Ooookay, wie viel habt ihr Burschen gekifft, als ihr euch das ausgedacht habt?!
Ein Mönch und seine alte Haushälterin sitzen in einem Bistro und schütten sich Absinth in die Birne. Am Fenster schleppt eine Prinzessin eine Meerjungfrau vorbei.
Sagt der Mönch: „Das ergibt keinen Sinn, hier laufen doch keine magischen Kreaturen rum, haha.“
Dann ziehen beide los zum Friedhof und geraten in ein Gefecht mit dem Dichter Voltaire, der als feuerspeiender Drache aus dem Grab gestiegen ist. Was machen sie?
Die alte Dame verwandelt sich selber in einen Drachen und greift die Meerjungfrau an, die Voltaire mit ihrem magischen Schwert malträtiert.

Wir schreiben das Jahr 1900, wir befinden uns in Paris – und eine Drachenapokalypse steht bevor. Und das kam so:
Der Mönch Mabillon hat vor Hunderten Jahren einen Drachen versteckt, der von Rittern verfolgt wurde (und zwar aus Sorge um seine Salaternte, die ihm die Ritter zertrampelt hätten).
Der Mönch lebt immer noch (eine Art Stasis-Kammer unter der Kirche hat ihn konserviert), der Drache hat sich zu seiner Haushälterin geformwandelt und etliche weitere Drachen leben mitten in Paris – getarnt als Wasserspeier oder Statuen.
Eine Geheimgesellschaft wacht über diesen Status Quo, nur muss ab und zu ein mythisches Wesen dem Oberdrachen geopfert werden, sonst wird die ganze Bagage lebendig und fällt über die Bevölkerung her.
An diesem Abend soll es eine Meerjungfrau treffen, doch nicht damit einverstanden ist die rauflustige hawaiianische Prinzessin Kapa’akea, die ein Auge auf das schöne Wesen wirft.
Schauen Sie bitte folgende drei Seiten, auf denen die Geheimgesellschaft, Kapa’akea und auch die Meerjungfrau vorgestellt werden:



Kapa’akea folgt der verschleppten Meerjungfrau in eine Gruft, wo finstere Priester einen Opferaltar vorbereitet haben.
Nach einem Handgemenge mit den Priestern und dem Drachen gehen alle Beteiligten betäubt zu Boden – da erwacht die Meerjungfrau, bekommt das Ritualschwert zu packen und wird zur kämpferischen Furie, die den Drachen köpfen kann!



Das ergibt doch keinen Sinn …
In der Tat wird in diesem Album nichts erklärt. Was Kapa’akea in Paris verloren hat, woher die Meerjungfrau kommt, wieso Drachen ihre Form ändern können oder was es mit dem Geheimbund auf sich hat.
Nun jedoch kommen der Mönch Mabillon und sein Haushälterdrachen wieder ins Spiel. Die beiden wissen, dass die Opferung der Meerjungfrau unbedingt erfolgen muss, sonst werden sämtliche versteinerten Drachen lebendig und richten ein Unheil an.
Und während die Prinzessin und die Meerjungfrau diversen Häschergruppen entkommen, stärkt sich Mabillon begeistert am neuen Trendgetränk Absinth und spürt dann unsere Protagonistinnen auf dem Friedhof auf.
Die Romantik zwischen den beiden Frauen kommt auch in stressigen Situationen nicht zu kurz: An Land kann sich die Meerjungfrau Beine wachsen lassen, zu Wasser benutzt sie ihren Schwanz und füllt die Lungen der Prinzessin mit Atemluft.


… und führt auch zu nichts
Auf dem Friedhof entwickelt sich eine Schlacht mit dem gelehrt daherredenden Voltaire-Drachen, an deren Ende die Feuerwehr anrückt und feststellen muss, dass man Drachen nicht löschen kann.
Das folgende Massaker (es eilen auch einige Journalisten herbei) kann im Anschluss vertuscht werden. Drache und Meerjungfrau verstecken sich im Spritzenwagen, die verbrannten Leichen werden an dubiose Fleischhändler verteilt, igitt.
Bei einer abendlichen Konferenz beschließen alle, dass sich die Meerjungfrau doch töten lassen muss, um die große Katastrophe zu verhindern.
Kapa’akea allerdings verliert die Nerven, greift die Drachen an – und wir erleben, wie Paris von Monstren überrannt wird.
Das zeige ich jetzt nicht, dafür aber Voltaire (bzw. Vole-Terre), weil er so schön ist:


LE PARIS DES DRAGONS ist das momentan vorletzte Werk des französischen Superstars Joann Sfar, bei uns bekannt durch (u.a.) DIE KATZE DES RABBINERS, DONJON, PROFESSOR BELL, VAMPIR und DIE SYNAGOGE.
Erstmals tut sich Sfar mit dem mexikanischen Zeichner Tony Sandoval zusammen und liefert ein DONJON-wildes Werk ab, das man nicht verstehen kann und muss.
Ich präsentiere diesen Comic nicht, weil er ein „must have“ ist, sondern weil Sandoval hierzulande auch seine Fans gefunden hat.
Der Künstler hatte sich vor fünf Jahren mit WASSERSCHLAGEN ein deutsches Zuhause bei CrossCult erobert, wo man in rascher Folge auch seine Werke VOLAGE, DOOMBOY, 1000 STÜRME sowie DIE LEICHE UND DAS SOFA veröffentlicht hatte.
Da CrossCult seit der Fusion mit Penguin Random House fast keine Comics mehr produziert, ist auch Sandoval betroffen.
(LE PARIS DES DRAGONS ist schon zwei Jahre alt und seine vorerst letzte Arbeit. Dabei war der immer so produktiv. Schluck.)
Übrigens scheint mir, als habe Sandoval sein Artwork heruntergebremst und dem Stil von Sfar angenähert!
Vergleichen Sie es mal mit dem gelinkten WASSERSCHLANGEN und Sie werden verstehen, was ich meine.
Diese Drachenmär ist konventioneller im Layout, die Figuren sind nicht so detailliert ausgemalt wie üblich.
Eigentlich ist Sandovals Markenzeichen dieser üppige, marzipanige, verkitschte Look, auf den er hier verzichtet. Auch schön, trotzdem schön, man erkennt ihn noch!

Schausteller Sandoval
Natürlich ist diese ganze Plotte nicht ernst zu nehmen. Weder Sfar noch Sandoval wollen unseren Begriff von Fantasy erweitern, sondern vielmehr torpedieren.
Siehe das eben gezeigte Bildbeispiel. Der König der Drachen macht sich an sein Zerstörungswerk, doch der Text referenziert ein Marty-Feldman-Filmzitat aus „Frankenstein Junior“: „Es könnte noch schlimmer sein, es könnte regnen.“
(Sie finden diese Szene HIER auf YouTube.)
Damit ist klar, dass LE PARIS DES DRAGONS nichts als Superquatsch ist, ein ziemlich privater Spaß der beiden Kreativen. Ob Sie darauf einsteigen mögen, kann ich nicht ahnen.
Mir hat’s gefallen, ich mag diese Sandoval-Variante sehr, die Handlung jedoch ist purer Nonsens – immerhin gibt es ein versöhnliches Ende zwischen Drachen und Menschen!

Ich linke zum Schluss die Webseite beim Verlag Glénat, dort ist auch eine Leseprobe einsehbar. Ich stelle wie immer ein feuriges Reel auf Instagram.