JUST A PILGRIM – Endzeitkomödie von Ennis

Gott, ich mag radikale Comics. Die uns mal richtig auf die Glocke hauen. Die richtig Alarm machen. Die dabei aber auch intelligent und mit einem Schuss Humor daherkommen.

So ein Stoff ist die Miniserie JUST A PILGRIM, erdacht von Garth („Meine Geschichten machen keine Gefangenen“) Ennis und gezeichnet von Carlos („Ich schrubbe seit Jahrzehnten Actionkäse“) Ezquerra.

Die Paarung lässt Kenner schon auflachen – und so genre-generisch wie man ahnt, kommt es dann auch. Im direkten Anschluss an seine Serie PREACHER verfasste Garth Ennis 2001 im Nachgang diese Endzeitstory um einen „Pilger“, der im gesetzlosen Niemandsland das Wort Gottes durchzupauken behauptet.

Wilder geht’s nicht – 25 Jahre PREACHER

Handlung in  einem Satz: Der Pilger beschützt einen Siedler-Treck vor den Angriffen blutrünstiger Banditen, deren Anführer ein Pirat mit dem Aussehen von Captain Hook ist.

Achtung: Im Folgenden kommt es zu exzessiver Gewalt, die auch dargestellt wird.
Lesen Sie gegebenenfalls nicht weiter.

 

Der Pilger exekutiert einen Angreifer und gibt somit seinen blutigen Einstand.

 

JUST A SAINT (of Killers)?

 

Seien wir ehrlich. JUST A PILGRIM ist ein (weiteres) Spin-off, ein Sequel zur Figur des Saint of Killers. Der wortkarge Hüne im Staubmantel mit der verheerenden Feuerkraft seiner Schusswaffen hat Ennis offenbar so viel Spaß bereitet, dass er hier unter dem Pseudonym „Pilgrim“ auftritt

Im PREACHER killt der Saint den Herrgott (Spoiler, harhar)!, im PILGRIM killt er für den Herrgott. Er hilft einer Gruppe von Siedlern, den ausgetrockneten Atlantik zu durchqueren und tut kompromisslos das, was getan werden muss.

In dieser Zukunft hat die Sonne die Erde verbrannt und in anarchische Zustände gestürzt. Die Handlung konzentriert sich auf die wenige Tage dauernde Reise der Siedler unter Führung des Pilgers.
Den Rahmen stiftet der Augenzeugenbericht des Jungen Billy, der die Ereignisse in einem Tagebuch festhält.

Dieser Pilger ist ein grimmiger Vogel mit finsterster Vergangenheit – im Verlauf der fünf Heftchen blättert sich eine großartige „origin story“ auf: Der ehemalige Elitesoldat wurde  mit drei Kameraden schiffbrüchig und trieb monatelang auf dem Ozean.
In folgender Sequenz schildern uns Ennis und Ezquerra auf lakonische Weise, was dann geschah. Kommen Sie drauf?

Oja. Der Pilger wurde zum Kannibalen, um des Überlebens willen.
Ein Rettungsteam findet ihn und bringt ihn zurück in die Heimat. Doch nur zwei Seiten später scheitert seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft am wiederaufkeimenden „Appetit“ auf Menschenfleisch. 15 Opfer später fasst man ihn, er wandert in den Knast.

Was dann passiert, halte ich für eine dramaturgische Meistersequenz. Auf nur zwei Seiten wandelt sich der Menschenfresser zum Pilger. Ein freundlicher Gefängnispfarrer weist ihm den Weg. In nur zwölf Bildern vermitteln uns Ennis und Ezquerra eine glaubhafte Transformation. Absolut schlüssig und damit umwerfend finde ich die Erkenntnis des Sünders im vorletzten Bild. Doch lesen Sie selbst:

Der Exsoldat tritt in die Dienste einer neuen Armee ein. Während unser zukünftiger Pilger weiter im Gefängnis schmort, verschmort die Sonne die Erde und setzt das Gebäude in Brand. Der Pfarrer holt ihn aus der Zelle, verstirbt aber unmittelbar darauf durch die Hitzestrahlung.
Der schockierte Häftling kann nichts für ihn tun, nur dessen Mission fortsetzen. Zum Beweis seiner neuen Überzeugung, als „Taufritual“ gewissermaßen, brandmarkt er sich selber mit dem Kreuz des Priesters!
Ich zeige die beiden Seiten, warne aber vorab vor der drastischen Darstellung:

Wir springen in die Gegenwart, in der der Pilger durch sein tatkräftiges Eingreifen den Treck der Siedler vor den Banditen gerettet hat (und diese in die Flucht schlagen konnte). Allen ist jedoch bewusst, dass ab nun weitere Überfälle auf sie warten. Nur der Pilger scheint erfahren und entschlossen genug, um Sicherheit für die weitere Wegstrecke garantieren zu können.

Die entsetzten Siedler erfahren bald von des Pilgers Vergangenheit und sind fortan zerstritten, ob man diesem Massenmörder überhaupt vertrauen könne. Doch der Junge Billy schaut zu ihm auf, denn nur  dieser Gunman gewährt sicheren Schutz.
Billys Eltern sind davon nicht begeistert; auch Dirk, der bisherige Anführer der Siedler, stellt sich gegen den Pilger, wird jedoch von seinen Leuten überstimmt.
Schon kurz darauf erleidet Dirk ein unangenehmes Schicksal. Ein mutierter Monsterwurm aus dem Erdinnern besamt ihn mit seiner Brut und wandelt ihn zu einer grotesken Fleischkugel.
Ich möchte Sie bitten, die folgenden drei Seiten mit Verständnis für schwarzen Humor zu betrachten, sehr lustig finde ich auch Billys naiven Tagebucheintrag auf der zweiten Seite.

Dirk wird über diese Demütigung nicht hinwegkommen und seinen Treck an den Chef der Banditen verraten. Der grausame Castenado ist ein verstümmelter Pirat, der die wehrhaften Siedler mit seiner gesamten Armee verfolgt und zum Endkampf am Wrack der „Titanic“ stellen wird (der Ozean ist verdampft und hat überall Schiffsrümpfe freigelegt).
Beste Gelegenheit für Zeichner Ezquerra, seine apokalyptischen Szenarien aus JUDGE DREDD zu variieren (oder werweiß zweitzuverwenden):

Sehr erheitert hat mich der „Bosskampf“ zwischen Pilger und Castanado unter Deck der „Titanic“. Der Pirat hat die Oberhand, denn er greift mit zwei scharf geschliffenen Hakenhänden an. Des Pilgers Abwehrmanöver laufen wortwörtlich ins Leere, denn der verstümmelte Gegner hat weder Arme noch Beine – noch Augen noch Eier!
(Und irgendwie sieht er aus wie ein Rockstar … Alice Cooper, Alex Harvey, Howard Stern?)

Darum zuerst noch der wunderschöne Splash von Heft Zwei, der Pirat im Ganzkörperbild:

Soho, genug gespoilert. Ich finde ein bisschen Spoilern nicht schlimm, denn JUST A PILGRIM bleibt ein Lesespaß, auch wenn man Eckpunkte der Handlung kennt oder schon Schlüsselszenen gesehen hat.

Ennis gelingt eine leichthändige, lockere, unverkrampfte Neuerfindung seines Saint of Killers, der Handlungsbogen der fünf Hefte ist knackig, logisch, schön abgeschlossen.

Eine Perle im Schaffen des Oberkrassmeisters, die das Endzeitgenre erfrischend auf den Punkt bringt und teils hintergründig aufs Korn nimmt. Ein wüster Mix aus „Mad Max“, Gewürm unter der Erde, „Alien“, Technopiraten, Frontier-Western, religiösem Wahn, Serienmörder-Folklore, dystopischer Exploitation, „A Boy and his Dog“ (ein Hund kommt auch kurz vor). Und am Schluss steht jemand im Abendrot an der Reling der „Titanic“!

Just a pleasure

 

Zur Veröffentlichungsgeschichte von JUST A PILGRIM sei ergänzt, dass Ennis und Ezquerra 2002 den Vierteiler „Garden of Eden“ nachgeschoben haben (erschien nicht mehr auf Deutsch).
Der erste Run von fünf Ausgaben (plus der zweite von vier) kam in den USA beim kurzlebigen Verlag Black Bull heraus (nie von gehört bisher). Panini Deutschland erwarb dafür die Lizenz (s. auch das Label oben links auf dem Titelbild), allerdings nur für die ersten fünf Hefte. Die sind übrigens auf Ebay noch antiquarisch gut zu bekommen.

Dynamite Comics haben 2009 eine Gesamtausgabe veröffentlicht (nur auf Englisch). Es gibt offenbar auch eine Hardcover-Sammlung von Panini, dort sind meinen Informationen nach jedoch nur die fünf ersten Einzelhefte wiederholt abgedruckt. Zudem ist dieser Band höllisch vergriffen.

Wer mag, sieht sich die Sache noch im Filmclip an:

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