DIE NEUEN RUSSEN wuseln weiter

Superhelden sterben lassen und dann zurückholen, Jon Snow killen und dann wiederbeleben – ich bin dagegen. Das nenne ich ein dramaturgisches Foul. Leider wird es auch begangen im zweiten Band von DIE NEUEN RUSSEN.

Band 1 hat mich vor einem Jahr überrascht und beeindruckt, nachzulesen HIER.

Vor allem das bittere Ende hatte es mir angetan, denn Autor und Zeichner Pierre-Henry Gomont hatte es gewagt, eine der drei Hauptfiguren über die Klinge springen zu lassen – was seiner Geschichte eine wuchtige Tiefe verliehen hatte!

Der russische Geschäftemacher Lawrin (der so gerne ein Kapitalist wäre) war von seinem alten Rivalen und Mentor Trubetskoy vor die Stadt gefahren und exekutiert worden.

Oder wie lesen Sie das?

Und wie eröffnet Band 2, übrigens betitelt „Die Zukunft leuchtet hervor“?

Mit Lawrin, der sich in einem Kofferraum befindet und noch lebt!
Seine Henker haben ihm „nur“ die rechte Hand amputiert und laden ihn nun im Vorort einer Provinzstadt aus, wohin Lawrin verbannt wird.

Na! Da gucke ich aber grimmig wie ein Volkskommissar vor seiner Graupensuppe. Oder eine Borschtsch (Gesundheit!).
Aber schlucken wir’s mal runter und schauen, ob uns der Rest der Mahlzeit noch schmeckt.

Festzuhalten ist fürs Erste, dass DIE NEUEN RUSSEN ohne Lawrin offenbar nicht auskommen.

Die Erzählstimme gehört Slava, der zweiten Hauptfigur, die mit der dritten Hauptfigur, Nina, weiter in der Bergarbeitersiedlung geblieben ist.

Der Band gehört erst mal Lawrin, der wieder auf die Füße kommen muss. Er übernimmt die Buchhaltung bei den sympathischen Menschen, die ihn gerettet haben – zum Dank brennt er später mit der Kasse durch und bricht dabei noch das Herz einer Frau.

Mit diesem Startkapital saust er nun durchs Land und kauft Voucher auf. Hier bleibt Autor Gomont bei der postsowjetischen Geschichte und greift die sogenannte „Coupon-Privatisierung“ auf.

Eine ökonomische Initiative, wie sie in den 1990er-Jahren tatsächlich stattgefunden hat. Die Bürger der ehemaligen Sowjetunion bekamen per Voucher Anteile an zu privatisierenden Staatsbetrieben, wussten damit aber nicht viel anzufangen.

Lawrin tut sich mit der Gangsterwitwe Iwanowna zusammen und jagt den Menschen ihre Anteile für eine Handvoll Rubel ab.

Der Comic erklärt das System wie folgt:

Wir befinden uns weiterhin (auch) in einem Sachcomic zur Entstehung des neuen Russlands. Das ist (siehe Band 1) Gomont ein Anliegen, nur gerät es ihm auf diesen Seiten ein wenig trocken.

Stehengeblieben!

Ich finde, DIE NEUEN RUSSEN treten auf der Stelle. Und wieso muss dieser zweite Teil ausgerechnet ein Mega-Album von 105 Seiten sein? Das ist nicht ökonomisch, Genosse Gomont, wenn wir schon über Kapitalismus reden.

Manche Passagen kommen mir gestreckt oder redundant vor. Teilweise sogar überflüssig: Slava und Nina führen noch immer eine geheime Beziehung, in diesem Band aufgehängt an Ninas Wunsch, von Slava gezeichnet zu werden.

Der war ja mal Kunstmaler und fügt sich zögerlich diesem Begehren. Sie reden drüber, dann zieht Slava los, Zeichenmaterial zu besorgen, begegnet einer alten Dame, deren Mann auch Maler war, bekommt dort Papier und Farben, führt künstlerische Diskussionen, kehrt zu Nina zurück und beginnt zu zeichnen.
Es gelingt nicht recht, alle sind unzufrieden und als das Aktzeichnen in einen Geschlechtsverkehr übergeht, platzt Ninas Mann Arkadi auf die Szene.

Diese Handlung verschlingt 17 Seiten (nachgezählt) und ich weiß nicht, was mir das gebracht haben soll. Ich vermute, dass Gomont damit zwei seiner Figuren einfach im Spiel halten will.

Denn sonst passiert nicht viel in der Bergarbeitersiedlung. Ninas Vater Wolodia baut mit seinen Kollegen einige Maschinen ab und transportiert sie den Berg hinauf, wo sie von Morkhoffs Leuten entwendet werden.

Auch dieser Handlungsfaden ist nicht elegant und schwer verständlich. Slava, Nina, Wolodia und die Arbeiter hatten einen Deal mit Trubetskoy: Einige Maschinen sollten verkauft, andere angeschafft werden, um den Betrieb der Mine aufrechterhalten zu können.
Aber dann hintergeht Arkadi seine Freunde und bringt die Heuschrecke Morkhoff ins Spiel, die inzwischen auch Lawrin auf seine Seite zieht.

Herrje! Es wird so kleinteilig in diesem Wirtschaftskrimi, dass ich nach Bürokratieabbau im Comic schreien möchte!

Dass wir uns nicht falsch verstehen: „Die Zukunft leuchtet hervor“ ist ein schickes Buch. Ich finde das Artwork von Pierre-Henry Gomont zauberhaft, auf jeder Seite!

Ich mag seinen kratzigen und krakeligen Strich sowie seine Layout-Kompositionen, die immer eine beachtliche Balance zwischen Öffnung der Seite und eng gehaltner Struktur offenbaren.

Hier kämpft sich Slava mit Maschinenteilen den Hang hinauf, wo der zwielichtige Arkadi Absprachen mit der Konkurrenz trifft:

Nun hoffe ich, dass dieser Band 2 der Anlauf nehmende Mittelteil zu einem ergreifenden Abschlusssband ist. Der nämlich steht noch aus. Ich halte Sie auf dem Laufenden.
(Ich wäre begeistert, wenn ein gewisser Herr P. irgendwie integriert werden könnte.)

Hier noch der Link zur Verlagsseite bei schreiber&leser sowie mein flottes Geblätter: