
Wir müssen mal über Nicole Claveloux reden bzw. ich möchte gerne.
Die mittlerweile 86-jährige Dame aus Saint-Étienne gehört zu den fünf Comicpionierinnen, die die Neunte Kunst in Frankreich mitgeprägt haben (und deren weitere Namen ich garantiert noch fallenlassen werde).
Alle fünf verfolgen ganz verschiedene Stile – und Claveloux ist die künstlerischste von ihnen, die ihre Werke mit einer Prise Salvador Dalí würzt und generell Schülerin des deutschen Grafikers Heinz Edelmann ist (Stichwort: „Yellow Submarine“, der Beatles-Zeichentrickfilm).
(Ich entschuldige mich vorab, dass ich mal wieder Comics vorstelle, die hierzulande kaum veröffentlicht sind, aber so bin ich drauf, sind ja nicht zum Spaß hier.)
1977 erscheint sie in „Métal Hurlant“ mit kauzigen Kurzgeschichten, die im Band LA MAIN VERTE ET AUTRES RÉCITS gesammelt werden – das ist auch ihr einziges Album, das auf Deutsch erscheint (Volksverlag 1981), schlicht betitelt NICOLE CLAVELOUX.


DIE GRÜNE HAND: Frau lebt mit sprechendem Vogel zusammen und holt sich sprechendes Grünzeug in die Bude. Während sie ihren „grünen Daumen“ erprobt, arbeitet der tückische Vogel mit fiesen Tricks gegen den neuen Mitbewohner.

Ihre versprengten Auftritte im Magazin „Schwermetall“ lohnen sich nicht zu sammeln, besorgen Sie sich bei Interesse gleich das erwähnte Mega-Album, antiquarisch kein Problem.
Wir reden hier von Jahren, in denen deutsche Zeichnerinnen wie Sarah Burrini, Olivia Vieweg, Josephine Mark, Frauke Berger, Tina Brenneisen oder Barbara Yelin noch nicht geboren sind oder keinen Stift halten können.
Darum sag ich Pionierin, Claveloux war verdammt früh dran.

Diese ikonische Seite von Claveloux präsentiert ihr Spiel mit Formen und Farben. Nicht zu vergessen die traumhafte Atmosphäre, die sie in fast alle Geschichten implementiert.
Der Fortgang der Erzählung ist weniger interessant als die Bilder, die dazu entworfen werden. DIE GRÜNE HAND ist ein Schweben von Ort zu Ort, eine Suche nach Ankern in einer fantastischen Umgebung.
Was Claveloux uns anbietet, sind bestenfalls Referenzen aus anderen Traumgeschichten, hier etwa „Der Zauberer von Oz“:

Von grünen Händen und trägen Ferien
DIE GRÜNE HAND ist wie das Folgealbum MORTE SAISON / TOTE SAISON eine Ansammlung skurriler Sequenzen, die nicht unbedingt leicht zu lesen sind.
Wie in Träumen baut sich keine zwingende Handlung auf, wir sind vielmehr Gefangene in halb-dadaistischen Impressionen.
TOTE SAISON schildert die Ankunft zweier Privatdetektivinnen in einem Ferienresort, die auf Wunsch der Hoteldirektorin das Verschwinden eines Gastes untersuchen sollen.

Erst einmal sind diese beiden Charaktere kurios: Dass es sich um Frauen handelt, wäre mir nicht aufgefallen.
„A“ schaut mit seiner Fluppe und dem Mantel aus wie eine Film-noir-Figur, „B“ bietet in seinem clownesken Aufzug den größtmöglichen Kontrast dazu.
Und „A“ kann sogar mit brennender Zigarette im Bett schlafen:


Die Hoteldirektorin ist eine nervöse Bohnenstange, die Gäste sind im Sand vergrabene oder an Tischen klebende Langeweiler.

Es passiert auch nicht wirklich was in TOTE SAISON: Ein trauriger Mann verschwindet, wird gesucht und taucht am Ende wieder auf.
Er hatte sich vom Hotel entfernt und wahrscheinlich deswegen sein Glück gefunden!
Das Album darf verstanden werden als Parodie auf die Uniformität und organisierte Eintönigkeit von Urlaubsangeboten.
Claveloux arbeitet nun in Schwarzweiß und holt mit nuancierter Schraffurtechnik kräftige Licht-und-Schatteneffekte heraus. Ihr Layout ist mal streng, mal turbulent – mit deutlichen Anleihen bei der Bildpoesie des Kollegen Moebius.

Kraut und sprechende Rüben
In späteren Arbeiten zieht die Künstlerin komischere Seiten auf und gestaltet den surrealen Kurzcomic VOM KLEINGEMÜSE, DAS TRÄUMTE, EIN PANTHER ZU WERDEN.
Ein rübenartiges Wesen quatscht uns seitenlang mit seinen Lebensweisheiten voll. Das Gemüse habe schon immer „hoch hinaus gewollt“, habe sich jedoch minderwertig und hässlich gefühlt, diesen Umstand zeitweise ignorieren können, sei dann wiederum am hochgesteckten Ziel resigniert, um schlussendlich „in wilden Träumen“ Hoffnung zu schöpfen.
Ich suche übrigens noch einen Wortwitz mit „Mansplaining“ zu diesem Comic: Krautsplaining? Gemüsplaining? Greensplaining vielleicht!
Aber schauen Sie, wie mühelos Claveloux dem Kleingemüse drei völlig verschiedene Ausdrücke verleiht: infantil im ersten, grimmig im zweiten, ängstlich im dritten Bild.

Die Frau kann inszenieren!
Übrigens ein Comic, der gute 45 Jahre später immer noch Gültigkeit besitzt und heute erscheinen könnte.
Her mit den alten Französinnen!
Und dies sind die anderen Vier der Famosen Fünf aus Frankreich:
Claire Bretécher ist die wahrscheinlich bekannteste von ihnen, weil sie beim mächtigen Rowohlt-Verlag unter Vertrag war und mit ihren Minicomics um DIE FRUSTRIERTEN zum Zeitgeist der späten Siebzigerjahre gehörte.
Eine Frühblüherin war ebenso Chantal Montellier, die wir bei uns exklusiv in den „Schwermetall“-Ausgaben der Mittachtzigerjahre erlebt haben.
Florence Cestac ist die Frau, die sich den „Großnasen-Stil“ zu Eigen machte, ist auf Deutsch aber nie angekommen (je ein Album bei Carlsen und Ehapa in den frühen Neunzigerjahren).
Last but not least die Frau, die die meisten konventionellen Comics gestaltet hat und die prominenteste der Gruppe sein dürfte: Annie Goetzinger ist die Künstlerin gefeierter Werke wie FELINA, DIE DIVA, DAS FRÄULEIN VON DER EHRENLEGION, EIN KLEID VON DIOR und der Retrokrimireihe DETEKTEI HARDY.
Now for something completely different in English, please
Zurück zu Claveloux: In der Geschichte NO FAMILY (mir liegt nur die englische Fassung vor) präsentiert uns die Künstlerin sieben ganzseitige Porträts einer Familie, in denen Textkästen erklären, welches Mitglied welches andere in welcher Reihenfolge um die Ecke gebracht hat.
Eine Erzählstimme berichtet von den Gräueltaten.

Sehr lustig, auch sehr schick.
Die Oma killt ihren Bruder George und verarbeitet ihn zum Bettvorleger, der Opa meuchelt hernach die Oma und stopft sie aus, dann macht der Vater dem Opa den Garaus und sortiert dessen Einzelteile in Einmachgläser, im Anschluss mordet die Mutter ihren Ehemann und bereitet ein üppiges Büffet aus ihm.
Der Bruder der Erzählerin geht der kleineren Schwester an den Kragen und ein Nachbar entsorgt den Bruder als Jagdtrophäe an der Wand.
Schließlich kommt raus: Wer hier erzählt, ist das Krabbelkind, das nun verwaist ist – und im letzten Bild ihre neue Pflegefamilie vergiftet!

Ich wähle zur Bebilderung den Vater und die Mutter, aus folgendem konkreten Grund. Claveloux illustriert beide Seiten mit Motiven, die mir gut aus Horrorcomics der 1950er-Jahre bekannt sind (und ich frage mich, ob sie die Vorbilder kannte, sie ist verblüffend nah dran, wie ich finde).
Die ganze Geschichte zeige ich im Reel auf Instagram.
Ehe es mich zu weit aus der Kurve trägt, ein letztes Beispiel.
Ich wähle kurze Sequenzen aus der episodisch veröffentlichten grafischen Novelle ICH LIEBE EINEN VOLKSWIRT.
Hierin verfolgen wir den Liebeskummer einer fortschrittlichen Französin, die sich bei Lektüre des Wirtschaftsteils der Zeitung in das Porträt eines kommunistischen Ökonomen aus Nordafrika verliebt.

Die Frau beginnt eine Korrespondenz mit dem Mann – und tatsächlich besucht sie der verehrte Bachir, verbringt eine Liebesnacht mit ihr, verlässt sie jedoch sogleich wieder.
Vom Titel der Geschichte losgehend, entrollt sich in ICH LIEBE EINEN VOLKSWIRT das äußerst banale Drama einer Sehnsucht, allerdings vor der Fallhöhe stiftenden Folie des Klassenkampfes, der Sichtbarkeit der „Dritten Welt“ und der Wertigkeit von Idealen generell.
Erst rebelliert das feministische Gewissen der Frau als Chor kämpferischer Amazonen; dann wird der Weihnachtsmann bedrängt, einen Bachir-Detektor zu liefern; dann wird ein scharlataniger Psychoanalytiker konsultiert; dann versucht ein Kommissar, das Gehirn der Frau zu waschen; dann kommt es zu einer Prügelei mit Don Quichotte, um zu entscheiden, wer von beiden unter den größeren Hirngespinsten leidet.
Am Ende vergällt die Frau dem eitlen Volkswirt sein Leben, indem sie ihm aus dem Weltraum einen Wind schickt, der ihm andauernd die Frisur ruiniert.

Dieser Comic ist in seiner Balance von Albernheit und Sinntiefe absolut einzigartig.
Und Nicole Claveloux gestaltet auch diese Arbeit mit liebevollem Detailreichtum und echt spinnerten Ideen.
Auf dieser manischen Seite, die sich zu studieren lohnt, ergießt sich alle Leidenschaft des Menschen in romantische Schwärmereien, garniert mit schrillen grafischen Marginalien:

Besuchen Sie gerne die Homepage der Künstlerin, auf der Sie viele interessante Bildwerke (Rubriken „Peintures“ und „Souvenirs“!) einsehen können (die Seite gilt aufgrund fehlender HTTPS-Verschlüsselung als „nicht sicher“, das habe ich aber ignoriert).
Wer im Print lesen möchte: Es gibt etliche Bücher auf Französisch, darunter auch viele Illustrationsarbeiten und Kinderbücher.
Ihr frühes Comicwerk MORTE SAISON ist weiter in einer Neuausgabe erhältlich und wie ihr Erstling gemeinsam mit der Autorin Edith Zha entstanden.
Zu empfehlen ist ihr Debüt LA MAIN VERTE (auch in erweiterter Fassung), wovon es eine englische Ausgabe gibt: THE GREEN HAND AND OTHER STORIES.

(Erschienen 2017 beim Verlag New York Review Books, der sich in seiner Comicsparte vergessener und ausländischer Werke annimmt.)
Im Geleitwort offenbart der Autor und Zeichner Daniel Clowes, lebenslang Fan der Clavelouxschen Visionen und Farben zu sein:
Ihr ausgeprägter Kosmos vibriere mit echten Emotionen und einer furchtlosen künstlerischen Selbstsicherheit.
(Und ich nutze willig die Gelegenheit, auf einen meiner eigenen Lieblingsartikel zu verlinken: NEUN PANELS VON DANIEL CLOWES. Klicken Sie, lesen Sie, es wird Ihr Leben bereichern.)
Clowes schließt seine Betrachtung mit einem kryptischen Lob. Es sei schwierig, über Claveloux‘ Oeuvre zu reden, weil es Gefühle wecke, die sich nicht ausdrücken oder erklären ließen. Das allerdings sei das höchste Lob, das er einer Künstlerin aussprechen könne.
Ich weiß nicht, welche Gefühle Ihnen bei der Ansicht der Bebilderung hochkommen, aber ich verstehe, was Clowes meint:
Ein paar Seiten von Claveloux reichen, um sie nie wieder zu vergessen.
Das ist doch was.
Die Künstlerin hat übrigens zu Protokoll gegeben, dass sie stets an traumartigen Geschichten interessiert gewesen sei, Winsor McCays LITTLE NEMO spricht des Öfteren aus ihren Seiten.

Ich empfehle den antiquarischen Volksverlag-Band NICOLE CLAVELOUX, der tatsächlich ihre drei frühen Alben LA MAIN VERTE (1978), MORTE SAISON (1979) und LE PETIT LÉGUME (1980) versammelt!
Das ist eine dicke Packung Claveloux, die erwähnte englische Ausgabe ist zwar besser gedruckt, bietet aber nur eine Kurzgeschichte mehr (und nicht MORTE SAISON!).
Ihr letztes Werk von 2024, CE SOIR C’EST CAUCHEMAR, habe ich dann doch liegenlassen, weil es sich um eine textlastige Ensemblegeschichte handelt, die ich der Anspielungen halber wahrscheinlich nicht verstehe (s. Leseprobe).
So, das ist jetzt doch ein historischer Abriss über erste Frauen im französischen Comic geworden, aber ich finde, wir sollten ihre Namen hochhalten.
Die hatten es in diesen Macho-Jahren nicht leicht, wo alle Männerwelt den Aufbruch in den „Erwachsenencomic“ als Freibrief für Misogynie und Schmuddelkram verstanden hat.
Diese Fünf haben mit Kunst, Eleganz und Einfallsreichtum dagegen gehalten. Werden sich keine Freunde gemacht haben.
Nachsatz zur Szene in Deutschland
Bei uns sind in diesen Jahren übrigens Marie Marcks und Franziska Becker bereits aktiv, aber inzwischen nahezu vergessen. Obwohl beide eigentlich Comiczeichnerinnen sind, werden sie als „Karikaturistin“ und „Cartoonistin“ geführt, das spiegelt noch die abwertende Haltung zu Comics vor der Jahrtausendwende.