Das Finale der „Gentlemen“: THE TEMPEST

Zum 20-jährigen Jubiläum der Comicserie THE LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN (auf Deutsch als DIE LIGA DER AUSSERGEWÖHNLICHEN GENTLEMEN bei Panini) verabschieden sich sowohl Autor Alan Moore wie auch Zeichner Kevin O’Neill aus dem Comicbusiness!

Dazu legen die beiden eine letzte Erzählung aus diesem Kosmos vor, die noch einmal tüchtig aufdreht: THE TEMPEST.

Diesen Abschied gestalten Moore und O’Neill als sarkastische Komödie, wie ich behaupte.
Es ist nicht nur ein Serienabschluss, sondern vielmehr eine Rückschau auf die Comichistorie, im Speziellen auf die Industrie dahinter (der es selten um Kreativität ging, sondern um Output, Vermarktung, Ausbeutung und pure Geldscheffelei).

Cover der Nr. 1

THE TEMPEST ist angelegt als sechsteilige Heftserie, wobei jedes Heft eine Persiflage auf englische Comicpublikationen ist – und zwar jeweils eine andere!

Nr. 1 bedient die Formel von „Classics Illustrated“, Nr. 2 die eines Sensationsmagazins, Nr. 3 folgt dem Aufbau eines Mädchencomics, Nr. 4 parodiert ein „Boy’s Paper“, Nr. 5 die Lizenz eines US-Mysteryhefts und die Nr. 6 schließlich das berühmte „2000 A.D.“.

Akribisch rekonstruieren Moore und O’Neill den Look der einzelnen Formate, was zu einem Kuddelmuddel in Sachen Layout führt. Fast jede dritte Seite von THE TEMPEST beginnt in einem neuen Aussehen:
Auf zwei konventionelle, farbige Comicseiten folgt ein querliegender Strip in Schwarzweiß, darauf eine Werbeanzeige für dumme Gimmicks, dann haben wir eine Sonntagsseite vor uns, danach ein völlig neues Feature, was einer Nebenfigur gewidmet ist.
In der Mädchenausgabe finden wir zwei Seiten der Handlung als Fotocomic gestaltet und überhaupt ist der Subplot, der in Prosperos „Blazing World“ spielt, ein Comic in 3D (für den wir eine beigelegte Brille aufsetzen können) – denn die Blazing World ist eine magische Parallelwelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, für die wir auch eine eigene Lesart benötigen, ein Bewusstseins-Upgrade mit 3D.

Cover der Nr. 6

Im hinteren Heftteil läuft jeweils das Backup-Feature SEVEN STARS in Schwarzweiß (das natürlich zum Schluss mit der Haupthandlung zusammenfällt, Alan Moores kleinster dramaturgischer Trick).
Regelmäßige Beiträge in allen sechs Heften sind ansonsten ein Editorial auf der jeweils zweiten Seite, was „Al and Kev“ vergessenen britischen Zeichnern widmen!
Die Rubrizierung als „A League LOOK-AND-LAMENT Feature: Cheated Champions of your Childhood“ (gefolgt von einer ernsthaften Biografie) macht deutlich, dass Autor und Zeichner hier Stellung beziehen gegen die Praktiken der Comicindustrie, die nicht nur in den USA, sondern auch in England, die ihre kreativen Köpfe jahrzehntelang ausgebeutet, über den Tisch gezogen und missachtet hat.

Ein bitteres Stück Comicgeschichte wird uns somit unterbreitet, natürlich in Anspielung auf Moores eigene Querelen mit seinem früheren Hausverlag DC.

Ebenfalls Standard ist eine Leserbriefseite („Send it to the Stars“), die nicht nur das Geplauder zwischen Redakteuren und ihren Lesern aufs Korn nimmt (wie es bei den Verlagen EC und ACG schon in den 1950er-Jahren erfunden und ab den 1960er-Jahren bei Marvel perfektioniert wurde), sondern diese Einsendungen sind ausnahmslos fiktiver Natur.

Meint: von diesen Redakteuren erstunken und erlogen (die sich selbstironisieren als „your dysfunctional demiurges Al und Kev“). Den Verdacht hatte man sowieso bei manchen Leserbriefseiten der Fünfziger, hier aber geben die Autoren dies offen zu und spielen metathematisch damit!

Wer mag, klicke zum Vergrößern auf diese Seite und lese mal quer. Sehr geil der vorletzte „Brief“, der Bezug auf schrottiges Merchandising aus einer früheren Nummer nimmt. Der fiktive Leser sah in die Zukunft und entdeckte sich als fetten Kahlkopf im „Doctor Who“-Schlafanzug. Schöner kann man Popkultur-Nerds nicht beleidigen!

Wen interessiert schon Handlung?

 

Ich habe noch nichts zur Handlung von THE TEMPEST gesagt, denn ich behaupte: Sie ist völlig nebensächlich und eigentlich nur Folie für dieses Feuerwerk der Persiflagen.

Jetzt dennoch ein Absatz zur Handlung.
Mina Murray versucht im Verbund mit Orlando und Emma Knight, eine Apokalypse zu verhindern, ausgelöst durch das schurkische Oberhaupt von MI5. Dieser böse M (übrigens James Bond) hat Prosperos Reich der Magie (die „Blazing World“) angegriffen. Doch Prospero kann den Schaden rückgängig machen und attackiert nun seinerseits die komplette Welt. Am Ende geht alles den Bach runter, unsere Heldinnen müssen die Erde fliehen und ziehen sich ins Weltall zurück.

Das alles interessiert mich nur am Rande (und Moores zynische Bereitschaft, unsere Welt zum Teufel zu schicken, sei mal nicht diskutiert), denn ich bin gefesselt und fasziniert vom oben erwähnten Feuerwerk der Persiflagen:

Großartig allein schon die Titelseite von Heft Nr. 4, die die bisherigen 20 Jahre der LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLMEN in sieben Bildern komprimiert!

(Das Logo ist noch ein Spaß für sich, denn es evoziert den Look von Jugendblättern wie BEANO, EAGLE oder TIGER. Die Unterzeile „incorporating THUD! GURGLE! and WHIMPER!“ verhohnepiepelt die Praxis der englischen Pressekonzerne, Magazine zu fusionieren, wenn sie für sich allein nicht gut genug verkauften. Die albernen Namen sprechen dabei für sich.)

Was sehen wir hier?
Den Comicstrip „Mina the Minx“, offenbar ein freches Gör, in dem wir die LEAGUE-Zentralfigur Mina Murray erkennen, der rote Schal ist ihr Markenzeichen, nur diesmal grafisch als krawalliges Unterschichtmädchen dargestellt. Der Introsatz dieses Strips von einer Seite Länge präsentiert sie als „geschiedenes Vampiropfer“ (und schafft somit Fallhöhe zur Realisierung als Semifunny).
Welche Kapriolen erwarten sie wohl in dieser Folge?!

Bild 2 rekapituliert die Handlung von LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLMEN Volume 1 und 2, ein Werk von über 300 Seiten. Minas Sprechblase fasst in der Tat zwei Handlungsstränge zusammen (es ging gegen Bösewichte und Marsmenschen), geriert sich dabei als reflektierter Kommentar („Ich führe eine Gruppe viktorianischer Prosafiguren an“) und erlaubt sich auf der Meta-Ebene noch ein freches Urteil, hinter dem wir den Schöpfer Alan Moore hören können: „Das Ganze wurde fälschlicherweise für Steampunk gehalten!“

Die Zeichnung offeriert uns die fünf Hauptpersonen als drollige Jugendcharaktere: Käpt’n Nemo, der gemeinsam mit Allan Quatermain eine comichafte Bombe zum Abschuss bringt, vor den beiden schwebt der Unsichtbare mit sich ulkig auflösendem Tarnverband, ganz rechts klammert sich Mr. Hyde metallverbiegend an das Stelzenbein einer Angriffsmaschine (im Bildabseits), gegen die sich die gesamte Aktion aller Akteure richtet.
Noch dazu läuft Mina seilchenspringend durch die apokalyptische Szenerie, im Hintergrund links das Luftschiff Fu Manchus aus Volume 1, im Hintergrund rechts ein marsianischer Tripod aus Volume 2.

Die zweite Bildreihe summiert die LEAGUE-Handlungen aus den Fortsetzungen BLACK DOSSIER und CENTURY.
Mina sagt es selber: „Jetzt sind wir im Jahr 1910 … vielleicht wird’s bald mal ruhiger.“ Kevin O’Neill macht sich über die Konventionen des Funnycomics lustig, indem er einem Kampf als Wirbel von Strichen darstellt (noch dazu gekennzeichnet als „Übervereinfachung“).

Im nächsten Bild kommentiert Mina ihr neues Aussehen (die Schuhe sind ihr dabei zu groß, was auf das generelle Dilemma von Umstilisierungen hindeutet) und die Verfolgung durch Geheimagenten. Das Männchen mit den schwarzen Haaren in der Bildmitte (das für eine Funnydarstellung gut aussieht) ist übrigens wieder James Bond (den Alan Moore offenbar hasst, denn der Bond der LEAGUE ist ein Killer und Frauenfeind).

Bild 5 spielt auf die unfreiwillige Auszeit an, die der Figur Mina widerfährt: Grotesk in eine Zwangsjacke gewickelt (auch so ein Comicbild, das die Realität eigentlich verunglimpft und verharmlost) transportiert man sie in eine Nervenheilanstalt.
Auf der Meta-Ebene haben wir im Hintergrund ein kiffendes Figürchen, das möglicherweise Autor Moore darstellen soll. Aus dem Off kommt eine spöttische Leserstimme: „Häh, 40 Jahre in der Klapse?“.
Womöglich baut Moore hier Feedback seiner Leser ein, die sich über unrealistische Sachverhalte beschweren; womöglich liefert Moore eine selbstironische Erklärung dafür, in dem er sich als Kiffer präsentiert.

Bild 6 kann ich nicht genau deuten, die Lektüre der Stoffe ist nicht mehr präsent genug. (Wer ist der seltsame Kopf in dem Käfig?) Offenbar verhindert Mina einen weiteren Weltuntergang, bewaffnet mit einem kindischen Korkenschuss-Gewehr. Die Waffe der Wahl gegen den Antichristen?! Der herrlich blöd aussieht und klischeehaft ein Haus zertrampelt.

Und damit sind wir in der Gegenwart der TEMPEST-Storyline. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Prospero rettet seine Blazing World.
(Meta-Verweis: Schuld am Ruin derselben war der Bösewicht aus Bild 4, James Bond.)

In welchen Schlamassel ist Mina da wieder hineingeraten? Bitte umblättern!
Und tatsächlich geht es ja im Heft-Innenteil weiter mit der Geschichte um Prospero, die Blazing World, den bösen Bond und Minas Gefährten!

Ich erwähnte eben den Angriff auf Prosperos Reich – schauen wir uns den mal an, zwei Seiten aus der Haupthandlung (Heft 2): In einem U-Boot nähert sich der böse Bond der magischen „Blazing World“. Er feuert eine ballistische Rakete ab, die vom Radar verschwindet, weil sie in die Paralleldimension der World eintaucht. James und seine Doppelnull-Kollegen im Hintergrund warten gespannt auf die Explosion:

Die passiert auch in einem ganzseitigen Panel, unten links ist noch ein kleines Kommentarbild auf die Szene gepflanzt: Bond lässt im Halbschatten zynische Bemerkungen ab, dann pfeift er die Bond-Melodie.
Der Textkasten unten rechts (der verblassend ebenfalls von der Explosion in Mitleidenschaft gezogen scheint) ist neben dem visuellen Cliffhanger oben der verbale Cliffhanger, der uns Leser zum Kauf der nächsten Ausgabe verleiten will (denn die Haupthandlung endet für diese Ausgabe).
Man beachte Kevin O’Neills wuchtige Atomschlagsillustration, die die surrealen Komponenten der Blazing World nach außen schleudert, darunter putzige Feen und Tierchen im Vordergrund.

(Die Figur des Prospero, by the way, die auf einer Insel Magie wirkt, ist dem Shakespeare-Stück „Der Sturm“ entnommen. Ich habe mich da nicht hineinvertieft, keine Ahnung, was Moore noch alles mit Shakespeare anstellt. Im vierten Heft gibt es zwei Seiten, die direkt auf Shakespeare Bezug nehmen, da bin ich nicht mehr mitgekommen, offen gesagt. Jedenfalls stammt der Begriff der „Blazing World“ NICHT aus dem viktorianischen „Tempest“.)

Ich habe diese Doppelseite „für den Look“ mal fotografiert, das ist sie. Die Szene spielt in der dreidimensionalen Blazing World.

 

Im dritten Heft erleben wir, wie Mina Murray und der neue Käpt’n Nemo in die Blazing World reisen und dort feststellen, dass alle Magie verschwunden und erloschen ist, die Welt liegt im Chaos. Doch Panel für Panel (wir bewegen uns auf einer Doppelseite mit Hochkantbildern von links nach rechts, of course) kehrt die Magie zurück, illustriert durch den sich „einschleichenden“ 3D-Effekt!

Prospero zaubert die Blazing World wieder ganz, denn er ist der mächtigste Magier aller Zeiten. Die Seite zeige ich in Gänze. Nicht nur der toll gezeichneten Figur wegen, sondern auch zweier Gags: Prospero trägt eine rotgrüne 3D-Brille und der Textkasten links ist wieder ein verbaler Cliffhanger, der auf das nächste Heft neugierig machen soll.

Das Rückwärtssprechen von Begriffen oder ganzen Sätzen war in etlichen Comics über Magie ein beliebter Zauberspruch. Zudem stellt Alan Moore im letzten Satzteil sein Faible für Alliterationen aus; auch das eine gern praktizierte Schrulle in der US-amerikanischen Leser-Blatt-Bindung.

 

Heft Nummer 5 ist die Persiflage auf nachgedruckte Mysterygeschichten aus Amerika. In Gegenüberstellung nochmal ein Beweis dafür, wie unglaublich detailliert Moore und O’Neill hier in die Comicgeschichte eintauchen:

Links der Splash einer ironischen Horrorstory von Howard Nostrand aus dem Jahr 1954, rechts die Auftaktseite einer sechs-Seiten-Sequenz aus THE TEMPEST, in der Captain Universe eine weitere Atomexplosion, diesmal über London, eindämmen kann.

Nicht nur wurden Stimmung, Farben und Hintergründe der Originalgeschichte übernommen, sondern  auch der Titel (mit Verdrehung der Zahlen und Verlagerung der Tageszeit) und die grüblerische Atmosphäre. In der TEMPEST-Fassung führt Alan Moore extra für diese fünf Seiten eine neue Figur ein, den schmächtigen „Mind Man“ im blauen Anzug.
Der hat eine unheimliche Vorahnung (wie die Insektenfigur im Original), dass um 3 Uhr in der Nacht etwas Schreckliches geschehen wird.
Captain Universe schenkt ihm Glauben und kann so verhindern, dass der böse Bond auch noch London in Schutt und Asche legt. Ich zeige den dramatischen Höhepunkt auf Seiten 4 und 5 in Fotografie:

Captain Universe hat sich Kraft seiner Fähigkeit zur Bilokation gleichzeitig auf Abertausende Orte positioniert und so die Schockwelle minimiert. Ein völlig hirniger Einfall, der in seiner grotesk anmutenden Ausführung erneut die Lösungsansätze aus Superheldencomics ad absurdum führt. Rechts am Bildrand sowie in der unteren Reihe schaut der böse Bond entgeistert zu.

Noch einmal Beachtung verdient das Backup-Feature in den hinteren Heftteilen: SEVEN STARS ist die britische Antwort auf die JUSTICE LEAGUE von DC, wie das Cover der ersten Folge deutlich macht:


Links das Original: THE BRAVE AND THE BOLD Nr. 28 vom Februar 1960 präsentiert die JUSTICE LEAGUE, rechts die Parodie von Moore und O’Neill.

Alan Moore hat in der Vergangenheit öfters das Thema Superhelden aufgegriffen und sich immer wieder neu daran abgearbeitet: ernsthaft in WATCHMEN, persiflierend in der Miniheftserie 1963, alternativ in PROMETHEA, liebevoll fortschreibend in seinen AMERICA’S BEST COMICS.

Die SEVEN STARS ist nun der parodistische Abgesang, der das Genre der Superhelden insgesamt durch den Kakao zieht. Die sieben Helden sind generische Abziehbilder: der Dandy-Crimefighter „Flash Avenger“, der unverwüstliche Supermann „Captain Universe“, die gefährlich-glamouröse Blondine „Electrogirl“, der geheimnisvolle und unsichtbare Teamleader „Vull“, der telepathisch begabte Alien „Marsman“, die taff-kampferfahrene Brünette „Satin Astro“ und der Dimensionswandler „Zom“.


Die Superritter der Tafelrunde. (Zum Schluss der Serie fragt sich Vull, wieso sie überhaupt Namensschildchen aufgestellt hätten, sie kennen sich doch schließlich.)

Ich zeige mal zwei Seiten aus der ersten Folge, die den Stil und den Ton verdeutlichen:

Klar wird, dass diese glorreichen Sieben nur per Zufall (und durch Setzung der Autoren) unsere Helden sind. Da draußen lauern noch Dutzende weitere Typen in Kostümen mit austauschbaren Namen und Fähigkeiten (Sie erinnern sich: generische Abziehbilder).

Heft 3 offeriert uns die Origin Story von „Electrogirl“ in fünf Bildern, die dermaßen lustig sind, dass ich sie zeigen will:

Bild 2 lässt mich kaum aus dem Lachen herauskommen, böser Humor: Die elektrischen Tränen von Electrogirl schocken das Kätzchen Buster! Achten Sie auch drauf, wie herrlich „sketchy“ Kevin O’Neill das grafisch hinbekommt.

 

Teammitglied „Zom“ übrigens hat noch eine blöde, mysteriös klingende Catchphrase, die er zwanghaft seinen Sätzen anhängt: „… of the Zodiac!“ Seine gottgleichen Fähigkeiten, Materie zu wandeln, wird irgendwie mit der himmlischen Kraft der Sternzeichen (dem Zodiac) begründet.

Lost in space: Zom wird gleich den Flash Avenger in ein rettendes Raumschiff verwandeln. Zoms unglaubliche Fähigkeit ist natürlich stellvertretende Variable für alle Unwahrscheinlichkeiten, mit den Superheldengeschichten seit Jahrzehnten ihre Kaninchen aus dem Hut zaubern.

 

(Atemberaubender Gag in einem Leserbrief des ersten Heftes, das sowieso noch keine Leserbriefe enthalten kann, ist, dass ein Einsender seine panische Angst vor der Figur des Zom und dessen Formel „… of the Zodiac!“ beichtet.
Redakteure Al und Kev antworten dem geplagten Menschen, dass Zom tatsächlich existiere und sie ihm gesteckt hätten, dass der Leser Angst vor ihm habe. Dann verabschieden sie sich noch mit einem gutgelaunt-zynischenTa-ta from your pesky pals … of the Zodiac!“
Das sind Feinheiten, die mir das Herz aufgehen lassen.)

Die Episoden um die SEVEN STARS offerieren uns haarsträubende Kloppereien zwischen Dutzenden von Superhelden im Weltraum (!), schwachsinnige Einsätze gegen amorphe Massemonster und überdimensionale, verfettete Schuljungen – und jede Menge Seitenhiebe auf das Genre, wie hier eine Alternativ-Fakten-Version, woher Supermenschen  wirklich stammen (dazu gleich).

Das Feature SEVEN STARS ist handlungstechnisch im Jahr 1957 angelegt (eine Rückschau in Schwarzweiß), die meisten ihrer Protagonisten aber agieren auch in der Gegenwart von THE TEMPEST: Satin Astro, Marsman, Captain Universe, Electrogirl und Vull (alias Mina Murray!).

Zwei Seiten aus dem zweiten Heft machen sich dabei speziell lustig über die Idee von Superhelden an sich (jetzt kommt’s). Satin Astro und Marsman besuchen den Kollegen Captain Universe in New York und erfahren auf ihrer Recherche Ungeheuerliches:

 

Im Off reden Satin Astro und Captain Universe, das Bild jedoch zeigt uns eine Straßenszene vor der United Nations Plaza: New York wirkt desolat. Captain Universe rechnet mit der amerikanischen Moral ab: Heutzutage benehme sich jeder wie ein Superheld, diese Sucht nach „Übermenschen“ (sic!) spiegele die faschistische Grundtendenz der Gesellschaft.
(Kein Zufall, dass in der Bildmitte ein arabisch-jüdisches Restaurant zerstört worden ist.)

Im zweiten Bild wird es cineastisch-nerdig: Astro wirft die Theorie in den Raum, der Filmklassiker „Birth of a Nation“ könne als Ursprung des Superhelden-Topos (Subkategorie: „Masked Avenger“) verstanden werden.
Der Satz ist nicht nur Wissensgeprotze von Moore, sondern auch Vorbereitung auf die kommende Thematik. Der Captain führt ihnen per Projektor einen alten Filmschnipsel vor, der ebenfalls von der Geburt der Superhelden handeln wird.

Comicfans erkennen in diesem Filmausschnitt die Ankunft von Baby-SUPERMAN im ländlichen Kansas bei Familie Kent. Nur kennen wir die Szene als Comic, nicht als Film: die zu kleine Rakete (wie der Regisseur bemängelt), die das Baby emporstemmen wird (die Rakete ist aus federleichtem Balsaholz gebaut), die Kents, die das Baby (das auch schon zwei Jahre alt ist) aufziehen werden.

Die Szene schleudert uns in ein Paradox:
Wie bitte? SUPERMAN ist nicht echt?
(Natürlich ist SUPERMAN nicht echt, SUPERMAN ist ein Comic.)
In diesem Comic aber ist SUPERMAN kein Comic, sondern eine Erfindung der US-Regierung.
(Natürlich ist SUPERMAN eine Erfindung, aber keine der Regierung, sondern der Unterhaltungsindustrie.)
THE TEMPEST negiert den Comic SUPERMAN, wäre aber ohne den Comic SUPERMAN nie möglich gewesen.

Jetzt spricht Astro aus, was wir eben gedacht haben: Die USA haben sich ihre Superhelden nur ausgedacht?! Universe erklärt daraufhin trocken, dass sie kaum eine Wahl hatten, weil ihr wirklich echter Supermensch (Hugo Danner) verschwunden war.

[Hugo Danner ist der Romanheld aus Philip Wylies „Gladiator“ von 1930, ein Mensch mit Superkräften, der als Vorbild für Shuster und Siegels SUPERMAN gilt.]

Wir verharren im Paradox, weil auch Hugo Danner nur eine Figur ist, hier von einer Figur (Captain Universe) jedoch als real bezeichnet wird. Dieser Comic dreht uns den Kopf um

Der Über-Spaß an der gesamten Sequenz aber ist noch  der, dass Alan Moore hierin behauptet, das Genre der Superhelden (und damit meta-symbolisch die US-Comicindustrie) habe sich nur entwickelt, weil es in Europa bereits die „Spezialisten-Teams“ gab.
Mit diesen meint Moore jedoch seine Erfindungen ­– die LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN sowie deren internationale Ableger, Vorläufer und Konkurrenten (die in den Storylines der LEAGUE immer mal wieder erwähnt werden).

Ergo: Keine US-Comicindustrie ohne Alan Moore!

 

So frech muss man erst mal sein. Danke, Meister. Sie sehen schon: Dieser Comic ist ein Tummelplatz der Anspielungen, ein Sammelsurium der Querverweise – was schon immer Moores Steckenpferd war.
Somit kulminiert in THE TEMPEST tatsächlich das Mooresche Schaffen.

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Cover der Nr. 5

Dies war wieder einmal die Präsentation einer englischsprachigen Ausgabe.
Panini meldet mir übrigens, dass keine deutschsprachige erscheinen wird. Hier streicht der Verlag die Segel, was ich mehr als verstehen kann.

THE TEMPEST ist derartig scheißkomplex und sprachlich komprimiert, noch dazu in sehr kleinen Sprachblasen – das bekommt man auf Deutsch wirklich nicht mehr hin.

(Ich hab schon zehn Minuten überlegt, wie man „vampire-surviving divorcee“ übertragen könnte, kam nur auf „geschiedenes Vampiropfer“, s. oben, was aber den Tatbestand nur ungenau trifft.
Der Kürze halber würde ich es vertreten, aber eigentlich wird impliziert: „Ich gestandene Frau habe die Ehe mit einem Vampir überlebt und bin glücklich per Scheidung aus der Nummer rausgekommen“ – ein Sachverhalt, der allein schon die Sprechblase füllt!)

Zudem ist das ganze Werk ja eh ein Insiderspaß für … äh … mich wahrscheinlich.

Sie haben auch gemerkt, dass die Freude an diesem Comic sich vielleicht nur einstellt dank einer intimen Kenntnis der anglophonen Comichistorie und ihrer industriellen Hintergründe. Ich applaudiere Al und Kev dafür ausgiebig (auch vom Balkon herab um 21 Uhr).

Im Instagram-Blättervideo zeige ich einen Generaleindruck PLUS eine Sequenz, die deutlich macht, wie spielerisch Moore und O’Neill hier vorgehen:

Zum Abschied der Gentlemen (Al and Kev and their whole League) spendiert YouTube noch ein Liedchen:

 

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