Es war einmal in der Arktis:  GRÖNLAND-ODYSSEE

Ich bin mit diesem dicken Comicbuch zunächst nicht richtig „warm“ geworden.
Aber kann man überhaupt „warm“ werden mit Geschichten aus Nordostgrönland?!

Denn das ist der exklusive Schauplatz dieser 14 eigenartigen Erzählungen über eine Handvoll Jäger, Trapper und Fallensteller. Oder sind es vielmehr Räuberpistolen? Schwänke aus dem ewigen Eis? Frostklirrende Klamotten?

Ich mag die GRÖNLAND-ODYSSEE vom avant-Verlag weder kategorisieren noch werten. Ich habe den Verdacht, dass dieser Comic jede Leserin und jeden Leser auf ganz persönliche Weise anspricht und mitnimmt.
Er ist umwerfend schön gezeichnet (dazu später) – was bei einem solchen Projekt entscheidend ist –, doch was erzählerisch geschieht, ist erst mal bodenlos banal.

Zwei Trapper in einer Hütte im Winter, der eine ist depressiv. Ein Trapper in einer Hütte im Winter, er hält sich einen Hahn als Haustier. Ein Trapper besucht einen anderen Trapper (im Winter). Zwei Trapper in einer Hütte im Winter erzählen sich was.
Warum zum gefriergetrockneten Teufel soll mich das interessieren?!

In meinem Kopf begann ich bereits, analoge Konzepte zu entwerfen: Zwei Teepflücker in China in einer Hütte im Sommer, ein dritter bringt einen Kontrabass mit…

Doch dann geschah es: Es hat tatsächlich „Klick“ gemacht, als ich ins Kapitel 5 kam. Ein Außenseiter landet mit dem Versorgungsschiff in Ostgrönland. Der merkwürdige Herr Joenson ist gekleidet wie ein Geck aus der Stadt und schlägt aus seinem Aufenthalt Kapital, indem er die Jäger und Fallensteller tätowiert.
Ein Fremder also, der jedoch genau wie die Trapper den Winter zum Erwerb nutzt: Die einen sammeln Felle, der andere verkauft Körperschmuck.

Zugleich natürlich stiftet diese Figur (endlich!) Identifikation für uns Leser. Mit ihm bekommen wir die Kompanie der Käuze vorgestellt und begreifen, welch spezielles Leben diese Männer in der arktischen Einsamkeit führen. Welche Gesetzmäßigkeiten gelten, welche Versponnenheiten sich ausprägen.

Kein Wunder, dass Herbert so an seinem Hahn hängt. Kein Wunder, dass Anton der Polarkoller trifft und ein Gespräch zwischen Trappern eine diffizile Angelegenheit sein kann, was den jeweiligen Redeanteil betrifft.
Es entfaltet sich der sonderbare Kosmos skurriler Charaktere: der trunksüchtige Valfred, der grüblerische Mads Madsen, der missmutige Lodvig, der aufbrausende Fjordur, der sanfte Anton und der wählerische Lause.

Diese Legende samt Figuren aus dem Frontispiz der GRÖNLAND-ODYSSEE gibt einen guten Überblick über die Lage.

 

Und dann rutscht die Chose: Im nächsten Kapitel will ein herrischer Leutnant aus Dänemark die verschworene Gemeinschaf der Fallensteller auf Trab bringen, hat sich darin natürlich schwer geschnitten und wird in einer Gletscherspalte handzahm dressiert.

Ein Trapper stirbt und es kommt zu einem fürchterlichen Besäufnis anlässlich seiner Beerdigung.
Lause und Siverts liefern sich ein erbittertes Duell darum, wer das schönere Klohäuschen baut.
Ein lebendiges Schwein in der Hütte sorgt für tödlichen Streit zwischen Niels und Halvor.
Der junge Anton hat ein Erweckungserlebnis in der arktischen Einöde.
Ein Jäger wird von einem Eisbären belagert.
Valfred und Hansen geraten auf einen Eisberg und driften einen Monat lang in der See.

All das hat mir Spaß gemacht, wird doch die GRÖNLAND-ODYSSEE in einem lakonischen Ton präsentiert (Skript von Gwen de Bonneval nach Erzählungen von Jørn Riel).

Der Link zu Wikipedia klärt auch eine Frage, die ich mir während der Lektüre stellte:
Wann spielen diese Begebenheiten? Das könnte 1980 sein – aber auch 1880. Wahrscheinlich befinden wir uns in der Zeit zwischen den Weltkriegen, genauere Angaben finden sich nicht.

Doch zurück zum Comic: Ein feiner, unaufdringlicher Humor weht durch die Seiten der GRÖNLAND-ODYSSEE, zu größten Teilen Hervé Tanquerelle geschuldet. Damit kommen wir mal zum Zeichner, einem enorm begabten und vielseitigen Franzosen aus Nantes.

Ich finde es göttlich, wie Tanquerelle hier den Semifunny mit Stilismen der Graphic Novel fusioniert: Malerische Aquarelltechnik trifft auf klassisch-frankobelgischen Comicstrich.

Das ist kreativ, griffig, augenschmeichelnd, niemals langweilig – und damit hat der Mann 360 Seiten gefüllt!

Vielen Comicfans scheint es so zu gehen, dass sie instinktiv von Tanquerelles Bildern in Bann geschlagen werden. Mir jedenfalls ging es augenblicklich so: Das Sujet hatte mich nicht die Bohne interessiert, aber dieses Artwork übt einen Zauber aus, der diese teils sperrigen, ereignislosen Episoden in lesenswerte Comics transferiert.

Schaunse nochmal hier, zufällig herausgegriffene Eröffnungsseite von Kapitel 10:

Ist dieser Niels nicht eine herrliche Type?!
Wie er in Bild 1 am Boden vor dem Schweinchen kauert, in der nächsten Sequenz mit dem Gewicht des Tieres ringt, um am Ende der Seite leicht ratlos auf seinen Liebling herabzuschauen? (Und das Schwein schaut drollig zu ihm hinauf?)
Herzig!
Doch genau diese sechs Bilder etablieren auf geniale Weise den Auftakt zu einer Horrorgeschichte, denn die Liebe zum Schwein (seitens Niels) wird für Spannungen mit seinem Hüttengefährten Halvor sorgen – und schauen Sie nochmal zurück ins erste Bild: Halvor ist der hagere Mensch, der skeptisch mit in die Hüften gestemmten Händen auf die Szene blickt.

Tanquerelle fängt die Stimmung, ach was, er setzt die Stimmung, er bestimmt die Stimmung mit traumwandlerischer Sicherheit. Dieser Franzose könnte ein bös unterschätzter Comickünstler sein, von dem ich mir mehr Werke besorgen sollte …

Das Dilemma mit Emma

 

Zu sprechen kommen möchte ich noch auf zwei Geschichten, in denen es um Emma geht. Emma, die „eisige Jungfrau“ („La vierge froide“, so der Originaltitel der GRÖNLAND-ODYSSEE im Französischen, die dort übrigens zwischen 2009 und 2013 in drei Alben erschienen ist).

Die Sache mit Emma ist so abgehoben-fantastisch, dass ich sie in meinem Kopf nicht zusammenkriege. Diese Trapper sehen jahrelang keine Frau. Hocken in ihren Hütten und träumen von weiblichen Wesen. Die Rede ist nie von Masturbation, sondern von Hirngespinsten, die erschreckend real werden.
Auf einem einsamen Hüttenabend erfindet nämlich Mads Madsen im Gespräch mit William eine „Emma“ aus Dänemark.

William verliebt sich in die Unbekannte, macht sich ein Bild von ihr und verbringt fortan seine Tage mit dem Phantom. Es plagt ihn jedoch ein schlechtes Gewissen, weil Emma ja Mads „gehört“. Er kommt zu dem Entschluss, Mads sein „Anrecht“ auf Emma abzukaufen.

Tatsächlich verkauft Mads seinem Kollegen William seine Geister-Emma für eine Flinte und 20 Schachteln Patronen! William ist glücklich, doch nach wenigen Wochen schleicht sich Routine ein – und William verschachert Emma an den nächsten Trapper!
So entsteht ein reger Tauschhandel die gesamte Küste entlang; Emma wandert von Hand zu Hand, wechselt je nach „Besitzer“ auch ihre Gestalt und ihr Temperament.

Hier erwischt mich die GRÖNLAND-ODYSSEE in einem narrativen Dilemma:
Glaub ich das noch? Eine eisige Jungfrau als märchenhafter „Wanderpokal“ machohafter Typen?
Oder verscheißern mich diese Nepper, Schlepper, Fallensteller mit dieser Anekdote? Haben sie mir schon die ganze Zeit einen Eisbären aufgebunden? Mich nach Strich und Faden auf einer Eisscholle verschaukelt?

Arktisches Jägerlatein?

Könnte sein. Betreiben diese Trapper wirklich imaginären Frauenhandel oder hocken sie in Wahrheit doch bloß onanierend hinterm Ofen? Wer weiß!
(Will man natürlich nicht wissen! Ew!)

Sie sehen: Da ist sie wieder! Diese mythische Aura, die diesem Comic innewohnt.
Die GRÖNLAND-ODYSSEE ist ein modernes Sagenbuch. Kommt plausibel und faktisch daher (Jäger in der Arktis, na klar), entpuppt sich jedoch als Krisenexperiment in Sachen Glaubwürdigkeit.
Ich habe keinen Schimmer, ob irgendwas an diesen Erzählungen wahr ist – oder alles erstunken und erlogen. Und diesen kitzligen Zweifel habe ich bei einer Comiclektüre lange nicht verspürt, wenn überhaupt jemals zuvor.

Fragwürdig bleibt mir die Reihenfolge der 14 Kapitel, aber wahrscheinlich liegt im unkonventionell-spröden Beginn der GRÖNLAND-ODYSSEE auch ihr Reiz:
Dieser Comic will erschlossen werden. Er ist so eigenbrötlerisch wie seine Figuren und lässt einen erst hinein, wenn man nicht einen vollen Winter, aber doch einige Kapitel in dieser Welt durchlebt hat.

Auf Instagram blättere ich wie üblich durch das Werk:

Und zum Stichwort „Dilemma mit Emma“ noch ein persönlicher Spaß: Frank Zappas Song „Big Leg Emma“ (einfach, weil ich es kann).

 

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