Tillmann schaut: I, TONYA

Die Schlüsselszene des Films kommt gegen Ende: Tonya Harding, unsere Hauptfigur, steht als Boxerin im Ring und bekommt auf die Fresse. Wuchtig getroffen geht sie zu Boden und bleibt wie bewusstlos liegen, die Kamera zoomt auf ihr uns zugewandtes Gesicht. Wir denken: „Autsch, arme Frau, dein Leben ist wieder mal am Tiefpunkt angelangt, das war’s jetzt wohl, auf Wiedersehen“. Aber dann hebt Tonya ihren Kopf, rotzt eine Ladung Blut auf den Boden vor ihr – und springt wieder auf!

Genau das charakterisiert Tonya Harding, eine Fighterin, die in einem Sport zu Ruhm kam, der mit kämpfen vordergründig nichts zu tun hat: Eiskunstlauf! Denn die kleine Tonya wird, kaum dass sie laufen kann, von ihrer Mutter auf die Kufen gestellt. Das Motiv der Mutter wird nie klar erklärt, es mag der reine Sadismus sein.
Diese Eislaufmutti nämlich ist das Kälteste, was man seit Hannibal Lecter im Kino erleben durfte. Die ältliche Kellnerin LaVona Harding ist seelenlos, grausam, übergriffig, kurz: ein Schauspielfest für Darstellerin Allison Janney (of WEST WING fame).

I, TONYA ist die filmische Biografie eines Emporkömmlings, der sich mit Klauen und Zähnen den Weg in die Eiskunstlauf-Elite der USA bahnt. Tonya Harding ist ein dummes Landei ohne Bildung, die noch minderjährig den erstbesten Kerl heiratet – und sich neben dem Eiskunstlauf auf eine jahrelange Karriere der häuslichen Gewalt einlässt.

Das ist herber Stoff, den der australische Regisseur Craig Gillespie (keine nennenswerten Credits bislang) jedoch umwerfend komisch und lakonisch umsetzt. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Die häufigen Prügeleien zwischen Mann und Frau, übrigens ausgehend von beiden Seiten, werden nicht verslapstickt, doch ihre Inszenierung nimmt der Gewalt durch einen rasanten Schnitt und gekonnte Kamerafahrten die Lebensbedrohlichkeit.

Eine Szene, die die Qualität des Films in einem Moment einfängt (hier leider nur als Standfoto): Tonyas Mutter tritt von rechts nur für ein Sekündchen gequält ins Hochzeitsfoto, um dann sofort wieder abzutreten.

Ich lade Sie ein, I, TONYA als White-Trash-Comedy zu betrachten. Immer wieder musste ich auflachen, wie herrlich ‚anti‘ sich die Figuren zum Establishment und zum guten Geschmack allgemein verhalten. Beispiel sei der Eiskunstlaufwettbewerb, bei dem Tonyas Konkurrentin vorab zu klassischer Musik läuft – und danach Tonya zu ZZ Tops „Sleeping Bag“ auf dem Eis abfeiert.

Ja, Tonya Harding ist eine Außenseiterin in ihrem Sport (ein geschicktes Marketing hätte sie zur gefeierten Rebellin stempeln können). Aber Tonya hatte kein Marketing, sondern eine sadistische Mutter und einen nichtsnutzigen Ehemann mit noch nichtsnutzigeren Freunden. Damit kommen wir zur Figur des Shawn, ein fetter Idiot, der die Dinge ins Rollen bringt, der zum „Vorfall“ führt.

Paul Walter Hauser als debiler Kumpel Shawn, der sich als international vernetzter Geheimagent ausgibt.

Gemeint ist damit der Skandal des Jahres 1994, als Tonyas Konkurrentin Nancy Kerrigan die Kniescheibe mit einer Eisenstange malträtiert wurde. Wer das war, ist glasklar, ob Tonya davon Kenntnis hatte, sei dahingestellt. Das ist auch nicht wichtig. Zu schön ist es mit anzusehen, wie der Film in diesen Passagen die Knalligkeit der besten Coen-Brüder-Komödien hinbekommt. Ich kam aus dem Lachen nicht mehr raus.

Sebastian Stan als Eheman Jeff und Margot Robbie als Tonya (in ihrem Eisprinzessinnen-Pelzmantel, der jedoch aus selbst erlegten Kaninchen genäht ist!).

I, TONYA ist unterhaltsam von Anfang bis Ende, dramaturgisch als halbe Dokumentation fein gestrickt (mit zwischengeschnittenen Interviews der Beteiligten), überhaupt sagenhaft gut geschnitten, besticht mit großartigen spielerischen Leistungen (Margot Robbie als Tonya, Sebastian Stan als Jeff) und hält sich dankenswerterweise wenig mit Eiskunstlauf auf. Dieser Film ist fantastisch balanciert zwischen Ernst und Komik, Hoffen und Bangen, Lachen und gerührt sein.

Also: Falls Ihnen I, TONYA über den Weg läuft, schauen Sie mal rein. Mich hat er überrascht und erwärmt. Eine der wenigen Filmbiografien, die ich leiden kann. Und am Ende rehabilitiert dieser Film Tonya Harding. Nicht unbedingt als Sportlerin, auf jeden Fall aber als Mensch.

 

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