Dabei ist es fast eine Mogelpackung, denn es ist nicht viel drin in dieser Miniserie von sechs Heften: Die 16-jährige Helen Cole hat ihren Vater C. K. durch Selbstmord verloren und ist nun auf sich allein gestellt.
Eine Gouvernante bringt die Waise (die Mutter verstarb schon Jahre vorher) nach Wyndhorn, wo Haushofmeister Joseph regiert.
Hausherr Barnabas, Helens Großvater ist dauernd unterwegs und überlässt seinem Personal die Erziehung der Enkelin.
Dann geschehen seltsame Dinge: Ein Monster greift aus einer Parallelwelt an – und Barnabas entpuppt sich als Conan-artiger Krieger, der Streifzüge durch eine magische Pforte unternimmt und sich in einer Fantasywelt auslebt.
Helen kriegt das spitz und möchte unbedingt mit und Abenteuer erleben!
Doch schauen wir zunächst das dramatische Finale der ersten Kapitels: Es erzählt die Gouvernante, Miss Appleton, in deren Arme sich Helen flüchtet, die im Garten etwas Schreckliches erspäht hat:



Eine Prämisse wie aus dem Prepaid-Shop für Massenunterhaltung: Ein Schloss, ein Tor zur Märchenwelt, ein alter Recke, eine junge Novizin, der Ruf des Abenteuers.
Aber solche Abenteuer sind ja beliebig, austauschbar und nichtssagend. Filigrane Feen, wundersame Göttinnen und gehörnte Kriechtiere. Da geht ja alles und man kann sich in zehn Minuten ein Skript ausdenken: Fantasy, ich bitte Sie.
Barnabas und Helen reisen von A nach B, werden unterwegs von Skeletten angegriffen und machen die ganze Bagage nieder. So lakonisch läuft es dann tatsächlich:

Einerseits bedient der Comic inhaltliche Aspekte und Ikonografie dieser Gattung, andererseits kann man diese in ihrer fragmentarischen Darstellung als entblößte Klischees lesen.
Was uns sagt: HELEN OF WYNDHORN benutzt das Fantasy-Genre nur als Vorwand, als Folie für eine tragische Familiengeschichte.
Witzig für Insider ist, dass Protagonistin Helen uns so begegnet wie Supergirl im WOMAN OF TOMORROW-Comic, übrigens gestaltet vom selben Kreativteam: Eine junge Protagonistin ist völlig betrunken und wird von der zweiten Protagonistin (Lilith bzw. Ruthye) erst mal wieder auf die Beine gebracht.
Hier ist es Miss Appleton, besagte Lilith, die Helen auf Geheiß ihres Großvaters Barnabas auf den Familiensitz der Coles geleitet, das märchenschlossartige Haus Wyndhorn.


FUN HOME im Fantasy-Land?
„Emotional bedürftige Tochter muss sich gegen exzentrischen, kalten Vater behaupten“, lautet die Kurzformel dieses Comics wie auch für Alison Bechdels Graphic-Novel-Klassiker.
Nach dem Monsterschreck bedrängt Helen ihren Großvater (und auch Miss Appleton interveniert zu ihren Gunsten), das Geheimnis von Wyndhorn preiszugeben.
Schließlich zeigt Barnabas ihr die magische Pforte im Wald hinter dem Anwesen und nimmt sie mit auf eine Exkursion durch Sümpfe, Wüsten, hohe Berge zu einer Göttin, die Andeutungen macht, Helen sei eine auserwählte Kriegerin.
Damit die junge Frau den Strapazen standhalten kann, durchläuft sie mit Joseph eine rigorose Ausbildung:


Autor Tom King ist einer meiner Lieblinge, der Mann denkt und schreibt zwar furchtbar komplex, aber mich regt er immer zum Denken an.
So frage ich mich, wie viele Bedeutungsebenen ich in HELEN OF WYNDHORN reingezimmert bekomme.
Da haben wir natürlich eine Coming-of-Age-Geschichte um die Selbstfindung einer jungen Frau, da haben wir auch ein Familiendrama um dysfunktionale Beziehungen, da lauert womöglich auch eine Verspottung des Fantasy-Genres und (Hallo, Meta-Ebene) ein Kommentar auf das Publikum desselben.
Denn jedes der sechs Kapitel des Comics behandelt einen Teil des Fan-Phänomens der Popkultur allgemein. Jede Einleitung lässt uns typischen Personen begegnen bzw. konfrontiert uns mit Glanz und Elend der Sammlerwelt.
In Kapitel Eins folgen wir dem Biografen von C. K. Cole, der dessen Groschenromane durch sein Sachbuch adelt und ihm kulturelle Wertigkeit zuschreibt. Hier interviewt er die gealterte Miss Appleton:

Die Glorifizierung industriell gefertigter Pulps, Comics und B-Movies zu feiernswerter Popkultur ist das Phänomen des 20. Jahrhundert, das uns bis heute begleitet und aus dessen Verwertungsschleife wir nicht mehr entrinnen können.
In Kapitel Zwei signiert der Biograf sein Buch und plaudert mit einem Cole-Fan darüber, was für verrückte Geschichten ihm Miss Appleton aufgetischt habe.
Helen nämlich hatte dieser nämlich regelmäßig von ihren Streifzügen durch die Fantasywelt berichtet. Der Biograf glaubt jedoch, es handle sich um die Inhalte von Coles Romanen (die allerdings in der Tat von dessen Erlebnissen in der Anderwelt handeln).
Was niemand weiß – außer Lilith, Joseph, Helen, Barnabas und uns, die wir diese Figuren begleiten.

Ein Autor wird vermisst
Interessant ist, dass der Schreiber C. K. Cole (Sohn von Barnabas und Vater von Helen) niemals und nirgendwo auftaucht.
C. K. ist das Phantom, der Mystery-Faktor der ganzen Geschichte. Es heißt nur, er habe sich erhängt, nachdem er jahrelang ein trauriges Trinkerleben in Gesellschaft seiner Tochter geführt habe.
Der Autor also ist nicht aufzufinden. Typische King-Finte, der uns die Arbeit überlässt, ihn uns auszumalen. Darin ähneln wir dem Biografen, der nicht ahnt, dass Coles Romane eine Realität schildern. Doch des Einen Wirklichkeit ist die Fiktion des Anderen.
Im Verlauf der Handlung entschlüsseln wir (und auch Helen), dass ihr Vater C. K. eine große Enttäuschung für Barnabas war.
Der alte Mann hat seinen Sohn als Schwächling verstoßen:


In Kapitel Drei springt die Rahmenerzählung Jahre voraus und zeigt uns, wie Cole-Memorabilia aus dem Nachlass des Biografen verkauft werden und ein hübsches Sümmchen einbringen, da Coles Werke inzwischen verfilmt sind.
Spätestens hier wird uns klar, dass Coles Held Othan eine Referenz auf den Fantasy-Barbaren Conan ist.
Kapitel Vier führt uns auf eine Comicmesse, wo ein junger Fan an Coles Erbstücke kommt, die bereits durch weitere Hände gegangen sind.
In Kapitel Fünf muss der Fan seinen Kram auf einem Garagenflohmarkt verhökern, weil er von zu Hause auszieht und in Kapitel Sechs (auf der letzten Seite des Comics!) greift eine körperlose Hand nach dem Material und öffnet die Bananenkiste der Pandora.

„The End“. But issit really ever the end? Issit the hand of the King?
Tom King, unser Comic-Sandmännchen, öffnet uns seine Schatztruhe, führt uns an der Nase und zurück zum Anfang.
Nun, liebe Kinder, gebt fein Acht, ich hab euch etwas mitgebracht …
Wirklichkeit oder Fantasie? Am Ende zählt, dass uns eine Geschichte unterhalten hat. Alles ist Konstruktion: Ich und du, Müllers Kuh. Müllers Esel, das bist du.
Sei kein Esel!
King weiß: Nicht Fakten bestimmen ein Leben, definieren eine Persönlichkeit – sondern die Geschichten, die wir darum spinnen.
Autoren erfinden Welten. Autoren bringen sich um. Ihre Welten bleiben bestehen.
C. K. Cole (der ein Stand-in für den realen „Conan“-Erfinder Robert E. Howard ist), war ein armer Tropf, traumatisiert durch seinen Vater Barnabas.
Er bestritt sein Leben durch die Niederschrift von Fantasien, die er selbst erlebt und dann hinter sich gelassen hatte.
Helen wiederum ist traumatisiert durch ihren Vater C. K. und sucht bei ihrem Großvater die Fantasien ihres Vaters, um sich aus diesen ein Leben aufzubauen.
Die Fantasie heilt eine Realität, die wiederum von Fantasie zerstört wurde.
Könnse noch folgen, sind Sie noch da?!
(Ich hab gesagt, King löst bei mir Gedankenstürme aus.)

Es wird noch meta-wilder
Neben diesen verschiedenen Erzählrahmen befinden wir uns nie in direkter Handlung, sondern lauschen nur zweiterhand den Erinnerungen der Hausdame und Privatlehrerin Lilith Appleton, die von ihrer Zeit auf Wyndhorn berichtet.
Und wir, die wir dies alles nachvollziehen, sind natürlich Teil des Tom-King-Theaters, das uns Vorhang nach Vorhang aufzieht, um nächste Puzzlestücke des Rätsels um HELEN OF WYNDHORN zu offenbaren.
Wyndhorns mysteriöse Bewohner bleiben unerklärt, wir erfahren auch nicht, was aus ihnen wird. Wir haben nur die Zeugenaussagen von Miss Appleton. Die ist eindeutig von unserer Welt, aber wie glaubwürdig sind schon Zeugen?
Vielleicht gab es nie ein Schloss Wyndhorn, keine Familie Cole und keine Fantasywelt. Vielleicht ist diese Lilith Appleton in Wahrheit die Autorin von Othan dem Barbaren!
Jesses, ich dreh schon wieder am Rad. Schluss!
Warum lohnt sich die Lektüre (trotzdem)?
Na, wegen Zeichnerin Bilquis Evely. Die Brasilianerin übertrifft sich wieder selber und gestaltet ein traumhaftes Artwork, das Sie sicher schon bewundert haben.
Auch wenn Sie Kings Finessen (oder Marotten) nicht goutieren, so hat der Autor mit HELEN OF WYNDHORN ein Skript verfasst, das illustrative Freiheiten erlaubt.
Sein üblicher Panelraster-Fetischismus weicht oft genug Arrangements mit versetzten Bildern, abwechslungsreichem Layout sowie halb- und ganzseitigen Bildern.

Evely ist eine Zauberin, die die retronostalgische Ornamentalistik eines Alex Raymond mit moderner visueller Erzählkunst vermählt. Das kriegt sonst keine(r) hin!
Mir hat der Comic gefallen, Sie wissen weshalb.
Sollten Sie Interesse an weiteren King-Stoffen haben, können Sie diverse Analyse-Angebote von mir auf dieser Webseite klicken:
Zu den merkantilen Aspekten:
Die Miniserie war mehrfach Eisner-Award-nominiert (gewonnen bei „bestes Artwork“, „bestes Lettering“) und ein enormer Kritikererfolg in den USA.
Folgender Beitrag auf „comicsbeat.com“ stiftet den Bezug zum Groschenromanautor Robert E. Howard, dessen Freitod King zum HELEN-Stoff inspiriert hat.
Im Print liegt die Gesamtausgabe des Comics bereits seit Frühjahr 2025 vor, ich habe ihn erst jetzt gelesen, weil er nach Erscheinung zunächst ausverkauft war, dann lag er nicht immer oben auf meinem Lesestapel.
HELEN OF WYNDHORN liegt in einer 30-Dollar-Hardcoverausgabe im Heftformat vor, es gibt mittlerweile auch eine doppelt so teure, überformatige Deluxe-Edition.
Ich entdecke im Netz neben diesen englischsprachigen Veröffentlichungen auch französische, italienische, spanische und portugiesische Fassungen, aber keine deutsche.
Da rolle ich mal wieder mit den Augen …
Rollen Sie Ihre Augen doch hinüber zu Instagram, wo es ein Reel von mir zu sehen gibt (und auch ein Kätzchen durchs Bild hüpft!).