RALF KÖNIG reitet wieder!

Beziehungsweise zum ersten Mal, denn seine Lucky-Luke-Hommage ZARTER SCHMELZ ist seine Premiere im Westerngenre.
Im Vorfeld hatten alle Beteiligten wahrscheinlich etwas Manschetten – der Verlag, der Lizenzgeber, der Künstler selber –, aber was König am Ende abgeliefert hat, ist ein echter Knüller: ein wunderbar ironischer Westernfunny  von ersten bis zur letzten Seite (immerhin 63 an der Zahl) und eine willkommene Erweiterung des Lucky-Luke-Kosmos!

König wählt zum Einstieg ein klassisches Westernmotiv – und bricht sofort damit: Reiter bewegen sich aus subjektiver Kamera auf eine einsame Farm zu! Der Cowboy Bud tritt heraus und greift vorsichtshalber ans Holster.
Doch wer da angeritten kommt, sind wir selber, die Betrachter*innen der Szene, die Bud belabern, er möge doch von seiner Begegnung mit dem berühmten Lucky Luke berichten.

Und, als genügte dieser Kunstgriff noch nicht, baut König am Rande noch Dialog-Gags über die Zubereitung von Steaks an und etabliert noch eine weitere Figur, die wir noch nicht zu Gesicht bekommen (es handelt sich um Terrence, den Lebenspartner von Bud).

Bud und Terrence nämlich (ja, denken Sie meinetwegen an Spencer und Hill) sind ein schwules Paar im Wilden Westen. ZARTER SCHMELZ ist die Geschichte ihrer Liebe, konkreter: wie Lucky Luke für diese Beziehung Pate stand.

König möchte ganz bewusst den Queeren Westen, weniger den Wilden, beschreiben – und tut dies unaufgeregt: nicht nur mit Bud und Terrence, sondern auch mit Calamity Jane, deren lesbischer Partnerin Sitting Butch und deren Sohn Buffalo Bitch (die auf Rössern mit Regenbogenmähnen reiten).

Die Namen sind schon lustig, schöner ist, dass Ralf König auch eine konsistente Geschichte erdacht hat: Der Schweizer Schokoladenfabrikant Sprüngli möchte hochwertige Pralinés auf den amerikanischen Markt bringen. Dazu hat er fünf Prachtkühe aus den Alpen ins Westernkaff Straight Gulch verschiffen lassen. Nun sucht er Kuhhirten (Cowboys), die die empfindlichen Tiere im idyllischen Dandelion Valley beaufsichtigen und weiden lassen.

Den Job übernehmen Lucky Luke (der sich ein paar Tage von seinen üblichen Abenteuern erholen möchte) und Bud (der ein paar Tage Zeit hat, bis sein Freund Terrence eintrifft). Beide treffen sich übrigens vor dem Jobcenter. Jobcenter?
Klar gibt es Jobcenter im Wilden Westen, hier ist der Beweis:

Lucky Luke trifft ein, gesellt sich zu Bud, der dort schon wartet. Der Jobvermittler ruft ihn auf, Bud wird rüde abgewiesen.

Was ist mit ihm?“, fragt Lucky Luke, bekommt aber keine Antwort. Bald stellt sich heraus, dass die Bevölkerung von Straight Gulch Bud feindlich gesinnt ist, weil er homosexuell ist. Lucky Luke kratzt das nicht und als fiese Charaktere Bud an den Kragen wollen, schreitet der Meisterschütze auf bewährte Art ein.

Nicht nur bezieht Luke hier Stellung gegen Ungerechtigkeit, König spielt zugleich mit dem Legendenstatus des „Cowboys, der schneller zieht als sein Schatten“. Das Entwaffnen mit einem gezielten Schuss ist Luckys Markenzeichen – die Betroffenen (zumindest der nicht getroffene Betroffene) ist darüber ganz verzückt.

Der Name des Ortes, „Straight Gulch“, verrät natürlich schon, dass hier Homophobie waltet. Diese rechtschaffene, „geradlinige“ Siedlung duldet keine Abweichungen von der Norm – bis sie es am Ende doch muss. Es kommt zu einem krassen Duell auf der Hauptstraße – ein Herzschlagfinale, wie es noch keins im Western gab.
(Verrate ich nicht, ätsch.)

Wir wissen, dass Ralf König ein Meister des Humors ist. Aber wie mühelos, kompetent und gut gelaunt er ein Lucky-Luke-Album kreiert und komponiert  – das hat mich nochmal überrascht.
Er macht das zudem so subtil, dass kaum auffällt, dass auch Lucky Luke nur Beobachter in diesem seinen neuen „Bilderbuch“ ist. Denn die Geschichte gehört Bud und Terrence, dem schwulen Cowboypärchen, dessen Findung zueinander in einer Rückblende auf zentralen acht Seiten erzählt wird.

Bud und Terrence arbeiten während eines Viehtriebs zusammen („Brokeback Mountain“ lässt grüßen) und sind zunächst von der gegenseitigen Zuneigung selber verunsichert.

Sie schlagen und sie küssen sich. Sie werden von einem Fallensteller beobachtet, der den Tratsch in den Ort trägt (daher auch Buds Probleme beim Jobcenter, Sie erinnern sich).
Sich öffentlich zu ihrer Liebe zu bekennen, scheint unmöglich, doch am Ende wird alles gut – auch dank des Engagements von Lucky Luke: „Da freuen wir uns alle“, bestimmt er.

So können wir Bud und Terrence auf ihrer Farm besuchen und sie beim Mittagessen stören. Hauptsache, wir bekommen tolle Anekdoten von Lucky Luke erzählt!

Ein altes Trauma

 

König beantwortet in ZARTER SCHMELZ die Frage, weshalb Lucky Luke keine Menschen mehr erschießt. Dazu greift er auf eine comichistorisch verbriefte Episode aus den Anfangstagen zurück: Zeichner Morris hatte in einer frühen Geschichte die Ur-Daltons durch Lucky Luke liquidieren lassen.

König vollbringt hier das Kunststück, eine Comicfigur über ihre Vergangenheit reflektieren zu lassen, dazu noch mit meta-theoretischer Pointe. Die Szene wurde im Comic tatsächlich übermalt, so dokumentiert in der Morris-Biografie „Auf den Spuren von Lucky Luke“ (die König natürlich kennt).

Die beiden letzten Panels sind beeindruckend effektiv: Ein verstummter Lucky hängt erst dunklen Gedanken nach, dann beklagt er den Gewaltfetischismus des Westens. Wären alle so friedlich wie Bud und Terrence (und zögen sich andere Dinge aus den Hosen als Colts), wäre die Welt eine bessere. Der sanfte Bud streichelt dazu die Schnauze einer Kuh.

Apropos Daltons: Die kommen auch drin vor, so wie wir sie kennen – der cholerische Joe, der dämliche Averell und die beiden dazwischen.

Eine köstliche Insider-Idee ist es übrigens, statt Kopfgeldjägern Autogrammjäger auftreten zu  lassen. „Nerd Sammler“ heißt bei König ein teigiger, irgendwie konturloser Vogel, der Prominenten auflauert, um sich von ihnen Gegenstände signieren zu lassen!
Ein Schelm, wer da nicht an geplagte Zeichner*innen auf Comicfestivals denken muss …


Überhaupt beschlich mich bei der Lektüre der Verdacht, dieser Lucky Luke trüge einige Wesenszüge seines Schöpfers

Mach mehr aus deinem Typ!

 

Ralf König schafft es, mir Lucky Luke auch menschlich näher zu bringen. Er ist entspannt, er ist auf Urlaub, er lässt sich einen Mehrtagebart stehen sowie ein kleines Bäuchlein.
Woher das kommt, darüber diskutiert er mit Jolly Jumper.

In der betreffenden Szene rasiert er sich gerade im Sattel – allerdings bei Stillstand. Auch wenn er in den originalen Comics solche Tätigkeiten im vollen Galopp erledigt, hat ihn Jolly kurz darauf hingewiesen, dass er sich beim letzten Mal „übel geschnitten“ habe.

Merke: In Königs Semifunny siegt der Realismus über den Funny!

Auch das ist paradox, doch „das hier ist die Realität, Cowboy“, macht ihm sein Gaul klar, um im nächsten Moment hinterherzuschicken: „Und hör auf, dich mit deinem Pferd zu unterhalten.

Ralf sagte mir in einem Interview, das in COMIXENE Nr. 139 abgedruckt wurde, er habe die sprechenden Tiere (wie auch Rantanplan) in LUCKY LUKE nie gemocht. Auf diese Weise rechnet der Künstler damit ab (und macht sich noch einen Meta-Spaß draus).

So dürfen wir auch Jolly Jumpers Motivation verstehen, in den Galopp zu gehen (s. oben). Lucky Luke mag asexuell sein, aber seinem Reittier verspricht er ein erotisches Abenteuer. König greift den Gag wieder auf, wenn sein Cowboy im Schlussbild in den obligatorischen Sonnenuntergang reitet: Luke flötet sein Liedchen vom „Lonesome Cowboy“, aber was Jolly Jumper unter ihm denkt, das … verrate ich nicht. Entdecken Sie bitte selber!

Dennoch habe ich einsam für Sie durch das Album geblättert:

 

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