France BD: LE DIABLE ET CORAL

Coral ist cool. Coral kann mit dem Teufel höchstpersönlich kommunizieren. Er ist sogar ihr ständiger Begleiter. Weshalb das so ist, klärt sich erst später.

Zunächst erleben wir die beiden als Besucher eines Jahrmarkts. Während das Publikum ein Marionettentheater verfolgt (in dem ein Holzteufelchen einen Menschen holen will), begeht Coral einen Taschendiebstahl.

Das heißt, sie erstattet eine Brieftasche zurück, die zuvor von einem anderen Dieb entwendet wurde. Coral stellt sich als moralisch sauber dar und fragt, womit sie die Anwesenheit des Teufels verdient habe (den nur sie sehen und hören kann).

Der Teufel aber antwortet nicht, sondern hüllt sich in andeutungsvolles Schweigen:

© für alle Abbildungen: Homs / Dargaud

Coral ist die Tochter von Rabbi Gershon Löw – und der ist Nachfahre des legendären Rabbi Judah Löw, den eine Legende als Erschaffer des Golem ausweist.

Ihr Rabbi-Vater ist ein mächtiger Mystiker, der für seine Gemeinde auch Exorzismen ausführt.
Der Clou daran: Gershon hat eine Übereinkunft mit dem Teufel. Hier plaudert er mit dem Opfer, einem Schuljungen: „Gut, mach noch ein paar Tage, dann lässt du wieder ab von dem Burschen“.
Auf diese Weise müssen sich beide Parteien nicht bekämpfen. Der Teufel konnte eine Seele quälen, der Rabbi einen Exorzismus einleiten.

Die Stimme des Satans offenbart sich übrigens im kalligrafierten Lettering der von ihm besessenen Person.

Leider kann man dem Teufel einfach nicht vertrauen. Als der nämlich spitzkriegt, dass Gershon eine Tochter hat (wir sehen die jüngere Coral oben durch die halboffene Türe), fasst er den Plan, sich ihrer zu bemächtigen – einfach weil es seine Natur ist und er den Rabbi zerstören möchte.

Hey, es ist sein Job gewissermaßen. Als Coral von der Pubertät geritten zu Hause ausreißt und dem strengen Vater entfliehen möchte, sieht Luzifer seine Chance gekommen, fährt in sie ein und fordert Gershon zu einem echten Exorzismus-Duell auf:

Das geht schief für alle Beteiligten: Gershon kann den Teufel tatsächlich austreiben, fällt bei der Prozedur jedoch in ein Koma. Da ein letzter Ritus nicht ausgeführt wurde, hängt Satan nun in Gegenwart Corals fest und muss darauf warten, dass sie in die Hölle kommt, wo er sich wieder von ihr lösen kann.

Vom Teufelsregen in die Nazi-Traufe

Hinzu tritt handlungstechnisch die Zeitgeschichte: Alle Ereignisse spielen sich im Jahr 1938 in Prag ab!
Die Nazis installieren ihr „Protektorat Böhmen und Mähren“, Hitler lässt sich triumphierend durch die Straßen fahren, faschistische Truppen errichten das antisemitische Regime.

Subplot dieses Comics ist der Versuch der jüdischen Gemeinde, in einem Blutritual den legendären Golem wiederzubeleben – damit er den Nazis entgegentrete.
Dazu benötigen die Rabbis (sowie Corals Schulfreund Aryeh) die Assistenz von Gershon Löw. Der Plan gelingt, doch die junge Frau protestiert.

Auch der Golem sei ein Dämon und daher nicht beherrschbar:

Ich mag ja Teufelspakt-Geschichten. LE DIABLE ET CORAL präsentiert solche in neuem Licht  und in frischem Anstrich.

Autor und Zeichner in Personalunion ist Josè Homs, ein Katalane, der unter der Signatur „Homs“ als Illustrator der Erfolgsserie SHI und den STIEG-LARSSON-Comicadaptionen bekannt ist (s. Link).

Das war mir beim Kauf dieses Albums gar nicht bewusst. Homs ist ein Magier, der sein Publikum mit elaborierten Kompositionen und interessanten Figurenzeichnungen verzaubert. Schicker kann Comic kaum sein.

Natürlich ist sein Stil glatt und gefällig, sein Personal wirkt klischeehaft (so auch hier: bärtige Rabbis, strenge Nazis und drolliges Zirkusvolk). Das aber macht den Charme und die Lesbarkeit seiner Werke aus.

Prags Besatzer behelligen Coral, doch die steht unter dem Schutze Satans!


Comic ist ja immer die paradoxe Kunst zwischen Reduktion und Übertreibung. Wir erkennen die Nazis leichter, wenn sie unterm Stahlhelm noch die Zähne fletschen. Das zementiert sie in ihrer Rolle, die wir nicht hinterfragen brauchen.

(Denn diese Sequenz ist sofort auch wieder beendet, die Soldaten rennen davon.)

Umso erstaunlicher, dass Homs‘ Hauptfigur Coral mit ihrem speziellen Look gegen die Regel arbeitet. Das kesse Mädchen mit der Rastafrisur und den Goth-Klamotten könnte heute in unserer Nachbarschaft wohnen.

Ich interpretiere diese Darstellung als Identifikationsangebot. Die moderne Coral nimmt uns mit ins Vorkriegs-Prag, was den Comic einer rein historisierenden Aufgabe entzieht.

LE DIABLE ET CORAL handelt eben nicht von faschistischer Besetzung und Eroberung, sondern ist ein mystisches Märchen vor der Folie des Zweiten Weltkriegs.

Diese Lesart wird bestätigt durch die prominent präsentierte Fabel vom Frosch und dem Skorpion. Coral und der Teufel sind wie Frosch und Skorpion. Unterwegs in gefährlicher Mission, wobei niemand dem anderen vertrauen kann.

Ich hatte bei der Lektüre erwartet, dass den Nazis (die wir auf den Seiten 24 bis 27 sowie 37 bis 39 zu sehen bekommen) noch eine tragende Rolle zugeschrieben wird. Aber nein, die bösen Deutschen dienen nur als Ursache für die Erweckung des Golem.  

Sie tauchen nicht wieder auf, dafür geht es um die Motive des Golem. Als der nämlich zum Leben erwacht, hat er seine eigene Agenda und pfeift auf die Not der jüdischen Gemeinde.

Architektonisch akkurat

Extrapunkte für Atmosphäre und Lokalkolorit kassiert Homs für seine Darstellung Prags: Es gibt ein Kapitel zur Konstruktion der Karlsbrücke, deren Architekt einen Teufelspakt einging, um dieses Bauwerk fertigstellen zu können – und es gibt diese wunderschöne Doppelseite mit Coral und dem Teufel auf der Prager Burg mit Blick über den Hradschin.

In dieser Szene realisiert Coral, dass der Teufel seit dem Unfall ihres Vaters in ihrem Körper gefangen ist. Deshalb schwebt er die ganze Zeit neben ihr und nur deshalb kann sie mit ihm kommunizieren.

Trägt der Teufel Prada?

An dieser Stelle ein paar Worte zur Darstellung Luzifers: Dieser Teufel ist weder bullig noch bombastisch, sondern wirkt in seinem figurbetonenden schwarzen Dress eher wie ein Kampfsportler, wenn auch mit ausgeprägten Hörnern und einem Känguruschwanz.

Die mischfarbigen Augen und der dunkle Lippenstift verschaffen der Figur einen androgynen Touch, der mal wieder an David Bowie denken lässt.
(In einer der LUCIFER-Serien ist die Titelfigur noch näher an diesem Look dran, man macht damit nichts falsch.)

Très chic – le diable! So habe ich den Höllenfürsten noch nie gesehen.

Coral steckt in der Klemme, denn sie muss hinab in die Hölle, um den Teufel wieder loszuwerden. Kann ihr dabei unter Umständen doch der Vater behilflich sein?

Die verstorbene Mutter jedenfalls kann es nicht. Die trifft Coral zwar in den Flammen des Infernos, doch fällt damit auf einen formwandelnden Dämon herein:

„Puky“ muss mit!

LE DIABLE ET CORAL ist kein Horrorcomic von der Stange, der wie HELLBOY oder HELLBLAZER mit Kämpfen und krasser Aktion punktet.
Autor und Zeichner Homs nimmt sich viel Raum für zwischenmenschliche Begegnungen und Dialoge, ich möchte beispielhaft eine liebevolle Vater-Tochter-Sequenz präsentieren, in der es um kindliche Essgewohnheiten und die Ur-Angst vor der Dunkelheit geht – beides verschränkt auf folgenden drei Seiten.

Erst kann Rabbi Loew Coral für ein Möhrenrezept begeistern, dann beschwört er dem ängstlichen Kind als Schutzengel den Drachen Puky, den er als Lichterscheinung über dem Bett schweben lässt.

Die rot eingefärbte Kontrastszene zeigt Coral, die in der Hölle ihren Schutzgeist Puky anruft. Auf diese Weise entkommt sie der falschen Mutter.
Und so wechselt Homs grafisch die Zeitebene und wir haben die Herkunft von Puky erfahren.

Das ist alles geschickt arrangiert, wie überhaupt der ganze Stoff ziemlich komplex daherkommt. Hut ab vor Homs‘ erzählerischen Fähigkeiten.

Ich liebe diese Vignette von der Rückseite des Albums …

Am Ende (das darf ich verraten, das wird niemanden überraschen) sitzt Satan wieder auf dem Höllenthron und Coral lebt weiter bei ihren Freunden auf dem Jahrmarkt – auf den jedoch der Schatten der faschistischen Bedrohung fällt (und damit die Gefahr keinesfalls gebannt ist).

Wenn Sie Interesse an diesem 110 Seiten starken Werk haben, kaufen Sie es im Internet. Ich bin mal wieder überrascht, dass es (angesichts der Popularität von Homs) nicht wie dessen andere Comics bei Splitter zu erscheinen scheint.

(Wer mag, kann auf der Homepage von Dargaud eine Leseprobe von über 20 Seiten einsehen!)
Wie gewohnt können Sie noch mein Reel auf Instagram betrachten. Ich beschwöre Sie, darauf zu klicken. Sonst hol ich Golem!

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