Ein Traum von Comic: WASSERSCHLANGEN

Vielleicht hassen Sie diesen Comic schon beim Aufschlagen – oder Sie sind fasziniert davon: Diese dürren Mädchenfiguren mit den Ballonköpfen, Stupsnäschen und weit abstehenden Äuglein! Oha!

Ich glaube, das Artwork von Tony Sandoval verlangt uns eine Momentsentscheidung ab: pro oder contra. Mich fasziniert es, weil es alles andere als simpel ist, dazu später mehr.

Ich habe aber volles Verständnis für spontane Ablehnung, ich offenbare zwei persönliche Aversionen:
Ich kann den Klassiker THE BOYS nicht lesen, weil mich die struppigen Zeichnungen von Darick Robertson in die Flucht schlagen. Und ich kann den gefeierten Horrorcomic LOCKE & KEY nicht lesen, weil ich bei Ansicht der kulleräugigen Figuren von Gabriel Rodriguez einen Koller kriege!

Also: Ich weiß, wie essenziell der Look eines Comics sein kann.
Deshalb zeige ich gleich zwei typische Seiten aus WASSERSCHLANGEN und Sie entscheiden, ob Sie danach weiterlesen möchten.

Und? Noch an Bord?
Das sind Mila (die Schwarzhaarige) und Agnes (die Blonde), die beiden Protagonistinnen dieses Werks. Sie lernen sich bei einem Badeausflug kennen und freunden sich an. Die temperamentvolle Agnes unternimmt Streiche mit ihrer neuen Freundin Mila, sie lachen zusammen, sie besuchen sich gegenseitig.
Dann behauptet Agnes, ein Gespenst zu sein, denn mit fünf Jahren sei sie erkrankt und gestorben – weil sie einen Baby-Tintenfisch verschluckt habe! Mila lacht und Agnes erbricht aus heiterem Himmel den Tintenfisch, der nun ausgewachsen ist und zurück ins Meer will!

Klingt fantastisch und an den Haaren herbeigezogen, doch mit diesem Ereignis geht WASSERSCHLANGEN in den nächsten Akt seiner Handlung:

Die entsetzte Mila nimmt erst einmal Abstand, doch bald zieht es sie zurück zur unheimlichen Agnes. Wer hat schon eine kesse Geisterfreundin?! Hat Mila womöglich selber eine magische Seele, die beider Schicksale miteinander verknüpft?

Also beginnt der letzte Akt, die Rückführung des Krakenkönigs ins Meer und die Konfrontation mit Mächten der Finsternis, die dies verhindern wollen. Mila und Agnes stürzen sich in eine bombastische, überraschend blutige Schlacht – in der Agnes ihre perlweißen Zähne als Walküren in den Kampf schickt.
Die Ritterrinnen der Zahngesundheit werfen sich in ihre Rüstungen:

Einfach traumhaft

 

Dieser Comic hat die Anmutung eines psychedelischen Jugendbuchs. Was darin passiert, ist so jenseitig, dass es mich aus den Socken haut.
Ein Geistermädchen erbricht einen Kraken und kann aus ihren Zähnen eine Armee aufstellen?!
Oft gesagt, hier stimme ich zu: Dieser Comic ist wie ein langer, wirrer Traum. Er eröffnet mit einer traumartigen Sequenz und spült uns weiter von Szene zu Szene: Mal glauben wir, uns in realweltlichen Bezügen verankern zu können, dann wiederum bricht etwas Fantastisches durch diese Fassade und wir sinken zurück in unwirklichere Regionen der Lektüre.

Dieser Lesefluss ist zwar nicht verstehbar, aber er funktioniert, weil die Kraft der Bilder uns niemals aus ihrem Bann entlässt.

Ich liebe die WASSERSCHLANGEN, weil sie mir Konzepte präsentieren, die mir völlig neu sind. Mag an der mexikanischen Herkunft des Zeichners (und Autoren) Tony Sandoval liegen – der Magische Realismus lässt grüßen.

Ich mag auch Sandovals Illustrationen, die eigentlich weit vom konventionellen Comic entfernt sind. Sandoval ist ILLUSTRATOR, mal großgeschrieben, der zwar eine Neun-Panel-Seite bedienen kann, viel lieber aber reduziert auf drei bis fünf Panels arbeitet – und immer wieder seine Layouts aufreißt mit halb- und ganzseitigen Kunstbildern.

WASSERSCHLANGEN ist übrigens das Deutschland-Debüt für Tony Sandoval, von dem sein Verlag CrossCult schon jetzt mehr verspricht! Es gibt wenig Infos zum Künstler selbst, wer mag, spähe auf seinen Blog im Internet.

Ich möchte noch ein paar Ausführungen zum Stil Sandovals machen – von wegen „Kraft der Bilder“. Wenn man den Look grundsätzlich verknusen kann (s.o.), wird man reich belohnt mit einer Vielfalt von grafischen Raffinessen.

Sandoval variiert seinen Normstil durch anders gezeichnete Einschübe: einmal einen Zeitsprung in den  Herbst hinein, der in Bleistift-Tusche-Optik illustriert ist, einmal eine Rückblende in Aquarelltechnik ohne harte Outlines.
Sein Normstil an sich ist schon ein Gesamtkunstwerk aus Zeichnung und Malerei.

Auch ist Sandovals Motivauswahl auf interessante Weise unberechenbar: Neben normalen Dialogpassagen der Figuren finden sich plötzlich ganze Seiten mit märchenhaften Illustrationen; stumme Passagen, die an Trickfilm erinnern; eingestreute Miniaturen; auch mal vier Panels, auf denen ulkige Fischlein am Meeresboden gründeln.

Ein Schlachtengemälde aus dem Finale, der Zahn am Bildrand markiert (wahrscheinlich), wie die Kriegerin in Wirklichkeit aussieht … übrigens eine weitere grafische Spielerei von Sandoval, die er zwischendurch erlaubt.

 

Was machst du mit mir, Schlangenmann?

 

Ich möchte noch drei wilde Assoziationen stiften, die der Künstler in mir auslöst.
Erstens fühle ich mich an die Comics von Daniel Hulet erinnert, vor allem, wenn es grotesk wird. Mag aber auch die Farbgebung sein, die generelle Zeichentechnik wie auch die surrealistische Atmosphäre.

Zweitens gibt es Anklänge, wenn auch schwache, an den bahnbrechenden Comic JENSEITS, der niedliche Figuren präsentiert, die dann grausame Dinge durchleben.

Drittens, jetzt kommt das Dollste, ein Flashback in meine spätere Jugend: Es wimmelten da allgengewärtig die süßlichen, widerlich biederen Illustrationen einer Künstlerin namens Sarah Kay.

Dahinter verbarg sich eine australische Grußkartenzeichnerin, die sich in eine Reihe mit Diddl-Mäusen und den kitschigen Posterbildern einer Rosina Wachtmeister stellen darf. Es gab jede Menge Leute, die mochten all das! Würg!

Ich war erleichtert, in WASSERSCHLANGEN solche ballonköpfigen, stupsnäsigen Mädchen mit weit auseinanderstehenden Äuglein mal in anderen Zusammenhängen zu erleben. Danke für die Ent-Traumatisierung, Señor Sandoval!

Auch bin ich der Meinung, dass Tony Sandoval einen hintergründigen Humor transportiert. Dazu nur ein Panel, das mich einfach verzaubert:

Das Teenie-Girl Mila hat sich aufs Bett geworfen und vergräbt ihr Gesicht ins Kissen. In seiner Körperverzerrung ein unendlich komisches Bild (wie Humpty Dumpty mit Perücke im Osternest); außerdem kommt es mir vor wie die Parodie auf 70 Jahre Romance-Comics (vor allem die der 1950er-Jahre), die in jedem Heft eine schluchzende Frau auf ihrer Bettstatt präsentierten.

Aus BRIDE’S SECRETS Nr. 2 vom Mai 1954.

 

Aber da sind wir wieder bei den Assoziationen, die Sandoval in mir triggert.

Prinzipiell kann ich diese dürren Mädchenfiguren mit den Ballonköpfen, Stupsnäschen und weit abstehenden Äuglein auch komisch lesen: Die Köpfe sind verzerrt, die Nasen wie bei Säufern gerötet und die Augen wie Murmeln ins Gesicht gesteckt.

Keine Kritik?

 

Machen wir ein schnelles Pro und Contra zu WASSERSCHLANGEN:
Hätte eine Frau diesen Comic geschrieben und/oder gezeichnet, hätte dieser Stoff unter Garantie mehr Tiefgang. Ich denke an das Verhältnis zwischen Mila und Agnes, das genauer ausgelotet und vielleicht mit der Resthandlung in Zusammenhang gebracht worden  wäre.

Sandoval deutet im ersten Drittel romantische Gefühle an, es kommt sogar zu einem innigen Kuss, der jedoch mit einem „Spinnst du?“ – „Das war surreal“ abgetan und vergessen wird.

Der Beginn einer Beziehung oder bloß Sandovals Spielerei?

 

Man kann diesem Comic Oberflächlichkeit vorwerfen und behaupten, er dominiere das Leseinteresse durch seinen puren Look: Die Magie der WASSERSCHLANGEN ist die Magie der Bilder, der Arrangements, der Farben. Die Handlung sei nur skurril-willkürliches Beiwerk und letztlich ohne Belang.

Ich kann dem nicht widersprechen, aber ich gestehe: Sandoval kriegt mich auf jeder Seite mit seiner sehr speziellen Bilderkunst, die sich nie ausruht auf Mustern oder Standards, die vielleicht selbstverliebt ist, aber auch mit voller Berechtigung: Immer wieder zaubert dieser Mexikaner mit Licht und Komposition, serviert mir neue grafische Wunder – garniert mit absurden Marginalien (auf Seite 104, wo Körper im Kampf zerrissen werden, hüpft absolut kontextlos mitten auf der Seite ein putziges Vögelchen durchs Bild).

WASSERSCHLANGEN ist ein belangloser Comic, aber nie kam Belanglosigkeit so kunstvoll daher.

Link zur Verlagsseite bei CrossCult HIER, dort auch Leseprobe der ersten zehn Seiten einsehbar (Button befindet sich rechts oben wie ein Lesezeichen am Titelbild).

Ich schlängele mich aber auch auf Instagram durch die Seiten:

 

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