Romeo schwängert Julia, das Paar bekommt ein Mädchen namens Hazel. Da ihre Familien bekanntlich verfeindet sind, gehen die drei auf eine abenteuerliche Reise und begegnen Gespenstern, Söldnern, Künstlern und sprechenden Tieren.
Der Shakespeare der Comicwelt ist ein US-Amerikaner namens Brian K. Vaughan und sein opus magnum SAGA (übrigens unvollendet) war der heißeste Scheiß der letzten Jahre.
Sein Romeo heißt Marko und ist ein pazifistischer Ex-Soldat mit Widderhörnern. Seine geliebte Julia heißt Alana, war ebenfalls Soldatin und trägt zierliche Insektenflügel auf dem Rücken. Das gemeinsame Kind Hazel hat Bockshörner und weist noch dazu ein Doppelpaar Rabenflügel auf.
Die Hörner und die Flügel markieren die Clans (in SAGA zwei verschiedene Planeten, die sich im Krieg befinden). Das Mädchen Hazel vereint in sich die beiden Merkmale und ist sinnfällige Allegorie für eine Ganzheitlichkeit.
(Nebenbei geben die vielfältigen Ausprägungen von Flügeln und Hörnern der Zeichnerin Fiona Staples Gelegenheit für eine kreativ-diverse Gestaltung ihrer fantastischen Figuren.)
Die verfeindeten Parteien können die Existenz Hazels weder gutheißen noch hinnehmen, ist sie doch fleischgewordener Beweis, dass eine Symbiose und damit auch Frieden möglich ist.
Man schickt der flüchtigen Familie Auftragsmörder hinterher, die Vater, Mutter und Kind beseitigen sollen, damit sie nicht zum Symbol (bzw. überhaupt wahrgenommen und dank ihrer Prominenz unantastbar) werden.
Dieser dauerhafte, allgegenwärtige Krieg, der das gesamten SAGA-Universum in Bann hält, ist mein einziger plottechnischer Kritikpunkt an diesem Werk: Das ist eine billige Folie, um das Gefahren-Level aufrecht zu erhalten. Und keineswegs glaubhaft, wenn Sie mich fragen.
Ein hochentwickeltes Universum verstrickt sich in einen allesverzehrenden Konflikt? Pfffttt!
Da lachen ja die Robothühner!
Aber Brian K. Vaughan ist in SAGA unser Märchenonkel, und in dieser Funktion darf er alles. Tut er auch. SAGA ist eine kosmische Seifenoper, die nicht durch Handlungslogik überzeugt, sondern durch ihre kuriosen Wesen und lebhaften Figuren.
Die Kernseifenoper
SAGA ist radikal, macht keine Gefangenen, erlaubt sich zwar Sentiment, aber stets im Kontrast zu Brutalität – sprich: Unberechenbarkeit des Lebens.
Shit will happen and it happens.
SAGA geht auch dahin, wo es weh tut. SAGA lässt Figuren über die Klinge springen, auch liebgewonnene (und vermeintlich handlungsrelevante).
Das aber scheint Vaughans Verständnis von Storytelling zu sein: never feel safe.
Hat er früher schon so gehandhabt: In Y THE LAST MAN killt er gegen Ende eine Hauptfigur, was seinerzeit viele Leserinnen und Leser bös schockiert haben soll.
Ich werde nichts spoilern, bringe aber ein Beispiel aus den allerersten Heften (SAGA hat bislang 54 davon produziert). Die Kopfgeldjägerin The Stalk kommt sehr früh und schnell um (nach nur vier kurzen Szenen), erschossen von Prince Robot IV, mit seinem Kanonen-Arm.
(In der folgenden Szene jedoch hat sie erst mal ihr Entree).
The Stalk geht tot?!
Da hab ich aufgeschrien, denn diese Figur ist das Coolste, was ich in Jahrzehnten fantastischer Comics gesehen habe! Superschade! Unfassbare Verschwendung!
Ihr Kollege und Liebhaber The Will (ein ganz normaler menschlicher Söldnertyp, bläh) dagegen bleibt der Serie als rachesuchende Hauptfigur erhalten.
So kann’s gehen bei Brian K. Vaughan!
Und natürlich dürfen wir an dieser Stelle ein Loblied auf die Zeichnerin singen:
Fiona Staples kreiert ihre Wesen mit einer lakonischen Selbstverständlichkeit, die ihrergleichen sucht. Physikalisch unmögliche und absurd skurrile Schöpfungen wirft Staples unverschämt locker aufs Papier.
Und vertun Sie sich nicht: Was auf den ersten Blick nicht allzu elaboriert aussieht, ist eine raffinierte Abstimmung zwischen Reduktion und punktgenauer Detailtreue.
Jeder Bildausschnitt, jede Kameraperspektive, jede Körperhaltung, jede Linie in den Gesichtern der Figuren ist perfekt auf den Effekt komponiert.
Wie diese entgleisenden Gesichter beim Zusammentreffen von Alana mit Markos Familie (die nichts von ihr ahnte):
Aufmarsch der Figuren
Aber stellen wir ein paar der Player vor:
Marko: aufopferungsvoller Vater und zärtlicher Partner. Der noble „leading man“, der Soldat war und nun keine Gewalt mehr einsetzen will. Das wird ihm nicht immer gelingen. Sein Ringen um die Legitimierung zerstörerischer Akte ist sein Leitmotiv, bringt ihn in immer wieder in Nöte und Schwierigkeiten.
Alana: die taffe Ex-Soldatin und kämpferische Mutter. Weiß was sie will und lebt ihr eigenes Leben, wenn es sein muss. Wie in den Monaten, wo sie als Schauspielerin arbeitet und Partner und Tochter durchbringt.
Hazel: Das Kind von Alana und Marko wächst fast in Serien-Echtzeit auf, lernt laufen, sprechen, gewinnt und verliert Freunde, erwirbt magische Fähigkeiten – und kommentiert SAGA als Erzählerstimme. (Letzteres immerhin ein Trost dahingehend, dass diese Figur offenbar bis zum Ende am Leben bleiben wird.)
Izabel: Der Geist eines von einer Landmine zerrissenen Mädchens manifestiert sich als schwebender Torso (und wird Hazels Babysitterin).
Prince Robot IV: Thronerbe seines Planeten und adliger Vertreter von Wesen mit Menschenkörpern und Bildschirmköpfen. Zunächst auf Marko und Alana angesetzt, wird er später zum Verbündeten. Zeugt einen Sohn namens Squire (kleiner Rundmonitor), sein mächtiger Vater regiert mit einem superbreiten Flachbildschirm (auf seinen Schultern natürlich).
Die Kopfgeldjäger tragen alle seltsame Markennamen wie „The Will“, „The Stalk“, „The March“, „The Letter“ und „The Brand“. Ihre Gewerkschaft stellt ihnen ein Arsenal magischer Waffen, noch dazu haben sie alle einen tierischen Sidekick mit Extrafähigkeiten.
Lying Cat ist die prominenteste Sidekick-Figur, die Begleiterin von The Will. Eine haarlose Riesenkatze, die als Lügendetektor fungiert und das Wort „Lying!“ ausspricht, wenn jemand eine Lüge tut. (Übrigens so populär, dass es nur von ihr SAGA-Merchandise in Form von Puppen gibt!)
Oswald Heist: ein Schriftsteller mit brauner Haut und Zyklopenauge. Verbreitet Groschenromane in der Galaxis, die sich als pazifistische Pamphlete lesen lassen. Seine Werke haben Marko und Alana zusammengebracht.
Gwendolyn: die von Marko verlassene Braut, die ein Hühnchen mit ihrem Ex-Lover rupfen möchte und sich dafür auf einen ungeheuerlichen Deal mit ihren Feinden einlässt.
Weiter zu erwähnen wären Markos Eltern, die SAGA eine Weile lang wunderbar begleiten. Mama Sun, die Geschäftsführerin des Bordellplaneten Sextillion.
Special Agent Gale, der nicht nur dank seiner Fledermausflügel wie ein Vampir wirkt.
Die befreite Kinderprostituierte Sophie, die sich The Will anschließt und seine Schülerin werden möchte.
Der rachsüchtige Robotarbeiter Dengo (hat nur einen Schwarzweiß-Schirm) macht Prince Robot IV übel zu schaffen.
Das bucklige Pflanzenwesen Yuma, das Schauspieler mit Drogen versorgt.
Die fledermausartige Ginny, die fast eine Affäre mit Marko anfängt.
Die Erdmännchen vom Kometen Phang.
Der kämpferische Seehund Ghüs und sein gemütliches Walross Friendo.
Das schwule Journalistenpärchen Upsher und Doff, das in Hazel eine Enthüllungsstory sieht (auf ihrer Jagd nach dem Coup ziehen sie allerdings weitere Verfolger an).
Ianthe, noch eine Figur, die den Tod eines geliebten Menschen rächen will, sozusagen der fleischgewordene Kollateralschaden.
Petrichor: Ein gehörnter Hermaphrodit, wilder Krieger und einfallsreicher Liebhaber.
An dieser Stelle sei gesagt, dass SAGA eine genderfluide Strategie der größtmöglichen Diversität verfolgt: Figuren sind hetero, homo, bi, alles Mögliche, sie haben auch explizit Sex (wie man ihn so noch nicht im Mainstream-Comic gesehen hat). Die Wesenheiten in SAGA sind bunt, fantastisch, sie unterhalten querbeet Beziehungen, ohne dass dies in irgendeiner Weise gewertet würde.
Jedoch klingt auch Kritik an homophoben Gesellschafen an: Der Planet mit der „grünen Sprache“, von dem Upsher und Doff stammen, verurteilt Homosexualität.
Ein Tatbestand, der übrigens noch als Hebel und Druckmittel gegen ihren Redakteur benutzt werden wird.
Auch erwähnt sei das faszinierende Raumschiff (organisch und nachwachsend), das Marko und Alana als Basis benutzen. Der explodierende Planet, aus dem ein Weltraumbaby schlüpft. Das Hollywood-Pendant „The Circuit“, eine Traumfabrik der Seifenoper-Illusionen, die ihr Publikum mit interaktiven Episoden beliefert (Alana arbeitet eine Weile dort).
Nicht nur die Personalfülle bei SAGA ist enorm, auch die Ausgestaltung dieses Universums kennt keine Grenzen (oder Tabus).
Gerne allerdings lässt Vaughan die dramaturgischen Zügel schleifen und erlaubt sich aus heiterem Himmel Exkurse mit Nebenfiguren. Ghüs und Squire gehen im Wald jagen, Upsher und Doff sind auf Recherche unterwegs, Hazel und Kurti spielen in den Ruinen von Phang, Markos Mutter betreut Hazel in der Schule, The Will nimmt Sophie wie eine Tochter auf …
All diese Nebenstränge ließen sich problemlos streichen, denn sie tragen nichts zur Haupthandlung bei. Dennoch vertiefen sie natürlich die Figurenzeichnung und machen SAGA zu einer Welt der Zwischentöne, in der – hochtrabend ausgedrückt – alles Leben seinen Wert hat, alle Charaktere ihre Existenzberechtigung haben, ja, jede Figur auch außerhalb der Haupthandlung weiter vorhanden ist.
Man kann das prätentiös finden oder auch redselig, schwafelsüchtig, geschwätzig. Der Grat kann durchaus ein schmaler sein, hier aber kann ich es verknusen. Denn – und das ist noch ein Spezifikum von SAGA – man fliegt durch diese Hefte, die einen brillanten Erzählfluss haben, und fühlt sich nicht nur unterhalten, sondern ist auch so versunken in diese Welt, dass man kaum mitbekommt, welch haarsträubenden Begebenheiten hier aufgetischt werden.
Erst beim späteren, nochmaligen Durchblättern der SAGA-Saga lacht man verblüfft auf, was einem auf dieser Reise en passant begegnet ist: ein Krokodil als Butler, ein Zentauren-Cowboy, ein seepferdchen-artiger Agenturchef, ein nackter Riese mit Hängehoden, eine Gruppe von Hexen mit verdrehten Köpfen, eine Feldmaus als Feldarzt, ein lebendiger Knochenfriedhof, ein halluzinogener Planet, ein vierarmiger Schauspiel-Kraftprotz, ein masturbierender Drache, ein Schlangenmensch mit Hypnosezauber, eine Heuschrecke als Lehrerin, ein sprechender Pilz als Archivar, ein Hühnchen als Doktor, ein Werwolf als Hebamme, ein Regenbogen-Zebra – sowie ein symbiontischer Kriegs-Ofen (fragen Sie nicht).
Und das alles hat man geschluckt? Wahnsinn!
Applaus, Applaus, Applaus für Brian K. Vaughan und Fiona Staples!
Halbzeit oder Endzeit?
54 Hefte sind von SAGA im Zeitraum von 2012 bis 2018 erschienen, dann ging die Serie in ein Sabbatjahr. 2019 verkündete Vaughan großspurig, dass man erst bei der Hälfte angelangt sei und der zweite Lauf der Serie nochmals 54 Hefte beinhalten werde.
Dieser Neustart verzögerte sich um zwei Jahre, weil Zeichnerin Staples Mutter von Zwillingen wurde und der Autor mit Fernseharbeiten und dem Comic SPECTATORS beschäftigt war, dann lief die Chose wieder.
Die Serie scheint jedoch mit Heft Nr. 72 erneut in ein Sabbatjahr getreten zu sein, herrgottnochmal (s. Webseite beim Verlag Image Comics). Und Autor Vaughan verkündet vollmundig, damit sei man bei zwei Dritteln des Laufs angelangt.
Ich bin wahrscheinlich Opa, ehe ich das Finale erlebe (wenn irgendwer von uns das noch tut, grunz).
Immerhin liegt der letzte Schwung seit wenigen Wochen als englisches Hardcover-„Book Four“ vor. Das zeige ich im aktuellen Reel.
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Die jüngsten Entwicklungen
Reden wir über den Inhalt der letzten 18 Ausgaben. Tatsächlich setzt die Handlung (genau wie die Arbeit des Kreativteams) drei Jahre später wieder ein.
Ich möchte nichts spoilern, daher nur ein paar generelle Auskünfte: Hauptfigur Hazel ist ein Teenager, der Rockmusik entdeckt (sehr lustig) und weiter inkognito durch die Galaxie tingelt.
Nach wie vor ist ihre Existenz höheren Mächten ein Dorn im Auge. Nun wird Special Agent Gale losgeschickt, um sie zu beseitigen. Diese Figur bekommt nun mehr Raum (und ich bemerke erst jetzt, dass garantiert eine John-Constantine-Hommage in ihr steckt).

Hazel und Squire werden Zeuge einer Band-Prügelei: Selbst in der Zukunft herrschen die immergleichen Reibereien unter Musikern!

Wie immer in SAGA verlassen Figuren die Serie (was ein Schock sein kann) und es treten neue hinzu: Der Schmuggler Skipper, Alanas Geschäftspartner Bombazine, die Rockband, die Schwarzhändlerin Vitch, der Zirkusdirektor Whist, Countess Robot X als neue Playerin aus dem Robot Kingdom – und mit Emesis erhalten wir eine neue Spinnenfrau!
Die Handung verlagert sich zeitweise auf einen „Fliegenden Zirkus“, allerdings nicht den von Monty Python, sondern ein in ein Weltraumzelt, in dem Alana eine Truppe Clowns in Schach halten muss.
Die Show parodiert den ewigen Krieg zwischen den Planeten Wreath und Landfall (zwischen den Gehörnten und den Geflügelten), aber manche Darsteller nehmen ihre Rolle zu ernst.


Man kann sich fragen, was solch eine Szene in einem seriösen Fantasy-Stoff zu suchen hat. Wer so denkt, verkennt die Intention des Werks.
Gerade solche Szenen sind der Motor des Ganzen: Vaughan und Staples präsentieren uns abseitiges Zeug am laufenden Band.
Am laufenden Band, aber abseitig
Die vermeintliche Willkürlichkeit des Gesamtkonzepts („Was zeigen die mir da?!“) offenbart emotionale Tiefe wie auch Banalitäten und schafft eigenwillige Charaktere, die fernab vom Mainstream funktionieren.
Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Der Spaß liegt im Lesefluss.
Man muss sich von SAGA treiben lassen, die Sprechblasen wie in einem Whirlpool an sich heraufperlen lassen und darauf vertrauen, dass die Geschichte interessante Aspekte und neue Horizonte offenbart.
Das mag phasenweise zur Geduldsprobe werden, aber ich habe mich von Book Four überraschen lassen und die Lektüre nicht bereut.

Spinnenfrau Emesis und Hazel werden Freundinnen.

Die Kritiken zum Fortgang der Serie sind gemischt, in gewisser Weise aber auch bedeutungslos. Ein Werk, das auf 108 Ausgaben angelegt bleibt und sich über einen Zeitraum von 20 Jahren oder mehr erstrecken wird, lässt sich mittendrin schwer bewerten.
(In gewisser Weise entzieht sich SAGA jeder Kritik; wer von uns bleibt über diesen Zeitraum dieselbe Person?; dieser Comic ist lebensbegleitende Lektüre wie eine Soap Opera; eine über den Tag hinaus gültige Bewertung erlangen wir nur, wenn wir alle 108 Hefte am Stück lesen, was 2.700 Seiten Comic oder 20 Regalzentimetern entspricht; viel Erfolg dabei.)
Zusammengefasst:
Die 72 Hefte sind in zwölf Tradepaperbacks erschienen sowie in vierDeluxe-Hardcoverbänden (meine Wahl), sogar in einem fetten Compendiumband (1.328 Seiten!, das könnte ein Comicrekord sein).
Auf Deutsch liegt SAGA bei CrossCult vor (in neun Hardcover-Alben).
Auf Instagram blättere ich in den ersten Band hinein (und sage noch was Freches über Brian K. Vaughan).
- Anmerkung 2026: Dieser sechs Jahre alte Beitrag erfolgt als überarbeiteter Re-Post, da ich momentan familiär eingespannt bin und die Gelegenheit nutze, hübsche Texte nochmals frisch zu präsentieren.












