DIE ARCHE NEO – unterschwellig nervig?

Beim Nachdenken über diesen Comic kam mir folgender Einfall: Was wäre, hätte Julie Rocheleau (Zeichnerin von BETTY BOOB) dieses Werk illustriert?

https://tillmanncourth.de/betty-boob/

Ein extrovertiertes, sprühendes Artwork mit leicht abstraktem Touch hätte DIE ARCHE NEO wahrscheinlich belebt – und ein paar Unstimmigkeiten übertüncht.
(Auf die ich natürlich im Folgenden zu sprechen kommen muss, in diesem Comic über Tierleid, den Julie Rocheleau eben nicht gezeichnet hat.)

Wobei ich, das sei vorweg fürs Protokoll festgehalten, ich nichts gegen die Zeichnungen von Paul Frichet habe. Die sind schick anzusehen, meisterlich angefertigt und bedienen sich einer kreativen Kameraführung.

Frichets Realismus soll akkurat sein und für Authentizität sorgen, scheint mir jedoch nicht die ideale Lösung, um die Botschaften dieses Albums zu transportieren.

Die Handlung ist rasch wiedergegeben: Eine Gruppe von Tieren (offensichtlich befreit von Tierrechtlern) findet ihr Gnadenbrot auf zwei Bauernhöfen auf dem Land. Eine nächtliche Polizeirazzia zerschlägt die Siedlungen, verhaftet die Aktivisten und bringt die Tiere in Transportern zum Schlachthof.
Das Jungschwein Neo, der Hahn Ferdinand, das Schaf Soasig und die Kuh Renate entkommen im Durcheinander, irren zunächst durch die Gegend, entschließen dann zu helfen und können den Stier Bruce vor der Schlachtung retten.

Die Vorstellung der Charaktere gelingt recht organisch und sozusagen „im Vorübergehen“, auf dieser Seite sogar wortwörtlich:

Während die Hofkatze Mistvieh, Schwein Neo und Haushund Blitz durch den Stall flitzen, lernen wir die Kühe kennen (die weiße ist Renate). Der Bulle in der Box ist Bruce, dessen Geschichte uns die „Kümmerin“ Renate erzählt.

 

Beachten Sie aber auch, dass wir es hier mit einem moralisierenden Narrativ zu tun haben. Diese Bilder vermitteln uns eine (erste) Tierleid-Geschichte.

Meiner Meinung nach fühlt, denkt und reflektiert diese Kuh „zu menschlich“. Diese Tiere sind wie Menschen, nur durch ein gleichgültiges Schicksal gefangen in einem tierischen Körper.

Es folgt eine 7 Seiten lange Razzia-Sequenz, die hauptsächlich einen Eindruck von Polizeigewalt rüberbringt. Im Nachklapp noch ergänzt durch 5 Seiten Einfangen und Abtransport von Bruce sowie einer weiteren Seite Schilderung des Hofhunds Blitz, was noch in dieser Nacht des Kampfes geschah:

Die Zentralsequenz (oben) mit der Misshandlung ist erschreckend und ruft in mir Assoziationen an militärische „Säuberungen“ hervor.

Im Anschluss erleben wir wieder eine Seite, auf der uns ein ausnehmend gut unterrichtetes Tier von Gräueln an Tieren berichtet:

Blitz beschreibt den vier Freunden den Weg zum Schlachthof, wo sie Bruce vermuten können.

 

Bald darauf handelt eine andere, vier Seiten lange Szene davon, dass ein Igel nachts auf der Landstraße plattgefahren wird. Das wird als Familiendrama inszeniert, die der Kuh Renate Gelegenheit zu einer noblen Rede über Schuld und Sühne, Tod und Verantwortung gibt. „Uncalled-for pathos!“, wie der Amerikaner in mir meckert.

Sehe nur ich das so, oder ist das eine Holocaust-Anspielung?
Meine: das Schuldgefühl der Überlebenden, den Schrecken überlebt zu haben (und so viele andere eben nicht).

DIE ARCHE NEO macht seltsame Schlenker in moralistische Exkurse, die den Figuren nicht zu Gesicht stehen. Meine Meinung!

Ich fühle mich unwohl mit dieser Szene, aber kommen wir zum grauslichen Höhepunkt des Albums: dem Schlachthof.

Die Sache mit dem Bolzenschuss

 

Auf Seite 54 wird Bruce in den Schlachthof getrieben, ins unheimliche Dunkel – an dessen Ende ihn ein Bolzenschuss erwartet. Das ist eindeutig, oder?

Weshalb erleben wir Bruce drei Seiten später wieder höchst lebendig? Zum Zerteilen erwacht er, kopfüber aufgehängt, neben der Hofkuh Consuela (ebenfalls munter).
In den nächsten vier Panels wird Consuela der Kopf abgesägt!

Das Resultat gibt es auf der nächsten Seite zu sehen, die ich Ihnen erspare.

 

Ich bin mir sicher, dass das keine erlaubte Praxis in Schlachthöfen weltweit ist.
Wieso zeigt der Comic so was?
(Ich habe nachgelesen: Rinder werden mit einem Bolzenschussapparat getötet oder zumindest schwer betäubt, dann werden sie zerteilt.)

Bei aller Tierliebe und verständlicher Anprangerung der fleischverarbeitenden Industrie (ich bin im Übrigen der Meinung, dass Holocaust-Vergleiche durchaus gerechtfertigt sind) – aber das ist ausgestellte, effekthascherische Gewalt.

Hier hält der Horror Einzug in ein Album, das an manchen Stellen wirkt, als könnte es auf ein jugendliches Publikum ausgerichtet sein. Ist das nötig?

(Übrigens können Neo und Ferdinand den Stier tatsächlich retten, indem sie zwei Schlächter umrennen, für Chaos sorgen, ein Förderband in Gang setzen und Bruce sich seiner Fesseln entledigen kann. Wenig glaubhafte, aber erfreuliche Sequenz.)

Ich sage ehrlich: Mir ist DIE ARCHE NEO
(bei aller Sympathie für die Sache)
unterschwellig auf den Geist gegangen.

 

Und es ist gar nicht einfach, das zu analysieren. Ich finde nicht den einen Hebel, um mein Unbehagen zu erklären. Es ist ein misstönender Dreiklang aus nicht zielführendem Artwork, pathetischem Erzählton und dramaturgischer Schieflage.

Noch ein paar Gedanken, die vielleicht meine Meinung untermauern.

Das Schwein Neo ist zum Beispiel nicht die Hauptfigur, die es sein müsste.
Von allen Tieren hat nämlich Neo am längsten und vertrautesten mit Menschen gelebt (und gearbeitet, wie der Beginn des Albums hervorhebt!).

Die herzige Eröffnungsseite. Als Neo noch ein Schweinchen war.

 

Weshalb bringt sich Neo nicht aktiver ein, sondern wird sogar von der Kuh in Sachen Weltwissen übertrumpft?

Wieso ist Neo nicht das ungestüme, unbekümmerte Schweinchen, das drauflos stürmt (und natürlich auf die Schnauze fällt, aber Julie Rocheleau hätte das charmant hinbekommen)?!

Warum schnappt sich Neo nicht die draufgängerische Führungsrolle, durch Augenrollen der anderen Tiere kommentiert?

Das hätte auch Schwung in die Story gebracht und Fallhöhe kreiert!
So trottet DIE ARCHE NEO etwas unentschlossen über Feld, Wald und Wiese.

Ich finde, Autor Stéphane Betbeder hat diesem Comic keine klare Line eingezogen, sondern hangelt sich an Situationen und Ideen entlang. Er vergisst im Verlauf, seine Charaktere zu  entwickeln – so entsteht für mich auch keine Chemie zwischen den vier Freunden (die essenziell für solch ein Abenteuer wäre).

DIE ARCHE NEO beginnt wie „Schweinchen Babe“, schwenkt dann in Richtung „Die Bremer Stadtmusikanten“ und dann wird es zum … Road Movie mit Viechern?

Will diese Geschichte eventuell zu viele Facetten abbilden?
(Tierrechte, Tierschützer, Tierzüchtung, Domestikation, Fleischindustrie …)
Ende offen, denn es folgt ein Band 2.

Etwas Besseres als den Tod findest du überall …

 

Und dann sind da noch diese Begegnungen, die den Comic durchziehen. Die Igelfamilie und den Hund Blitz hatten wir schon, aber es tauchen noch eine Eule, ein Wildschwein, ein Eichhörnchen und dieser merkwürdige Hase auf!

Über den rede ich jetzt, denn er bekommt eine prominente Stellung im Comic.
Er begleitet die vier Freunde durch die erste Nacht im Wald und erzählt ihnen eine „tierische Schöpfungsgeschichte“!

Aus meiner Leseerfahrung schließe ich, dass ein Ursprungsmythos eine Bedeutung hat, gerne auch für den weiteren Verlauf der Handlung.

Aber können Sie mir bitte sagen, was das für eine schräge und sinnlose Schöpfungsgeschichte ist?!

Die Tiere waren zu blöd, was auf die Kette zu kriegen?
Deswegen hat der schlaue Mensch sie unterworfen?

WTF?!

Entweder waren das grausame Götter, die man schleunigst vergessen sollte, oder die Tiere hatten es nicht anders verdient!

(Der Kicker ist noch, dass die Tiere in diesem Comic munter miteinander parlieren! Untereinander funktioniert die Kommunikation über alle Spezies hinweg problemlos.)

Wiederholt: DIE ARCHE NEO macht seltsame Schlenker, auch in philosophische Exkurse, die uns aber nicht weiterbringen. Erneut: meine Meinung!

Überhaupt schwebt über der ganzen Geschichte eine bedrückende, bedrohliche Stimmung, die sich auch in der Farbgebung niederschlägt: blau-schwarze Nacht, grüngelb-giftige Dämmerung und grau-beiges Mistwetter.

(Julie Rocheleau hätte das in versöhnlichen, aber spannenden Monochromatismen bewältigt. Ihr wie erwähnt extrovertiertes, sprühendes Artwork mit leicht abstraktem Touch hätte dem Ganzen eine andere Atmosphäre verliehen – und die angesprochenen Unstimmigkeiten wahrscheinlich übertüncht. Tja: „Hätte, hätte, Nahrungskette“ …)

Vielleicht können Sie sich ja für den Comic erwärmen, wenn ich Ihnen einen Einblick per Video gewähre. DIE ARCHE NEO sieht wirklich schick aus (auch wenn mir Julie Rocheleau nicht aus dem Kopf geht).
Verlagsinfos von Splitter sowie eine Leseprobe der ersten Seiten gibt es übrigens noch HIER.

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