Postkarten aus der Apokalyse: YEAR ZERO

Es beginnt optimistisch: Sara Lemons will die Welt retten. Die Polarforscherin untersucht den Klimawandel, doch was ihr Bohrkern zutage fördert, ist ein tiefgefrorener Urmensch – dessen Blut erstaunlich regenerative Eigenschaften aufweist. Hmmm, wie wird die Menschheit mit dieser Entdeckung umgehen?

Wird man ein neues Heilmittel gegen Krebs erforschen oder wird …..

Okay! Ein Jahr später geht alles in die Grütze!

Sie sahen oben den Yakuza-Hitman Saga bei einem Gang durch Tokio. Die Welt ist überrannt von Zombies, was uns YEAR ZERO nicht näher ausführt. Diese Comicserie belässt es oft bei eleganten Anspielungen. Wir wissen ja alle, wie das Genre funktioniert: Virus, Mutation, Biss, Verwandlung, Kopfschuss.

Im Töten nichts Neues

 

Was YEAR ZERO anders macht, ist zunächst mal einen Erzählrhythmus zu etablieren, der einem rigiden Muster folgt. Im ersten Heft (von fünfen, die zu Band 1 gebündelt werden) erleben wir nach der Einführung durch Sara Lemons jeweils dreiseitige Episoden aus dem Leben von vier Figuren, die wir so vorgestellt bekommen:

Also drei Seiten mit dem mexikanischen Straßenjungen Daniel Martinez, drei Seiten mit Auftragskiller Saga Watanabe, drei Seiten mit der afghanischen Übersetzerin Fatemah Shah und drei Seiten mit dem US-amerikanischen Prepper B. J. Hool.
Dann rotiert es wieder: drei Seiten Daniel, drei Seiten Saga, drei Seiten Fatemah, drei Seiten B. J.

Das wirkt sprunghaft, abgehackt und dramaturgisch schrecklich stur – transportiert aber zugleich eine globale Übersicht, ein diverses Personal sowie (auf der dramaturgischen Ebene) eine Nervosität und Verunsicherung, die dem Thema adäquat ist.
Ab Heft 2 beschleunigt sich der Takt noch, hinunter auf je zwei Seiten!

Weitere Konsequenz dieses Konzepts ist es, dass Sachverhalte und Abläufe clever verdichtet und in sinnfälligen Arrangements aufbereitet werden müssen. Diese „Blitzlichter“ aus der Apokalypse gelingen Autor Benjamin Percy und Zeichner Ramon Rosanas mustergültig.

Ein Beispiel: Unser Prepper-Nerd verlässt seinen Bunker, um im Panzerwagen beim Rendezvous mit einer Überlebenden vorzufahren:

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann preppen sie noch heute!

 

Der Spaß an diesem ersten Handlungsbogen von YEAR ZERO liegt im Kennenlernen unserer fünf Figuren, ihrer Nöte und Hoffnungen. Fünf Menschen werden von heute auf morgen mit dem Ende der Welt konfrontiert:

Forscherin Sara ringt mit den Konsequenzen ihrer Entdeckung; der Betteljunge Daniel ist plötzlich allen anderen gleichgestellt und kann seine Kunst des Diebstahls nutzbringend einsetzen; Saga will gerade einen Mord ausführen, da kommen ihm die Zombies zuvor; Fatehmah lockt eine amerikanische Militärpatrouille in einen Keller in Kabul – jedoch nicht in eine Taliban-Falle, sondern sie möchte den dort versteckten misshandelten Frauen den Schutz der USA angedeihen lassen.

Halt, ich habe falsch gezählt. Der fünfte im Bunde ist der Prepper B. J. Hool – er war exakt auf diese Zombieseuche vorbereitet und absolviert den Schrecken mit einer Gelassenheit, als flimmerte er über den Bildschirm (ham sie ja oben schon gesehen).

Diese Figuren wirken allesamt glaubwürdig und lebendig – und verdammich, cool sind sie noch obendrein!

Fatehmah etwa ist eine Frau, die ihr Leben riskiert, indem sie Verfolgte aufnimmt. Verzweifelt diskutiert sie mit dem amerikanischen Sergeant, er möge doch bitte in den Keller steigen und die Frauen in Sicherheit bringen. Der misstrauische Soldat lässt sich erweichen, obwohl dort auch Taliban lauern könnten.
Dass der Keller tatsächlich zur Todesfalle wird, hat aber nichts mit Besatzungspolitik zu tun, sondern ist dem Zombievirus geschuldet, wobei sich die Lage ironischerweise dreht – und den Frauen nun Gefahr von ihren Rettern droht:

Der untergründig schwelende schwarze Humor ist ebenfalls ein Faktor, der YEAR ZERO zu einer unterhaltsamen Lektüre macht. Vielleicht infiziert er ja auch Sie!

Ich jedenfalls bin von vielen Szenen begeistert. Perfekt geskriptet und getimt ist diese Passage, in der Daniel in der Kathedrale von Mexiko-Stadt Schutz sucht. Seit seine Eltern ermordet wurden, fand er stets Zuflucht im Haus Gottes und konnte auf milde Gaben des Priesters hoffen.
Nun versteckt er sich dort vor den Zombiehorden, verängstigt in einem Beichtstuhl. Während er um Schutz betet, reißt ein Diener Gottes die Türe auf, um ihn zu fressen. Welch feine, ironische, böse Inszenierung!

Sowieso ein Augenschmaus ist das Artwork von Ramon Rosanas, eigentlich ein Marvel-Zeichner, der hier im modernen „Image-Style“ illustriert: flächig, sauber, plakativ.

Im zweiten Band (die nächsten fünf Hefte, die ich auf Englisch schon gelesen habe) erleben wir einen anderen Zeichenstil, denn es übernimmt der Kollege Juan Jose Ryp, der YEAR ZERO mit deutlich mehr Realismus gestaltet – was die folgenden Episoden auch heftiger rüberkommen lässt!

Doch zunächst erwartete mich die große Enttäuschung.

Die große Enttäuschung

 

Ich hatte Band 1 ausgelesen und einen Tag Pause eingelegt. Dann griff ich mir Band 2 und war schon heiß darauf, wie es jetzt wohl weitergehen könnte:

Was fängt Daniel mit seinem Leben an? Was geschieht mit Fatimah?
Kann sich B.J. mit seinem neuen Leben arrangieren?
Und was unternimmt ein Yakuza-Ronin gegen Zombies?

Dann schlage ich auf und sehe schnell: Nix geht weiter mit meinen Figuren, ich werde frech mit vier neuen Menschen konfrontiert!
WTF?! Es geht nicht weiter?!

Tatsächlich: YEAR ZERO Volume 2 hakt alles Bisherige als „auserzählt“ ab und präsentiert sozusagen „Frischfleisch“:

Einen sadistischen Narco-Baron in Kolumbien, ein schwangeres Teenie-Girl in einer Shopping Mall, einen gewissensgeplagten Arzt in der Steppe von Ruanda – sowie einen taffen norwegischen Fischer und seine beiden Söhne.

Wie bitte?! Was soll ich denn jetzt mit Fishermans Friends?! Nie fragen!

Das musste ich erst mal verdauen. Das musste ich erst mal als Konzept akzeptieren. Jeder Band dieser Serie beleuchtet offenbar in vier Kurzgeschichten vier Schicksale aus einer kaputten Welt.

Die große Enttäuschung, abgehakt

 

Diese neuen Geschichten reißen mich jedoch so schnell mit, dass ich meine alten Figuren bald „loslassen“ und mir unter dramaturgischen Aspekten schönreden konnte, dass es so einen höheren Sinn hat.

Es wäre auch eine narrative Falle gewesen, mit Daniel und den anderen weiterzulaufen. Dann hätten sich vier Handlungsstränge entwickelt, die sich bald wie THE WALKING DEAD angefühlt hätten: Kleine Soap-Operas aus der Apokalypse, die uns irgendwann auch langweilen.

Genau dagegen kämpft Autor Benjamin Percy mit seiner Idee für YEAR ZERO an. Ganz bewusst entwirft er nur skizzenhafte Momentaufnahmen, Schaufenster des Grauens, kondensiert auf ihren Kern.

[Dass es mit Saga und Daniel gleich zwei ähnlich verlaufende Rachegeschichten gewesen sind, hat mich sowieso verwundert. Des Weiteren drohten die Storys um Fatimah und B.J. im Leeren zu drehen bzw. im Status Quo zu verharren. Diese Figuren waren dazu da, uns erst einmal die neue Welt aufzuzeigen.
Zeichner Rosanas hat uns zum Kontrast weitläufig durch Mexiko-Stadt und Tokyo geführt, um einen Aufriss der globalen Katastrophe zu vermitteln. In die Keller und Bunker hat er uns geschickt, um die klaustrophobische Paranoia einzufangen, die für die Einzelpersonen mit der Zombie-Invasion einhergeht.]

Volume 1 war pure Exposition. YEAR ZERO hat darin sein Fundament gelegt.

Autor Percy hat für seinen Auftakt vier simple Geschichten gewählt, um im zweiten Band erfreulich komplexer zu werden. Nun erleben wir Figuren, die bereits mit der Situation vertraut sind (wir dürfen uns vorstellen, dass diese Handlungen chronologisch später ablaufen).

Der Fischer Bestemor und seine Söhne Rolf und Frans leben bereits abseits des Festlands auf Booten. Der Narco-Gangster El Topo hat sich in seiner Villa auf dem Berg verschanzt, bewacht von einer Privatarmee. Die Rackjobberin Tina Pumper hat sich häuslich in der Shopping Mall eingerichtet, in der sie gearbeitet hat. Der Arzt Ishmael hat sich in die Wildnis zurückgezogen und kämpft in der Savanne um sein Überleben.

Und wieder geht es ruppig zur Sache: Die Kolumbien-Episoden kennen keine Bremse, was „Gewalthumor“ angeht. Mir gefällt, wie El Topo seinen Privatpiloten Manuel mit einem Kaffee „weckt“.
(Und wir dürfen davon ausgehen, dass der Kaffe noch heiß war.)

Ich darf relativierend darauf hinweisen, dass die Begegnungen mit Tina und Ishmael feinfühlig geschildert werden und sich um die Bewahrung menschlichen Lebens drehen!

YEAR ZERO ist kein Krawallcomic, sondern spannt ein weites Spektrum auf. Diese vier neuen Figuren aus Band 2 haben ganz andere, neue Probleme in dieser Welt, die jeden Kompass verloren hat.
Bestemor, Tina, Ishmael, Manuel sind herausgefordert, einen neuen moralischen Kompass für ihre Leben einzurichten. Was ist noch Recht oder Unrecht? Wer überlebt mit welchen Mitteln? Wo verläuft die Grenze der Rücksichtnahme auf andere? Was diktiert uns das Gewissen?

Letztere Frage ist das Thema von Ishmael Achebe, einem Ruander, der dem Völkermord an den Tutsi entfloh, eine Fluchtodyssee überlebte, in Europa Medizin studieren konnte und nach Ruanda zurückgekehrt ist, um dort zu helfen.
Jetzt steht er seiner größten Gefahr gegenüber, einem Virus, das jeden umbringt – und er ist besinnungslos vor Angst und Schuldgefühlen, weil er sich in der Savanne versteckt. Dann greifen auch noch Löwen an!

Ich darf verraten, dass Ishmael seine Ängste überwindet und sich auf den Weg macht, die Bewohner eines Dorfes zu evakuieren und in Sicherheit zu bringen.

Zeit für einen kleinen Meta-Spaß?

 

Jedes Heft endet auf einem Gag oder einer Fußnote, die mit den anderen Handlungssträngen nichts zu tun haben. In Volume 1 sind das „History-Fakes“, in Volume 2 aufgefundene Nachrichten.

Meint: Im ersten Band täuschen historische Dokumente an, die Zombieseuche habe es schon immer gegeben. Leonardo da Vincis „Vitruvianischer Mann“ entpuppt sich als ein solcher – das ist so genial, ich offenbare das als Schmankerl im Video (müssen Sie sich anschauen, heheheh), dann sehen wir Berichte mittelalterliche Mönche, die uns im Nachhinein die Pest des 14. und 15. Jahrhunderts in ganz anderem Licht erscheinen lassen und (superböse): Die Erschließung des amerikanischen Westens erfolgte durch Zombies, die in allen Ecken der USA die indianischen Ureinwohner ausrotteten!

Diese frechen Häppchen beweisen, dass sich YEAR ZERO nicht ernst nimmt bzw. will uns noch einen Extraschub Gänsehaut bereiten:

Der Zombie als verkannter Katalysator der Menschheitsgeschichte.

Im zweiten Band ist leider Schluss mit Historie, er folgt dem Konzept des ersten und präsentiert nicht nur neue Figuren, sondern auch neue Extras: ein handschriftlicher Zettel, ein Funkspruch, eine Aktennotiz künden von Stimmen, die inzwischen verstummt sind (oder irgendwo da draußen noch ihren persönlichen Kampf ums Überleben führen).

Von diesen Extras zeige ich nichts, dafür zwei Seiten mit Tina Pumper, die uns erzählen, wie sie schwanger wurde. Auch hier verpacken Percy und Ryp viel Information in acht Panels und gestalten die Szene mit untergründigem Humor: die schnelle Nummer auf der Gemüsekiste, die inzwischen verfaulten Lebensmittel, die postkoital den Sexualakt rächende Zombiehorde, das unrühmliche Ende des Supermarkt-Gigolos „Clint“:

Im kurzen Nachwort zieht Autor Percy tatsächlich Parallelen zu Corona, dem Virus, das „auf dem Wind reitet, unsere Lungen verstopft und Misstrauen gegenüber Freunden und Nachbarn sät […] Doch keine Horrorstory dreht sich ausschließlich um das Monster“, fährt er fort, „das Monster steht stellvertretend für das Trauma, mit dem die Figuren ringen.“

YEAR ZERO handelt nicht von Zombies, sondern von der „conditio humana“. Band 1 zeigte uns den Stand der Dinge auf. Band 2 schildert, wie Menschen mit der Situation umgehen.
Zu was für Menschen macht es uns?
Percy: „Die Pandemie verschwindet nicht. Wir sind aufgerufen, mit dem Virus leben zu lernen.

Mit Volume 3 und folgenden Bänden hat Percy mit seinen Zeichner*innen jetzt Gelegenheit, tiefer in die Materie einzutauchen. Wenn ich die Entwicklung von Volume 1 zu Volume 2 sehe, bin ich gespannt wie ein Flitzebogen (mit dem auf den Kopf eines Zombies gezielt wird).

Ich traue dieser Serie zu, noch etliche echte Mini-Dramen liefern zu können – und dabei noch unanständig unterhaltsam zu sein!

Autor Benjamin Percy hat mit YEAR ZERO ein Franchise erfunden, dass länger laufen kann als THE WALKING DEAD.
Öha!

Wer hat’s erfunden?

 

Moment mal: Eine Welt, überrannt von Zombies, in der an verschiedenen Orten verschiedene Menschen um ihr Überleben kämpfen? Das ist doch … DIE TOTEN, ein altes Zwerchfell-Produkt!

Im Ernst: Diese hübsche deutsche Serie exerziert vor, was YEAR ZERO (knalliger und krawalliger) auf globaler Folie präsentiert. Auch sehr lesenswert! :- )

Aber wir sind ja bei YEAR ZERO. Deutsche Ausgabe des ersten Bandes erschienen bei Crosscult, Verlagslink HIER.

In meinem Instagramvideo gewähre ich schon einen „sneak peak“ in den zweiten Band: