Oder: Wie Stan Lee einmal die Revolution finanzierte.
Wir schreiben das Jahr 1974. In San Francisco erscheint die Nummer 7 der berüchtigten ZAP COMIX:
Wilde Künstlerkerle wie Robert Crumb, S. Clay Wilson, Spain Rodriguez und Gilbert Shelton produzieren dort seit sechs Jahren provokante Comics, in denen eine neue Kultur der Aufsässigkeit propagiert und absolute künstlerische Freiheit praktiziert wird.
Und obwohl das Phänomen Undergroundcomics seit 1973 auszubrennen beginnt, möchte Stan Lee noch auf den Zug aufspringen.
Lee, der seit den 1960er-Jahren der Motor der Mainstreamcomics ist (und mit den FANTASTIC FOUR, IRON MAN, SPIDER-MAN und den X-MEN höchst erfolgreich Superheldengeschichten revolutioniert hat), sucht Anschluss beim studentischen Publikum und ist willens, die schrägen Vögel aus dem Underground ins „Haus der Ideen“ zu holen.
Seine Vision: Den Undergroundmarkt mit Marvels Vertriebspower zu erobern!

© für alle Abbildungen: die jeweiligen Künstler / Dark Horse Comics & Kitchen Sink Books
Dass das eine Schnapsidee ist, liegt eigentlich auf der Hand. Marvel unterliegt den Restriktionen des Comics Codes, die „Comix“ hingegen unterlaufen diesen nach Strich und Faden.
Herauskommen kann nur (und wird) ein lauwarmer Kompromiss. Aber die Idee ist in der Welt und Marvel möchte in neue Dimensionen vorstoßen.
Lee wendet sich diesbezüglich an Denis Kitchen, den bestens vernetzten Comiczeichner und –Verleger (der übrigens zeitgleich den Comicpionier Will Eisner wiederentdeckt und diesen wenige Jahre später zur Produktion von Graphic Novels inspiriert).
Die beiden korrespondieren schon seit Jahren und nun lockt Lee mit einem Redakteursgehalt von 15.000 Dollar für das Projekt und einem Seitenpreis von 100 Dollar für alle Beteiligten (statt üblicher 25 im Independentbereich).
Das Angebot kommt goldrichtig, denn Kitchen selbst ist pleite, weil der Vertriebsweg für Undergroundhefte zusammengebrochen ist – und fast alle Künstler sind ebenfalls pleite, weil billige Kopien und Kopisten die Regale in den verbliebenen Headshops verstopfen.
Also haut Kitchen ein Anschreiben an die Szene raus und tatsächlich antworten alle und wollen mitmachen – bis auf Undergroundkönig Robert Crumb, der sich nicht an Marvel verkaufen will (und sich diese Weigerung als Einziger leisten kann).
Sonst jedoch kommen prominente Namen an Bord: Howard Cruse, Art Spiegelman, Kim Deitch, Trina Robbins, Harvey Pekar, Skip Williamson.

Nun wird monatelang verhandelt und gerungen. Marvel möchte weder Sex noch Gewalt in expliziter Form, die Freischaffenden möchten ihr Artwork zurück und die Rechte am Material behalten.
Zum Jahresende 1974 erscheint ein 68 Seiten starkes Magazin namens COMIX BOOK Nr. 1, das dank seines Formats kein Comicheft ist und somit den Code umgehen kann.
Inhaltlich finden sich humorige Selbstbespiegelungen neben zeitgeistigen Kommentaren und schlüpfrige Anspielungen neben obskuren Visionen.
Auch gibt es immer Nachdrucke aus früher publizierten Undergroundcomics, so etwa Kurzgeschichten von Evert Geradts und Art Spiegelman.
Aus mit MAUS
Eine Sensation sind drei Seiten von Spiegelmans MAUS, die in der schnell nachgeschobenen Nummer 2 vom Januar 1975 erscheinen.
Diese bahnbrechende Graphic Novel wurde jedoch nicht hier begonnen, sondern eine erste Skizze war bereits 1972 in FUNNY ANIMALS Nr. 1 veröffentlicht worden (wusste ich bislang auch noch nicht).
Spiegelman ist jedoch entsetzt vom seichten Umfeld, in dem seine Kunst erscheint (obwohl er sich bei FUNNY ANIMALS in ähnlicher Gesellschaft befunden hatte) und zieht seine Mitarbeit an COMIX BOOK zurück.
Er tut sich sogar mit ZIPPY-Zeichner Bill Griffith zusammen (einer weiteren Undergroundgröße) und gründet ein Gegenmagazin: ARCADE.
Griffith wiederum ist sauer auf Kitchen, weil der ihn in seinem Mailing vergessen hat!
ARCADE präsentiert demonstrativ Robert Crumb und die anderen „Zapster“ (Spain, Wilson, Shelton, Williams), also den originalen Underground, überlebt aber auch nur sieben Ausgaben und ist im selben Herbst schon wieder Geschichte.
MAUS hingegen erfährt seine nächste Wiedergeburt im „Graphix Magazine“ RAW, das Spiegelman mit Francoise Mouly 1980 aus der Taufe hebt.


Vom Traum zum Trauma
Und während Herausgeber Kitchen Künstler-Egos zu jonglieren hat, bekommt man bei Marvel bereits kalte Füße. Mit der Nummer 3 vom März 1975 zieht Stan Lee den Stecker und beendet sein Projekt.
Ein knappes Jahr darauf darf Kitchen im eigenen Verlag die bereits vorproduzierten Nummern 4 und 5 noch herausbringen (wo dann auch der wüste Wilson mit drei Seiten vertreten ist).
Die Gründe des Scheiterns sind wahrscheinlich vielfältig.
COMIX BOOK ist mit einer Powerauflage von 200.000 Stück auf den Markt geworfen worden (im Underground waren Auflagen von nur 10.000 Exemplaren üblich, die allerdings bei Erfolg mehrfach nachgedruckt wurden).
Es finden sich keine Absatzzahlen für Lees Comixtraum, doch wird spekuliert, dass sowohl Publikum wie Pressegrosso und Händler verwirrt waren und einfach nichts anzufangen wussten mit diesem Zwittermagazin.
Kitchen will von Bekannten aus dem Marvel-Umfeld gehört haben, die Crew dort rebelliere gegen die „Hippie-Kollegen“, weil diesen mehr Rechte zugestanden würden (was tatsächlich nach zähen Auseinandersetzungen bei Heft Nummer 3 der Fall war).

Dennoch zieht die Comichistorie (hier Autor James Vance) ein euphemistisches Fazit.
Das Projekt habe Kitchens Verlag gerettet, einigen Zeichnern in klammen Zeiten etwas Geld in die Kassen gespült, ARCADE auf den Weg gebracht – und in Sachen Verwertungsrechte den Geist aus der Flasche gelassen.
Seitdem nämlich seien Verlags-Dinos wie DC und Marvel in Zugzwang geraten, ihren Künstlern Tantiemen zu gewähren, das Artwork rückzuerstatten und generell „creator owned deals“ abzuschließen.
Ob das nun mit dieser Endgültigkeit bestimmt werden kann … naja, ich weiß nicht.
Kannste vergessen!
Alle Informationen und Abbildungen entstammen dem Fachbuch THE BEST OF COMIX BOOK: WHEN MARVEL COMICS WENT UNDERGROUND (Kitchen Sink Press, 2013).
Ich war neugierig auf diese Kuriosität und kann nach der Lektüre aber berichten, dass es wirklich eine Schnapsidee war. Lesenswert ist hier kaum etwas.
Mit das Frechste finde ich Trina Robbins und ihre dreiseitige Miniatur „Wonder Person Gets Knocked Up!“, in der Wonder Woman von Elasticman geschwängert wird und als überforderte Mutter zur Solidarität mit anderen Heldinnen findet.
Ich zeige die Geschichte in Gänze:



Ich greife noch zwei weitere Beispiele heraus, um diesen Artikel abzurunden.
Der von mir hochgeschätzte Justin Green ist ebenfalls in COMIX BOOK vertreten, präsentiert mit seiner Sinnsuchergeschichte „We Fellow Traveleers“ jedoch nur einen gebremsten und verwässerten Abklatsch seines Comicmeilensteins BINKY BROWN – der zudem vollends kryptisch und verquast daherkommt.

Den lustigsten Beitrag finde ich den von Kim Deitch (zum Dritten in diesem Artikel), der eine völlig skurrile Situation illustriert, in dem es um Vegetarismus geht.
Es ist mir immer schwergefallen, Deitch zu mögen, weil er so wahnsinnig steife Figuren mit diesen immer so aufgerissenen Augen zeichnet. Seine Bilder haben etwas Holzschnitthaftes, sind aber oft memorabel und gut arrangiert.
Das dritte Panel der zweiten Seite beschreibt den Zustand der Figur perfekt: das schwitzige Wachliegen, das rastlose Herumwandern zur geisterhaft zerdehnten Melodie des Kinderlieds.
Aber gut, hier kommt „Cabbage Fiend“:

Was glaubt ihr, wo die ganzen Kohlköpfe herkommen? Auch Vegetarier gehen auf die Jagd!

Also: Sie brauchen das Werk nicht zu lesen, es handelt sich lediglich um eine fidele Fußnote der Marvel-Historie.
Meine Liebe zur Subkultur und zum Subversiven habe ich schon oft dokumentiert, zur Vertiefung biete ich meinen großen Artikel über die ZAP COMIX an – das Phänomen, auf das sich Marvels COMIX BOOK beziehen.
Gibt aber auch noch ein Reel auf Instagram …