Vive le féminisme: SIMONE DE BEAUVOIR

Hab ich nur gelesen, weil es von Julia Bernhard illustriert ist.
Womit ich nicht sagen möchte, dass mich die Titelfigur nicht interessiert, im Gegenteil. Man darf sich wundern, dass es (fast) keine Comicliteratur zu Simone de Beauvoir, der europäischen Feministin schlechthin, gibt.

Ich bin bloß kein Freund von konventionell erzählten Biografien. Aber SIMONE DE BEAUVOIR ist zum Glück nicht komplett konventionell – und das liegt auch an Julia Bernhard.

Autorin des Comics ist Julia Korbik, Beauvoir-Expertin, die bereits (ebenfalls bei Rowohlt) ein Buch über die französische Schriftstellerin veröffentlicht hat. Das trug den programmatischen Titel „Oh, Simone! Warum wir Beauvoir wiederentdecken sollten“.
Was also lag näher, als das Thema mit einer Graphic Novel in anderer Form erneut anzugehen und hoffentlich weiteres Publikum zu gewinnen.

Korbik hat eng mit Bernhard zusammengearbeitet und beide bringen ihre spezifische Kreativität ein. Korbik zimmert ein chronologisches Gerüst, erlaubt sich jedoch große Auslassungen (z.B. Beavoirs Unternehmungen im Zweiten Weltkrieg, auf Kuba und in  Algerien) und wählt in Schlusskapitel 4 ein dramatisches Finale mit über 30 Seiten um die französische Abtreibungsdebatte von 1970-74.

Des Weiteren rahmt Korbik die Handlung in den Besuch der Beauvoir-Biografin Deirdre Bair, mit der wir der Hauptfigur fünf Jahre vor deren Lebensende begegnen:

Beauvoir tritt als leicht schrullige alte Dame im Morgenmantel auf, eine schöne Charakterisierung – die gleich zu Beginn deutlich macht, dass dieser Frau die Konventionen der Gesellschaft egal sind.

Um die es sodann auf den folgenden Seiten geht, nämlich mit einem Ritt durch Beauvoirs Jugend in den frühen 1920er-Jahren. Der patriarchale Vater (der seine Ehefrau bei Kindern und Haushalt versauern lässt und sich selber einen flotten Lenz macht) weckt ihren Widerspruchsgeist.
Die junge Simone begehrt auf und formuliert früh das Verlangen, ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen zu wollen, am liebsten als Schriftstellerin.

Doch zunächst muss die junge Dame die Schule abschließen und ein Lehramtsstudium beginnen. Beauvoir erwirbt sich als strebsame Diskutantin und Freigeist den Spitznamen „Castor“ (Biber), auch weil sie die anregende Gesellschaft Gleichgesinnter sucht. 

Mit 21 wird Beauvoir im Jahre 1929 als jüngste Absolventin Frankreichs zum Studium zugelassen, in der Zulassungsprüfung übrigens liegt sie Kopf an Kopf mit Jean-Paul Sartre – dem Mann ihres Lebens, der auf Seite 80 seinen Einstand in den Comic gibt:

Achten Sie hier schon mal auf Julia Bernhards Gestaltungskunst der Szene (wir kommen später darauf zurück): Drei Personen in einem Raum, sie tauschen Dialoge aus, doch der Raum bekommt genauso viel Platz eingeräumt wie seine Bewohner.
Bernhard inszeniert diese Studentenbude mit Büchern und Kunst an den Wänden, mit vollen Aschenbechern und tropfenden Wasserhähnen, dazu am Boden verstreute Wäsche sowie Speisereste.

Das gehört eigentlich nicht rein in eine Beauvoir-Biografie, zudem es frei erfunden sein dürfte. Doch diese Requisiten transportieren eine Stimmung, die die sprechenden Figuren in einen Kontext setzt. Da ist ein Flair von Bohème, da wird auf Augenhöhe diskutiert und wieder wird auf die Konventionen gepfiffen, nämlich die der Häuslichkeit und Sauberkeit.

Sartre und Beauvoir werden ein Liebespaar und zeigen das auch öffentlich (was ebenfalls nicht dem Zeitgeist entsprach). Hier die komödiantisch angelegte Sequenz, in der Simones Eltern entsetzt auf Sartre reagieren, der Beauvoir zu einem Picknick ausgeführt hatte.

Nun aber zu Julia Bernhard, die ich seit ihrem Debüt WIE GUT DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN verehre. Bernhard ist nicht nur eine Meisterin der klaren Linie, sondern auch des hintergründigen Humors – der sich in ihren Arrangements niederschlägt.

Ich erklär’s.

Betrachten Sie die folgenden zwei Seiten. Simone und Jean-Paul gehen ihren „Liebespakt“ ein, der eine offene Beziehung beinhaltet. Sartre scheint hier der federführende Part zu sein; Beauvoir reagiert zögerlich und gibt einen Vertrauensvorschuss.
(Und ich kann nicht anders, als mir zu denken, dass Bernhard in der Drei-Bild-Folge mit der Taube einen Kommentar auf diese Abmachung gibt!)

Auch lässt die Hundenärrin Bernhard immer wieder Hunde (und weitere Tiere) durch den Comic tollen. Auch das gehört nicht rein in eine Beauvoir-Biografie, aber es schafft Auflockerung und sympathische Schauwerte.

Mit Freude habe ich wahrgenommen, dass sich im Buch auch Sequenzen finden, die (wie in WIE GUT DASS WIR DARÜBER GESPROCHEN HABEN) eigenständiges Hintergrundgeschehen abbilden – so etwa die Reaktionen der Zuschauer in einer Theateraufführung, der Simone beiwohnt, oder Passantinnen auf der Straße, die Neckereien in ihrer Clique, das lebhafte Treiben in einer Kneipe. Damit wird kein bisschen Handlung vorangebracht, im Gegenteil, aber es sorgt für Kolorit und verhindert, dass sich Gravität, Moralhaftigkeit und Humorlosigkeit in dieses feministische Projekt schleichen.

SIMONE DE BEAUVOIR – ICH MÖCHTE VOM LEBEN ALLES ist dank seiner Zeichnerin keine spröde Biografie der sprechenden Köpfe geworden. Ausdrücklich gelobt sei aber auch Autorin Korbik, die im Verlauf der Arbeit allen Beziehungstratsch und -Knatsch zwischen Beauvoir und Sartre ausblendet, sondern den Mann in den verdienten Hintergrund rückt und auf die Beziehungen der Hauptfigur fokussiert: So erleben wir eine lesbische Begegnung sowie die amerikanische Affäre mit dem Schriftsteller Nelson Algren.

Vier Fäuste für eine Haltungsfrage

Nach dem Krieg ist Beauvoir anerkannte Schriftstellerin und gehört mit Sartre zur Pariser Prominenz. Gemeinsam treten sie auf und fungieren als Galionsfiguren des philosophischen Existenzialismus. Frecherweise wird dem Manne die Führungsrolle zugeschrieben und seine „schöne Freundin“ als „la grande Sartreuse“ zum Beiwerk erklärt.

Ein schöner Kniff von Korbik und Bernhard ist folgender Anachronismus. Dieser Comic erlaubt sich einen Meta-Kommentar, indem er eine Studentin aus der Zukunft ins Jahr 1946 eintauchen lässt. Zugleich macht die Szene klar, dass Beauvoir den Weg für all diese Frauen geebnet hat!

Und bevor es ins bereits erwähnte Finale geht, illustrieren die Macherinnen dieser Graphic Novel noch die Bedeutung von Beauvoirs Weltbestseller „Das andere Geschlecht“, das 1949 in Frankreich herauskam und in den 1950er-Jahren rund um den Globus Wellen schlug.

Dieser Urknall des Feminismus ist gültig bis heute, deshalb sehen wir Zitate daraus Frauen von heute in den Mund gelegt:

Der Comic kulminiert in der französischen Abtreibungsdebatte von 1970-74. Im sogenannten „Manifest der 343“ bekennen teils prominente Frauen in der Wochenzeitschrift „Le Nouvel Observateur“ im April 1971, abgetrieben zu haben – und fordern eine Legalisierung der verbotenen Praxis. (Eine Aktion, die Alice Schwarzer nur Wochen später ins deutsche Magazin „Stern“ transportiert.)

In folgenden Prozessen gegen Frauen, die abgetrieben haben, kommt es zu großer öffentlicher Beteiligung. Die Anwältin Gisèle Halimi rekrutiert Unterstützung durch prominente Fürsprecherinnen, darunter auch Beauvoir.
Als die Angeklagte überraschend freigesprochen wird, unterläuft der Comic geschickt unsere Erwartungen, denn Beauvoir reagiert auf spezielle Weise:

Halimi aber bleibt am Ball und nutzt die Folgeprozesse gegen die Helferinnen von Chevalier, um weitere Eskalation in Sachen Publicity einzufädeln. Im französischen Parlament wird Abtreibung im November 1974 schließlich für straffrei erklärt.
Erst jetzt lässt Simone daheim die Korken knallen …

SIMONE DE BEAUVOIR – ICH MÖCHTE VOM LEBEN ALLES  ist ein überfälliger Biografiecomic. Er ist klug konzipiert, unterhaltsam inszeniert und macht neugierig auf seine Hauptfigur.

In Frankreich gab es 2016 eine Comicbiografie mit dem Titel SIMONE DE BEAUVOIR, UNE JEUNE FILLE QUI DÉRANGE. Sonst nichts mehr. (Es gibt sogar mehr Comics über die Anwältin Gisèle Halimi.)

Angeblich erscheint im Herbst bei uns (im Unrast-Verlag) noch SIMONE DE BEAUVOIR: EINE ILLUSTRIERTE BIOGRAFIE von Lisa Neubauer. (Letztere ist Trickfilm-Animatorin in Berlin und nicht mit der bekannten Klimaaktivistin Luisa Neubauer zu verwechseln.)

Das ist doch schön – und ich hoffe inständig, dass das bereits vorliegende Werk seinen Weg nach Frankreich macht. Die können’s da auch gebrauchen.

Ich linke noch die Verlagsseite bei Rowohlt (die dortige Leseprobe lädt extrem langsam bzw. gar nicht), lieber stifte ich einen kurzen Blätter-Eindruck:

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