Neun Panels von DANIEL CLOWES

Ehe Daniel Clowes ein seriöser Produzent von Graphic Novels wurde (s. GHOST WORLD, WILSON, PATIENCE), fertigte er 23 Ausgaben eines wunderbar schrägen und jenseitigen Comicmagazins namens EIGHTBALL.

Dies war seine Neunzigerjahre-Phase, in der er wild herumprobierte und sich noch absurd-kryptische Beobachtungen seiner Umwelt in Chicago erlaubte. Heraus kamen eigenartige Kurzgeschichten mit wenig sinnvoller Handlung, aber voller bizarrer Figuren (die auch noch abenteuerlich-absonderlich aussahen!).

Seine wiederkehrenden Charaktere hießen Dan Pussey, Devil Doll, Lloyd Llewellyn, David Boring oder Hippypants and Peace Bear. Seine Geschichten trugen Titel wie „The Party (in Color)“, „Ugly Girls“, „Art School Confidential“, „I Hate You Deeply“, „The Sensual Santa“ oder „Like a Velvet Glove Cast in Iron“.

Diese Benennungen weisen meiner Meinung nach zurück auf klassische Undergroundcomics und natürlich auf Robert Crumb (dazu später mehr).

Im oben abgebildeten EIGHTBALL-Auswahlband (den mir ein Freund auslieh) stieß ich letzter Tage zu meinem Entzücken auf meinen Clowes-Lieblings-Onepager, die groteske Sexfantasie „Needledick the Bug-Fucker“ (zuerst erschienen in EIGHTBALL  Nr. 7 aus dem Jahr 1991).

Diese neun Panels sind mir ein Exempel für Undergroundcomic – was er sein und was er leisten kann. Ich zeige die Geschichte erst mal komplett, damit Sie wissen, worauf Sie sich hier einlassen.
(Und wenn Sie mögen, folgen Sie mir anschließend in eine Bild-für-Bild-Analyse und staunen, was ich alles darin entdecke.)

Was für durchgeknallte neun Panels: manisch, bekloppt, abartig, krank und saukomisch. In meinen Augen.
Ich verehre diese Seite sehr und möchte Ihnen darlegen, was ich darin sehe.

Die Analyse

 

Das Auftakt-Panel ist rätselhaft, was geht hier vor?

Ein verschwitztes und gestresst wirkendes Männchen jagt vor der Kulisse einer Stadt einer Biene hinterher.

Auffällig ist, dass die Biene übergroß und sexualisiert dargestellt wird – sie hat Brüste!

Sie blickt ängstlich auf ihren Verfolger zurück und äußert einen Laut des Bedrängtseins („Keuch!“).

Der Bezug zur Titelschrift suggeriert einen sexuellen Gehalt, der uns aber noch schleierhaft ist:
„Nadelschwanz, der Insektenficker“?!

Was soll das werden? Wie soll das gehen?

Im nächsten Bild ist die Biene verschwunden und es wird klar, dass Panel 1 ein Miniatur-„Splash“ war, eine Zusammenfassung des Inhalts, ein Abstract der Thematik.

Nun sehen wir den Protagonisten von vorn, in direkter Konfrontation und dynamischer Perspektivverkürzung. Er marschiert auf uns zu und macht uns eine Ansage: „Heut ist mir danach, ein paar Insekten zu pimpern!“

Die Darstellung der engen Straßenschlucht wirkt ikonografisch, wie ein Cowboy auf dem Weg zum Showdown in der Abenddämmerung. Oder wie ein Superheld, der sich auf seine Mission begibt.
Deshalb habe ich Ihnen dieses Panel mal mit einem Artwork von Jack Kirby kontrastiert.

Was nun geschieht, ist ein Job für … „Needledick the Bug-Fucker“!

Dieses dritte Bild nimmt das erste wieder auf, nur in seitenverkehrter Ansicht und mit Kontext.

Wieder jagt das Männchen das Insekt.
Das aber ist keine Biene mehr (und hat auch keine Brüste mehr), sondern ist ein immer noch großes, dennoch normal wirkendes Insekt – wie es in einem Funnycomic, denn einen solchen haben wir hier vor uns, auftauchen kann.

Die Verfolgungsszene führt mitten durch ein Picknick im Stadtpark, wo der Protagonist ein Pärchen stört – und der Mann so hilfreich ist, uns einige Angaben zu machen:

Dies wäre ein schöner Ausflug, wenn nicht die lästige Fliege zugegen wäre.

Wie aufs Stichwort springt Needledick ins Bild, verscheucht die Fliege und nimmt ihre Verfolgung auf: „Bahn frei, Grobian!“ lautet sein Schlachtruf, er hat nur Augen für das Insekt. Sein manischer Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes.

Clowes inszeniert hier das Klischee vom „romantischen Picknick“ zweier Liebenden, das rüde durch das Auftreten des Perverslings unterbrochen wird.

Denn pervers wird es nun: Das Männchen hat seine Jagd erfolgreich beendet und vollführt sein unfassbares Ritual am wehrlosen Insekt.

Die herabgelassene Hose und die Positionierung der Fliege vor dem nicht sichtbaren Geschlechtsteil lässt keine andere Deutung zu:
Needledick vergeht sich sexuell an einem Insekt.

Wir verstehen schockartig, was mit dem Titel „Needledick the Bug-Fucker“ gemeint war. Wortwörtlich ein Mensch, der Insekten fickt.

Das ist natürlich Unsinn und keinesfalls realistisch.
Aber wir bewegen uns durch einen Underground-Funny und der Name des Protagonisten macht die Handlung realistisch: Needledick heißt so, weil er einen nadeldünnen Penis hat, mit dem er Insekten sodomieren kann.

Ich finde es zum Brüllen komisch, dass Herr Clowes auf eine solche Idee kommt – noch komischer ist der „dirty talk“, den Needledick in präorgiastischer Verzückung beim Geschlechtsverkehr schreit!

Bild 4 fängt für mich die ganze Lächerlichkeit des männlich-mechanistischen Koitus ein. Oder ist’s das Hohelied vom amerikanischen Traum der unbegrenzten sexuellen Möglichkeiten, geträllert von Männern mit Mikropenissen?

Krasser Kontrast nun in Panel 5: ein Lustmord!

Sich den Hosenstall schließend, zertritt Needledick das arme Insekt und schiebt auf der Stelle postkoitale Schuldgefühle.

Ich ekle mich vor mir selbst!“, lamentiert er und projiziert im Nachsatz die Schuld am Akt auf das Opfer:
Du verdammte Schlampe!“

Bei aller Brutalität ist auch das eine komische Szene, erstens in seiner Anthropomorphisierung des Insekts als sexuell aktive weibliche Person, zweitens in der Zurschaustellung einer katholischen Sexualmoral:
Needledick hat sich der Sünde hingegeben, dafür darf er sich jetzt mies fühlen.

Aber es war ja nur ein Insekt! Gilt Sex mit Insekten als moralischer Fehltritt?
Was sagt die Bibel hierzu?
(Rhetorische Fragen eines belustigten Lesers.)

Panel 6 nun eine ruhige Szene des Atemholens. Das Verbrechen ist geschehen, der Täter läuft weiter unbehelligt durch die Welt.

Wieder nutzt Clowes ein amerikanisches Klischee als Bildfolie: Die Baseball spielenden Jugendlichen fragen den vorbeigehenden Needledick, ob er ins Spiel einsteigen möchte.

Der aber ist für sportliche Betätigungen oder Kinderspiele nicht mehr erreichbar, denn das zeigt schon seine expressionistisch arrangierte Visage (Picasso lässt grüßen), dazu sein kalter Gruß an die Altersgenossen: „Lasst mich in Ruhe.“

Needledick hat seine Unschuld längst verloren, er ist ins Stadium der sexuellen Obsessionen eingetreten. Baseball wäre höchstens ein Surrogat.

Wir lernen in diesem Bild, dass unser Protagonist tatsächlich noch ein Jugendlicher ist, kein abstrahiertes Männchen (wie ich eingangs spekuliert habe).
Das ist einerseits beängstigend, denn wer möchte schon Heranwachsende beim Sex erleben  – andererseits tröstend, denn ein Heranwachsender hat noch keinen Plan von der Welt und wird sich noch entwickeln.

In diesem Fall zum Besseren, hoffentlich, obwohl seine Schulkameraden ihn „Needledick“ rufen und offenbar vollumfänglich im Bilde sind, welchem Hobby ihr Kollege nachgeht.

Das unverschämte Panel 7 nutzt das hier völlig deplatzierte Symbol des gebrochenen Herzens, um nun Needledicks Reue zu illustrieren.

Ein gebrochenes Herz? Ein gebrochenes Chitin-Skelett wäre angemessener gewesen!

Auch das ist für mich komische Fallhöhe: Der Vernichtung des Liebessubjekts zwei Bilder zuvor folgt die käsige Verklärung, dass alles doch eigentlich super gelaufen ist.
Diese Fliege hätte die Liebe seines Lebens sein können.
Das süße Ding, was hab ich ihm angetan? Ich hasse mich dafür!“

Komisch auch, dass die Hauptfigur (wie meistens) in abgedroschenen Phrasen aus der Romantik-Industrie redet!

Man beachte wieder eine Inszenierung durch Clowes: Needledick sitzt im Rinnstein, tiefer kann man nicht sinken, das ikonische Bild für Verlust, Pleite, Ende der Fahnenstange schlechthin.
Dazu der herrlich vergrämte Gesichtsausdruck und die schlaffe Körperhaltung unseres Protagonisten.

Wieder ein Umschwung in Panel 8: Dem Zu-Tode-betrübt-Sein folgt ein Moment des Alarms, des Aufschreckens, der Ablenkung.
Auch rückt die Kamera hier (und nur hier) mit einem Zoom an das Gesicht des Unholds heran.

Aus dem Augenwinkel nämlich nimmt Needledick ein neues Insekt (und damit ein neues Opfer) wahr:
Eine Spinne hat ihr Netz im Ausfluss des Rinnsteins gesponnen.

Die Komik hier liegt in dreierlei Aspekten: erstens dem spontanen Schweißausbruch, der Needledicks Verbrechen vorangeht (wie wir gesehen haben), zweitens dem verbalen Anpirschen und dem Anvisieren des Opfers („Hallöchen, wen haben wir denn da?“) sowie drittens der Verkennung der Situation durch das potenzielle nächste Opfer (es lächelt freundlich)!

Das Schlussbild präsentiert einen Zeitsprung.
Wir wissen nicht, was mit der Spinne passiert ist (obwohl wir es ahnen). Wir wissen auch nicht, ob im Verlauf des Tages noch weitere Begegnungen mit Insekten erfolgt sind.

Jetzt jedenfalls kehrt Needledick nach Hause zurück und trifft auf den Zeitung lesenden Vater, der es sich mit einer Pfeife feierabendgemütlich gemacht hat.

Ein weiteres amerikanisches Klischee, das auch die heile Welt der Familie impliziert.

Pflichtschuldig und automatisch (und ohne aufzuschauen und sich für den Sohn zu interessieren) entfleucht dem Vater die Frage nach des Sohnes Tagesaktivitäten:

Und, was hast du den Tag über so getrieben, Söhnchen?“ – „Insekten gefickt!“ kommt die überraschend ehrliche Antwort, die der Vater jedoch zu überhören scheint.

Clowes blendet seine Geschichte hier aus, es könnte nun nichts mehr kommen – außer einer elterlichen Intervention, an die ich jedoch nicht glaube.

Der pädagogische Cliffhanger bleibt unaufgelöst – wie auch die ganze Welt von Needledick unveränderlich zu bleiben droht.
Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!
Das gilt zumindest für Insekten

Vordergründig ist „Needledick the Bug-Fucker“ nur eine kranke Nummer, hintergründig eine symptomatische Momentaufnahme einer erloschenen, in Ritualen erstarrten Gesellschaft.

Sie sehen: Neun Panels, die eine Menge leisten.

 

Mit „Needledick the Bug-Fucker“ parodiert und überhöht Clowes auch die Sexualfantasien eines Robert Crumb. Hier ist es nicht „My Troubles with Women“, sondern „My Troubles with Insects“.

Ich zeige zum Vergleich eine Seite aus dieser Geschichte, in der Crumb vermeintlich autobiografisch von seinen Obsessionen mit bestimmten Frauen berichtet. Und seine Fantasien natürlich in plakativen Panels inszeniert.

Auf dieser Seite finden sich Motive, die auch Clowes für seine Insektengeschichte entfremdet: der Ton der Erzählung, die abwertende Haltung anderen Figuren gegenüber, die sexuelle Vorfreude, auch die Schuld und die Scham nach dem Akt.

Bei Crumb wirkt es grenzwertig, weil er mit Menschen verkehrt. Bei Clowes wirkt es surreal, weil er die sexuelle Thematik zu verschieben weiß.

„Needledick the Bug-Fucker“ ist eine böse Fabel, ein albernes Großstadtmärchen – gar eine Allegorie auf das männliche Prinzip?

Die Antwort, mein Freund, summt irgendwo im Wind.

Im Video blättere ich diesmal durch Werke von Clowes, damit Sie ein bisschen mehr von diesem Künstler zu sehen bekommen als nur diese irren neun Panels.

 

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