Mein Freund, der Baum, macht tot:  THE END

Was kommt raus, wenn man den Film „Avengers: Infinity War“ mit dem Sachbuch „Das geheime Leben der Bäume“ kreuzt? Diese Graphic Novel!

(Eigentlich wollte ich diesen Artikel anders beginnen, nämlich so):

Jetzt schlägt’s dreizehn: Peter Wohlleben hat seinen Comic bekommen!
Der Autor des Bestsellers „Das geheime Leben der Bäume“ hat offensichtlich den frankoschweizerischen Künstler Zep zu einer Graphic Novel über den Wald inspiriert.

Dann fand ich die Kreuzungs-Idee doch lustiger. Also was kommt raus?
Ein Öko-Thriller mit leisem Horror-Touch, der kurios zu nennen ist.

Der junge Biologe Theodor beginnt ein Praktikum im (fiktiven) schwedischen Naturreservat Dokslå. Dort forscht sein Idol, der geniale Professor Frawley, an der Entschlüsselung des DNA-Codes von Bäumen.
Seine These: Bäume stehen nicht isoliert für sich, sondern unterhalten untereinander ein Netzwerk, können gemeinsam ihre biochemischen Prozesse ändern und so auf ihre Umwelt einwirken.
Frawley unterfüttert seine Theorien mit einem drastischen Beispiel:

Ich habe keine Ahnung, ob diese Geschichte womöglich stimmt. Aber damit ist der Schurke von THE END etabliert: Mein Freund, der Baum. Alles andere als „tot“, wie uns deutsche Schlager glauben machen wollen.

Im Fortgang dieser Graphic Novel vertieft sich Theodor, der als militanter Aktivist einer deutschen Umweltgruppe namens „Grüner Notfall“ (find ich sehr witzig) Straftaten begangen hat, in das Leben der Bäume und geht der Frage nach, was eine nahe gelegene Niederlassung des Konzerns Pharmacorp wohl mit der ganzen Sache zu tun hat.

Denn Theodor, Frawley und die Mitarbeiter Sören und Moon stellen seltsame Messwerte in der Umgebung fest, die auf eine „Beunruhigung“ in der Natur hinweisen. Mehr darf und will ich von der Handlung nicht preisgeben.

Zep integriert diesen Exkurs in sein Werk, um auf Umweltorganisationen aufmerksam zu machen.

 

Zum Handwerklichen: Zeps Artwork ist gefällig, glatt, konventionell – aber all das auf gelungene und angenehme Weise. Seine Charakterzeichnungen finde ich hervorragend; er kaschiert dank kreativer Kamera sehr gut, dass wir es oft nur mit „talking heads“, mit Figuren im Dialog, zu tun haben.

Verwundert hat mich, dass Zep mit jeder Szene die Kolorierung wechselt. Zur Kenntlichmachung wäre das nicht nötig gewesen, ist aber ein cleveres Mittel des „Schnitts“.

Der Herr mit dem Hut gehört zu einer mysteriösen Pharma-Firma. Im letzten Panel schneiden wir zu einer neuen Szene.

 

Die Quittung fürs Waldsterben?

 

THE END ist kurzweilig, schick gestaltet, von sauberer Dramaturgie – und so bescheuert, dass das Werk tatsächlich nachhallt.

Bäume, die global miteinander kommunizieren  – pfff!
Die das Aussterben der Dinosaurier bewirkt haben – hoho!
Bäume, die sich gewalttätig gegen Menschen wenden – bruhaha!

Ich griene und grinse bei der Lektüre, doch hat sich schon ein nagender Hintergedanken festgesetzt: Was, wenn tatsächlich was dran ist?!
Weiß ich, was diese Bäume da draußen den lieben langen Tag so treiben? Wie sie die Gegenwart des Menschen wahrnehmen? Was sie denken, wenn sie mir ins Fenster glotzen?!

Hab ich nicht letztens im Keller eine Axt stehen sehen?

The conspiracy plot thickens: giftige Pilze mal anders.

 

Eine Frage des Bewusstseins

 

Ruhig, Grauer! Damit Bäume aktiv werden, müssten sie ein Bewusstsein entwickeln und einen Willen formulieren können. Un dit koof ich nu doch keenem ab.

Wohlleben, du alter Grünraunzer, du Baumflüsterer, du arborischer Verschwörungstheoretiker. Wat haste mit’m Zep gemacht?

Der war doch ganz normal vorher. Hat die Neunziger durch seine TITEUF-Funnys geschrubbt. In letzter Zeit womöglich ein bisschen abgedreht, Erotismen (ESMERA) und Dystopien (PARIS 2119) geskriptet – und jetzt das: im Alleingang THE END komponiert.

Zum dramatischen Finale erlaubt sich der Künstler ein paar schwelgerische Seiten mit überformatigen Panels, womit er eine zauberische Atmosphäre erzeugt.
(Ich zeige noch zwei fast stumme Seiten, die Theos Affäre mit Moon illustrieren):

Das alles ist sehr schön, aber das Ende von THE END ist nicht meins. Ich verrate nichts, doch ich würde mich in dieser Situation anders verhalten. Diese Fügsamkeit ins Schicksal kommt mir schräg vor. Setzt aber einen starken Schlussakkord!

Wie gesagt: THE END erweist sich als Graphic Novel, die ihren Plot enorm selbstbewusst durchzieht. Against all logical odds, möchte ich sagen. Zumindest gegen meinen Menschenverstand.

Jedes Gericht der Welt würde diese Bäume aber sowas von verknacken und in den Bau schmeißen!

Die Pressestelle von schreiber&leser übrigens vermeldet in Sachen THE END:

„Der frankophone Comic-Superstar Zep (eigentl. Philippe Chappuis), dessen Funny-Titel wie TITEUF millionenfache (!) Bestseller sind und bereits in über 25 Sprachen übersetzt wurden, hat sich die Zeit genommen, eine eigene Graphic Novel mit authentischer Botschaft zu entwerfen. Die Leidenschaft, um die es geht: die respektvolle Erforschung und nachhaltige Erhaltung unserer Flora.
THE END spielt in unserer Gegenwart. Entlang der Lebensgeschichte des jungen Öko-Aktivisten und Naturwissenschaftlers Theodor wird man Zeuge, wie die Flora zum Gegenschlag ausholt … ein radikaleres Pandemie-Szenario in der grafischen Literatur hat man zuvor selten gesehen.
Umso erstaunlicher ist nur, dass Zep diesen Endzeit- und Klima-Thriller im Original bereits Anfang 2018 veröffentlichte – übrigens:
schreiber&leser hat die Rechte an der deutschsprachigen Ausgabe bereits 2019 erworben, also deutlich vor COVID-19.“

Verlagsinfos (etwas runterscrollen) plus Videotrailer mit Teaserbildchen HIER.

Auch ich blättere noch für Sie hinein, aber nicht bis zum Ende von THE END:

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