Kein Murks: Marks MURR

Ein einsamer Cowboy auf seinem weißen Pferd, unterwegs in den Sonnenuntergang, und im Damensattel hockt der Sensenmann und darf ein Liedchen trällern?! Nein, das ist nicht Lucky Lukes letztes Abenteuer, auch wenn der Titel uns so etwas assoziieren ließe.
Dass jedoch mit MURR dieses Jahr (neben Ralf Königs ZARTER SCHMELZ) noch ein wundervoller deutscher Westerncomic erscheint, das hat niemand kommen sehen.

Die Handlung ist simpel und passt in einen Satz: Der bislang eiskalte Revolverheld Murphy (genannt Murr) entdeckt die Angst vor dem Tod.
Ein großes Thema, das mir trotz seiner offensichtlichen Relevanz noch nie im Western begegnet ist!

Die Künstlerin Josephine Mark greift es sich – und entscheidet sich für eine Umsetzung als Funny. Klingt erst mal kurios, doch entpuppt sich rasch als grandios.

In fünf rasanten Szenen auf insgesamt 20 Seiten skizziert und charakterisiert Mark die Kindheit und Jugend unseres Helden. Das tut sie so effizient, bravourös und witzig, dass ich die vier Bilder mit den Keksen schon mal zeigen möchte:

Griffiger ist ein mürrisches Kind nie beschrieben worden!
Unser Murr ist durchaus ein mürrischer Charakter, der von seinem Habitus auch knurrig, grimmig und ruppig wirkt. Sowieso ist er ein egozentrisches, selbstvergessenes Miststück.

Schwer zu sagen, ob E.T.A. Hoffmanns Satire „Kater Murr“ in irgendeiner Form Pate gestanden hat, aber es widerstrebt mir, den Titel MURR als englischlautendes und eher weiches „Mööhrr“ auszusprechen. Ein hartes, deutsches „Murr!“ passt viel besser auf diese kriminelle Type. Der in der Schule schon ein Zeugnis ausgestellt bekommt, das ihn zum  Desperado stempelt (als ob es so etwas im Wildes Westen gegeben hätte!).

Josephine Mark verteilt solch leuchtende Ideen durch ihren gesamten Comic, das nächste Mal gestrahlt habe ich 15 Seiten später, als Murphy mit der Frau des Sheriffs ins Bett geht:

Großartig ist nicht nur die zarte, fleckige Farbgebung, sondern der Einfall mit dem Strohhalm, der nach dem Koitus gekaut wird! Das überlässt Murphy allerdings seiner Dame – vielleicht möchte er sich nicht auf dieses Surrogat-Niveau hinablassen.

Die Affäre bleibt nicht folgenlos, denn der Sheriff erwischt den steckbrieflich gesuchten Übeltäter, streckt ihn mittels einer dynamischen Verkürzung nieder …

… und praktiziert hernach Lynchjustiz. Die gesamte Passage ist eine Parodie auf die Schlüsselszene des Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“: Murphy steht (den Kopf in der Schlinge) auf einem alten Klepper, der über kurz oder lang davonlaufen und Murphy seinem Schicksal überlassen wird.

Todesgefahr liegt in der Luft – und wie aufs Stichwort tritt tatsächlich der Sensenmann ins Bild:

Es entspinnt sich ein Dialog, in dem Murphy gegen sein zu früh empfundenes Ableben protestiert. Der dramaturgische Trumpf, den Zeichnerin Mark nun ausspielt, ist jedoch folgender: Der Tod ist gekommen, den Klepper zu holen, nicht den Revolverhelden!
Der baumelt jetzt zwar in der Luft, doch der Strick reißt und Murphy hat sein Leben wieder.

Das aber ist fortan überschattet von der Präsenz des Todes. Immer wieder taucht der Sensenmann an seiner Seite auf. Das macht Murphy nervös und verhagelt ihm sein Banditen- und Lotterleben. Er stellt den Tod zur Rede und in einem philosophischen Austausch kommt es zum Deal.

(Und ich liebe es, wie Murphy „Komm‘ zum Punkt, Schnitter“ raunt.)

Spiel mir das Lied von der Liebe

 

Der Pistolero erwählt zum Subjekt, an dem sein Herz hängt, jedoch keinen Menschen, sondern sein treues Ross: Sam. Schon bald aber muss er erkennen, dass die Liebe einen Haken hat. Zwar ist Murphy furchtlos wie zuvor, dafür sorgt er sich nun um sein Pferd.

Sam ist nicht nur sein „partner in crime“, sondern veritabler Lebensgefährte. Was wäre ein Cowboy schließlich ohne sein treues Reittier?!
(Und wieder lässt Lucky Luke grüßen, in den beiden folgenden, neckischen Panels einer Westernfreundschaft.)

Von der weiteren Handlung will ich nichts verraten, aber noch ausdrücklich loben muss ich das Artwork von Josephine Mark. Sie haben soeben die zweite Strohhalm-Szene in diesem Beitrag bemerkt (und hoffentlich über Sams Art, Strohhalme zu kauen, so gelacht wie ich).

Der Knüller aber ist prinzipiell, wie diese Zeichnerin Ausdrücke gestaltet. Sie haben ebenfalls die Minimal-Visagen der Figuren schon kennengelernt. Auch mir war klar, dass man mit drei Strichen ein Gesicht hinbekommt.
Wie formvollendet, cool und frisch das jedoch wirken kann, macht einem MURR auf fast schockierende Weise deutlich.

Dass der Sensenmann ein Hohlkopf mit Augenlöchern ist – wunderbar! Er kann sogar ironisch dreinblicken.
Dass Murphys stählern-zorniger Blick sich in einer schwungvollen Linie manifestiert – unglaublich! Er zeigt seine Augen nur, wenn er wirklich betroffen ist.

Murphys „Western-Zeugnis“.

Dieser Western-Funny ist eine treffsichere Meisterleistung. Jedes Panel sitzt.
Flüssig und ohne Umschweife nimmt uns die Geschichte mit.
Und welch köstlichen Späße noch darin versteckt sind, entdecken Sie bitte selber.

Also: Josephine Mark präsentiert mit MURR ein absolut wundervolles Werk.
Ganz große Nummer. Toller Wurf. Weltklasse.

Noch nie von der Frau gehört, aber eine schöne Webseite offenbart weiteres Schaffen (s. Menüpunkt „puvo productions“ – gehen Sie dort auf die Suche nach dem Cartoon „Die eukalyptischen Reiter“, es lohnt sich.)

MURR ist bereits vor einigen Wochen bei Zwerchfell erschienen. Auf der Verlags-Webseite ist auch ein kurzes Interview mit der Autorin zu finden.

Und ehe Sie Ihren Colt ziehen können, habe ich MURR bereits auf Instagram vorgestellt:

 

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