CRIME STORY. Diese Serie porträtiert Kriminalfälle der jüngeren Geschichte und behandelt in Staffel 2 den Mord an Gianni Versace.

Ein einminütiger Kurztrailer ist alles, was ich teasern kann …

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