Wenn Märchen Amok laufen: RAOWL

Wer ist dieser Raowl?
Oder besser gefragt: Was ist dieser Raowl eigentlich?

Ein Tiger? Ein Bär? Ein Werwolf?
Raowl bezeichnet sich selber als „Tier“ – ein tierisch guter Kämpfer ist Raowl auf jeden Fall:

Diese Seite 3 macht schon den Ton der Erzählung klar und offenbart, welche Kampfkünste unser tierischer Held beherrscht: Mühelos schnetzelt Raowl einige Angreifer in Häppchen. Die Sprechblase dazu verrät uns, dass dieser Comic (trotz seines Funny-Looks) vielleicht nichts für Kinder ist …

Raowl ist breit gebaut, fast quadratisch, enorm muskelstark und besteht zur Hälfte aus Kopf. Mehr als zur Hälfte! Sein Schädel ist riesengroß und rund, sein Maul ist gewaltig – damit er seine Gegner besser fressen kann?

Dabei will Raowl nur ein Küsschen, am besten von einer echten Märchenprinzessin. Die hat er zwar schon auf Seite 3 vor einer Horde von Orks und Ogern gerettet, doch die erweist sich als stur und will von diesem Tier (Raowl) nichts wissen. Verständlich, oder?

Raowl, du Kraftmeier, du Protz, du Testosteron-Stier, was bist du?
Ein Tiger? Ein Bär? Ein Werwolf?
Oder ist dieser Raowl ein verwunschener Märchenprinz?

Hossa! Raowl ist ein verwunschener Märchenprinz! Mit Namen Herbert, der immer dann zum Vorschein kommt, wenn Raowl niesen muss.

Der König der Tiere?

 

Die Rückverwandlung übrigens ereignet sich, wenn Herbert sich ärgert. Das kennen wir ja vom unglaublichen Hulk. Bei Herbert sieht es so aus:

Das ist zwar vollkommen willkürlich, aber will ich Logik in einem Comic einfordern, in dem es um magische Märchenwelten geht? Lassenwir schön bleiben.

RAOWL macht sich einen Spaß mit dem Märchen- und Fantasygenre. Das bei Carlsen vorliegende erste Album präsentiert gleich zwei Geschichten: Auf eine Auftakt-Episode von nur 15 Seiten (die wie zum Teil gesehen das Genre und das Handlungsmuster klarmacht) folgt eine zweite von 50 Seiten.

Wieder hat Raowl eine Prinzessin in Nöten aufgespürt (wäre ja lustig, wenn auch zukünftig alle Storys so beginnen) – doch auch diese märchenhafte Schönheit namens Belle muss sich erst an Raowl Erscheinung gewöhnen.

Im Fortgang wird Belle von einem Schwarm Fledermäuse auf eine finstere Insel entführt, auf der vampiristische Kannibalen hausen!
Ich zeige die hübsche Doppelseite der Annäherung an die Insel als Foto:
Links der Fledermausschwarm, in dessen Mitte sich Belle befindet. Rechts die trutzige Inselfestung mit darunter gelagertem Friedhof!
(Und solche herrlich getürmten Märchenbauten finde ich ja wunderschön.)

Dort residiert eine horrible Hexe, eine steinalte, mit ihrem seltsamen Sohn, dem hanswurstigen, aber brandgefährlichem Hofmarschall – sowie dem Friedhof voller toter Ex-Ehemänner (die im Gemäuer herumspuken bzw. als Zombies aus der Erde kriechen).

Keine Horrorpersiflage ohne manisches Gelächter! Aber selten so schön trocken wie hier ins Spiel gebracht.

 

(Übrigens erinnern mich die Kampfschweinchen in den Rüstungen an die Schweinesöldner aus Luc Bessons Film „Das fünfte Element“ – und die Grusel-Lady hat definitiv was von Gary Oldmans Dracula-Personifizierung aus dem Coppola-Film.)

Der Rest der Handlung ist rasch erzählt:
Raowl reist per Schiff zur Rettung an und erhält nach der Landung geldwerte Tipps von einem Friedhofsbewohner.

Während unser Recke auf bewährte Art aufräumt, ereilt ihn (natürlich) ein fataler Schwächeanfall, der für Spannung sorgt. Sonst wäre es ja auch zu einfach.

Mehr verrate ich jetzt aber nicht, nur so viel: Es kommt noch zu dämonischen Verwandlungen, Geister-Attacken, viel Kleinholz und einer überaus komischen Sequenz mit einem Piranha im Goldfischglas, welches auf dem Kopf eines Bösewichts landet.
(Noch komischer, dass dieser Mensch anschließend als neues Hybridwesen umherwandelt: ein Körper mit Glaskopf, in dem der Piranha schwimmt!)

Den Zeichenstil von RAOWL mag ich sehr: genau die richtige Mischung aus abstrakten Funny-Figuren und stimmungsvollen Hintergründen (schiefe Mauern, rümpelige Tavernen, finstere Wälder, blumige Wiesen und gruselige Gruften).

Das Artwork kommt von Tébo, einem 48-jährigen Franzosen, der bereits seit 2003 die Superheldenparodie CAPTAIN BICEPS illustriert. Dies tut er in Zusammenarbeit mit dem Autoren und Zeichnerkollegen Zep, einem Superstar in Frankreich (an dessen Stil mich Tébo übrigens sofort erinnerte, kein Zufall also).

RAOWL also nun Tébos Gesellenstück einer eigenen Serie, die er auch selbst verfasst. Wobei das Feld der Märchenparodien ganz schön abgegrast ist …

Noch jemand ohne Märchenquatsch?

 

Natürlich liegt RAOWL ganz nah bei DONJON, der in unzähligen Alben erzählten Fantasy-Rollenspiel-Persiflage aus dem Hause L’Association.

Stilistisch einen Schritt entfernt, doch immer noch im Funny-Look, grüßt übern großen Teich Skottie Youngs I HATE FAIRYLAND-Franchise. Hier wird ein großes Vergnügen an Splatter-Effekten ausgestellt, um die visuell größtmögliche Fallhöhe herzustellen.

Beispielseite von Skottie Young; man spürt die amerikanische Provenienz (auf Deutsch erhältlich bei Popcom).

 

In diese Reihe gehört auch die deutsche Produktion ADVENTURE HUHN der Zeichnerin Franziska Ruflair von 2019. Ihr verrücktes Huhn auf Abenteuersuche verlässt sich mehr auf meta-humoreske Einfälle und besticht durch wirklich jenseitige Ideen (ich sag nur: Imperator Stocki).

Das Adventure Huhn spaziert mehr oder weniger einfach in ein feindliches Schloss hinein.

 

Wer hat’s erfunden?

 

Ich habe nachgegrübelt, wo und wann sich eigentlich dieses Subgenre der ironischen Fantasy begründet, kam aber nur auf die Filmreihe Shrek“, die bekanntermaßen 2001 ihren Lauf beginnt.

1972 schon reüssierte der deutsche Politikwissenschaftler Iring Fetscher mit seinem „Märchen-Verwirrbuch“ und Bestseller „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“. Zuvor scheint es nichts Vergleichbares zu geben, es sei denn, man wertet frühe Geschichten des parodistischen Schriftstellers Roald Dahl als derartige Versuche.

Oder man bemüht den ollen Tieck, dessen „Gestiefelter Kater“ in der Tat eine beachtliche Komödie ist (Gott, ich war mal Germanist, in einem früheren Leben).

Um das aber gleich popkulturell auszugleichen, geistert mir seit Wochen die Idee durch den Kopf, dass Tébos RAOWL auch eine Referenz an Richard Corbens ROWLF („Die Bestie von Wolfton“) sein könnte.

Dieses Frühwerk von Corben, übrigens 1981 als eigenes Volksverlag-Album auf Deutsch erschienen, könnte man als Ideenlieferant für einige Motive und Ideen betrachten, die sich in RAOWL wiederfinden.
Das Mensch-Tier-Hybridwesen auf der Suche nach romantischer Anerkennung, der Kampf gegen dämonische Widersacher, das märchenhafte Setting der Story …

Sequenz aus Corbens ROWLF.

 

Ich habe einen englischsprachigen Blog gefunden, der ROWLF präsentiert (für Fortsetzung der Geschichte auf die Sidebar rechts gehen und dort die zwei nächsten Posts ansteuern).

Da fällt mir auf, dass ROWLF und DIE BESTIE VON WOLFTON zwei verschiedene Geschichten sind. ROWLF handelt von einem kämpferischen Hundemenschen, der sich gegen faschistische Orks zur Wehr setzt, aber DIE BESTIE VON WOLFTON ist eine Märchenvariante um einen Prinzen, der zum Werwolf wird!

Auch diese Story ist im Netz zu finden, scrollen Sie HIER mal nach unten, Sie stoßen auf eine schwarzweiße und eine farbige Fassung, leider nur in nicht vergrößerbaren Übersichtsseiten, aber für einen Eindruck reicht’s.

Von ROWLF zu RAOWL

 

Mein Fazit zu RAOWL: nett, nett, absolut nett – und schlägt sich gut im Feld der Mitbewerber! Sollten Sie Spaß an RAOWL finden, dürfen Sie gerne mit den oben genannten Titeln  DONJON / ADVENTURE HUHN / I HATE FAIRYLAND weitermachen.

(Das mit Corbens ROWLF haken Sie bitte als Exkurs eines comicmäßig überstrapazierten Geistes ab…)

Das alles sind Funny-Comics fernab kindlicher Unterhaltung.
RAOWL und Co. bedienen sich in ihrem visuellen Erzählen gekonnt bei den Meistern komischer Comics (wie Morris, Uderzo oder dem hierzulande unbekannten George L. Carlson und seinen fantastischen JINGLE JANGLE COMICS) und führen die dort praktizierten Kunststücke auf ein nächstes Level der Anwendung: Fantasy, Horror, Splatter, Dungeons and Dragons, Sword and Sorcery.

Verlagsinfo zum Werk HIER bei Carlsen.

Wir blättern im Insta-Video noch hinein in RAOWL.
Wer noch weiter runterscrollt, kann noch einige Seiten früher Märchencomics sehen!

 

Wenn ich schon mit Namen um mich werfe, die neugierig machen, dann zeige ich noch drei Auswahlseiten aus den JINGLE JANGLE COMICS der 1940er-Jahre, die zeigen, wie ikonisch Zeichner George L. Carlson den Look dieser Märchencomics prägt.
Schaunsemal auf die schrägen Schlösser, das legere Layout und die bombastische Bildsprache.

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