Happy Birthday, Unbekannter: Alex Niño zum 80.

Eines der wenigen Titelbilder, die Niño für Warren gestaltete.

Alex Niño gehört zu den prominentesten und produktivsten philippinischen Zeichnern, die ab den 1970er-Jahren bei DC, bei Marvel, bei den Warren Publications Arbeit fanden.

Mit Alex Niño kamen auch Alfredo Alcala, Rudy Nebres und Nestor Redondo. Während man die letzteren Namen schon mal gehört oder gesehen haben könnte, ist das Werk von Alex Niño hierzulande nie präsentiert worden. Dieser Artikel möchte Abhilfe schaffen.

Ich recherchierte dieses Frühjahr die Science-Fiction-Magazine des Warren-Verlags – die wenig originelle Namen trugen: 1984, später umbenannt in 1994 (und zwar im Jahr 1980).

Dabei stieß ich auf das atemberaubende Artwork des Alex Niño: psychedelische Höhenflüge, fantastische Visionen und grafische Leckerbissen, die einem Heft wie SCHWERMETALL bestens zu Gesicht gestanden hätten.

Aber Warren-Material hat kaum seinen Weg nach Deutschland gefunden. Versuche wie VAMPIRELLA und STAR FANTASY erwiesen sich als kurzlebig.

Durch diesen Artikel verteile ich einige von Alex Niño illustrierte Geschichten, die er hauptsächlich für die erwähnten Magazine schuf.
Die müssen Sie nicht Sprechblase für Sprechblase lesen. Ich habe zwar inhaltlich wie grafisch tolle Sachen ausgesucht, aber am Schirm lesen (noch dazu auf Englisch) kann mühselig sein.

Deswegen erkläre ich vorab, worum es geht. Sie können nach Gusto reinklicken (alle Bilder sind vergrößerbar) und schmökern. Ansonsten rollen Sie einfach den Schirm hinunter und genießen Sie wirklich beeindruckendes Artwork.

Wir beginnen mit etwas Konventionellem, im allgemein hispanischen Stil:

„Always Leave ‘em Laughing!“, die tragikomische Story um tragikomische Clowns, die von der Erde auf den Mond verbannt werden. Humor ist nicht mehr erwünscht, also performen die Clowns vor den Robotern, die ihre Mondkolonie errichtet haben. Da dies wenig fruchtet, beginnen die Clowns den Mond umzugestalten, was auf der Erde als Versuch gewertet wird, den Mond zu  sprengen. Man schickt Raketen zur Vernichtung, doch die Clowns hinterlassen ihrem irdischen Publikum ein Memento besonderer Art:

Die philippinische Invasion

 

Tony DeZuniga war der erste philippinische Comiczeichner, der 1970 Fuß bei US-amerikanischen Verlagen fassen konnte. Konkret arbeitete er für DC, wo seine Redakteure Joe Orlando und Carmine Infantino bald darauf aufmerksam wurden, dass die Philippinen ein Comicland sind – in dem es viele Talente für günstige Honorare „einzukaufen“ gab.

Ab 1972 erschienen Alex Niños Arbeiten in DC-Heften wie HOUSE OF MYSTERY, SECRETS OF SINISTER HOUS oder WEIRD WAR TALES.
Ab 1977 veröffentlichte er fieberhaft für James Warren, wo er sein Talent ungehindert von Beschränkungen zur Blüte brachte. Ebenfalls reichte er Geschichten bei HEAVY METAL ein.

Schauen wir nun auf „Coming of Age!“, ein Bombast-Gemälde mit kunstvoll arrangierten Doppelseiten. Das ist pure zeichnerische Protzerei, lässt einen aber nicht kalt.
Die Geschichte dahinter ist eine Allegorie auf des Menschen Hang zur Gewalt und Selbstausrottung durch die Jahrhunderte bzw. Jahrtausende.
Am Anfang wird angedeutet, dass dieses „Virus“ womöglich von Außerirdischen gepflanzt wurde, die am Ende wiederkommen und das letzte überlebende Erdenkind in eine bessere Zukunft entführen.

Wie gesagt, kamen schon zu Beginn der Siebzigerjahre in einem „Globalisierungsschwung“ Zeichenkräfte nicht nur von den Philippinen ins Land. Die spanischsprachigen Nationen eröffneten Agenturen, die Künstler weltweit vermittelten und mit ihrem Look nicht nur die amerikanische, sondern auch die britische Szene belebten.

Deshalb: Die Filipinos bitte nicht verwechseln mit den Spaniern, die zeitgleich ebenfalls rekrutiert wurden. Hierunter fallen Namen wie José Gonzalez, Auraleón, Esteban Maroto, Vicente Segrelles, Fernando Fernández, Ramon Torrents, José Ortiz, Jordi Bernet, Alfonso Font und Carlos Giménez.
Und die Spanier schon mal gar nicht mit den Argentiniern durcheinander bringen! Mehr Name-Dropping bitte: Juan Giménez, Alberto Breccia, Arturo del Castillo, Domingo Mandrafina, Eduardo Risso und José Antonio Muñoz.
Harhar.

Ein Präzedenzfall der Graphic Novel?

 

Fruit of the Grape!“ ist eine leicht irre Schelmengeschichte, die sich damit befasst, wie man Wein künstlich altern lassen kann. Hauptfigur Merwyn ist ein Alleswisser und scheinbar auch Alles-Erfinder, denn er hat einen Atom-Alterungs-Generator entwickelt.
Während einer trunkenen Party referiert er von dem zivilrechtlichen Prozess, den ein Coca-Cola-artiger Konzern gegen einen kleinen Winzer führt. Merwyn tritt vor Gericht auf und bringt die Uhr des Staatsanwalts zum Stehen, was beweist, dass auch eine Flasche Wein solcherart in die Alterungszukunft „geschossen“ werden kann.
Der Konzern kauft Merwyn die Alterungsmaschine ab und jagt damit allerdings sein Weinlager in die Luft, weil er gleich um Jahrhunderte altern möchte – was die Scheune sozusagen zum Einsturz bringt.

Der Plot ist so unglaubhaft, dass uns offenbar ein juristischer Schildbürgerstreich unterbreitet werden soll. Hier fasziniert mich jedoch Niños Mix aus Karikatur und Flächigkeit, die schon in den Bereich der Graphic Novel vorausweist. Ein ultraschick abstrahiertes Artwork mit ironischem Flair, das sich mal anzueignen lohnte (deutsche Nachwuchs-Zeichentalente, schaut auf Alex Niño!).


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habe ich scherzhaft den Begriff „philippinische Invasion“ geprägt. Damit spiele ich auf die bekannte „britische Comic-Invasion“ an, die sich als steter Strom von Kreativkräften von der Insel in die USA gestaltete.
Comichistorisch interessant, dass die allmächtigen Vereinigten Staaten doch öfter mal kulturellen Input aufgesogen haben, um am Leben zu bleiben. Das Bild vom „Melting Pot“ darf auch für die Kunst gelten.
(Unter „British Invasion“ – ohne Comic – versteht man natürlich allgemein die Eroberung der US-Hitparaden durch Musik aus Großbritannien durch die Beatbands der Mittsechzigerjahre.)

Mit dieser Zwischenklugscheißerbemerkung zurück zu unserem Jubilar und einer nächsten Geschichte:

The God of the Month Club“  werte ich als Psychedelik reinsten Wassers.

 

Versuchen Sie nicht, das zu verstehen oder gar zu dechiffrieren. Hier scheitere auch ich. Ich staune stumm, was für eigenartige Visualisierungen uns Alex Niño um die Ohren haut!
Was bitte sollen diese gedärmartigen Schlingungen? Hilfe!
Jedenfalls geht es um einen Fernsehspot (im Hintergrund), den ein zuschauendes Paar nicht weggeschaltet bekommt, in dem ein TV-Prediger einen Zugang zu sämtlichen Weltreligionen verticken möchte. Eine Art Abo-Modell mit monatlich wechselnden Ritualen.

Vor das Geschehen lagern sich jedoch höllische Visionen, die beiden schwarzen Textkästen in der Mitte der Geschichte interpretiere ich als die Stimme eines Menschen, der bereits Mitglied im Club ist und in der Hölle gefangen zu sein scheint. Eventuell, aber das ist meine Lesart …

Und weiter mit bombastischen Panoramapanels

 

Eine aberwitzige Satire begegnet uns in „Lord Machina!“, einer harmlos beginnenden Geschichte um den Computer-Tester Nollertown, der die Futura-Gamekonsole „Deus Ex Machina“ bewerten soll.

Die erste Doppelseite überrascht mit wilden und unmöglichen Perspektiven, um auf der zweiten Doppelseite in einem riesigen Simultan-Panel (wie überhaupt die komplette Story aneinandergelegt ein einziges Panorama-Bild ergäbe!) die beginnende Spielsucht Nollertowns illustriert.
Die Futura-Maschine zieht ihn aus bis auf die Unterhosen (nimmt ihm sein Geld ab, bis runter zum Haus, Auto und Silberbesteck) und beleidigt ihn übrigens laufend mit sexuell konnotierten Schimpfworten.

Die dritte Doppelseite zeigt uns den aufgelösten Nollertown, der nun auch physisch degeneriert. Mensch und Maschine scheinen sich gegenseitig zu verschlingen oder zu fusionieren; der Computer verlangt nun, dass sein Tester alle Personen umbringen solle, die gegen seine Markteinführung sind!

Dies geschieht tatsächlich auf den beiden nächsten Spreads, hier zu beachten die halluzinatorisch wirkenden Verformungen von Täter und Opfer, die mehr als abgefahren sind (bitte widmen Sie 15 Sekunden der Betrachtung von Seite 13, es lohnt sich).
Ich hab schon viel gesehen, aber DAS – Wow, hat schon Wolvertonsche Ausmaße!

Zum Finale hin schließlich nimmt Nollertown mehr und mehr die Gestalt eines Penis an: Der Dauerspott der Maschine transformiert den Adressaten und unterstreicht die göttliche Kraft des Computers (der übrigens auch plant, Gott zu werden!).
In einem letzten menschlichen Aufbäumen erschießt der Mensch Nollertown die künstliche Intelligenz. (Vom Artwork her zu wild für das MAD der Siebzigerjahre.)

Im Ganzen eine wüste Parabel auf Spielsucht und die paranoide Angst vor Technik.

 

Der Warren-Verlag wusste offenbar, was er an seinen Zeichnern hatte. Im Rahmen der Leser-Blatt-Bindung kürte man jährlich diverse Kreativtalente in mehreren Sparten, ein bisschen so wie bei den Oscars.

Warren zollt seinem Künstler Anerkennung und erklärt ihn intern zum „Best All Around Artist“ 1977 (rechte Seite, oben).

 

The Schmoo Connection“ hat für mich Anflüge von Jim Steranko, lässt diesen aber in seiner Gestaltungswucht hinter sich.

Ein Mister Diamondheart stürzt sich selbstmörderisch in einen Abgrund und zerschellt am Boden. Seine Frau ist verzweifelt, doch ein Ermittler bringt Licht in die Sache. Es tritt anachronistisch auf: Mr. Moto, eine japanische Detektivfigur aus den 1930er-Jahren, im Film öfters verkörpert von Peter Lorre.
Das Englisch des Mr. Moto ist hier eine (längst als unkorrekt gebrandmarkte) unbeholfene Sprache mit vertauschten „r“- und „l“-Lauten.
(Ich werte diese Sprachverhunzung als Groteskerie des Autoren, wahrscheinlich Bill DuBay, der somit seine Figur der Lächerlichkeit preisgibt – oder aber in einer Zukunftsparabel daran erinnern will, dass rassistische Sterotype nicht so leicht aussterben…)

Mr. Moto stellt an der Leiche fest, dass diese nicht Diamondheart ist, sondern eine Art Klon aus Schmoo-Technik. Er offenbart, dass sogenannte „Plas-Blobs vom Uranus“ jede Form annehmen können und gerne als Sexualpartner benutzt werden.

Daraufhin dreht die Menge der Schaulustigen durch und verlangt nach Plas-Blobs, um ihre erotischen Fantasien auszuleben. Mr. Moto nimmt die Bestellungen auf, denn am Ende erweist er sich als Dealer für ebendiese Plas-Blobs (die übrigens auch vorzüglich munden).

Auch in dieser Geschichte manifestiert sich Niños Lust am Simultanpanel: Die schwarz gekleidete Figur im Zentrum fällt von links oben nach rechts unten, die Panels sind eingebettet als Zimmer oder Räume in den Stadtfassaden.

Ohooo, und was haben wir da auf der ersten Seite?
Den Sturz eines Mannes in die Schluchten einer futuristischen Megacity?

Da klingeln alle Comicglocken, da summt der Moebius-Alarm von „The Long Tomorrow“ bis „John Difool und der Incal“ (ab 1980). Wofür stilistisch auch das angeschnittene Gesicht auf der nächsten Seite unten spricht. Eine Hommage?
„The Schmoo Connection“ ist jedoch schon vom Herbst 1979.
Die Incal-Vorstudie „The Long Tomorrow“ ist wiederum schon vom Sommer 1976, ein Jahr später auch in den USA veröffentlicht. Egal!
Halt, nicht egal! Der erste Textkasten sagt uns, dass wir uns in „Mobius City“ befindenkeine weiteren Fragen mehr (und Hut ab vor den Warren-Leuten, dass sie Moebius so früh schon auf dem Schirm hatten.)
Hier der Rest der Geschichte:

Nach dieser durchgedrehten Satire präsentiere ich eine weitere durchgedrehte Satire:

In „Sci-Fi Writer“ machen sich Autor Kevin Duane und Zeichner Alex Niño lustig über selbstherrliche Science-Fiction-Schreiber!
Nicht nur ist Penrose W. Rimmjobbe ein größenwahnsinniges und egozentrisches Männchen, er schreckt auch nicht davor zurück, einem kritischen Fan rabiat in die Eier zu schlagen und mit einem Groupie ins Bett zu hüpfen (mittels eines Flaschenzugs auch noch, wie dekadent).

Die erotische Eskapade jedoch ist die Falle dreier Marsmenschen, die Rimmjobbe entführen und von ihm verlangen, mit seiner schriftstellerischen Gabe die Menschen auf die Eroberung durch die Marsianer vorzubereiten und diese hinnehmen zu lassen.
Rimmjobbe entkommt und kann einen der Angreifer töten (durch ein hollywoodreifes Schwingen am Kronleuchter). Am Ende jedoch erleben wir einen Twist: Die Marsmenschen wollten nie die Erde erobern, sondern bloß die Welt vor weiterem Prosa-Schmonzes aus Rimmjobbes Feder bewahren!

Auch diese Geschichte setzt Niño in seinem aparten Graphic-Novel-Stil um (und wiederum würzt Warren diese Seiten mit deftigen sexuellen Anspielungen: ein Koitus auf Seite 3, das Auftauchen einer halbnackten Dame auf Seite 6 und verbale Unflätigkeiten auf Seite 1; zudem sei verraten, dass der Name „Rimmjobbe“ die Sexualpraktik des Anilingus bedeutet).

As crazy as it gets

 

Während in der US-Mainstreamcomic-Industrie langsam die Regeln des Comics Code aufgeweicht wurden, wetteiferten die Magazine abseits des Codes darum, welche Kreativköpfe die krassesten, abgefahrensten, verrücktesten Konzepte erdenken und visualisieren konnten.
(Warren erfuhr hierbei Konkurrenz durch ehrgeizige Jungverlage wie Skywald bzw. abgebrühte Wiederverwerter wie die Eerie Pubs. Die sich übrigens auch von Zeichnern aus Spanien, Argentinien und Puerto Rico beliefern ließen: Maelo Cintron, Luis Collado, Jesus Duran, Pablo Marcos, Oscar Fraga, Torre Repiso, Enrique Cristóbal u.v.a.)

Jaja, noch mehr Namen.
Aber ich habe sie auch alle schön ordentlich nachgeschlagen und kontrolliert.
(Ich weiß auch nie, welche Comickünstler Franzosen und welche Belgier sind. Muss man immer nachschlagen!)

Kommen wir zu einem letzten Beispiel.

Die Splashpage von „Sure-Fire, Quick-Carnage, Self-Decimation Kit!“ ist ein interessantes Arrangement von Mobiliar, inszeniert wie ein Hexenkreis, in dem der Fernsehteufel hüpft.
Erneut haben wir es mit einer Gesellschaftssatire zu tun; diesmal verspüre ich eine „Vibration“ wie aus einem MAD-Heft der Siebzigerjahre.
Das macht das konventionellere Layout der folgenden Seiten wie auch der texturelle Look. Niño arbeitet hier mit in den Hintergrund gelagerten Effektpapieren sowie einem Strich, der weggeht von seiner üblichen „hispanischen Ornamentalistik“ (meine Begrifflichkeiten) und näher heran an den US-Mainstream.
Auch eine hübsche Kombination! Der Mann erstaunt einen immer wieder.

Die Story handelt von einem Do-it-yourself-Paket für Lebensmüde: Der Fernseher plärrt eine Werbung für diverse Selbstmord-Kits ins Wohnzimmer. Zum Fernsehton spielen sich Szenen einer Ehe in vier Wänden ab. Mann und Frau streiten sich wortlos, haben ihr Leben offenbar gründlich satt. Werden sie auf die Werbung hören und sich ein vorzeitiges Ableben gönnen?
Korrekt, auf Seite 7 wird klar, dass sie bereits ihre Pakete vor sich haben: Er schneidet sich das Gesicht herunter, sie schluckt eine Explosionspille.

(Empfindsamen Gemütern raten wir nach der fünften Seite, im  Scan als 24 beziffert, zum Anschauungs-Verzicht der drei restlichen).

Das detaillierte Spritzen von Blut und Gedärmen auf diesen Seiten ist schon im Comic der Fünfzigerjahre angelegt, seine grafische Ausformung erleben wir jedoch erst im Underground-Comic der Siebziger.
Niño also schwimmt hiermit auf der Zeitgeistwelle; immerhin lautet die Ansage der Warren-Magazine auch, an die Grenzen gehen zu wollen – in jedem Belang.

Damit schließe ich diesen Exkurs in die Historie mit dem „Experten-Paradox“:
Je tiefer man in die Materie eintaucht, desto eindringlicher wird einem bewusst, wie wenig man eigentlich kennt!

Comics sind ein Fass ohne Boden. Allerdings kann man nicht schöner ins Bodenlose stürzen.

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