Deutsche Retro-Fanfiction: ZIMBUS VON DÖLLNITZ

Willkommen in der Welt der alten weißen Männer!

 

Ich rede von deutschen Nostalgie-Comicfans, das sind in der Tat fast ausschließlich Männer, die die 60 überschritten haben. Menschen also, die in ihrer Jugend der späten 1950er-Jahre Berührung hatten mit den Comicheften aus dem Lehning-Verlag, für die der Schweizer Zeichner Hansrudi Wäscher am Fließband arbeitete.

Die Serien mit Abenteuercharakter hießen AKIM, TIBOR, NICK – am populärsten waren jedoch die Rittergeschichten um SIGURD und FALK.

Nach dem Konkurs des Lehning-Verlags 1968 brach für Wäscher die Arbeit weg, der jedoch Unterschlupf bei Bastei fand und bald für einen seiner Fans arbeitete: Norbert Hethke druckte alles von Lehning nach und beauftragte Wäscher mit Überarbeitungen und sogar einer neuen Serie: FENRIR.

Traurigerweise sind Hethke und Wäscher bereits verstorben, doch „ihre Comics“ leben weiter, denn eine rege Fanszene führt das Werk in bester Tradition fort.

Ich bin ein paar Jährchen zu jung, um auf dieser Schiene gelandet zu sein, doch möchte ich heute ein Fanprodukt dieser Nostalgiewelle vorstellen – weil es so schön kurios ist!

ZIMBUS VON DÖLLNITZ heißt die Serie, die mir auf der Kölner Comicmesse in die Hände fiel. Ich pickte mir den Sonderband „Die Drachenballade“ heraus, weil sie ein komödiantisches Special ist, dazu später.

Mein Exemplar erstand ich beim Herausgeber und Autor Michael Kreiner persönlich. Ebenfalls immer auf der Messe anzutreffen sind die netten Menschen, die sich um das Fanmagazin SAMMLERHERZ scharen.

Auch hier lässt man die Rittercomics der 1950er-Jahre hochleben und veranstaltet sogar Clubtreffen in historischem Ambiente.

Ein kurzer Blog-Eintrag auf „Deutsche Comicsserien“ von 2017 stellt die ZIMBUS-Serie wie folgt vor.
Alle ZIMBUS-Ausgaben sind samt Titelbildern HIER einsehbar auf der Grand Comic Database.

Der Nimbus von ZIMBUS

 

Augenscheinlich höchst liebevoll im retro-nostalgischen Geist gestaltet ist dieser ZIMBUS VON DÖLLNITZ: Das reicht von der Aufmachung über den Zeichenstil bis hin zu Logo und Schriftzug, die ein Amalgam von denen der Serien SIGURD und FALK darstellen (vgl. Beispielabbildungen).

Das Titelbild tanzt aus der Reihe, denn es zeigt nicht den Helden, sondern zwei kriegerische Walküren, die im Innenteil nur als Statistinnen agieren. Ich vermute, mit diesem Augenzückerchen will man diesen Comedy-Sonderband versüßen, in dem selbst Zimbus nur eine Nebenrolle spielt!

„Die Drachenballade“ ist nämlich in zwei Sequenzen unterteilt: Zunächst begegnen wir Ritter Zimbus und seinem Freund Wolf (ist der nicht sein Knappe?, darf ich ihn Knappe nennen?) auf ihrem Ritt in die Kaiserpfalz.

Typisch ist diese Splash Page mit dem „Was-bisher-geschah“-Textkasten sowie dem Fußnotenverweis auf vorangegangene Hefte.

 

Zeitgleich gerät eine Truppe von fahrenden Musikanten in Bedrängnis, als eine Bande von Räubern diese überfällt. Zimbus und Wolf nehmen es mit der Bande auf – und bekommen noch Unterstützung durch einen weiteren, hinzu geeilten Ritter:

Arthur von Drachenfels, den Zeichner Gerhard Schreppel als generischen Wäscher-Recken anlegt, einen Klon aus Falk und Sigurd, was jeden Fan wahrscheinlich schmunzeln lässt.

Der Kampf ist kurz, aber heftig, die Räuber ziehen sich zurück, nachdem sie zwei ihrer Leute verloren haben.

Das Eindringen von Schwertern in Körper hätte es zu Lehning-Zeiten nicht gegeben (soviel ich weiß); die Figur des Hans im vorletzten Bild ist übrigens der real existierende Hans Simon, Herausgeber des SAMMLERHERZ.

 

Nach dem kurzen Gemetzel allerdings verabschieden sich Zimbus, Wolf und Arthur aus dem Heft, denn der Rest gehört real existierendem Personal: Die Musikanten nämlich sind Hans Simon und Bernd Hartmann, Freunde von Autor Kreiner, die nun ins real existierende Städtchen Königswinter am Rhein ziehen.
Dort erfahren sie von einem Sängerwettstreit auf der Drachenburg (auf dem real existierenden Drachenfels) und machen sich auf den Weg.

Was die Walküren vom Titelbild hier machen, scheint mir wie erwähnt rein dekorative Zwecke zu erfüllen.

 

Nun wird es sehr schnell total realsatirisch, denn unsere Musiker (die sich den Namen „Die Drachen“ geben) landen vor dem Schloss in einer Casting-Schlange!

Drinnen tagt zur Beurteilung der Sängerinnen und Sänger ein fernsehbekanntes Tribunal: Wir befinden uns in einer Parodie auf Formate wie „Deutschland sucht den Superstar“ bzw. „Das Supertalent“.

Von links nach rechts: Jürgen von der Lippe, Nina Hagen (stehend), Uschi Glas, Dieter Bohlen und Guildo Horn (rückwärtig vor dem Tisch). Angemerkt sei meinerseits, dass Zeichner Schreppel die männlichen Physiognomien besser gelingen als die weiblichen.

 

Eine hübsche Idee ist es, dass Dieter Bohlen für jede Äußerung seines Lieblingswortes „Scheiße“ eine Strafzahlung von „einem Goldtaler“ in eine Drachenspardose tätigen muss.
(Oder gab es so was „in echt“ auch im Fernsehen?! Ich weiß es nicht, ich schaue solche Sendungen nicht.)

Erregt der Kandidat (wie hier Guildo) das Missfallen der Jury, öffnet sich unter ihm eine Falltüre! Rabiat, aber irgendwie konsequent, wenn wir das Konzept von Castingshows ins späte Mittelalter verlagern.

Es sei verraten, dass im Fortgang der nächsten Seiten nicht nur Nicole, sondern auch noch Stefan Raab in die Grube fahren. Das dürfen wir wohl als Schadenfreude verbuchen.
(Keine Angst übrigens, am Ende des Hefts wird offenbart, dass keine wilden Tiere dort unten lauern, sondern lediglich ein begabter Tierstimmen-Imitator, der den Promis einen Schrecken einjagt.)

Es folgt dann noch ein Cameo von Jürgen Drews, der sein „Bett im Kornfeld“ schmettert und damit das Blut der Damen in Wallung bringt. Ehe Dieter Bohlen ihn in die Versenkung schicken kann, schnappt sich Nina Hagen den Sänger und zerrt ihn mit sich fort.

Die Schilderung der Frauen als (ich sag mal) „liebesbedürftig“ finde ich persönlich daneben und nicht lustig. Aber Bohlens Stoßgebets-Geste ist nett.

Was schlussendlich noch geschieht, ist der Auftritt der „Drachen“ mit einem simplen Trinklied. Welches aus Gründen der Dramaturgie natürlich der Über-Hit ist und Dieter Bohlen zum Schwärmen bringt.

Mich belustigt vor allem das chaotisch-unbeholfen illustrierte Bild 4: Selten ist Jubel so irrlichternd eingefangen worden.

 

Der 36-seitige Comic endet noch mit einem Überraschungsauftritt der Kölner Band „Höhner“, die mit den „Drachen“ zusammen eine Platte aufnehmen wollen.
Nein, Platten gibt es noch nicht, aber man zieht gemeinsam nach Köln und fusioniert das Trinklied der „Drachen“ mit dem Höhner-Hit „Viva Colonia“ (was ja auch nur ein Trinklied ist).

Welch ein Hor…  hormonell beschwingter Einfall.

So!
Und jetzt sag noch einer, in Deutschland gebe es keine Comickultur!

 

ZIMBUS VON DÖLLNITZ beweist im Alleingang, dass wir eine aktive Fanszene haben, die nicht nur Hefte produziert, sondern auch eine CD zum Sängerwettstreit auf der Drachenburg herausbringt, außerdem noch „Zimbus‘ Drachenzunge“ (eine Dauerwurst), den „Hexenfeuer“-Likör, ein „Drachenbrot“, den „extravaganten Weißwein ZIMBUS Höllentrunk“ (halbtrocken) sowie ZIMBUS „Drachenblut“, das Ritterbier.

Noch Fragen?

Ich dränge auf eine Repräsentanz von ZIMBUS auf dem Comicfestival von Angoulême – vor einer Drachenburg-Kulisse natürlich, samt Rittersleuten in Kostümen und fahrendem Volk mit Darbietungen musikalischer Art.
Dazu reichen wir Höllentrunk und Drachenzungen! Welcher Franzose widersteht schon Wein und rotem Fleisch?

Da werden sie Augen machen!

Wenn Sie noch Augen machen wollen: Ein zwei-Minuten-Beitrag des Bayerischen Rundfunks featured Autor Michael Kreiner und die Entstehung des ZIMBUS-Sonderbands: