Die Probleme dieses Comics sind vielfältig und verdichten sich zu einem grafischen Auffahrunfall, bei dem wir doch genauer hinschauen wollen.
Ein Problem des Stoffs liegt in der Hauptfigur: Pierre ist ein rettungsloser Idiot und lebt noch dazu in einer Wahnwelt eigener Grandiosität. Seine Form der exaltierten Einbildungskraft wird in der Literatur als „Bovarysme“ beschrieben.
Pierre ist besessen von der Idee, dass alle Frauen sich heimlich nach ihm verzehren. In seiner Vorstellung ist er ein gutaussehender Typ und erfolgreicher Anwalt – in der Realität ist er ein hässlicher Postbote, den alle heimlich verulken, nicht nur die Frauen.
Ich weiß nicht, wie man so verblendet sein kann, aber so lautet die Prämisse dieser neuen, umfangreichen Graphic Novel von Zeichenstar Régis Loisel.


Wer ist hier ein Idiot?
Verblendete männliche Figuren kennen wir aus Film und Comic, aber Pierre ist kein grimmiger Rächer wie Rorschach und keine liebenswerte Nervensäge wie Bob (Bill Murray im gleichnamigen Film), auch kein schroffer Charismatiker wie Jack Nicholson in seiner Rolle in „Besser geht’s nicht“. Pierre ist ein rettungsloser Idiot.
Mit Pierre möchte man nichts zu tun haben, geschweige denn sich identifizieren.
(Später offenbart sich, dass der Mann von seiner Mutter zu dieser Selbstwahrnehmung verhext wurde, was langfristig wenig Sinn ergibt, wenn man drüber nachdenkt.)
Moment: verhext? Nächstes Problem des Stoffs ist diese magische Unterströmung, die uns in einer ansonsten real anmutenden Retrowelt groteske Fakten auftischt: eine lebendige Statue sowie eine Gruppe von Kobolden, die im Wald um das Haus herum hausen.
Dorthin nämlich reist Pierre zum Geburtstag seines Vaters, eines ehemaligen Offiziers mit dem Namen Louis-Eugène de Cormolan. Der alte Herr ist besagte Statue und bekommt zum Jubiläum Kuchen gefüttert. Ernstlich:

Im letzten Panel vor dem Seitenschluss sehen wir die Gruppe der Kobolde. Ich nenne sie so in Ermangelung eines besseren Begriffs.
Es handelt sich hier wahrscheinlich um afrikanische Menschen, die von der Mutter derart formgewandelt wurden. Sie scheinen die magischen Experimente der Yvette de Cormolan zu sein, die in Afrika mächtigen Voodoo-Zauber erlernt hat.
Diese Kobolde sind schattenartige Wesen, teils ohne menschliche Physiognomien – prominente Anführerin ist die weiblich gezeichnete Frimousse, die in Pierre verliebt ist!


Ganz recht: Wir begegnen der Frau aus der Straßenbahn wieder. Mimi ist eine Escort-Dame, bestellt von Madame de Cormolan, die ebenfalls zum Geburtstag des Vaters eintrifft.
So weit, so befremdlich. Yvette tritt als Hexenmatrone mit wirrem Haar auf. Die Voodoo-Magierin, die ihren Gatten zu Stein werden ließ (ein mächtiger Zauber) und sich Personal erschaffen konnte, muss sich eine Dienstleisterin aus der Stadt bestellen?!
(Später offenbart sich, dass Madame ihre magischen Fähigkeiten verloren hat, was zwar Sinn ergibt, aber eine Frechheit ist: Handlungselemente nach Belieben zu- oder abschalten, wer tut denn so was?)
Es fehlt nur noch ein Baustein, dann ist die Handlung schon beschrieben – dabei sind wir erst auf Seite 40 von 160. Das ist das größte Problem dieses Comics.
Wozu der ganze Aufbau? Für eine lächerliche Racheaktion.
Madame möchte Monsieur eifersüchtig machen, indem sie mit Mimi fummelt. Der alte Soldat muss tatenlos zusehen, weil er keinen Penis mehr hat (Herr ohne Unterleib).


Das tut Madame ihrem Gatten an, weil der vor etlichen Jahren ein schlimmer Schürzenjäger war. Die Rache kommt reichlich spät und reichlich egoistisch, wie ich finde. Ist der Mann nicht bestraft genug? Er muss ja schon in diesem Comic mitspielen, hahohi.
Letzte vorstellenswerte Figur vor dem Rest dieser Kritik ist der Butler des Hauses, der ehemalige Kolonialsoldat Gildas Paterne, der in seiner besonnenen Art zum Sympathieträger der Geschichte wird.

Er erträgt die Launen seiner Herrschaften, ist Freund mit den Kobolden und ein beruhigender Einfluss auf den überdrehten Pierre, der (im Kleiderschrank versteckt) mit ansehen musste, wie seine Mutter mit Mimi … ach, schreiben Sie den Satz in Ihrem Kopf zu Ende, es wird mir zu dumm.
Was gibt’s zu erzählen?
Erstaunlich wenig auf 160 Seiten: Idiot besucht seine Eltern und beobachtet ein lesbisches Abenteuer seiner Mutter. Im Anschluss soll eine Jagd auf die Kobolde stattfinden, weil die Mimi ein Dorn im Auge sind. Später kommt weiterer Besuch.


Oben sahen Sie schon, wie Pierre und Gildas Kobold-Attrappen bauen, damit die Damen ins Leere schießen.
(Später offenbart sich, dass Yvette und Mimi im nächtlichen Wald, wo das letzte Haus am Rand von steht, zwei Polizisten auf Streife exekutieren, was ja nun wirklich eine drollige Verwechslung ist.)
Erst rollen Augen, dann Köpfe ….
Ich musste die Lektüre circa alle 20 Seiten unterbrechen, weil mir schlicht langweilig wurde. Gehe ich mal einen Kaffee trinken, gieße zwischendrin die Blumen, ist eigentlich der Müll schon rausgestellt?
Was, immer noch nichts passiert? Lege ich schon mal einen Ordner für die Scans an und trage die Verlagsinfos zusammen.
So ging’s mit DAS LETZTE HAUS AM RANDE DES WALDES.
Dieses überlange Album kulminiert auch in nichts: Eine Séance auf Seiten 141-151, bei der drei alte Jungfern betrogen werden, gerät einfach nur chaotisch und hat nichts mit Zauberei zu tun – denn Madame Cormolan hat ihre Fähigkeiten ja verloren.
Weshalb setzt sie dieses Treffen dann noch an? Kapier ich nicht. Also verpufft Voodoo-Horror in einem belanglosen Feuerwerk aus müden Slapstickszenen.

… dann rollen wieder die Augen
Damit irgendwas passiert, geistern mittendrin zwei Einbrecher durchs Haus.


Die Diebe flüchten sich in das Gewächshaus im angrenzenden Garten, wo monströse fleischfressende Pflanzen auf sie lauern. Die Damoiselles genannten Gewächse sind ein weiteres Hobby von Yvette und verzehren die Störenfriede augenblicklich.
So mäandert dieses Album vor sich hin. Dann gibt es noch eine sprechende Gummiente, die Tochter von Frimousse, die zwei Flics auf Streife, einen Inspektor mit Hündchen, die erwähnte Séance sowie einen magischen Lippenstift, der Wünsch erfüllt.
DAS LETZTE HAUS AM RANDE DES WALDES erweist sich als Sammelsurium aus skurrilen Ideen, die untereinander jedoch keine handlungslogischen Beziehungen eingehen. Beginnt man, die Konstruktion des Comics zu durchdenken, tun sich Fragezeichen-Falltüren auf, die man lieber nicht öffnen möchte.
Warum hat sich Yvette diese Schar von Kobolden gezaubert, wenn sie sie gar nicht um sich leiden mag?
Ist es wirklich eine tragfähige Idee, einen Mann ohne Unterleib lesbischen Sex beobachten zu lassen – ausgewalzt auf 30 Seiten?
In diesem Flickenteppich aus Handlungsfetzen werden Figuren auch austauschbar. Sowohl die Einbrecher wie auch die Polizisten dienen nur dazu, Pflanzenfutter zu werden.
Diese Grausamkeiten sind überhaupt völlig unnötig und scheinen bloß hilflose Hommage an den „Little Shop of Horrors“ zu sein.

Insgesamt spricht ein kaltes Menschenbild aus diesem Comic. Die Figuren sind auf reine Funktion abgestellt, damit an ihnen schale Späße und grafischer Schabernack an ihnen verübt werden kann. Alles hat keine Bedeutung, sondern ist auf den schnellen Effekt konzipiert.
Arsen und Spitzenhöschen
Gegen Ende fiel mir auf, dass sich das Skript in einigen Ideen beim Filmklassiker „Arsen und Spitzenhäubchen“ bedient – nur gepimpt mit lesbischen Sexeinlagen.
Ein junger Mann kommt zu Besuch bei seinen abgeschieden lebenden Verwandten, einem kauzigen Exsoldaten und einer resoluten Matrone; alle sind verrückt und lassen in Serie Gäste und Besucher verschwinden, deren Leichen sie clever entsorgen?
Wahrscheinlich soll dieser Comic eine Screwball-Komödie sein, der seine Schrauben leider nicht anzieht, sondern nur lockert …
Jetzt kommt der Kicker: Auf den letzten zehn Seiten kriegt das Werk die Kurve und präsentiert ein Feelgood-Finale, wie es herzergreifender nicht sein könnte!
Das ist schön, ist aber dramaturgisch unrund, weil es aufgesetzt und angepappt wirkt. Als ob dem Team klargeworden wäre, dass es uns in der bisherigen Stimmung nicht entlassen kann.
Koautor Djian und Loisel wollen uns einen Comic verzuckern, der bis dahin nur bitter schmeckte. Das kommt zu spät, Leute. Da fühle ich mich hinter die Fichte geführt, die da am Waldrand steht, wo das Haus nicht weit ist.

Immerhin: Das Artwork von Loisel ist hübsch. Der Mann beherrscht sein Metier und inszeniert mit kreativer Kamera (wenn auch manchmal mit wilden Perspektiven und einem Hang zu aufdringlichen Nahaufnahmen).
Beachtenswert ist seine Kunst der Schraffierung, die er effektvoll dosiert.
Ich linke zum Schluss die Webseite bei Splitter, wo Sie mehr Informationen einsehen können. Wenn ihnen die dünne Handlung nichts ausmacht, können Loisel-Fans sich das Werk ja komplettierend ins Regal stellen.
Ich begab mich übrigens ins letzte Zimmer am Rand meiner Wohnung, um ein Reel bei Instagram aufzunehmen.