Trickfilmtipp: MEGAMIND

Es beginnt wie bei Superman: Ein Baby wird von seinen Eltern in eine Raumkapsel gesteckt und ins All geschossen, während der Planet in ein schwarzes Loch gesogen wird. Doch ist das Kleinkind garantiert nicht jener Kal-El vom Planeten Krypton, denn er hat blaue Haut und einen alienförmigen Superschädel. Es wird im Folgenden „Megamind“ heißen.

Zeitgleich startet vom Nachbarplaneten (der ebenfalls ins schwarze Loch gesogen wird) eine andere Raumkapsel mit einem anderen Baby an Bord: Das aber ist ein rosiger Wonneproppen mit schwarzer Stirnlocke und damit sehr viel mehr Superman. Es wird im Folgenden „Metro Man“ heißen.

Eine Menge Strumpfhosen im Bild, wenn sich der Cast formiert: Metro Man, Minion, Megamind, Roxanne, Hal/Titan.

 

Der Clou in der Exposition von MEGAMIND besteht darin, dass die Rivalität von Megamind und Metro Man schon in den Kinderschuhen angelegt ist: Metro Mans Rakete rammt auf der Flugbahn zur Erde die von Megamind, was diesem eine unsanfte Landung in ärmlichen Verhältnissen beschert – während Metro Man mit dem sprichwörtlichen „silbernen Löffel im Mund“ auf die Erde kommt und ein privilegiertes Leben führen kann.

Nächster Spaß: In der Schule glänzt Metro Man mit Superleistungen, während Megamind seiner sichtbar fremden Herkunft wegen zum Außenseiter gestempelt wird. Die Gegnerschaft der beiden „Aliens“ (manche sind mehr Alien als andere) setzt sich also weiter fort, bis zur Berufsfindung sozusagen:
Metro Man wird Metrocitys strahlender Held, Megamind beschließt, Politiker zu werden …. Quark, Superschurke zu werden und Metro Man immer wieder herauszufordern.

Ich muss Metro Mans Ähnlichkeit mit Superman nicht weiter herausarbeiten, Sie haben es längst geschnallt. Metro Man hat ein Cape, er hat gute Laune, er gewinnt immer (und „Metrocity“ ist ein deutlicher Fingerzeig auf „Metropolis“, die Wirkungsstätte von Superman).

Ob die Figur des Megamind Anleihen bei Supermanschurken wie Lex Luthor oder Brainiac macht, kann ich Ihnen nicht sagen – ich bin kein bisschen Superman-affin und kenne diese Gegner kaum.
Jedenfalls ist Megamind für Metro Man das, was der Joker für Batman ist (in dessen heiteren Phasen): ein unverdrossener Störenfried, größenwahnsinnig und leicht verrückt, kreativ und originell.

Beide Figuren hängen seit Jahren in ihren Rollen fest und wiederholen stupide ihre Muster: Megamind schmiedet einen Plan zur Vernichtung Metro Mans, Metro Man vereitelt jeden Angriff kaltlächelnd.
Zankapfel zwischen den beiden ist die hübsche Reporterin Roxanne Ritchi (ein Alter Ego von Lois Lane), die gerne mal entführt wird oder in Not gerät und aus dieser gerettet wird. Ihr Begleiter ist die vierte Figur aus MEGAMIND, der aufdringliche Kameramann Hal, der auf ein Rendezvous mit Roxanne hinarbeitet (aber genauso kläglich scheitert wie Megamind an Metro Man).

Jetzt schauen wir uns aber mal den Trailer auf YouTube an.

Zum Ende präsentiert dieser Clip fast eine komplette Szene: Roxy ist von Megamind gefangengenommen worden. Der traktiert sie mit teuflischen Gerätschaften, doch die taffe Reporterin straft seine Versuche als „abgedroschen“, „geschmacklos“ und „billig“ ab.
Dann kommt die Spinne! Den Charakter von Roxy beschreibt nichts besser, als was sie mit der Bedrohung durch die Spinne anfängt!

So stark und cool ist die Frauenfigur in MEGAMIND, dennoch wird sie vom Held wie auch vom Schurken als Spielball benutzt, wenig ernst genommen und kann sich der klassischen Rolle der „damsel in distress“ kaum entziehen.
Als sie in Gefangenschaft von Megamind ist, ruft ihr Metro Man per Funk zu: „Don’t panic, Roxy, I am coming for you!“ – „I’m not panicking“, ist ihre sachliche Replik, denn sie kennt das Spiel und ist dessen müde, aber so verlangt es das Klischee vom Supermenschen-Drama zwischen Gut und Böse.

Spiel mir das Lied vom Klischee

 

Das Großartige an MEGAMIND ist, dass dieser hübsche Zeichentrickfilm darauf fokussiert, eben all diese Superklischees zu hinterfragen und zu brechen!
Denn es geschieht das Unerwartete: Megamind gewinnt sein nächstes Duell mit Metro Man!

Metrocity gehört nun tatsächlich ihm (und seinem ulkigen Gehilfen „Minion“, einem sprechenden Fisch in einem Roboteranzug). Zunächst sind beide aus dem Häuschen und rauben die Stadt aus und feiern sich selber. Dann kehrt Ernüchterung ein: Ohne Metro Man fehlt Megamind die Daseinsberechtigung!

Der findige Superschurke aber weiß Abhilfe: Er klont sich aus einer DNA-Probe Metro Mans einen neuen Supermenschen. Durch einen Unfall werden die Superkräfte jedoch Hal injiziert, dem nichtsnutzigen Kameramann. Der wandelt sich daraufhin in den neuen Superhelden „Titan“ und wird von Megamind für seinen Job trainiert und vorbereitet.

Nach einem harten Stück Arbeit (Titan erweist sich als relativ dämlich) präsentiert sich Megamind ihm als Nemesis, die es zu bekämpfen gelte. Titan jedoch durchkreuzt Megaminds Pläne, das hat Megamind ja eigentlich auch gewollt, allerdings durchkreuzt er sie anders als erwartet:
Titan nämlich schwingt sich zum neuen Tyrannen über Metrocity auf – und wird zum Superschurken.

Dem perplexen Megamind bleibt nichts anderes mehr übrig, als sich zum Retter der Stadt zu wandeln und damit zum Superhelden. Und ist ein Superheld nichts anderes als ein Superschurke unter umgekehrten Vorzeichen?!

The Good, the Bad and the Undead

 

MEGAMIND ist komplexer als das, was ich gerade niedergeschrieben habe. Der Film beinhaltet noch Verwandlungen, Tarnungen, Verwechslungen, Täuschungen – sowie als Kern eine Liebesromanze mit Roxanne zwischen allen Fronten.

Ich bitte Sie, mir zu vertrauen, dass das Werk einige wunderbare Überraschungen bereithält, sowieso fantastisch animiert ist, wundervolle Schauwerte liefert und in jeder Minute vor Ironie beinahe platzt!

Da der Film schon zehn Jahre alt ist, gibt es einige Highlight-Clips auf YouTube zu sehen. Ich kann mit Vergnügen die MEGAMIND-Playlist präsentieren, die in chronologischer Folge zehn Movieclips von ca. je drei Minuten parat hält.

Achtung: Damit hat man sich den Film bereits verspoilert, denn Sie können fast den halben Film auf diese Weise schnelldurchlaufen (inklusive Finale!).

Böse? Aber gewiss!

 

Zum stimmungsvollen Schluss des Films ertönt Michael Jacksons „Bad“ mit dem Refrain: „I’m bad, I’m bad – who’s bad?!“ Schöner kann man es nicht sagen.
Was heißt schon „böse“? Wer ist hier „der Böse“? Dinge sind im Fluss, Dinge ändern sich.

MEGAMIND ist zwar nicht so divers, wie wir uns das heute vorstellen (keine People of Color, keine LGBTQ-Thematik), aber er ist in seinen Rollen nicht festgelegt, sozusagen „rollenfluid“. (Klingt ein bisschen wie ein Pfefferminzdrops aus den Siebzigern, aber ich bleibe dabei: rollenfluid!)

Das ist doch wunderbar und zeigt dem Supermenschen-Schema von Gut vs. Böse eine lange Nase. Natürlich gibt es inzwischen auch Stoffe wie den Comic BATMAN: WHITE KNIGHT (wo der Joker respektiert und Batman verfemt wird) – das aber ist meiner Meinung nach nur ein simpler Rollentausch.

Megamind ist der auf seine Bosheit abonnierte Schurke, der sich plötzlich am Ziel sieht und keinen Plan mehr hat. Die Umstände zwingen ihn zu einer Neuorientierung und „Umschulung“. Es reift die Erkenntnis in ihm, dass reiner Antagonismus sinnlos ist und im Leben nicht anwendbar.

Die große Pointe von MEGAMIND ist, dass er mit der Schaffung des neuen Helden Titan unabsichtlich das Böse kreiert. Was ihn (wie erwähnt) in die peinliche Lage bringt, den Gegenpart zum teuflischen Titan spielen zu müssen – den Helden nämlich!

In Anspielung auf einen Klassiker der deutschen Literatur: Megamind will das Gute schaffen, leider läuft die Chose aus dem Ruder und mit Titan entsteht ein neues Böses.
Faustisch, Herrschaften, faustisch! Oder zumindest faustdick … hat es dieser Film hinter den Ohren.  :- )

 

Mit dieser schrägen Metapher wünsche ich Ihnen einen Guten Rutsch und
ein besseres Neues Jahr 2021. Kann ja nur besser werden.

 

 

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