DIE LEBENDE TOTE – Kunst oder Käse?

Das Beste, was einem Comic (oder Buch, Film, Bühnenstück) passieren kann, ist eine kontroverse Besprechung. Die einen jubeln, die anderen schimpfen. Das macht so neugierig, dass man sich selber ein Bild machen muss.

Mir erging das im Dezember 2019 mit dem Splitter-Comic DIE LEBENDE TOTE, der beim ComicTalk mit Hella von Sinnen (zunächst) dermaßen verrissen wurde, dass ich hellhörig wurde.

Die Diskussion des Comics jedoch beginnt mit einem Präsentationsclip:

Dann fallen sofort böse Worte:

Bastian Bielendorfer: „Boah, was für ein kruder Kack!“
Hella von Sinnen: „Haah, ich atme auf!“
Bastian Bielendorfer: „Nett gezeichnet, schön schraffiert, aber …“
Hella von Sinnen: „… aber eine hanebüchene Kacke ohne Ende!“

Unverständnis macht die Runde, es stimmen dann noch zu: Cristin Wendt („Kein Plan!“ – Minute 6’23) und Volker Robrahn („Funktioniert nicht, zu viele Leerstellen“ – Minute 7’43).
Das Podium konnte unisono mit DIE LEBENDE TOTE nichts anfangen (obwohl alle Diskutanten das filigrane Artwork lobten) – aber ein Comic lebt nicht von Zeichenkunst allein.

Interessant ist in der Tat, dass der Präsentationsclip nicht auf den Inhalt eingeht, sondern den Stil und die Arbeitsweise des Zeichners Alberto Varanda in den Vordergrund stellt.

Darum muss ich wohl kurz auf den Inhalt eingehen …

Das Mädchen Lise verunglückt tödlich beim Sturz in eine Ausgrabungsstätte. Dort lebende intelligente Krakenwesen bergen die Leiche. Die alleinerziehende Archäologenmutter Martha zieht sich mit der Toten auf ein verschneites Schloss in den Bergen zurück. Martha lässt den Biologen und Klontechniker Joachim einfliegen. Mit Hilfe des Androiden Hugo pflanzt er der Mutter einen geklonten Embryo von Lise ein. Martha gebiert die neue Lise und lässt sie im Brutkasten heranwachsen.

(Lesen Sie nicht den folgenden Absatz, wenn sie das Werk noch lesen wollen, ich muss jedoch im Sinne der Analyse verspoilern):
Plötzlich entwickelt der Klon ein Eigenleben, fusioniert mit Lise zu einem scheußlichen Monstrum und attackiert Martha, Joachim und Hugo. In einer wilden Jagd werden das Schloss zerstört, Hugo zerfleischt, Martha und Joachim vom Biest verschlungen. Der Lise-Klon wächst zu einem gewaltigen Krakenwesen und springt hinaus ins Weltall, um dort „die Menschheit in Schach zu halten“. Ende.

Doch weiden Sie Ihre Augen zunächst an drei Seiten vom Anfang des Albums: der Tod von Lise und die Begegnung mit den Krakenwesen:

Hella von Sinnen: „Was ist der Grund für mich, diesen Comic zu lesenaußer, dass da jemand toll schraffieren kann?“  (Minute 11’08)
Volker Robrahn: „Kann ich dir nicht sagen.“

Hella fragt in den Saal, ob jemand den Comic gelesen hat und Auskunft geben kann. Es meldet sich der Blogger Matthias Penkert-Hennig (www.deinantiheld.de), bekommt ein Mikrofon und legt seine Sicht der Dinge dar (Minute 13’40).

MPH war begeistert wie von einem „wirren Traum“ und fand das Werk „intensiv“, Hella bedankt sich (halb)ironisch, dass er ihr Synonyme für „hanebüchene Scheiße“ geliefert habe. Dann reflektiert sie kurz und dankt ihm nochmal für eine ehrliche Gegenmeinung.

Das hat dann auch mich getriggert, diesen Comic auf meine Liste zu setzen (bin ja auch ein Freund von Schraffuren). Im Dezember 2020 fiel er mir zum fast halben Preis antiquarisch in die Hände, daher diese Nachbetrachtung.

Da steh ich nun, ich armer Schraffuren-Tor, und muss mir meine Meinung zwischen Pro und Contra bilden. Ich mochte den Comic, er ist wild, er ist kryptisch, er hält eine schöne (im Penkert-Hennigschen Sinne vielleicht auch „traumhafte“) Balance zwischen Gothic Horror und Lovecraftscher Phantastik.
Er ist jedoch auch dramaturgisch unzulänglich und stößt uns frech vor den Kopf.
Drei Aspekte machen DIE LEBENDE TOTE zu einem sperrigen Leseerlebnis:

Schöne kalte Welt

 

Das retro-illustrative Artwork inszeniert ein kaltes Schloss, dunkle Gänge und verschneite Gipfel in blassen Farben, dass es einen fast frösteln möchte.
Schwerer aber wiegt (und eisiger wirkt), dass auch die handelnden Personen kühl und distanziert bleiben. Martha, die Mutter, ist eine Eiskönigin, die wir niemals trauern sehen. Sie hat ihre Tochter präserviert und ausgestellt und verwirklicht zielstrebig ihre technoide Klonfantasie.
Martha beordert Joachim zu sich und behandelt ihn wie einen Angestellten (obendrauf gestattet sie ihm noch einen unverbindlichen Beischlaf).

Joachim ist der Typus des blutleeren Wissenschaftlers, dessen Tagebucheintragungen uns im Mittelteil des Buches begleiten – doch selbst die sind technokratisch und berichten meist von seiner Arbeit an Hugo, dem Golem-artigen Androiden, den er zu Teilen fernsteuern kann.

Hugo schließlich ist der stumme Diener, dessen eigentliche Funktion nie geklärt wird. Hugo ist nicht handlungsrelevant und offenbar nur dazu da, um eine Assoziation hervorzurufen. Dazu im nächsten Punkt:

Monströse Hommage

 

Mir fehlt jeder Vergleich, wie Autor Olivier Vatine seine Comics sonst illustrieren lässt und weiß auch nicht, wie Zeichner Alberto Varanda ansonsten arbeitet, aber hier setzt er offensichtlich auf einem Illustrations-Klassiker von Bernie Wrightson auf.

Geben Sie mal in der Online-Bildersuche „bernie wrightson frankenstein“ ein, dann sehen Sie, was ich meine. Zeige hier einen Screenshot der obersten Treffer:

1983 veröffentlichte der Comiczeichner Wrightson 50 detaillierte Illustrationen zum Roman „Frankenstein“, an denen er über Jahre gearbeitet hatte.

Hugo trägt deutlich Frankensteinsche Züge. Und das scheint womöglich die einzige Rechtfertigung für diese Figur zu sein. Ich finde es nahezu lachhaft, dass das Kreativteam DIE LEBENDE TOTE in ein Storyboard von Altmeister Wrightson implantiert. Ist auch dieser Comic in sich ein Klon?!

Diese Verquickung mit dem Frankenstein-Stoff ist nicht zielführend und bringt den Comic in ein Gleis, das weg vom eigentlichen Hintergrund führt (die seltsame Zukunftswelt mit Androiden und Krankenwesen). Darum auch wackelt der ganze Bahnhof, wenn wir gegen Ende die Mensch-Erschaffungs-Idee verlassen.

Sinn-Konstruktions-Sprung

 

Jetzt nämlich muss das Publikum dieses Comics eine intellektuelle Leistung erbringen. Mit dem Schloss geht auch unsere Lesewelt unter und wir stehen wie die Protagonisten vor einem Rätsel: Was zum Teufel ist da gerade passiert?!

Es ist komplett überraschend und kaum verstehbar, weshalb zwei Klonmädchen von einer Seite zur nächsten wie ein doppelköpfiges Schauergespenst aussehen. Und fünf Seiten weiter wie ein zähnefletschender Riesenmaulwurf. Wieder acht Seiten später wie das Ungeheuer von Loch Ness. Und am Ende wie die kleine Schwester von Cthulhu.

Der einzige Weg, einen Hauch von Sinn dahinein zu bringen, besteht in der Annahme, dass die Krakenwesen vom Beginn des Albums doch etwas mit dem toten Mädchen angestellt haben. Obwohl sie das angeblich nicht getan haben (s. Seiten 8 und 9).

Was lernen wir daraus? Trau niemals einem sieben Meter großen Kraken!

Wir lernen weiter: Respekt vor sieben Meter großen Kraken – denn sie können ein Mädchen in ca. 30 Minuten Echtzeit in ein doppelköpfiges Schauergespenst, einen zähnefletschenden Riesenmaulwurf, das Ungeheuer von Loch Ness und schließlich in die kleine Schwester von Cthulhu verwandeln. Holla, die Spuk-Fee!

DIE LEBENDE TOTE verlangt von uns Leser*innen also eine Sinnkonstruktionsleistung, die nur sprunghaft vonstattengehen kann. Okay, die Kraken hätten wir nicht vergessen sollen. Aber man hätte auch den Übergang eleganter gestalten können. Aber Zeichner Varanda wollte wohl die volle Menagerie an Spukgeschöpfen vorführen.

Fazit: Dieses Comicalbum ist stylish, verliert sich aber in grafischen Konstrukten, die der Handlung ins Rad greifen. Stellen Sie sich vor,  es wäre in einem fluiden bunten Halbrealismus illustriert worden. Stellen Sie sich vor, es wäre von Flix oder Mawil gezeichnet worden (kicher). Das hätte funktioniert, dabei jedoch organischer, wärmer, natürlicher gewirkt.

Dann hätten wir es SCHÖNE TOTE TÖCHTER oder KINDERTOTENLAND nennen können, ich mein‘ ja nur …

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