Verliebt bis auf die Knochen: DONJON MONSTER

Wach auf und stirb!“ lautet der Titel dieses DONJON MONSTER-Albums, ausgerechnet mit der Unglückszahl 13. „Wach auf und stirb!“ hat für mich Corona-Konnotation, in diesem Winterschlaf fühlt man sich so demotiviert, dass man eigentlich nicht mehr aufwachen bräuchte – und wenn, dann vielleicht nur, um zu … Entschuldigung. Will Sie nicht runterziehen.

Dann aber eröffnet das Album mit einem goldenen Horrorsatz, den man sich über seine müde Bettstatt rahmen möchte: „Ich habe den Mund voller Erde. Ich versuche, sie mit der Zunge herauszudrücken. Ich habe keine Zunge.“

Das hat so die Klasse von: „Jemand schrie. Es war ich selber.“
Das freut mich dann, da schnalze ich mit der Zunge (die ich noch habe) und denke mir „Erwache und lache“!
Auch das ist neu in der Coronazeitrechnung: Man erinnert sich an Momente, in denen man nochmal gelacht hat.

Insofern ein perfekter Auftakt für ein DONJON MONSTER-Album, das auch im weiteren Verlauf gut zu unterhalten weiß.

Es sitzen aber auch Joann Sfar und Lewis Trondheim in der Regie und David B. zeichnet – was kann da schon schiefgehen?!
Rhetorische Frage, denn mir ist noch nie etwas Schwaches von Sfar oder Trondheim begegnet, wobei David B. allerdings nicht zu meinen Lieblingen aus der „L’association-Schule“ zählt.

David B. hat mit DIE HEILIGE KRANKHEIT wohl den Klassiker der „Graphic Medicine“ hingelegt, der mich aber nie interessiert hat – wie auch seine grobe Tuschearbeit mich nicht besonders anspricht. Allerdings hat er seine Ästhetik und seine grafische Vision, die gut rüberkommt in diesem Monstermash aus Skeletten, Drachen und Tierwesen.

Das funktioniert, denn der Stoff verweist auf (und persifliert zugleich) mittelalterliche Illustrationen und tribalistische Bildmotive. Außerdem ist die poppige Kolorierung ein deftiger Kontrast zum simplifizierten Artwork und transportiert eine Ironie, die dieses DONJON MONSTER-Album ein wenig wie einen Trickfilm wirken lässt.

Der Wärter erwacht und findet sich als Skelett in einem Marsch unzähliger Skelette wieder. Er hilft einer Skelettfrau auf, die im Gedrängel gestürzt war, und zieht mit ihr und der Kolonne in eine Schlacht.
Horden von Skeletten belagern eine Burg, die von feuerspeienden Drachen verteidigt wird. Der Wärter und die Skelettfrau entkommen dem Getümmel und treffen auf den Vogel-Schamanen Gilberto, der ihnen eine Mission anvertraut: Alle drei müssten sie in die Burg zu „Herbert“ vordringen, sonst stünde das Ende der Welt bevor.

Der Rest des Albums handelt mehr oder weniger genau davon:
Der Schamane, der Wärter und die Skelettfrau metzeln sich durch etliche Gegner, gelangen in die Burg, verbünden sich mit ihrem Heerführer Marvin und konfrontieren den Enten-Magier Herbert, der die Burg beherrscht.
Sie plaudern angeregt miteinander, rauchen einen Joint, dann gehen die Kampfhandlungen weiter und irgendwie war alles umsonst.

Das klingt schwer nach „Was zum Teufel soll der Quatsch?“, ist jedoch charmant, unterhaltsam und originell. Auch wenn ich keinen Schimmer habe, was da vor sich geht und was das Ganze überhaupt soll, so folge ich der Handlung doch willig und staune nicht nur über das pralle Artwork, sondern auch über die Chuzpe dieser Erzählung.
Die nämlich nimmt sich selbst nicht ernst und präsentiert mir mit dreister Selbstverständlichkeit kiffende Tierwesen, prahlerische Monster und gefühlige Skelette.

Das ist die Liebe der Skelette

 

Das Schöne an der Geschichte ist, dass auf der verrückten Folie einer apokalyptischen Schlacht von einer unmöglichen Liebe in Zeiten des Krieges erzählt wird. Denn unser Wärter fühlt sich sofort hingezogen zu der geheimnisvollen Skelettfrau: Die ist einfach schlank gewachsen und trägt schicke Stiefel.
Der Wärter aber ist klein und auch ein bisschen feige, versucht dennoch sich als Kriegsheld zu beweisen und stürzt sich mit seiner Angebeteten in mörderische Situationen!
(Es kann beiden nicht viel passieren, sie sind bereits tot, übrigens setzen sie ihre Knochen im Verlauf der Handlung mehrfach wieder zusammen.)

Das Ganze gestalten Sfar, Trondheim und David B. nicht als Slapstick, sondern als Mixtur aus Heldenreise und Minnedichtung: Wir fühlen mit dem verzweifelten Kämpfer, auch wenn wir ahnen, dass sein Streben nach Anerkennung nur vergeblich sein kann.

Ein Happy End (Wärter und Skelettfrau können sich vom Schlachtfeld entfernen) erweist sich schnell als trügerisch, denn der Krieg, der grausame Krieg, hat seinen Preis gefordert und die Seele der schönen Frau verwüstet! Ein desillusionierter Wärter ergibt sich in ein Schicksal, das immer schon größer war als er selbst …

Und so offenbart sich dieses skurrile, bunte, irrwitzige Comicalbum als bittersüße Meditation über Sehnsucht und Verlangen, Streben und Vergänglichkeit – mit Drachen, Echsen und Tentakelmonstern. Wunderschön.

Ich muss zum Schluss anmerken, dass ich bislang kaum Berührung mit dem DONJON-Kosmos hatte. Bitte studieren Sie das auf Wikipedia.
(Der Wärter, Herbert, Marvin, Gilberto tauchen auch in anderen Bänden auf; wer den Kosmos besser kennt, hat wahrscheinlich noch viel mehr Spaß daran!)

Der Verlag Reprodukt war so nett, mir auf Verdacht dieses frisch erschienene Monster-Album zu senden. Ich hab es als Konsument ohne Vorkenntnisse gelesen. Dies ist mein Bericht. Mehr von DONJON natürlich bei Reprodukt.

Da dieses Album unsere Präsentation der Woche ist, sei auch noch ein wenig hineingeblättert:

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