Sexy Spinnenfrauen, Maden-Mönche und ein tödlicher Rasenmäher?!
Das muss ein Fantasy-Stoff sein und tatsächlich: Autor Jason Aaron beschreibt sein Konzept einer Insektenwelt als „Game of Thrones“ trifft „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“.
Denn es geht um eine menschliche Hauptfigur, die (verflucht durch ein magisches Amulett) zu Ameisengröße schrumpft und es hautnah zu tun bekommt mit Käfer-Kriegern, Wespen-Rittern und Arachniden-Hexen.
Slade Slaymaker ist ein nerdiger Teenager, der sich für Insekten begeistert und einen Nashornkäfer namens Pac in einem Terrarium als Haustier hält.
Wir lernen ihn kennen, als er mit seiner Mutter Janice und dem älteren Bruder Sydney zurück in das Haus zieht, in dem sein Vater vor wenigen Jahren gestorben ist.


„Gestorben“ ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus, denn Sydney fand seinen Vater James (der im Keller seiner Leidenschaft als Insektenforscher nachging) ebendort ausgeweidet und von Insekten übersät vor.
Seitdem hat Sydney ein Insektentrauma, versprüht in allen Räumen Vernichtungsmittel und zerstört in einem Wutanfall das Terrarium seines kleinen Bruders Slade, der wie sein Vater Interesse am vielfältigen Kosmos der Insekten hat.
Pac, der Käfer, kann entkommen und Slade flüchtet sich in den Keller des Vaters, wo er dessen Aufzeichnungen findet sowie ein Artefakt, das ihn in die Insektenwelt transportiert.
Hier sehen wir Slade als Ritter hoch zu Ross bzw. Rhinozeros:


Abenteuer vor der Haustüre
Der Charme von BUG WARS liegt darin, dass wir keine Parallelwelten, fremden Dimensionen oder fernen Reiche betreten, sondern bloß einen Schritt aus der Haustüre machen.
Alle Handlung spielt sich im Garten und im Gelände rund um das kleine Haus auf dem Lande ab: Ameisenhügel, Komposthaufen, wilde Wiese, gemähter Rasen und Blumentöpfe sind Stätten des Abenteuers!
Der Miniatur-Slade lernt schnell die verschiedenen Fraktionen und die Gesetze der Insektenwelt kennen.
Er wird in ein Gefecht mit Käfermenschen verwickelt und gefangengenommen. Dabei begegnet er der Ameisengeneralin Augustfall und der Spinnenfrau Wysta.

Gemeinsam kämpfen sie sich frei und können den Käfer-Lord Qurim davon überzeugen, dass Slade als Träger des Amuletts der auserwählte „Worldstomper“ ist, der das Erbe seines Vaters antritt, als Mittler zwischen den Welten der Insekten und der Menschen zu fungieren.


Das Problem der Insekten in diesem Garten ist nämlich der grausame Sturmbringer, der regelmäßig die Zahl der Insekten dezimiert.
Gemeint ist Bruder Sydney, der als Rasenmähermann wie ein Dämon durch die Reihen der Insekten pflügt und Verderben bringt.
Der simple Akt der Rasenpflege ist aus Insektensicht ein Tsunami, der Tausende das Leben kostet.
Am Ende des Bandes erfolgt die Attacke der Insekten gegen Sydney – und Slade muss entscheiden, wem seine Sympathien mehr gelten: seinen Freuden aus dem Gartenreich oder dem verhassten Bruder?

Auch dabei: Pac-Man, ääähhh … Pac-Beetle!
Ein cleverer Trick, um die Handlung greifbarer zu machen, ist der Nashornkäfer Pac. Der ist Slades Haustier, der größte aller Käfer, und sein treuer tierischer Begleiter.
Pac dient als Ansprechpartner dazu, nicht nur Sachverhalte erläuternd klarzustellen, sondern auch als Anker in die Menschenwelt zu fungieren.
Er kennt die Slaymakers, er hat Bruder Sydney in Aktion erlebt und erinnert uns daran, dass zu Hause immer noch Slades Mutter nach ihrem Sohn sucht. Die herbeigerufene Polizei glaubt jedoch nur an einen Ausreißer, kein Entführungsopfer.

Wo der Maßstab verrutscht
Zwei Aspekte des Konzepts sind komplett unlogisch und ergeben keinen Sinn.
Zum Einen sind die Insekten nicht so klein. Eigentlich müssten Menschen alle diese Wesen mit dem bloßen Auge sehen können – tut aber nie jemand.
Zweitens haben die meisten Wesen menschliches Aussehen, verziert mit Hörnern, Fühlern oder mehrfachen Augen. Totaler Fantasyquatsch, muss aber sein, sonst hätte Slade niemanden, mit dem er interagieren könnte.
Noch dazu gebieten unsere insektoiden Figuren (Qurim, Augustfall, Wysta) über echte Insektentiere (Käfer, Spinnen, Bienen, Ameisen) – wie will man das erklären?
Kannste nicht! Erneut geht es um Identifikation für uns Leserinnen und Leser.
Aber wenn uns die Story packt und wir uns auf die Figuren einlassen, darf Comic ja alles!

Sprachspiele, die unter der Hirnrinde kribbeln
Erneut muss ich appellieren: Leute, lernt Fremdsprachen!
Immer weniger US-Comics abseits des Supermenschengeschäfts finden eine deutsche Lizenz – auch, weil immer mehr Menschen Fremdsprachen lernen. Eine deutsche Übersetzung verteuert jeden Comic. Der Markt für feine Produkte aus dem Ausland schrumpft und wird unrentabel.
Und gerade in BUG WARS sind die Wortspiele wirklich hübsch und in ihrer Fülle nicht übersetzbar. Durch dieses erste Buch zieht sich der Kampf gegen den „Annihirazer“.
Hier gehen die Worte „Annihilation“ und „Razor“ eine neue Verbindung ein und beschwören ein todbringendes Subjekt (Bruder Sydney).
Da hilft auch keine Übersetzungs-KI, da muss man eine halbe Stunde drüber brüten, um einen deutschen Neologismus zu kreieren: der „Mähvernichter“ vielleicht? Puh.

Einfach schön perlen auch in Zwischentexten die Erläuterungen zum speziellen Sektenwesen der Maden, die an Stätten praktizieren, deren Namen sich ergeben, indem man tote Tiere mit religiösen Ortsbezeichnungen kombiniert: Dog Rot Minster, Rabbit Gut Chapel, Our Lady of the Headless Raccoon.
Die „Maggot Monks“ kann man mit „Maden-Mönchen“ adäquat umschreiben, aber wie will man den Spinnenclan der „Wytches of Wyrdweb“ nennen oder wie die Lyrik treffen, die in einem Begriff wie den „Bee Lords of the Honeyed Thicket“ mitschwingt?
Jedem der sechs Kapitel folgen drei Seiten aus den Aufzeichnungen des Insektenforschers James Slaymaker, in denen er uns das Gartenreich und die dort lebenden Gattungen skizziert – das ist oft sehr lustig!

Autor Jason Aaron gehört zu den Kreativen, die ich regelmäßig auf neue Werke kontrolliere. Auf dieser Webseite ist er präsent mit seinem kurzen Lauf von DOCTOR STRANGE, mit einem STAR-WARS-Comic sowie einer schon älteren generellen Würdigung.
Dass der Mann auch Hobby-Entomologe (Insektenkundler) ist, war mir neu. Im Nachwort offenbart Aaron, dass er als Bauernbursche in Alabama tatsächlich wie Slade aufgewachsen sei: Stundenlang sei er durch Felder, Wiesen und Wälder gestreift und habe sich dabei wilde Geschichten ausgedacht.
Zeichner Mahmud Asrar hat mit Aaron schon bei CONAN DER BARBAR zusammengearbeitet. Sein Stil ist dynamisch, effektvoll und sauber, im Grunde aber auch austauschbar. So arbeiten auch etliche Andere bei Image Comics.
Mit Händen jedoch greifbar ist, wie viel Spaß Aron und Asrar an diesem insektoiden Wahnsinn haben!
Es kribbelt und krabbelt, wimmelt und flattert, dass einem die Augen übergehen!
Fantasy ist selten mein Ding, doch hier mag ich den ungebremsten Schwung der Erzählung, die Wildheit der Präsentation und die inhärente Komik, die einfach … ins Auge sticht … (alter Schlupfwespen-Gag).
BUG WARS ist der Auftakt zu angeblich weiteren Abenteuern (die 2026 schon folgen sollen) und ergibt übrigens gemeinsam mit PLASTOK ein lustiges Double-Feature.
Chitin-Viecher satt einmal im realistischen Stil, einmal in der Funny-Variante!
Wenn es Sie jetzt genauso juckt wie mich, schauen Sie sich noch mein Reel dazu an.