Tillmann schaut: CATS

Der internationalen Kritik gilt diese Verfilmung des Erfolgsmusicals von Andrew Llowy-Webber aus dem Jahr 2019 als eine der größten Katastrophen der Filmgeschichte. Ich werde dem nicht widersprechen.

Das Beklagenswerte an CATS ist vielleicht, dass dieses Werk über die volle Laufzeit von 109 Minuten ohne jeden Schauwert auskommt. Da hat Hollywood jahrzehntelang Musicals produziert – und CATS pfeift einfach drauf.

Halt, Schauwerte hat es schon, und zwar folgende:
Sehen Sie den Shakespeare-Mimen Sir Ian McKellen, wie er mit der Zunge Milch aus einer Schüssel schlabbert!
Sehen Sie Oscar-Preisträgerin Dame Judy Dench, wie sie mit sehr viel Haaren beklebt worden ist und noch dazu als Katze einen Nerzpelz trägt.
Sehen Sie Golden-Globe-Gewinner und Officer of the British Empire Idris Elba, wie er zu tanzen versucht.
Sehen Sie die elfmalige Grammy-Gewinnerin Taylor Swift, wie sie mit den Augen rollt.

Gut, von einem Musical erwarten wir eher Schauwerte in Sachen Inszenierung, Musik und Choreografie. Hier herrscht dann doch Fehlanzeige.
Die Inszenierung ist einfalls- bis lustlos, die Lieder hanebüchen redundant bis inhaltsleer und die Tanzeinlagen (von „Choreografie“ möchte ich nicht reden) unkoordiniert bis chaotisch.

An attempt at choreography ONE.

 

Selbst struppige Undergroundmusicals wie die ROCKY HORROR PICTURE SHOW oder Insiderspäße wie LITTLE SHOP OF HORRORS haben mehr Glamour!
Hollywood hat ganz sicher nicht die Kunst des Musicals verlernt, da müssen wir nicht zu „Singin‘ in the Rain“ oder „West Side Story“ zurückgehen. Auch neuere Produktionen wie „Moulin Rouge“ (2001) oder „Chicago“ (2002) haben Schmiss und Pep ohne Ende.

CATS hingegen … schluck … ist geeignet, Vorschulkinder vor dem Bildschirm zu sedieren.

Handlungstechnisch gestaltet sich CATS als Reigen von Charakteren, die sich singend vorstellen. Das ist per se schon zum Füße-Einschlafen. Dramaturgisch ähnlich spannend ist es, einem tropenden Wasserhahn zuzusehen.

An attempt at choreography TWO.

 

Es treten auf: Rum Tum Tugger, Grizzabella, die pfiffigen Diebe Mungojerrie und Rumpleteazer, Bombalurina, Mister Mistoffelees und selbst ein „Skimble, der Kater von der Eisenbahn“. Da bin ich kurz hochgeschreckt und habe reflexartig nach einem Fahrschein gekramt.
(Zudem fiel mir der alte Robert-Gernhardt-Witz von den italienischen Eisenbahnkomikern „Vietato Fumare“ und „Pericoloso Sporgersi“ ein. Außerdem möchte ich noch folgende Katzen nachnominieren: Balisto, Knoppers, Toblerone, Skittles, Hubba Bubba und die Dickmacher-Katzen Ferrero Rocher und Ferrero Küsschen.)

Spannendste Figur im Stück ist natürlich der böse schwarze Kater: Macavity (deutsch: Karies-Kater). Das ist Idris Elba, der hat aber erschütternd wenig zu tun. Er entführt einige Katzen und betäubt alle anderen, damit er als einziger Kandidat übrigbleibt, um automatisch den Preis beim „Jellicle-Ball“ zu gewinnen.

Officer of the British Empire Idris Elba.

 

Das ist a) ein Plot, den sich ein Zehnjähriger ausgedacht haben könnte und b) besteht der Gewinn in einer Heißluftballon-Reise in den „Sphärischen Raum“ hinauf (was mir eine Chiffre für das Jenseits zu sein scheint). Die Katzen, die dorthin gehen, bekommen ein neues Leben, werden aber nie wieder gesichtet.
Wäre das nicht ideal, um den ollen Stinkekater loszuwerden? Soll er doch abdampfen! Egal.

Musikalisch oszilliert CATS munter zwischen Schmalz- und Rummelmusik.
Lloyd-Webber-Musicals scheinen mir generell wie der Eurovision Song Contest zu funktionieren: eine Melange aus entliehenen Riffs und neukomponierten Melodiefolgen.

Sir Ian McKellen.

Und nochmal zur Inszenierung der Songs, die teils regelrecht müde rüberkommen:
Ich kenne das Bühnenmusical nicht, aber müsste nicht die Paradenummer „Erinnerung“ („Memory“) auf einem Dachfirst inszeniert werden, bestrahlt vom silbern-magischen Licht des Mondes?!
Der Film zeigt jedoch Grizzabella, wie sie den Song geklammert an den Fuß einer schmutzigen Laterne interpretiert. In Nahaufnahme. Arrggh.

Bester Act ist in meinen Augen tatsächlich der Gastauftritt von Taylor Swift als Bombalurina, wie sie von einem Halbmond herabschwebt und dabei berauschende Katzenminze herabregnen lässt. Bester Act, weil sie hier tüchtig von „Moulin Rouge“ geklaut haben, hallo!

Heul den Mond an!

 

Dieser Film changiert zwischen Kitsch-Overkill, Senioren-Singspielkreis und Furry-Fandom-Bombast.
Zum Finale singen alle in der Londoner Morgendämmerung: „Als erstes tun wir euch jetzt kund: Eine Katze ist bestimmt kein Hund!“
Die Moral von der Geschicht‘?! Ist das der Gehalt von CATS?! The Fuck?!

Judy Dench diese Nummer mit brüchiger Stimme und in grotesker Maske vortragen zu hören (und zu sehen!) ist ein Moment für die Ewigkeit (die Art von Ewigkeit, in der einem ein Messer im Herz umgedreht wird). The horror, the horror …

Dame Judy Dench.

 

Natürlich leidet CATS vor allem daran, dass sich Menschen nicht auf allen Vieren fortbewegen können. Gehen selbst ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer auf Hände und Knie, wirkt es augenblicklich falsch.
Menschen sind absolut elend darin, Katzen imitieren zu wollen (das ist selbst den Machern aufgefallen, weil sie in einer dramatische Szene, in der ein Hund angreift, diesen gleich unsichtbar vor der Türe gelassen haben, s. Minute 36).

The Cat People.

 

Wieso ist ein eklektizistischer Mumpitz wie dieser solch ein Welterfolg?

Wiederholt: Mir ist CATS schleierhaft, aber könnte der Erfolg dieses Werks vielleicht in seiner „Bodypositivity“ liegen? CATS bejaht und befürwortet die Körperlichkeit der nichtgenormten Figuren Jenny Fleckenreich und Bustopher Jones, als es den Begriff noch gar nicht gab! (Die Premiere fand im Mai 1981 in London statt.)
Außerdem ist es ein Mehrgenerationen-Musical, denn es inkludiert die beiden Seniorkatzen Alt-Deuteronimus und „Gus den Theater-Kater“.

An irgendwas muss ich mich ja analytisch klammern, eine schmutzige Laterne ist grad nicht zur Hand.

An attempt at choreography THREE.

 

Denken Sie in einer ruhigen Minute mal drüber nach. Lassen Sie das Ohropax noch kurz drin. Könnte sein, dass Llyod-Webber dem Zeitgeist voraus war und die Fragmentierung der klassischen Familiengesellschaft in ein neues (wenn auch verstörendes) Konzept gefasst hat:
In CATS nämlich kommt die Katze Victoria neu ins Viertel und muss sich integrieren, ihren Platz finden zwischen all den Individuen, die uns präsentiert werden.

Die jeweiligen Attribuierungen funktionieren im englischsprachigen Original besser und klingen fast logisch (obwohl es haarsträubender Unfug ist): Mystery Cat, Railway Cat, Theatre Cat, Glamour Cat, Magical Cat … jede Figur ist charakterisiert durch ihre speziellen Fähigkeiten und Eigenschaften und findet so den Platz in der Gemeinschaft.

Moderne Thematiken wie Identität, Zugehörigkeit, Anerkennung, Patchwork-Leben, Selbstakzeptanz, Community lassen sich solcherart in CATS hineininterpretieren.

Zum Schluss verdient haben wir uns den Trailer zu CATS. Damit verabschiedet sich für heute Ihr Tillmannomann, the Critical Cat („Dieser-Film-ist-für-die-Katz“-Kater).

 

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