France BD: GLOBE-TROTTEUSES

Ich zeige Ihnen jetzt einfach die schönsten sieben Seiten aus diesem Comicalbum – und Sie werden dahinschmelzen.

Handlungsmäßig befinden wir uns auf einer Weltreise, besser gesagt gleich zwei Weltreisen, bestritten von zwei Frauen, die gegeneinander um die Wette reisen.

Wir schreiben das Jahr 1889 und Nellie Bly, Reporterin der „New York World“, hat eine ehrgeizige Idee: Sie möchte den Rekord aus Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ brechen.

Aus heutiger Sicht ist dieses Unternehmen läppisch und zudem eine ziemlich passive Angelegenheit. Denn Bly tut nichts weiter, als sich per Bahn und Schiff zu bewegen.
Sie ahnt jedoch nicht, dass es trotzdem strapaziös sein könnte (Stichwort: Seekrankheit).

© für alle Abbildungen: Julian Voloj, Julie Rocheleau / Editions Dargaud

Nach ein paar Tagen jedoch hat sich Bly an die Seefahrerei gewöhnt und kann auf Deck entspannen – und ich liebe die Möwe, die die folgende Seite einleitet und auch das Hündchen, das die Seite beschließt.

Beachten Sie bitte das zarte Artwork mit den schraffierten Gestalten im Schatten und den fließenden Röcken der Damen, ausgeführt in einer charmanten Mischtechnik aus Bleistift, Pinsel und Kreiden (?) …

Das größte Malheur auf Reisen droht seitens der Bürokratie:
Die Zollabfertigung ist nicht nur pingelig, sondern auch chauvinistisch.

Nellie Blys Tasche soll kontrolliert werden, doch der Beamte ignoriert deren Besitzerin, sondern kommuniziert stattdessen mit dem Boten der befreundeten Zeitung, der Bly an Land herumführen soll.

Die kurze Sequenz wird als „funny strip“ in einem Bilderrahmen inszeniert:

Damit eine solche Weltreise funktioniert, müssen selbstverständlich die Anschlüsse passen!

Das Schiff darf unterwegs in keinen Sturm geraten, die Bahn darf nicht ausfallen, die jeweiligen Transfers müssen reibungslos klappen.

(Eigentlich wäre es an der Zeit, solche nostalgischen Wetten wieder einzuführen. Mit Auto, Motorrad und Pedelec kann jeder um die Welt knattern, aber beim derzeitigen Zustand der Deutschen Bahn wird jede Fahrt wieder zum Abenteuer!
Meine Frau ist mal von Köln nach Paris in 80 Stunden gefahren. Könnte ein neuer Rekord sein, wenn auch im negativen Sinne.)

Die Aktionssequenzen in GLOBE-TROTTEUSES ergeben sich also aus verpassten Anschlüssen, siehe Blys Beinahe-Blamage in Brindisi:

Ein Schiff wird kommen … oder abfahren

Tatsächlich verfolgt ein Zeitungspublikum rund um den Globus Nellies große Tour.

Die Globetrotterin wird überall erkannt und erwartet. Die Herzen der Männerwelt fliegen ihr zu und nur einmal (im jemenitischen Aden) wird sie selber schwach.

Als der schöne Bootsmann ihr gesteht, bereits drei Frauen und elf Kinder zu haben, winkt sie ab und verzichtet für dieses Mal.

Diese Graphic Novel von 180 Seiten hält sich nicht allein mit Bly auf, sondern präsentiert zugleich ihre Konkurrentin: Das Magazin „Cosmopolitan“ schickt nämlich die Reporterkollegin Elizabeth Bisland ebenfalls ins Rennen um die Welt in unter 80 Tagen.

Bisland allerdings ist in der entgegengesetzten Richtung unterwegs, was dem Comic die Gelegenheit gibt, exotische Lokalitäten im Kontrast zeigen zu können (und nicht parallel). 

Das Ganze ist übrigens eine wahre Geschichte, Links folgen weiter unten. Ich bin davon hingerissen, wie organisch sich die Materie entfaltet – und hier zeige ich die Doppelseite (muss ich fotografieren), auf der sich die Wege kreuzen!

Bisland ist in ruhigem Fahrwasser westlich nach Singapur unterwegs, Bly passiert sie östlich Richtung Hongkong und segelt mal wieder in ein Unwetter hinein, das ihr aber nichts mehr ausmacht.

Ich mag die übertrieben allegorische (und total altmodische) Inszenierung mit den Regenfäusten und Neptuns Pranken, die nach dem Schiff greifen:

Bisland bekommt weniger Auftritte als Bly, ringt jedoch mit denselben Problemen. Anschlüsse, Anschlüsse, Anschlüsse!

(Wer mag, schaut zur Entspannung zwischendurch den herrlichen Retro-Discoschlager „Hallo, Bimmelbahn“ von 1973!)

Die Verbindung von Calais und Dover nach London war töfte, aber nun ist das Schiff in Southhampton storniert und Bisland muss rauf nach Dublin, um einen Dampfer in Queenstown zu kriegen – und zwar pronto!

So sausen die Frauen hin und her und wer gewinnt, will ich nicht verraten.

Denkmal des weiblichen Journalismus

„Nellie Bly“ übrigens war ein Phantom, ein Pseudonym. Die Frau, die sich so nannte, hieß in Wirklichkeit Elizabeth Jane Cochran und war eine waschechte Investigativreporterin.

GLOBE-TROTTEUSES eröffnet daher nicht mit der Weltreise, sondern ihrem größten journalistischen Coup: Bly ließ sich inkognito für zehn Tage in ein „Mad-House“ (ein Asyl für nervenkranke Frauen) einweisen und machte aus ihren Erfahrungen eine schockierende Undercover-Reportage. 
Das war 1887 eine Pioniertat, die bis heute nachhallt. Ihre „Zehn Tage im Irrenhaus“ sind noch 2012 auf Deutsch veröffentlicht worden.

Auch dafür findet die Zeichnerin imposante Bilder:

Schreib mir ein Leben!

Ehe ich verrate, wer’s gezeichnet hat, sei noch auf den Autoren des Werks hingewiesen: Julian Voloj ist ein bescheidener Mensch und wirkt so im Hintergrund, dass es keinen Wikipedia-Eintrag zu ihm gibt.

Dafür einige biografische Blitzlichter bei den Verlagen, wo er veröffentlicht hat – und das sind allein in Deutschland Splitter, avant, Edition Moderne und Knesebeck.

Der Mann lebt in New York und ist auf Lebensläufe in Comicform spezialisiert: THOMAS MANN, BASQUIAT, JOE SHUSTER, BOBBY FISHER, YVES KLEIN, OSKAR ROHR, BILL FINGER und WOLF BIERMANN.

Immer wieder finden sich darunter Projekte, die es nicht ins Deutsche schaffen, wie eben GLOBE-TROTTEUSES, LE TOUR DU MONDE DE NELLIE BLY ET ELIZABETH BISLAND (wie der volle Titel lautet).

Hier dürfte Volojs Skriptanweisung gelautet haben: „Bisland wartet am Hafen von Queenstown, Irland, und leidet Hunger“ – Schauen Sie, was die Zeichnerin (deren Namen ich gleich offenbare) daraus macht!

Voloj arbeitet alle seine Stoffe kompakt und kompetent auf, das Schlussresultat variiert qualitativ natürlich mit der grafischen Ausführung. Fast jedes Werk ist anders gestaltet, und ich habe bisher nur sein LIBERTY mit Jörg Hartmann gelesen.

Weil (ganz ehrlich) ich die anderen Stile nicht mochte. Umso mehr war ich begeistert, dass mir dieser Comic eine Bekannte präsentierte:
Erneut preise ich hiermit die Frankokanadierin Julie Rocheleau, die bei uns nur mit BETTY BOOB verlegt wurde.

Dazu habe ich zwar vor sieben Jahren einen Verriss verfasst, aber das Artwork hat mich so fasziniert, dass ich ihr vor zwei Jahren einen ersten „France BD“-Beitrag gewidmet habe.

Meine Präsentation von GLOBE-TROTTEUSES wird wahrscheinlich nicht die letzte Vorstellung von Rocheleau bleiben …

Finalement die Gretchenfrage: Weshalb nicht auf Deutsch erschienen?
Ich hatte verstanden, dass Splitter an der Lizenz dran war, aber sie haben das Werk wieder fallenlassen. Aus verlagstechnischen Gründen kann ich das sogar nachvollziehen: Es passiert zu wenig (generell und auch an Interaktion der Figuren untereinander).

Aber was entgeht uns an großartiger grafischer Kunst!

Sie können den Comic ohne Weiteres im Original lesen: Die Handlung ist selbsterklärend, die Sprechblasen sind mit Schulfranzösisch (oder autodidaktischem Duolingo-Studium) zu packen.

Elizabeth Bisland auf Sightseeing-Tour in Tokio. Das Weiß bedeckt zugleich Himmel und Erde und sorgt für den Übergang der Panels.

Bei Interesse schauen Sie auf die Homepage beim Verlag Dargaud und besorgen Sie sich das Werk im Internet.
(Hey, es ist letztes Jahr eine englische Ausgabe erschienen, Sie müssen sich nicht quälen: GLOBETROTTERS: NELLIE BLY AND ELIZABETH BISLAND’S WORLD TOUR: A GRAPHIC NOVEL.)

Mein übliches Instagram-Reel zum Comic hätte ich fast in unter 80 Sekunden geschafft, es wurden dann doch 178, ich gebe der Deutschen Bahn die Schuld, hähähä.

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