UNFOLLOW – um Anteilnahme wird gebeten

Garantieren kann ich, dass diese Graphic Novel niemanden kalt lassen wird.

Ich fühlte mich auf diesen über 150 Seiten gebeutelt zwischen Angenervt-Sein, Staunen und Zustimmung. Dazu gleich. Zunächst aber dürfen wir bei der Lektüre nie vergessen, mit welcher Erzählperspektive wir es zu tun haben!
Die ist nämlich nicht einfach: ein auktoriales, allwissendes Erzählen aus der Wir-Perspektive. Wer diese „Wir“ allerdings sind, klärt sich erst spät.

Hier sind wir auf Seite 80, in der Mitte des Buchs, jetzt bestätigt sich die Ahnung, dass die Erzählung ein Testament von Jüngern ist.
Alles, was bis hier beschrieben wurde und was noch zukünftig geschildert wird, ist gefärbt durch die Philosophie von Earthbois „Followern“.

Und die ist mir deutlich aufgestoßen. Nicht nur in ihrer kritiklosen Verehrung von Earthboi, sondern auch in der naiven Problemlösungsstrategie: Earthboi entwickelt eine App für Smartphones, damit sich die Menschen auf die Natur rückbesinnen?
Eine verf***** App?!

Die tatsächlich Büromenschen dazu bringt, nach draußen zu gehen und Bäume zu umarmen?!

Hey, es ist völlig in Ordnung, einen Baum zu umarmen. Aber dass Technologiekritik als nur mit den Mitteln der Hightechindustrie umsetzbar gezeigt wird, ist eine widersprüchliche Verblendung sondergleichen.
(Hallo, Kinder! Habt ihr schon bei Amazon eure „Occupy“-Masken bestellt?)

Was würde Jesus tun?

 

Andererseits seien wir ehrlich: Käme Jesus heute wieder auf die Erde, müsste er sich nicht genauso wie Earthboi verhalten, um überhaupt wahrgenommen zu werden?

Wer sich heute „analog“ auf eine Palette in der Fußgängerzone stellt und Frieden und Umkehr predigt, ist schneller ignoriert, als man „Amen“ sagen könnte.
Auch Jesus bräuchte eine App, einen YouTube-Kanal, einen Online-Shop und auch „Support“ von Promis, Influencern und anderen Medienfuzzis – rein als Mittel zum Zweck. Dies passiert auch in Earthbois Karriere:

Wer ist denn Earthboi überhaupt?

Nicht leicht zu beantworten, da die Testamentserzählung seiner Follower diese Figur mythisch überhöht. Er habe die Urzeit der Erde erlebt, in seinen Erinnerungen bewahre er die Evolution von Mensch und Tier, er habe sich dann als Heimkind in einem menschlichen Körper manifestiert und seinen ersten Jüngern seine Vision erklärt – ein nachhaltiges Leben ohne Raubbau an der Natur.

Dieser Anfang von UNFOLLOW ist kompliziert und rätselhaft. Da wir nicht wissen, wer hier erzählt, macht diese Graphic Novel den Einstieg nicht leicht. Es folgen eigenartige Beschreibungen des Lebens von Earthboi; ein Text wie folgender ist als von sektenhaftem Jargon geprägt zu verstehen (bzw. eben noch nicht zu verstehen).

Mein Tipp: Beißen Sie sich durch bis zur erwähnten Mitte.

Erschwerend hinzu kommt noch die Person der Yu, die Frau an Earthbois Seite. Eine moderne Influencerin mit ökologischem Anliegen, die in ihrer Vorstellung als etwas lächerlich präsentiert wird (meine Lesart, aber denken Sie daran, wir schauen auf diese Figur aus Perspektive möglicher Konkurrenten!).

Kleiner Spoiler: Yu gerät natürlich in Verdacht, den Sektenführer durch irdische Genüsse vom großen Endziel abzuhalten

Auf diesen Seiten des Comics befinden wir uns in der Kommune: Earthboi und Yu haben ein Grundstück erworben, es renoviert und für ihre Zwecke umgebaut. Die Follower sind aufgerufen, zu ihnen zu ziehen und ein Leben in friedlicher Gemeinschaft zu führen.

Diese Passagen haben mich alten Mann erinnert an die Mittsiebziger- bis Mittachtzigerjahre, in denen ein gewisser Bhagwan alias Osho Gefolgsleute aus aller Welt in seinen Arbeitskommunen in Poona bzw. Oregon versammelte.
Jeder Reformer wird zum Heiligen, wenn  sich nur genügend Menschen vor seine Füße werfen und an seinen Lippen hängen und sein Wort wie täglich Brot benötigen.

Earthboi in seiner heiligsten Phase.

 

Und was passiert mit Sekten, über kurz oder lang? Es bröselt, es kracht, es geht bös aus.

Und hier nun, liebe Leserinnen und Leser, trat ich ein in die Phase des Staunens.

Denn UNFOLLOW schlägt einen narrativen Haken, den ich zwar erahnt hatte (ich bin so eitel, das anzumerken), der dennoch überraschend genug kommt und von Jüliger so meisterlich inszeniert wird, das er noch Wirkung entfalten kann.

Verrate ich natürlich nicht, als Teaser nur zwei Seiten: Was macht das Reh im Supermarkt?

Was wollt ihr denn?

 

UNFOLLOW fordert uns auf, eine Position zu beziehen. Das tut diese Graphic Novel auf clevere Weise – indem sie uns über große Strecken an der Nase herumführt:
Die Earthboi-Jünger und ihr gelebter Ökofundamentalismus sind eben nicht Vorbild und Richtschnur für uns, denn ihr Ansatz schlägt in grausamen Extremismus um.

Das andere Extrem ist unser Alltag, den muss Jüliger uns nicht groß ausstellen, der ist uns vertraut und kommt dennoch wohl portioniert im Hintergrund vor: Supermärkte, Fast Food, Großraumbüros, Klimawandel, Medienzirkus.

Nicht zufällig trägt das Werk den Titel UNFOLLOW. Dieser „Befehl“ ist eigentlich schon zu dicke, ein Wink mit dem Zaunpfahl.
EARTHBOI – EIN MANN SIEHT GRÜN hätte mir viel besser gefallen. :- )

Gewaltfrei und im Einklang mit der Natur – ist Earthboi ein zweiter Gandhi?

 

Gandhi erwähne ich nur, um Ihnen den schönsten Sequel-Gag der Filmgeschichte unterzujubeln: „Gandhi II“ – Er ist zurück, und jetzt hat er die Schnauze voll von Gewaltlosigkeit!
Entschuldigung, ich muss oft meinen eigenen, flüchtigen Geist wieder einfangen!
Was Jüliger aber sehr zufriedenstellen sollte!

Ich finde es toll, dass dieser Comic noch „was will“. Dinge aufzeigen, Entwicklungen ableiten, Ergebnisse in den Raum stellen.
Mal keine Genreübung, sondern eine provokante Vision, ein „manifestum e contrario“ gewissermaßen, eine Diskussionsgrundlage.

Ein weiteres Verdienst von UNFOLLOW ist, dass wohl jede Leserin und jeder Leser auf den ersten Seiten an Greta Thunberg denken muss, dieser Gedanke sich jedoch auch wieder ausschleicht.
(Nichts gegen Frau Thunberg, aber UNFOLLOW ist eben KEIN „Fridays for Future“-Comic! Oder, wenn wir es so sehen wollen, dann ein extrem übersteigertes Zerrbild davon.)
Da wären wir dann bei der Diskussionsgrundlage …

Die Themen Einflussnahme und Gefolgschaft hat Jüliger auch schon in BERENICE verhandelt. Wenn auch eine Edgar-Allan-Poe-Adaption in der Carlsen-Reihe „Die Unheimlichen“, reflektiert er darin die Mechanismen von Fankultur in Verschränkung mit Wahnsinn.

Vielleicht hat UNFOLLOW das Pech, vom alles dominierenden Corona-Thema in den Hintergrund gedrängt zu werden – andererseits ist diese Graphic Novel das ideale Angebot, um unseren Blick wieder auf den Klimawandel zu richten.
Verlagsinfos HIER im Netz bei Reprodukt.

Auf dem Instagram-Link können Sie mit mir in das Werk hineinblättern. Hier sage ich auch noch was zum erstaunlichen Artwork von Lukas Jüliger …