Achtung, es wird wild: In diesem Werk führen die Illustrationen ein Eigenleben, was irritierend bis verstörend sein kann.
Aber genau dieser Konventionsbruch erweist sich als Geniestreich der Neunten Kunst, denn das amoklaufende Artwork erschließt uns eine Dimension, die rein vom Text her niemals zu entdecken wäre.
Ich war nie ein Leser der schon 70 Jahre alten DC-Figur MARTIAN MANHUNTER, aber so wie ich es verstehe, hat man die Prämisse (wie üblich im „Absolute“-Kosmos) umgedreht: Bislang war der Marsianer J’onn J’onzz auf die Erde teleportiert worden und tarnte sich als Detective John Jones.
Nun jedoch erleidet der Antiterror-Agent John Jones vom FBI eine Hirnverletzung bei einem Selbstmordanschlag und wird von fremden Gedanken und Visionen heimgesucht.


Instinktiv weiß er Dinge über seine Mitmenschen, als ob er deren Gedanken gelesen hätte. Er erlebt Flashbacks aus seiner Vergangenheit. Eine Stimme flüstert ihm Beobachtungen zu.
Er sieht bunten Rauch um sich, den sonst niemand wahrnimmt.
Und als er diesen Rauch inhaliert, stürzt er in die Erinnerungen des Attentäters, der ein kindliches Trauma erfährt:

Doch Jones ist der schweigsame Typ, der seine beunruhigenden Erlebnisse nicht mal mit Ehefrau Bridget teilt.
Er lässt sich nochmal anonym in einem Krankenhaus durchchecken, doch bekommt als Befund nur „Stress“ mitgeteilt.
Also nimmt er die Ermittlungen wieder auf, wird aber mehr und mehr von der fremden Präsenz in sich überwältigt:

Schließlich offenbart sich der Eindringling als Wesen vom Mars, das mit seinem Gehirn fusioniert ist und Jones die Gabe der „Martian Vision“ offeriert.
Der Mann von FBI ringt allerdings weiterhin mit seinem blinden Passagier:


Außerirdische Grafik
Halten wir einen Moment inne und überlegen uns, wie man eine solche Fusion von Mensch und Alien gestalten könnte.
Mit Sprechblasen in verschiedenem Lettering? Check, wird gemacht.
Mit eingeschobenen Panels, die Johns Erinnerungen aufrufen? Check, wird gemacht.
Mit aufgerissenem Layout, das das Rastermuster sprengt? Check, check, check.
Aber: Was den faszinierenden Unterschied macht, ist der Einsatz der Farbe!
Knallige Primärfarben stehen für das Außerirdische und verwirbeln und durchspülen unsere gewohnte Wahrnehmung, erregen Aufmerksamkeit und schaffen verblüffende Effekte.
Zudem geizt die Serie nicht mit Verfremdungen und manifestiert den Alien als groteske grüne Statue mit Zyklopenauge, der zu Johns Partner im Beruf wird:

Der Alien dringt nicht nur in Johns Gehirn ein, sondern kann dank der Telepathiefähigkeit auch Terroristen aufspüren.
Bald schon führt er John an den Ort eines Amoklaufs und schlüpft in die Gedankenwelt des Täters. Hier sehen wir die Begegnung: John spricht Trigger an, zugleich übermittelt der Martian ihm Informationen über die Opfer:

Dann inszeniert Zeichner Javier Rodriguez eine externe Konfrontation mit drei kleinen Paneln vor einem großen Hintergrundbild, das die interne Manipulation durch den Marsianer illustriert.
Die farbigen Impressionen symbolisieren Taylors komplette Lebensgeschichte, verdichtet in einer Sekunde. Dort findet John die Blutsbrüderschaft mit einem Jugendfreund und kommt spontan auf die Idee, sich für Toomis auszugeben und die Situation zu deeskalieren.

Haben Sie so etwas schon mal im Comic gesehen? Hier führen die Bilder ein Eigenleben und verschränken sich mit dem Text zu einem Leseerlebnis, das absolut aufregend ist.
Diese beiden Seiten oben zu lesen und zu „verstehen“, ist nicht ganz einfach, denn wir müssen begreifen, dass der Marsianer telepathisch Gedanken an John sendet, der mit diesen Erkenntnissen den Attentäter konfrontieren und aufhalten kann.
(Tatsächlich rüttelt der Marsianer den Täter aus seinem Blutrausch, doch die anrückende Polizei erschießt ihn kurzerhand.)
Überirdische Erzählung
Und? Warm geworden? Sollten Sie, denn der Comic läuft gleich erst richtig heiß!
Autor Deniz Camp hat sein ungleiches Duo etabliert und könnte uns nun zehn Hefte lang kuriose Fälle präsentieren. Das wäre nett und originell, aber bereits ausformuliert.
ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER aber entscheidet sich dafür, das Spielfeld ins Fantastische auszudehnen: Der Martian nämlich entdeckt im Kopf des Attentäters eine ihm ähnliche Macht: Der „White Martian“ ist ebenfalls auf der Erde und plant die Vernichtung des menschlichen Lebens.
Dieser kosmische Raubjäger beginnt, Chaos in Form einer Serie von Brandstiftungen anzurichten. Der Marsianer erklärt John (und uns), wie seine „Vision“ ganzheitlich wirkt und wie er um die Absicht des Weißen weiß:

Wo andere Comics sich um Verbrechen drehen, da implementiert ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER eine übergeordnete Perspektive, einen kosmischen Showdown zwischen zwei Aliens, die auf dem Rücken der Erdenbewohner ausgetragen wird – und Jones steckt mittendrin, er ist sogar Ziel des Bösen, weil er Träger der außerirdischen Intelligenz ist.
Als der Martian ihm ein nächstes Problem in der Innenstadt von Middleton (so heißt der Handlungsort der Serie) meldet, will Bridget ihren seltsamen Mann zur Rede stellen.
Betrachten wir die folgende Seite und freuen uns an der speziellen Machart:

Ärger ist Bridget ins Gesicht geschrieben – und zwar wortwörtlich, denn wegen Johns „Martian Vision“ leuchten Vorwürfe in ihrem Gesicht auf.
Abwesend entgegnet er, er müsse los, während der Martian ihm einen alarmierenden Befund zuflüstert. Ihr Einwand, es habe gar niemand angerufen, ignoriert er.
Er werde halt gebraucht, worauf sie weiter „Dampf ablässt“, diesmal in Form eines Satzes, der ihr „zu den Ohren“ rauskommt.
John begibt sich zum Auto, in dem der Marsianer bereits wartet wie ein gelangweilter Taxifahrer.
Die Sequenz komprimiert in hohem Tempo und mit schnellen Schnitten einen Ehekrach auf eine einzige Seite, der zugleich als ironische „Ménage à trois“ gedeutet werden kann. Mich begeistert diese Bonus-Lesart, von der dieser Comic lebt.
Der Mann mit den zwei Gehirnen
Der White Martian intensiviert die Strahlkraft der Sonne und verursacht eine Hitzewelle, die die Bevölkerung gegeneinander aufwiegelt. John und sein stiller Partner versuchen, die Gemüter herabzukühlen.
Dann zerstört der Weiße die Energieinfrastruktur der Region, eine unheimliche Nacht fällt über die Stadt und John wird angegriffen: Der White Martian übernimmt einen menschlichen Körper und bricht bei Bridget und Sohn Tyler ein.

In Heft Nummer 6 kommt es zu einem irren Duell des Grünen gegen den Weißen Marsianers, zeitgleich kämpft John gegen einen besessenen Angreifer.
Hier katapultiert sich John mit einem „nicht-euklidischen Raumsprung“ zu Bridget und Tyler, während sein Partner mit dem Weißen persönlich konfrontiert wird.
Die Atmosphäre bereichernd, versammelt sich ein „weißer Mob“ vor dem Haus (und erinnert mich an den Filmklassiker „Dorf der Verdammten“).


ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER ist in solchen Momente ein echter Science-Fiction-Stoff und sprengt erneut den Rahmen, diesmal den des Supermenschen-Thrillers.
Das ist ganz schön psychedelisch für ein Produkt aus dem Haus DC und weckt deutliche Assoziationen an das „Vertigo“-Erbe des Verlags.

Ist das noch steigerbar?
Die ersten sechs (von zwölf) Heften mit der vorläufigen Niederlage des Weißen und Johns Suspendierung vom Dienst für drei Monate.
Das Leben in Middleton hat sich verändert: In der fatalen Nacht haben alle Menschen eine Probe der „Martian Vision“ erlebt, schämen sich nun füreinander – und Bridget hat John aus dem Haus geworfen.
Der Detective haust in einem schäbigen Motel, sein Vorgesetzter verbannt ihn hinter den Schreibtisch, um einen Berg von Papierkram zu erledigen.
Als die Menschen sich vom ersten Schock erholen, beginnen sie, ihre Mitmenschen beim FBI zu denunzieren und John darf wieder in den Außendienst, um den vielen Anzeigen nachzugehen.
Mit dem Blick des Marsianers erleben wir die Klage eines Huhns, das der Chef in Sandwichform verzehrt:

Und als John das Gespräch mit Bridget sucht, entdeckt der Martian eine neue Bedrohung: Die ur-amerikanische „Agency“ spürt ihn im Hirn eines Hausmeisters auf und will ihn entführen!




Wieder staune ich über die sinnfällige Art der Illustration.
Die Agency ist von den Flaggenfarben Rot-Weiß-Blau umgeben, der Oldschool-Gunman-Agent redet in altmodischem Leroy-Lettering, der Regenbogen-Hippie ist genauso bunt wie der Martian und die weibliche Agentin erscheint als Hollywood-Glamourgirl.
Dazu die infantile Anzeige mit Uncle Sam und dem Bleistift: Verbindet die Punkte, Kinder, um das Alien zu fangen!
ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER greift tief in den Fundus US-amerikanischer Folklore, um diese bekannten Muster in einen neuen Zusammenhang zu stellen.
Noch mehr Neues, bitte!
Ich bin nahezu fassungslos, wie furchtlos dieser Comic mit allem jongliert, was wir aus der Popkultur kennen.
Als nächstes servieren uns Camp und Rodriguez eine „Alien Autopsy“, dann nistest sich der Weiße Marsianer im Hirn von Sohn Tyler ein – und der erschafft eine neue Kreatur, die John begleitet: Despair the Zero.

John ist so durch den Wind, dass er diesen Umstand gar nicht mehr hinterfragt. Dabei treibt ihn dieser Blaue Marsianer langsam, aber sicher in den Wahnsinn.
Und während die Agency unseren „Onkel vom Mars“ foltert, stolpert der verstrahlte John in eine Paartherapiesitzung mit Bridget und dreht vollkommen ab.
Der White Martian (der auch der Blue Martian ist) stürzt John in tiefste Paranoia. Nun traut er niemandem mehr:

Apropos Paranoia: Unter Führung von Rainbow, dem Vietnam-Hippie, greifen Truppen der Agency das Motel an, in dem sich John verkrochen hat.
In einer episch bunten Schlacht (in die Zeichner Rodriguez die Ikonografie des Vietnamkriegs einfließen lässt) kommt John wieder zur Besinnung und erinnert sich an den entführten Martian.

Jetzt zieht das Kreativteam die Schraube nochmal an und jagt uns in ein psychedelisches Finale. Die Agency kassiert eine Niederlage, der Martian knöpft sich erneut sein böses Double vor und bei Bridget zu Hause braut der besessene Sohn Tyler die Apokalypse zusammen.
Die entlädt sich in Form einer globalen Polonaise (!), die den Himmel zersplittert und die Erde aufreißt.
Um nicht zu viel zu verraten, wähle ich als Bildbeispiel zum Abschluss noch diese beeindruckende Sequenz: John rast durch Zeit und Raum zur „Nihilo Bay“, der Black Site der Agency, um den Marsianer zu befreien.


ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER ist im zweiten Teil eine fordernde Lektüre, die mit meinem Kopf das macht, was der Martian mit der Hauptfigur John anstellt: Nicht ganz begreifbare Texte und Bilder prasseln auf mich ein.
Camp und Rodriguez liefern ein waghalsiges Werk ab. Ihr Comic ist singulär von der Machart und einzigartig in der Deutung. Konzept und Ausführung beuteln mich auf jeder Seite, es handelt sich um ein Gewitter aus Formen, Farben und Verständnisaufgaben.
Es geht komplett „over the top“, aber bedient seine Charaktere und auch die Handlungslogik bleibt intakt.
Und im Grunde ist es eine Familiengeschichte zwischen John, Bridget und Tyler …

Die Serie ist (vorerst) beendet, ich habe die beiden englischen Tradepaperbacks benutzt, der Comic liegt aber bereits auf Deutsch bei Panini vor (als Soft- oder Hardcover) – allerdings nur zur Hälfte.
Ich bekomme auf die Schnelle nicht ermittelt, wann Teil 2 erscheint. Sollte nicht mehr allzu lange dauern …
Bei den diesjährigen Eisner-Awards räumte ABSOLUTE MARTIAN MANHUNTER die Preise für „Beste Kurzserie“ und „Bestes Artwork“ ab.
Damit dürfte Deniz Camp der neue „heiße Autor“ sein. Kann er James Tynion IV vom Thron stoßen? Zwinker.
Camps Biografie bei Image Comics verweist auf seine Independent-Serie ASSORTED CRISIS EVENTS, die derzeit ebenfalls durch die Decke geht.
Gerne würde ich mit Ihnen eine Polonaise zum nächsten Comicladen starten, schauen Sie sich doch vorbereitend meine Reels zur Serie an. Teil eins heißt „Martian Vision„, Teil zwei heißt „The Agency„.