Drollig: MINKY WOODCOCK – THE GIRL CALLED CTHULHU

Treffen sich ein Sexmagier, ein Horrorschreiberling, eine Hutmacherin und eine Privatdetektivin auf einer privaten Insel und nehmen Drogen.
Fragt die Hutmacherin, ob es hier auch Menschenopfer gäbe. Sagt der Sexmagier, jedes vergossene Sperma bei einer Masturbation sei ein Menschenopfer.
Heiliger Onan!

Nein, das sind nicht die illustrierten Epstein-Files, sondern eine Szene aus einem Doku-Fiktion-Comic der extravaganten Cynthia von Buhler. Die Amerikanerin ist Autorin, Schauspielerin, Zeichnerin und Ausstellungskünstlerin.

Sie veröffentlicht ihre Graphic Novels bei Titan Comics, einem britischen Rummelplatz der Popkultur von James Bond über Elric und Dracula bis hin zu Doctor Who und Conan, Heimat auch des US-Imprints Hard Case Crime – bekannt durch ihr schickes Logo und solide Hardcoverausgaben. 

Die erwähnten Personen sind namentlich Aleister Crowley, H. P. Lovecraft, seine Frau Sonia Haft und Minky Woodcock.

© für alle Abbildungen: Cynthia von Buhler / Titan Comics

Auf diesem Ausflug möchte Crowley den unsympathischen Lovecraft tatsächlich erstechen lassen, doch Minky ahnt die Gefahr und bringt den Schriftsteller und Sonia sicher an Land zurück.

Lovecraft jedoch ist im Drogenrausch (und unter den Liebkosungen der Crowley-Jüngerinnen) so inspiriert, dass ihm die Idee für sein Tentakelmonster Cthulhu kommt!

(Fotografierte Doppelseite)

Das alles ist natürlich kompletter Kokolores, so ist das nicht gelaufen mit Lovecrafts literarischen Erfindungen der „Großen Alten“ und seiner speziellen Horrorkosmologie – aber MINKY WOODCOCK – THE GIRL CALLED CTHULHU serviert uns lustvoll abstruse Zusammenhänge.

(Für mehr Information zu Lovecraft siehe meine Besprechung dieser französischen Graphic Novel, die inzwischen auch auf Deutsch vorliegt!)

Der Popkultur-Punsch

Minky Woodcock ist von Buhlers Erfindung: eine kesse und kluge Femme Fatale, die auf reale Personen der Zeitgeschichte trifft und mit diesen absonderliche Fälle erlebt.

Hier sehen wir, wie der schon erwähnte Aleister Crowley ihr Büro aufsucht und Schutz vor einer rachsüchtigen Jüngerin sucht.

Crowley feuert den ganzen Comic hindurch zu jeder Begrüßung sein Mantra „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ wie ein Werbejingle ab, das finde ich eine originelle Charakterisierung.
Der Mann war willens, sich ständig zu überhöhen und alle Menschen in seinen manipulativen Bann zu ziehen.

Minky, deren Eltern mit Crowley bekannt waren, übernimmt den Job – auch um etwas über ihre eigene Geschichte zu erfahren, aber ist sich stets im Klaren, dass sie dem egomanischen Wüstling nicht trauen darf.

Crowley nämlich betreibt im Ersten Weltkrieg Propaganda für das Deutsche Reich, behauptet aber, eigentlich ein Maulwurf zu sein und setzt diese Aktivität auch im Zweiten Weltkrieg fort.

Doch zunächst wohnt Minky mit ihrer Freundin Gladys der „Tigerfrau“-Performance von Betty May bei.

Von Buhler ist offensichtlich dem Burlesque-Genre zugetan, was sich grafisch auf vielen Seiten ausdrückt.

Die Frau, die Crowley töten wollte, bringt kurz darauf auch Minky in Lebensgefahr. Die aber kann sich retten und revanchiert sich, indem sie Betty einredet, der „Fluch der Pharaonen“ laste auf ihr.

Es ist schwierig, den Inhalt dieses Werks wiederzugeben, dann viele Prämissen greifen schnell ineinander und durchwirken äußerst kompakt das Geflecht der aufgestellten Figuren.

Da taucht zu Beginn kurz Harry Houdini auf, der mit Lovecraft zu tun hatte. Dann entwickelt Crowley ein Interesse an Lovecraft und Minkys Vater spricht Warnungen aus.

Es kommt zum Drogenritual auf der Insel – dann unternehmen wir einen Zeitsprung von 16 Jahren in den März 1943!

Gladys bittet Minky, nach Europa zu kommen, um ihren verschwundenen Bruder Glyndwr zu ausfindig zu machen. Auf der Überfahrt gerät sie erneut mit Crowley aneinander:

Das Fakten-Puzzlespiel

Dieser neue Fall dreht sich um die historische Militärmission „Operation Mincemeat“, von der ich noch nie gehört habe, die aber erzählenswert ist.
In aller Kürze: Der britische Geheimdienst fingierte den Unfall eines alliierten Piloten vor Griechenland, um die Nazis von Sizilien abzulenken, wo die Landung der Amerikaner begann.

An der Ausarbeitung dieses Plans könnte „Bond“-Autor Ian Fleming mitgewirkt haben, der für den MI5 tätig war.

Autorin von Buhler ist fasziniert von künstlerischen Menschen, die ihren Elfenbeinturm verlassen, um aktiv in das Leben ihrer Mitmenschen einzugreifen.
Also lässt sie Minky auf Fleming treffen, verwickelt sie hinein in diesen Plot und schickt sie an Bord des U-Boots, das den präparierten Leichnam transportiert.

Die Geschehnisse auf dem Meer sorgen für die Aktionssequenzen von MINKY WOODCOCK – THE GIRL CALLED CTHULHU und erklären auch für die humorige Anspielung des Titels.

Denn die Offiziere schmökern in alten Lovecraft-Magazinen, während sich Minky an Bord schleicht. Leider spült die Strömung mit ihr einen Oktopus hinein, der sich um ihren Leib schmiegt und Minky Tentakel verleiht!

Bei dem Köder, dem toten Soldaten, handelt es sich nämlich um Gladys‘ Bruder. Fall gelöst!

Aber da ist noch Crowley, der es weiter auf Minky abgesehen hat. In einer nächsten Konfrontation verrät er ihr das Geheimnis um  ihre auf tragische Weise verstorbene Mutter: Die habe enthüllen wollen, wer Jack the Ripper war – das aber wollte Crowley nicht zulassen. Die Welt brauche ewige Geheimnisse.

Das ist garantiert erfunden, aber es lohnt sich, den irren Lebenslauf von Crowley zu studieren.

Das entspannte Finale zeigt Minky auf Urlaub auf Jamaica, wo sie mit Josephine Baker abhängt und Ian Fleming zu James Bond inspiriert.
Das ist doch mal eine glaubhafte Erklärung!

Sie sehen: Cynthia von Buhler liebt Querverweise und originell konstruierte Thriller.

Ein sechsseitiger Anhang in Interviewform offenbart von Buhlers Recherchearbeit: Alle Vorkommnisse in GIRL CALLED CTHULHU sind faktisch belegt!

Ob diese Tatsachen auf die im Comic geschilderte Weise zusammengewirkt haben, darf allerdings bezweifelt werden. Dennoch staunt man, wie clever und elegant von Buhler die Historie ausbeutet, um daraus ihre MINKY-Episoden zu stricken.

Toller Stoff für Partygespräche – wenn es denn Partygespräche über Comics gäbe! Schnief.

Der vorliegende Band ist übrigens Band 3 einer MINKY-WOODCOCK-Reihe, die Sie online hier einsehen können.

Wie Sie sehen, hat die Künstlerin mit THE GIRL WHO HANDCUFFED HOUDINI und THE GIRL WHO ELECTRIFIED TESLA tüchtig vorgelegt.

Wieder einmal präsentiere ich ein Fundstück vom englischsprachigem Markt, Frau von Buhler ist in Deutschland unbekannt.

Ihre Comicarbeiten sind zwar krude gezeichnet und grafisch nicht eben filigran, bestechen jedoch durch verspielten Stilwillen, poppige Kompositionen und einzigartige Plots, die frech  die Schatzkiste der Nerdkultur plündern.

Ein Reel gibt es auch noch: Rufen sie dreimal „Cthulhu!“ (aber im englischen Original) und der Clip öffnet sich auf Ihrem Smartphone.
Cthulhu-Erfinder Lovecraft gibt Ihnen persönlich Aussprachehilfe:

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