Birgit Weyhes LEBENSLINIEN (und mehr)

Ich will ehrlich sein und gestehen, dass ich mit der neuen Veröffentlichung von Birgit Weyhe gehadert habe. Wobei gleich gesagt werden muss, dass es sich bei LEBENSLINIEN lediglich um eine (überarbeitete und leicht ergänzte) Sammlung biografischer Blitzlichter handelt, die über einen Zeitraum von zwei Jahren im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen sind.

Weyhes „Fachgebiet“ sind zwar solche biografischen Comics (siehe Liste ihrer Werke auf der Homepage des avant-Verlags), doch mit dem Format der LEBENSLINIEN stellt sie sich selbst ein Bein.

LEBENSLINIEN nämlich präsentiert komprimierte Kurzbiografien von mit Vornamen vorgestellten Personen. Allerdings steht für jedes Lebensschicksal nur eine feste Anzahl von drei Seiten und 18 Bildern zur Verfügung.

Das Format als Falle

 

Dieses sture Raster beschränkt und behindert die Künstlerin sichtlich in ihrer Ausführung.  Ich las einen ersten Schwung von fünf oder sechs Lebensbeschreibungen und dachte: „Bläh.“ Das kommt ja gar nicht in Fahrt, das verpufft ehe es begonnen hat.

Schauen wir uns mal die Linie von „David“ an:

Ja, wie? Ja, wat?
David ist offensichtlich Inder, mag die Natur, gerät nach Wien und macht sich Sorgen um nationalistische Tendenzen. Das war es schon?!

David ist zugegeben die vielleicht ereignisloseste Biografie im Band. Immerhin rettet sich Weyhe in wiederkehrende Naturmetaphern und kontrastiert diese mit menschengemachtem Fanatismus.

Vergleichen wir mal diese Geschichte mit dem Leben von „Zahi“:

Das Schicksal dieses jungen Mannes entfaltet sich konsistenter, wartet sogar mit einem dreifachen Twist auf: Er wird Pirat, er kommt nach Deutschland, er rehabilitiert sich in Deutschland – muss aber weiter um seine Existenz bangen.
Hier gelingt Weyhe auf drei Seiten und in 18 Bildern ein prägnantes Porträt.

Dazu braucht die Hamburger Zeichnerin allerdings keine exotischen Plots, wie die Geschichte von „Hilde“ beweist:

Eine herbe Nachkriegsbiografie mit einigen starken und schockierenden Panels, die am Schluss noch den dramaturgischen Kunstgriff der „Moral“ hinbekommt.
Hier leuchten Weyhes Fähig- und Fertigkeiten auf, die sie auf der Langstrecke so meisterlich entwickeln kann.

Mir wird bei der Lektüre klar, dass man dieses Büchlein durchaus genießen kann.
Man muss zuvor nur Freundschaft und Frieden schließen mit dem restriktiven Format. Lassen wir uns ein auf nur drei Seiten und 18 Bilder.

So hatte ich schließlich doch ein wenig Freude an curricularen Kanapees wie dem von „Priscilla“:

Von den Häppchen zur Hauptmahlzeit!

 

LEBENSLINIEN ist sicher was für Weyhe-Fans, allen anderen seien eher die autobiografische Sammlung ICH WEISS empfohlen oder ein Klassiker der deutschen Graphic Novel: MADGERMANES.

Tillmann liest: MADGERMANES

Im Anhang diesmal kein Instagram-Video, sondern das PDF eines Birgit-Weyhe-Features (mit Interview!), das ich mal für COMIXENE gemacht habe.

Klicken Sie auf den orangefarbenen Header, es öffnet sich ein PDF-Viewer zur Ansicht.

WehyheFertig

 

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