Die junge Frau hat keinerlei Beweise. Ihr Nachbar sei ein Vampir, wie kommt sie darauf?
Hannah Traindl glaubt sich von einem unheimlichen Mann verfolgt, der original ausschaut wie der Schauspieler Max Schreck in seiner Rolle als Nosferatu in Friedrich Murnaus Stummfilmklassiker.
Der Fremde ist ihr jedoch nur durch die Stadt gefolgt, weil er im selben Haus wie sie wohnt – und somit ihr direkter Nachbar ist!


Hannah ist Single, frisch zugezogen in Wien und hat die Altbauwohnung ihrer Großmutter übernommen. Der Mietvertrag ist sozialverträglich günstig, weil alt, doch genau das wird zum Problem.
Denn Investoren haben das Haus gekauft und möchten die Bewohner zum Auszug bewegen, weil sie das ganze Objekt generalsanieren und teuer neu vermieten wollen.
Ein Herr Huber und zwei dunkle Gesellen versuchen es zunächst mit einer Auszugsprämie, später greifen sie zu Schikanen: Die Mülltonnen verschwinden, der Strom fällt dauernd aus, das Dach hat ein Loch, die Wände werden mit fiesen Parolen beschmiert.


Noch dazu gruselt sich Hannah vor ihrem Nachbarn, den alle nur den „Fürst“ nennen. Heißt der Mann Fürst oder ist er der Fürst der Dunkelheit?
Dann aber zieht Herr Czarni von unten aus und Frau Markovic von oben verstirbt – und Hannah ist alleine mit dem angeblichen Vampir.
Sie beginnt Studien des Übernatürlichen, liest Bram Stokers Roman „Dracula“ und ist vollends entsetzt, als sie den Fürst in einem Bierkeller entdeckt und ein Foto von ihm machen möchte:


Der dunkle Graf vor seinem Glas Rotwein (oder Blut?) kann nicht im Bild festgehalten werden!
Der, mit dem Hannah sich Botschaften schreibt, ist ihr einziger Freund in Wien: Markus führt sie einmal ins Kino aus, hat aber sonst wenig Zeit für sie.
Als er sie endlich mal besuchen kommt, hält er ihr einen Vortrag über halluzinogene Pflanzen in ihrem Hinterhof.

Markus hält seine Freundin für überspannt und macht sich Sorgen um ihren Geisteszustand.
Doch Hannah lässt von ihrer Theorie nicht ab: Der Fürst ist ein waschechter Vampir, begibt sich nur nachts aus dem Haus und lebt in einer altertümlich eingerichteten Wohnung, in der sich auffällig viele Kunstwerke befinden, die nur ihn darstellen.
Ist das nicht Beweis dafür, dass diese Kreatur seit Jahrhunderten durch die Welt spukt und ihren Eindruck in der jüngeren Kunstgeschichte hinterlassen hat?
Graf Heuschreck und die Mietsauger
Diese Themen verhandelt der neue Comic von André Breinbauer, der uns bei der Lektüre nie sicher sein lässt, was Hannah tatsächlich zustößt.
Sie vergräbt sich in Vampirmythen, kann sich auf Markus nicht verlassen, sucht Rat bei einer Radio-Talksendung und erntet nur Spott und Unverständnis:

Mittlerweile ist Hannah besessen von der fixen Idee, ihr Nachbar sei Dracula oder Nosferatu oder Graf Orlok oder sonst ein Blutsauger.
Und weil sie eine moderne Frau ist, wird sie aktiv und möchte der Sache ein für allemal auf den Grund gehen. Daher staffiert sie sich wie eine echte Vampirjägerin aus, stellt den Wecker auf halb fünf morgens und steigt hinab in den finsteren Keller des Hauses, wo sie den Fürsten zu konfrontieren hofft.
Diese Sequenz leitet das wundervolle Finale ein, denn Hannah erlebt Schreckliches im Keller, doch geht gestärkt aus dieser Erfahrung heraus …
Schauen Sie, wie herrlich Breinbrauer Hannahs Entschlossenheit in Szene setzt: Stirnlampe, Kruzifix, Taschenlampe, eine Tasche voll Reis (angeblich kann man Vampire mit dem Zählen von Reiskörnern ablenken), eine Wasserpistole voller Weihwasser und ein angespitzter Besenstiel – besser kann man nicht vorbereitet sein!

Was dann geschieht, ist teils überraschend, teils erwartbar – aber führt den Comic zu einem schlüssigen und ironischen Ende.
A bisserl enttäuscht bin i scho
A ganz klein bisserl aber nur. Ich hatte mir mehr Vampir-Action erhofft. Breinbauers Fürst agiert fast ausschließlich passiv und ist mehr Projektionsfläche als Akteur.
Was damit zusammenhängt, dass seine Existenz nicht von Hannahs Erleben zu lösen ist.
Ich dachte, der Künstler begibt sich freidrehend in den Mythos hinein und erzählt nicht unbedingt von unserer Realität.
So wie er es in seinem fabelhaften Debüt MEDUSA UND PERSEUS getan hat. Ich sag’s nur!
Doch BLUTSAUGER will nicht pure Unterhaltung sein, sondern verfolgt ein gesellschaftliches Anliegen: die Anklage gegen Mietwucher und Immobilienspekulation. Darf er. Soll er.


Doch dann ist der Comic eigentlich zu tief drin in der Popkultur-Folklore: Tatsächlich verstehe ich nicht, weshalb Breinbauer Passagen aus Bram Stokers Roman einfließen lässt. Die tun nichts zur Sache, sondern halten den Fortgang der Geschichte nur auf.
Sind sie drin für Menschen, die noch nie Berührung mit der „Dracula“-Legende hatten?!
Huch, wer kommt denn da in Frage? Ein junges, sehr junges Publikum vielleicht.
Gut, Breinbauer beweist damit, dass sich Stokers Geschichte eigentlich um einen Immobilien-Deal dreht. Denn Jonathan Harker soll für den Grafen ein Haus in London erwerben.
Eine hübsche Spielerei und eine clevere Anbindung, um uns im Gewand einer Gruselgeschichte das Fürchten über modernen Mietwucher zu lehren.

BLUTSAUGER möchte offenbar alle Altersgruppen erreichen – und tut es auch.
Ich empfehle diese Graphic Novel für Kinder, die sich ein wenig gruseln wollen (und nebenher was über Kapitalismus verklickert bekommen).
Ich empfehle sie für junge Leute, die sich mit Single-Einsamkeit und bedrohlichen Machtstrukturen in der Großstadt identifizieren können.
Ich empfehle sie für alte Knilche, die Spaß an den kulturellen Zitaten haben werden. Von „Nosferatu“ über „Tanz der Vampire“ bis hin zu „Der dritte Mann“ kommt alles vor, was Sie landläufig mit Vampiren (oder Wien) verbinden.
Großartig ist außerdem Breinbauers saloppe Fälschung des berühmten Klimt-Gemäldes, das im Epilog noch eine Rolle spielt.


Ich finde, die deutschsprachige Szene kann stolz auf André Breinbauer sein: Der Mann kann Geschichten erzählen und er illustriert seine Stoffe auf internationalem Niveau. Sein souverän-lässiger Stil arbeitet sowohl komische wie auch atmosphärische Aspekte heraus.
(Tatsächlich entdecke ich spanische und englische Lizenzen zu MEDUSA UND PERSEUS, das könnte bei BLUTSAUGER auch passieren …)
Zum Schluss gib es noch den Link zur Verlagsseite bei Carlsen Comics sowie ein fürstliches Reel auf Instagram, das Ihnen einen weiteren Einblick erlaubt.