Gar nicht blutig:  BLUTSPUREN

Gnagnagna, Comics aus Israel?! Ach, ich weiß nicht.
Seit Jahren trompetet mir die Fachpresse was von Rutu Modan in die Ohren. Graphic-Novel-Frau, bedeutsam, Politcomic, Palästinakonflikt, wichtig, ich will nihihicht.
(Überhaupt scheint es neben Modan nur noch einen weiteren Comicschaffenden aus Israel zu geben: Asaf Hanuka – und der ist mit nur zwei Werken bei CrossCult veröffentlicht.)

Doch dann featuret Gregor Ries in COMIXENE Nr. 139 (Sommerausgabe 2021) schon wieder diese Rutu Modan und einige Sätze triggern meine Aufmerksamkeit und mein Interesse: Modan war zum Beispiel Mitherausgeberin einer kurzlebigen israelischen MAD-Ausgabe. Ihr Graphic-Novel-Erstling BLUTSPUREN wurde in Israel ignoriert und erst publiziert, als er einen Eisner-Award in den USA holte.
Hmm, das ist ja doch spannend. Ich versuch’s, ich greif mal zu bei Carlsen …

Das ist der Auftakt: Numi, eine Pressefrau beim Militär, unterrichtet den Taxifahrer Kobi, sein Vater sei möglicherweise bei einen Terroranschlag vor drei Wochen ums Leben gekommen. Der seit längerem seinem Vater entfremdete Kobi glaubt das zunächst nicht und stellt kleine Nachforschungen an.
Die Schwester hat zum letzten Mal vor drei Monaten etwas vom (übrigens verwitweten) Vater gehört, auch sonst hat ihn niemand gesehen. Der Vater führt ein Nomadenleben und hat Familienbindungen längst gekappt. Sohn Kobi beginnt zu graben.

Das Vater-Phantom

 

Für mich liegt ein Großteil der Faszination an BLUTSPUREN in der Figur des abwesenden Vaters. Dieser Gabriel ist ein Meister der Unscheinbarkeit und geheimnisvoller als Fantomas! Ein ungreifbarer Schattenmensch, der sich der Welt auf perfekte Weise zu entziehen weiß.

Kobi betritt die verlassene Wohnung des Vaters und findet dort einen Brief von Numi (nicht mehr im Bild).

 

Pikant wird die Angelegenheit, als Kobi herausfindet, dass Numi ein Verhältnis mit Gabriel hatte und sich deswegen sorgt. Ist der Mann tot – oder hat er den Terroranschlag genutzt, um unterzutauchen?!
Der Sohn und die Geliebte machen sich auf die Spurensuche, fahren an den Ort des Anschlags und befragen Zeugen.

Modan zeichnet in einer simplifizierten Ligne Claire und benutzt dabei einen lustigen Manierismus: Die Hintergründe ihrer Zeichnungen sind ab und zu „vernebelt“, meint: monochrom koloriert und/oder schwächer konturiert als die Vordergründe.
(Zu sehen in der eingangs gezeigten Begegnung zwischen Numi und Kobi.)
Das bräuchte es eigentlich nicht, aber hey, jedem Comictierchen sein Pläsierchen.

Erzählerisch lässt sich Modan ganz auf die Psychologie ihrer Figuren ein und vertraut ihrem Zusammenspiel. Der einzelgängerische und oft mürrische Kobi hat ein schwieriges Verhältnis zu allen anderen Charakteren. Seine undefinierte Beziehung zur gleichaltrigen Numi macht diesen Comic authentisch.
Numi wiederum wird subtil als introvertierte Person inszeniert, die sich durch ihre Suche nach dem verschwundenen Geliebten der Welt öffnen muss. Ihr Hickhack mit Kobi pendelt zwischen warmer Herzlichkeit und pampigem Genervtsein.

BLUTSPUREN erfüllt keine Formeln, das macht Modans Kunst erfrischend. Wir gehen mit Kobi und Numi auf die Reise, auf die Suche – und wissen auch nicht mehr als diese beiden Figuren. Im Kern geht es um uns alle, unsere Verortung in der Welt, unser Streben nach Gemeinsamkeit (und die merkwürdigen Gründe, weshalb wir oft scheitern).

Diese Graphic Novel ist kein „Politcomic“ und hat auch nicht den „Palästinakonflikt“ zum Thema; nirgendwo tauchen arabische Figuren auf. Modan beschreibt israelischen Alltag aus der Konfrontation eines Mannes aus der Unterschicht (Kobi) mit einer Frau aus der Oberschicht (Numi).

Sowohl der deutsche Titel BLUTSPUREN wie auch der Originaltitel EXIT WOUNDS arbeiten meiner Meinung nach mit einer Doppeldeutigkeit: Die Blutspuren sind nicht nur die Hinterlassenschaften eines Terroranschlags, sondern auch die Beziehungen einer Blutsverwandtschaft.
(Analog sind die Austrittswunden nicht nur pathologische Beschreibung einer Verletzung, sondern auch die Traumata, die nach Auflösung einer Beziehung zurückbleiben.)

BLUTSPUREN ist ein unaufgeregter, lakonischer, zart-ironischer Comic mit interessanter Handlung und glaubhaftem Personal. Modan hat zur Entstehung ihres Comics Folgendes zu Protokoll gegeben:

BLUTSPUREN basiert auf dem wundervollen Dokumentarfilm „No. 17“ (2003) von David Ofek. Die Zeit Anfang der 2000er war schwierig in Israel. Das Oslo-Abkommen war gescheitert und Selbstmordanschläge waren an der Tagesordnung.
In dem Film „No. 17“ geht es um einen Terroranschlag, bei dem 17 Menschen getötet wurden. Einer der Körper wurde so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass das Opfer nicht identifiziert werden konnte. Der Regisseur versucht in dem Film, hinter die Identität des Opfers zu kommen.
Als ich den Film gesehen habe, faszinierte mich am meisten, dass niemand Anspruch auf den Leichnam erhob, dass es also offenbar jemand war, dessen Verschwinden niemand bemerkt hatte. Ich fragte mich, welche Umstände wohl zu einer solch traurigen Situation führen konnten.
Zwei Jahre davor war mein Vater gestorben. Er starb zwar eines natürlichen Todes, aber es fühlte sich nicht „natürlich“ an, überhaupt nicht. Ich nahm das vielmehr als gewaltsames, unerwartetes Ereignis wahr, nicht viel anders als ein Terroranschlag, ein unvorstellbarer, nicht zu begreifender Akt, der meinen Vater aus dem Leben riss.

BLUTSPUREN endet mit einer wunderschönen und leicht skurrilen Szene, einem wortwörtlichen „leap of faith“, einem Vertrauensbeweis. Der im Englischen bildliche Begriff illustriert das Finale zwischen Kobi und Numi, ein offenes Ende – wie es der Geschichte angemessen ist.

Tatsächlich ist BLUTSPUREN Rutu Modans erste Graphic Novel, auf Deutsch zunächst 2008 bei der Edition Moderne veröffentlicht. Der Carlsen-Verlag hat das Werk nun in einer preiswerten Softcover-Ausgabe neu auf den Markt gebracht.

Ebenfalls dort erhältlich sind Modans beiden späteren Werke: DAS ERBE und TUNNEL. Die Künstlerin produziert nur alle sechs Jahre einen Comic. Was dann herauskommt, scheint sich richtig zu lohnen. Ich jedenfalls bin inzwischen neugierig auf Rutu Modan.

Wie immer gibt es noch ein Video zu sehen:

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