Lasst uns DAS RITUAL zelebrieren

Im Mittelteil des Werks dachte ich mir „Ist ja nett, aber was steckt denn hinter all dem?“. Und exakt im nächsten Moment liefert Zeichner Thomas Gronle die Erklärungen, die mir gefehlt haben. Das kommt spät, aber gerade noch rechtzeitig.

Denn die sympathische Erzählung um einen empathischen Hotelpagen namens Jan brauchte einen Schub Hintergrundgeschichte, um dann ins wilde Finale stürzen zu können.
Was zeigt, wie viel Raum sich Gronle nimmt und wie viel Spaß ihm seine eigenen Bilder machen.

Jans Hilfsbereitschaft gegenüber seinen Freunden rührt das Herz der Dämonin Lacrima, also will sie ihn aus der Gefahrenzone schaffen:

© für alle Abbildungen: Thomas Gronle / Edition 52

Was Lacrima uns da erklärt, sind die Folgen des titelgebenden Rituals, das in einem Hochhaus einer Großstadt (wahrscheinlich Berlin) stattfinden soll.

Die Bewohner des Blocks werden in Vogelwesen verwandelt und opfern sich in einer tödlichen Himmelfahrt. Das verlangt eine nicht näher vorgestellte „Große Göttin“ und zwar alle 107 Jahre, sonst widerfährt der Menschheit ein schlimmes Schicksal.

Auch das umreißt uns Lacrima:

Die Pest war schließlich kein Zuckerschlecken und dauerte 107 Jahre. Aha. Siehste. Dann doch lieber das Ritual einhalten.


Wenn ich ein Vöglein wär …

Pech für Jan, dass er in dem ausgewählten Hochhaus lebt und den ganzen Schrecken hautnah mitbekommt.

Um den Block herum beziehen seltsame Charaktere Stellung und im Hotel gegenüber (wo Jan als Page arbeitet) nisten sich Weltuntergangs-Voyeure und satanische Groupies ein, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Hier trifft Jan im Treppenhaus auf den Ritualpriester, der das Gebäude mit seinen Beschwörungen zur Startrampe macht. Netterweise beschenkt ihn Jan mit Halsbonbons, damit seine Stimme nicht versagt.

Kaum hat Jan seinen Job angetreten, füllt sich das Hotel (das vis-a-vis des Ritual-Happenings liegt) mit einer Parade aus merkwürdigen Gestalten, die im Folgenden die Hotelbar belagern und sich gegenseitig mit Rausch-, Erweckungs- und Sektengeschichten zu übertrumpfen versuchen.

Publikum, wie es einem auf die Nerven geht. Und im Wohnhaus gegenüber ahnt noch niemand etwas von der nahenden Apokalypse.

Dort hat Jan am Morgen noch seine Mutter versorgt, hat seinem Kumpel Loddel beim Dealer im fünften Stock Drogen gekauft, weil der gerade finanziell klamm ist und bei den Bad Boys nebenan eine aufs Maul bekommen hat.

Dann lernen wir noch Mike und seine Schläger kennen, die schöne Christine (die von allen angebetet wird) und den Nachbarsjungen Philipp, der mit seinem Papa Stress hat, weil er immer Trompete spielen will.

Das alles stellt Gronle uns gemütlich auf – und das alles erlangt noch Bedeutung, denn diese Menschen sind die auserkorenen Opfer eines Rituals, von dem sie keinen Schimmer haben. Kann Jan, unser hilfsbereiter Held, diesem Treiben Einhalt gebieten?

Das Grauen nimmt derweil, unten vorm Haus, seinen Lauf: Naserümpfend näher sich Priesterin Diana dem Ritualort und beginnt den Prozess, indem sie den Killerkolibri auf ein Mädchen loslässt.

So wandel sich die Opfer: Ein Stich ins Herz mit dem Schnabel genügt!
(Und isser nich süüüß, unser Kolibri?)

Jetzt geht’s los: Jan rennt durchs Haus und versucht, die Bewohner zu warnen.
Die sitzen meist drinnen vor dem Fernseher oder dem Computer oder sind gerade zu bekifft, um irgendwas ernst zu nehmen.

Beispielsweise der uns schon bekannte Dealer, der glaubt, Jan tischt ihm Märchen auf, um ein wenig Hasch abzustauben.

Dabei nehmen die Verhältnisse dramatische Züge an:
Während im Hotel berauschte Sektenanhänger über Tisch und Bänke steigen und orgiastisch feiern, dringen die Priester des Rituals immer weiter ins Haus vor, wandeln Menschen in Vogelmonster – die wiederum weitere Menschen angreifen.

Hier bricht vor Jans Augen eine mehrfach gestochene Frau zusammen und reiht sich in die Gruppe der Vogelmonster ein:

Gronle verwendet viele, viele Seiten auf die Darstellung des Gewusels in Haus und Hotel. Das ist nicht direkt redundant, befördert auch nicht unbedingt die Handlung, aber treibt die Atmosphäre auf eine Weise, die sich mit Händen greifen lässt.

Darin sehe ich eine Besonderheit in diesem Comic: DAS RITUAL legt Wert auf Action!

Entsetzte Gesichter, Schreie, Nacht, Trunkenheit, Korridore, Verwandlungen, Geräusche, Kämpfe, Musik, Schwingen, Waffen, Gesten, Blicke, … Tränen, Treppen, Trauerfälle.

Hier steht nie etwas still.

Etwas enttäuscht war ich bloß, dass Loddels Maschinenwesen keine Bedeutung mehr zukommt. Die laufen später so’n bisschen Amok, aber nur so’n bisschen und dann völlig wahllos.

Die hätten doch auch gegen die Angreifer programmiert werden können.
Oder die Maschinenfrau („Metropolis“ lässt grüßen) hätte für eine Ablenkung sorgen können.

Ganz zu Beginn wurde uns die Szenerie so aufgemacht – und dann nichts mehr?! Schaaaade.

Gronle gestaltete DAS RITUAL übrigens nach Aron Craemers literarischer Vorlage „Der Nachtportier“ (ein nicht verfilmtes Drehbuch), das erklärt die zahlreichen cineastischen Bezüge.

Ich entdecke einige Zitate, die aber ich nicht konkret benennen kann. Sagen wir besser: Ich assoziiere bei der Lektüre diese Filme, die in Wohnblocks spielen, durch welche sich dann durchgekämpft werden muss.

Auch gewisse Hotels, die in Filmen vorkommen (von Wes Andersons „Grand Budapest“ über das „Hotel Artemis“ mit Jodie Foster bis hin zum „Continental“ aus den John-Wick-Filmen). Dass Gronle diese Vibes in mir hervorruft, macht mir Freude und werte ich als Ausdruck, wie viel liebevolle Anspielungen der Zeichner auf großzügigen 194 Seiten unterbringt!

Ich finde, DAS RITUAL ist ein gelungener deutscher Horrorcomic mit enormer Eigenständigkeit.

Gronle vertraut seinen Ideen und Bildern, die zum Schluss hin imposante Kompositionen offenbaren. Hier ist nix nachgemacht oder kopiert.

Lacrima in ihrer Dämonengestalt verschafft Jan einen Blick von oben auf das Geschehen.

Ich darf das Ende nicht verraten, bin aber sehr glücklich, dass es nicht weichgespült ist.

Dank an die Edition 52, die in Zusammenarbeit mit „Moga Mobo“ ein schönes Hardcoverbuch präsentiert.

Wer mag, liest auf „Comic-Denkblase“ ein vertiefendes Interview mit Alex Jakubowsky und/ oder besucht die Homepage von Thomas Gronle.

Gibt aber auch mein rituelles Reel auf Instagram.

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