Kennen Sie das: Welcher Superheld ist stärker?
Batman oder Green Lantern? Spider-Man oder Captain America?
Was wäre, wenn Wolverine auf Superman träfe?!
Nichtige Spekulationen, an denen wir uns nicht beteiligen wollen.
Und doch lässt sich Autor Tom King mit seinem Zeichner Ryan Sook auf dieses Spiel ein – und er klärt den Sachverhalt bei einem Wettkampf in einem Boxring!
In dieser Miniserie tritt Black Canary gegen Lady Shiva an und ihr Battle wird als Mixed-Martial-Arts-Event rund um den Globus übertragen, und zwar aus einen Casino in Las Vegas, kommentiert von zwei Sportfritzen, über deren Gelaber sich der Comic auch lustig macht.

(Ich zeige Abbildungen aus der englischen Originalveröffentlichung, das Werk ist vor Kurzem auf Deutsch bei Panini erschienen.)
Zunächst aber brauchen wir ein wenig Comichistorie: Die DC-Figur Black Canary kennt zwei Inkarnationen – Mutter und Tochter (Dinah Drake und Dinah Lance).
DIE BESTE DER BESTEN präsentiert beide als Team. Die an Krebs erkrankte Mutter coacht ihre Tochter für den bevorstehenden Kampf und wir erleben in diesen Sequenzen ein erbarmungsloses Training.
In Regen und Kälte zwingt Dinah die Ältere ihre Heldinnentochter zu Ausdauertorturen, und das seit über 20 Jahren, wie uns die Dialoge vermitteln.
Erst geht es ohne Kaffee in die Meeresbrühe, dann bekommt Dinah die Jüngere erst noch Ballast hinterhergeworfen, dann ein dürres Lob, das nicht wirklich motivierend ist.



Mit Szenen wie der oben gezeigten vermittelt uns Autor Tom King auf griffige Weise, wie die Persönlichkeiten der Figuren beschaffen sind.
Okay, Dinah Lance trainiert für das Kampfspektakel, aber wieso hat sie überhaupt ihre Gegnerin herausgefordert?
Das erfahren wir in zwischengeschnittenen Rückblenden, in denen sich Dinah mit dem geheimnisvollen Vandal Savage trifft. Savage ist eine mythische Figur aus der DC-Steinzeit, ersonnen als 50.000 Jahre alter Cro-Magnon-Krieger, in dessen Blut heilende Substanzen zirkulieren, die ihm Unsterblichkeit garantieren und andere von Krankheiten befreien können.
(Währende ich dies niederschreibe, schlage ich mir mit der flachen Hand mehrfach vor die Stirn, so dämlich sind die Erfindungen der Comicindustrie. Egal! DIE BESTE DER BESTEN benutzt Savage als Vehikel, um die Handlung wie folgt zu transportieren.)
Die beiden schließen ein gegenseitiges Abkommen, streng vertraulich natürlich. Wenn Black Canary bis zur sechsten Runde durchhält und dann geplant zu Boden geht (und Savage solcherart eine erkleckliche Wettsumme ermöglicht), dann erhält sie ein Wunderserum, das ihre Mutter heilen wird!


Also verfolgen wir in der Rahmenhandlung den Wettkampf, der sich über sechs Runden erstreckt, wobei jede Runde ein Heft füllt.
Ich hatte mein Lebtag noch nicht von Lady Shiva gehört, ist aber auch eine Figur, die schon 50 Jahre Comicgeschichte auf dem Buckel hat.
Ihr Charakter stammt aus der 1970er-Jahre Serie RICHARD DRAGON, KUNG FU FIGHTER und wird als „erste Martial-Arts-Kämpferin von DC“ beschrieben.
(Ich vermute, dieser Comic war eine Gegenreaktion auf Marvels SHANG-CHI, MASTER OF KUNG FU, aber das recherchiere ich jetzt nicht, meine Stirn tut noch zu weh!)
Und diese Lady ist richtig gemein!


Frauenraufen-WM
BLACK CANARY: DIE BESTE DER BESTEN geht auf die Zwölf und schildert uns schonungslose Martial-Arts-Gewalt. Runde für Runde steckt Black Canary übel ein, aber damit verfolgt sie auch ihr Kalkül.
Sie hat sich schließlich monatelang auf das Gemetzel vorbereitet und stählern abgehärtet.
Zwischendrin erleben wir sie beim Training mit der (noch gesunden) Mutter, mit dem Boxschwergewichts-Weltmeister Ted Grant – und selbst Batman schaut im Trainingscamp vorbei, um der Kollegin vorbereitend beizustehen:


In weiteren Nebenrollen erleben wir auch den erwähnten „Ollie“ (Green Arrow) sowie eine vor dem Bildschirm mitfiebernde DC-Supermenschen-Community.
Staunen darf man über zwei Dinge: Wie explizit der Kampf gezeigt wird und wie unablässig das Gequatsche der Moderatoren das Geschehen (wie oben schon gesehen auch in Rückblenden) überlagert.
Mit dem durchlaufenden Kommentar bewerkstelligt der Comic das Kunststück, uns nicht aus dem Kampfgeschehen zu entlassen (auch wenn wir ganz woanders sind).
Der Kampf nämlich beginnt auf Seite 1 mit der Eröffnung der ersten Runde und endet auf der letzten Seite mit dummen Sportgelaber und dem generischen Fazit: „Yes indeed! The winner won!“ (womit ich geschickterweise nichts verrate), hihi.


Nix mit Superkräften
Tatsächlich verfügt Black Canary über eine Superkraft, die sie jedoch nicht anwenden darf. Mit ihrem speziellen „Canary Cry“ kann Dinah Lance eine akustische Schockwelle auslösen, die die Umgebung verwüstet.
Das bekommen wir kurz und einmalig demonstriert, um es erstens etabliert zu haben und zweitens Dinahs Willenskraft zu würdigen, diese rettende Fähigkeit nicht gehen Lady Shiva einzusetzen.


BLACK CANARY: DIE BESTE DER BESTEN ist somit zwar ein Superheldinnencomic, der allerdings auch auf das Super-Sein verzichtet.
Das gefällt mir gut, habe ich doch vor Kurzem über Superkräfte gelästert und einen Lektüre-Kanon gepostet, der hauptsächlich Supermenschen in anderen Kontexten porträtiert.
Super ist am spannendsten, wenn es nicht um super geht …
Das Artwork von Ryan Sook ist exquisit: Der kalifornische Zeichner liefert realistisch-schicke Bilder und variiert diesen Stil im Layout, wenn es zu Rückblenden kommt.
In dieser Flashback-Sequenz trainieren Mutter und Tochter ihre Kampfkünste gegen eine Straßengang. Die psychologischen Sticheleien werden selbst hier in den Textkästen unterschnitten durch den laufenden Kampfkommentar, der in der Gegenwart stattfindet:


Fazit: Man nehme eine Superheldin aus der zweiten Reihe, streiche ihre Superkraft, lasse sie ihre Mutter retten wollen, dazu einen Kuhhandel mit einem zwielichtigen Schurken eingehen, schicke ihr eine fiese Kontrahentin auf den Hals, hole kurz Batman herein, verarbeite das Ganze zu einem Sport-Event, bei dem sich starke Frauen einen wüsten Catfight liefern!
Ich finde es ja unheimlich, wie geschickt Autor King abgelegte Charaktere vom DC-Grabbeltisch fischt und ihnen ein sensationell frisches Leben einhaucht (siehe auch The Omega Men, Mister Miracle, Supergirl, Adam Strange, Human Target, Jenny Sparks).
BLACK CANARY: DIE BESTE DER BESTEN zeugt wieder einmal von Kings dramaturgischem Genie. 190 Seiten, die wunderbar rund laufen, abwechslungsreich inszeniert sind und das Drama der beiden Kanarienvögel perfekt ausleuchten.
Außerdem ist der Mann ein klasse Verwerter, der Recycling-King der Comics. :- )

Zum Schluss linke ich Ihnen die Webseite bei Panini, wo das Werk im Dezember 2025 auf Deutsch erschienen ist.
Diesmal übrigens geben Sie gleich viel Geld aus: Die US-Ausgabe erscheint im Hardcover für 30 Dollar, Panini verlangt 27 Euro für das Softcover (hat aber auch eine gebundene Fassung für 37 Euro im Programm).
Wie üblich steige ich mit dem Comic in den Ring und mache ein Reel daraus.