Tschüss, Willi: DER KAISER IM EXIL

Jan B. ist groß und Tillmanncourth ist sein Prophet, halt: Exeget.
Dies ist der dritte Comic von Jan Bachmann und die dritte Analyse, die ihm auf dieser Webseite widerfährt. Auslegungs-Weltrekord.

Aber was will ich machen? Ich habe intuitiv zu diesem Künstler gefunden („Kauf dir den Mühsam-Comic“, flüsterte 2018 eine Stimme in meinem Kopf) und erweise ihm seither treu die Gefolgschaft – denn die Auswahl seiner Stoffe ist so „narrisch“ wie die grafische Umsetzung (dieser bayerische Begriff trifft es am besten).
Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, was dieser Vogel ausgräbt und wie er es illustriert.

Jan Bachmanns Steinbruch und Goldmine sind vergessene Themen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Debüt MÜHSAM, ANARCHIST IN ANFÜHRUNGZEICHEN (in denen er sechs ereignislose Wochen im Leben Erich Mühsams beschreibt, ca. 1910) widmete sich der Schweizer Comiczeichner in DER BERG DER NACKTEN WAHRHEITEN einer verrückten Künstlerclique auf dem Monte Veritá, ca. 1900.
Jetzt präsentiert uns Bachmann den deutschen Kaiser Wilhelm II. im ersten Jahr seines Exils in den Niederlanden, ca. 1920.

Was uns das heute interessieren soll? Keine Ahnung!
Ist auch wurscht, denn Bachmann zieht mich sofort mit einer geheimnisvollen ersten Seite ins Geschehen:

Eine Vignette oben links zeigt eine Frauenfigur, die Erzählerin, daneben ihr getragener erster Satz: Die munkelige Märchenstimmung in Grün-Blau-Rosa-Schwarz zeigt fünf menschliche Figuren sowie drei geisterartig schwebende Figuren um diese herum gruppiert.
Obacht: Nur diese Naturgeister schauen uns an, nehmen Kontakt auf, während die Herren in menschlisch-vergänglicher Mission dem Kaiser die Abdankungs-Urkunde vorlegen werden.
(Wie es weitergeht, offenbart mein „Blätter-Clip“, zu finden am Ende des Beitrags.)

Ich bitte um Verzeihung, dass ich so schnell mit einer Interpretation ins Haus falle, aber unerklärliches (und unerklärtes) Phänomen bleibt die auf fast allen Seiten belebt inszenierte Natur.
Auf 35 seiner 145 Seiten (habbich nachgezählt) zeigt uns Bachmann nichts außer Bäumen – stumme, bunte Seiten, auf denen wir Baumstämme mit rudimentären Gesichtern erblicken. Mal in strohigem Sommergelb aufleuchtend, mal in majestätischem Blau im Schnee träumend. So kontrastiert Bachmann den Monarchen mit der Umwelt, der er an den Kragen geht.

Wichtig ist als nächstes ein Bild mit Kaiser und Bäumen, denn der exilierte Wilhelm II. hat ein besonderes Verhältnis zur Natur, nämlich ein zerstörerisches:

Die langgezogene weiße Gestalt in der Mitte ist der axtschwingende Kaiser, vor ihm ein Hackklotz. Diese Darstellung evoziert sowohl die Tätigkeit des Henkers, der ein unglückliches Opfer auf dem Richtblock vor sich hat, also auch die Tätigkeit des Priesters: die rituelle Haltung, das schneeweiße Gewand mit dem Kreuzmotiv, der heilige Ernst der Lage. Und tatsächlich war diesem Manne das Holzhacken zum Lebensinhalt geworden (wie auch der Text andeutet).

Mehr Handlung dürfen Sie von diesem Comic übrigens nicht erwarten. Der abgedankte Monarch geht für ein vorläufiges Jahr ins Exil nach Amerongen (danach siedelte er in den Raum Utrecht um) und dreht dort Däumchen. Die Holzwirtschaft scheint ihm Ventil und Tagesprogramm gewesen zu sein.

Hier noch eine Seite, in der Bachmann den Kontrast zelebriert. Oben ein Moment aus guten Tagen: Der noch amtierende Kaiser bückt sich vor dramatisch blauschwarzen Wolken nach einem münzenartigen Gegenstand.
Unten steht er verloren in der Natur und wirft gelangweilt einen Stein in den See (ist das womöglich der Gegenstand, den er oben aufgehoben hat?). Die knallig rot eingefärbte Landschaft lässt ihn beinah verschwinden und enthebt ihn jeder Bedeutung. Wieder erscheint die Natur übermächtig.

Der Mensch verschwindet in der Natur, das ist nichts Neues. Aber wenn der Mensch ein Kaiser ist, steigt automatisch die Fallhöhe. Und wenn wir dazu noch die huldvollen Tagebuchnotizen seines Adjutanten und seiner Frau in die Geschichte montieren, setzen wir noch ein Stockwerk drauf …

Das war und ist Bachmanns Humorprinzip: Er sucht sich antiquierte Berichte, die für ihn zeitlose Aussagen über den Menschen und sein Streben beinhalten, inszeniert diese in seinem unwahrscheinlichen und surrealistischen Strich, koloriert alles in maximal kontrastierenden Farben – und  lässt seine Leser*innen dann einen Sinn draus machen.

Fertig ist sein kurioses und famoses Comictheater! Ein Theater, das uns eine interpretatorische Leistung abverlangt. Find ich völlig in Ordnung, ist aber nicht für jede/n was. In seiner künstlichen Ausgestelltheit erfüllt Bachmann die These vom „Comic als Theater auf Papier“.

Die Sache mit dem Vogel

 

Ein prominentes Beispiel für Bachmanns schräge Regieeinfälle ist der Vogel. Haben Sie den Vogel bemerkt? Scrollen Sie nochmal ein Stück zurück, zum letzten Bild oben, der Steinwurf in den See. Der Kaiser bückt sich nach dem Gegenstand – und balanciert dabei einen Vogel auf dem Kopf.

Ein schönerer Beleg ist diese expressive Seite. Wilhelm hantiert mit einem Federkiel und entwirft Essays. In drei (nicht konkret voneinander abgetrennten) Panels hockt wieder dieser Vogel auf des Kaisers Schädel.

Doch, doch, das ist keine seltsame Mütze und auch kein verquerer Haarschmuck – das ist ein Vogel, ein lebendiger! Ich habe mich selber mehrere Seiten gegen die Erkenntnis gewehrt, es ist jedoch so.
Künstlerische Freiheit hat einen Namen: Jan Bachmann.

Wer hat hier nen Vogel? Wilhelm Zwo!

Was will uns der Künstler mitteilen: Der Kaiser hat einen Vogel?!
Diese Deutung greift mir zu kurz und ist zu plump.

Bachmann verpasst dem Kaiser in der Tat einen Vogel, der Grund dafür liegt jedoch im Auftreten von Wilhelm II. selbst (s. Abb.); der Monarch nämlich trägt auf vielen Fotos und Porträts einen stilisierten Mini-Adler auffem Kopp!

Wahrscheinlich ein Symbol seines Preußentums, jedenfalls wirkt es heute schrecklich albern.

Das greift Bachmann auf und wandelt das absurde Insignium in ein symbiontisches Lebewesen, das auf dem Kopf des Kaisers residiert (beachten Sie im letzten Bild, dass der süße Vogel sogar die drei Gesichtsausdrücke seines „Herrchens“ spiegelt!).

Im Grunde verniedlicht Bachmann seinen Regenten, indem er ihn dieses „Haustier“ an die Seite gibt. Wilhelm scheint ja vogelfreundlich zu sein, holzt jedoch radikal den Wald ab (es sollen dokumentiert 11.000 Bäume allein in Amerongen gewesen sein).
Ein Widerspruch? In der paradoxen Ausprägung, dass Wilhelm seinem Vogel den Lebensraum zerstört? Mag das wiederum eine Allegorie auf Wilhelms Politik darstellen?
Auf den Gestus des Menschen der Natur gegenüber? Auf unser aller Alltagswidersprüche? Grün wählen, aber nen SUV fahren, Männeken?!

(„Guten Tag, Interpretations-Notruf hier. Was?! Neuer Bachmann-Comic ist draußen?  Ich hole die Kollegen aus dem Urlaub. Hm, hm, oha. Tillmann Courth dreht auch schon ab? Gut, ich spiele eine bunte Seite zur Ablenkung auf die Webseite.“)

Beruhigende Bäume. Bitte tief ein- und ausatmen.

 

DER KAISER IM EXIL wartet natürlich mit mehr auf als nur virtuellen Baumumarmungen und einem Ex-Kaiser, der gerne Holz hackt. Wir erleben Wilhelm im Umgang mit seinen Bediensteten, bei seinen Spekulationen über die Weltpolitik und in seiner Ehe mit Kaiserin Auguste Viktoria.

Von dieser heißt es, der Umsturz und das Exil hätten ihr Herz gebrochen, sie sei schlagartig gealtert. Tatsächlich verstirbt Auguste im Alter von 63 Jahren, kurz nach den Ereignissen in diesem Comic.
Bachmann porträtiert die Dame konsequent als mumienhaftes Gespenst. Das ist irgendwie gemein, wenn man bedenkt, wie sanft er mit Wilhelm umgeht. Es ist aber auch lustig und rein grafisch die Form der herben Überzeichnung, wie sie sich bei allen Figuren findet.

Das Antlitz der Kaiserin bzw. Ex-Kaiserin scheint nur aus Augenringen zu bestehen …

 

Warum DER KAISER IM EXIL? Gegenfrage: warum nicht?!

Die Diskussion um deutschen Kolonialismus scheint mir noch zu frisch, um hier einen Ausschlag gegeben zu haben. Auch dass ein Schweizer sich um das Gerangel mit dem Erbe der Hohenzollern oder das Berliner Schloss schert, scheint mir unwahrscheinlich … aber wer weiß?
Gewisse Anbindungen wären also herstellbar, andererseits ist Bachmanns Zugriff erneut so eigenwillig, dass der Verdacht verfliegt.

Was soll nun dieser Comic?
Was er soll, kann ich nicht recht sagen, aber was er mir gibt, das weiß ich.
Ein Lese-Abenteuer, wie es mir nur Jan Bachmann bieten kann: originell, poetisch, skurril, hintergründig kritisch, aber in erster Linie menschenfreundlich.
Dieser Schweizer nimmt seine Charaktere, wie sie sind: keine Teufel, keine Engel, nur ins Leben geworfene und an ihren Lebensumständen geformte Kreaturen.

Wir sind alle Teil der Natur – und Bäume sind auch bloß Menschen.

Zum Schluss setzte ich noch den Link auf das Werk beim Verlag Edition Moderne und bette mein Blättervideo ein.

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