Tillmann liest: Black Hammer

COMIXENE-Kollege Jörg Krismann bemängelte in seiner Rezension in Heft 127  diesen „sentimentalen Retrocomic“ als schlechte Alan-Moore-Kopie (Autor Jeff Lemire wandle zwar auf dessen Spuren, habe „es dann aber doch nicht so drauf“), zudem missfielen ihm „die drögen Zeichnungen“ von Dean Ormston.
Da möchte ich doch entschieden widersprechen und eine Lobrede auf BLACK HAMMER … äh … schwingen.

Ein Retrocomic ist es, und vielleicht haben moderne Superheldenleser deshalb keinen Spaß daran. Die Handlung ist anders, das Tempo ist anders, das Artwork ist anders.

Auf alt getrimmtes Retrocover: BLACK HAMMER Nr. 2.

Ich fühle mich bei BLACK HAMMER weniger an Alan Moore erinnert (gemeint gewesen sein dürfte seine alternative Heldenserie WATCHMEN), sondern eher an Darwyn Cookes „DC: THE NEW FRONTIER“.
Auch dies ein Retrocomic mit reduziertem Artwork, der sich allerdings direkt auf die Superhelden des DC-Universums bezieht.

(Meine Würdigung des Werks von Darwyn Cooke finden Sie auf COMICOSKOP, dort auch Kurzbesprechung von NEW FRONTIER.)

BLACK HAMMER geht einen Schritt weiter und plündert die US-Comichistorie von 1940 bis 1980: Jeff Lemire bedient sich frech bei den klassischen Helden diverser Verlage, um sein Heldentrüppchen zu rekrutieren.
Der erste Band geht zur Hälfte dafür drauf, dass Origin-Stories erzählt werden (wodurch sich manche LeserInnen vielleicht im Lesefluss gehemmt fühlen).

Das Vergnügen daran besteht im Erkennen der dreisten Kopien (auch dies ein spezieller Spaß für Comicfachleute!). Die Hauptfiguren und ihre Vorlagen:
Abraham Slam hat viel von Captain America und seinen zahlreichen Kopien (ohne Caps Superserum allerdings).
Golden Gail ist Mary Marvel, die mitsamt ihrer „Marvel Family“ für den Fawcett-Verlag flog und kämpfte, die erste jugendliche Superheldin.

Barbalien kommt vom Mars und lebt auf der Erde mit der Tarnidentität Mark Markz, das klingt doch arg nach J’onn J’oonz, dem Martian Manhunter. Colonel Weird ist ein Wiedergänger von Adam Strange, immerhin trägt er dessen Kostüm und pendelt zwischen unserer Realität und einer außerirdischen Dimension.

Der dem Colonel zugelaufene Alien-Roboter TLK-E WLK-E bekommt den despektierlichen Namen Talky-Walky verpasst und muss fortan lästige Hausarbeiten wie putzen, bügeln und kochen erledigen (was dieser noch sarkastisch kommentiert: „Sorry, master … I live to serve my human overlords – beep-bloop-beep“).

Bleibt noch die mysteriöse Madame Dragonfly, die aus dem Heldengenre herausfällt und glasklar aus dem Horror stammt: Patinnen stehen hier Madame Xanadu sowie die Host-Figur Eve aus den DC-Mysterycomics der 1970er-Jahre. Sie gebietet über echte Magie, die sie benötigt, um neugierigen Mitmenschen das Gedächtnis an ihre Begegnung mit ihr zu löschen.

Hier sind die Helden versammelt, auch wenn sie bewusstlos am Boden liegen – im Uhrzeigersinn von rechts oben: Golden Gail, Madame Dragonfly, Abraham Slam, Barbalien, Colonel Weird und Talky-Walky.

 

Nicht übersehen sollte man, dass Jeff Lemire uns seine Helden mit einem tüchtigen Augenzwinkern präsentiert:
Abraham Slam gerät aus der Form, richtet sich als Farmer in seiner neuen Existenz ein und macht der Frau des cholerischen Sheriffs den Hof. Barbalien ist homosexuell und holt sich eine peinliche Abfuhr beim Dorfpfarrer. Colonel Weird trippt zerstreut durch Zeiten und Dimensionen und materialisiert sich oft in unpassenden Momenten. Madame Dragonfly verliebt sich in ein Swamp-Thing-artiges Geschöpf.

Swamp Thing, you make my heart sing – Madame Dragonflys Liebe auf den ersten Blick.

 

Golden Gail trifft es am härtesten: Sie ist gefangen im Körper eines zehnjährigen Mädchens (dem Zeitpunkt ihrer Erweckung zur jugendlichen Superheldin und dem ewig unveränderlichen Alter ihrer Heldenpersona), dabei ist sie eigentlich schon 54 Jahre alt. Gail ist angepisst, deprimiert, muss tarnungshalber zur Schule gehen und versüßt sich ihr Schicksal mit Alkohol, Zigaretten und jeder Menge Flüche – was einer 10-Jährigen in keinster Weise zu Gesicht steht!

Daraus entwickeln Lemire und Ormston einen tragikomischen Drive, der BLACK HAMMER generell auszeichnet.

Mal eine deutsche Seite aus der Leseprobe von Splitter, damit ich mir beim Scannen nicht die Finger breche. Zeige ich auch, weil ich der Meinung bin, dass das „Fick dich!“ im Deutschen zu hart klingt, auch wenn es im Original „Fuck off!“ heißt.

 

Auch die Superschurken sollte man nicht ernst nehmen, sie sind (bislang) pures Fallobst und  heißen Taurus (ein mechanischer Riesenochse), Jackhammer (ein Typ mit Schlagbohrer-Armen), Anti-God (ein Galactus-Double) oder Cthu-Lou (ein geschwätziges Krakenmonster). Köstliche Parodien auf popkulturelle Chiffren, wenn man sie zu lesen weiß.
In Rückblenden erfahren wir, dass Golden Gail ihrer Heldenkarriere entsagt, ihr Cape an den Nagel hängt  und sich als flotte Fünfzigerin ihren ehemaligen Widersacher Sherlock Frankenstein angelt, um eine Romanze anzufangen!

Golden Gail kriegt immer ihren Mann: Im Ruhestand macht sie ihrer alten Nemesis ein erotisches Angebot.

 

Schon auf der Figurenebene und der Konstellation der Charaktere geht eine Menge ab in diesem Comic, dabei sind wir noch nicht zur Handlung vorgedrungen, also bitte:

Ein fast gottgleicher Bösewicht aus dem Weltall greift Spiral City an, die Heimat unserer Superhelden. Als sich ihm zum letzten Gefecht die Kämpfer Abe Slam, Golden Gail, Colonel Weird, Barbalien, Madame Dragonfly sowie ihr Anführer Black Hammer entgegenstellen, kommt es mit der Niederlage des Angreifers zu einer Art Dimensionssprung.

Die sechs Recken finden sich in eine US-amerikanischen Kleinstadt namens Rockwood transportiert. Jedenfalls wirkt ihre neue Umgebung wie eine US-amerikanische Kleinstadt; der Clou: Den Ort umgibt ein Kraftfeld, das sie alle daran hindert, diesen jemals wieder zu verlassen!

Black Hammer, der Held, will es durchbrechen, doch bezahlt dafür mit seinem Leben. Nur sein magischer Hammer (hier ergänzen wir, dass diese Figur eine Anspielung auf Marvels Thor ist) bleibt am Unglücksort zurück. Die anderen fünf fügen sich in ihr Schicksal, versuchen sich (mehr oder weniger) in die Stadtgemeinschaft zu integrieren – und verbringen bereits ihr zehntes Jahr in dieser Gefangenschaft.


Da stößt unerwartet ein Besucher aus der Außenwelt zu ihnen: Lucy ist die Tochter von Black Hammer. Die Reporterin hat nie aufgegeben, nach den verschwundenen sechs Helden zu suchen, die seinerzeit Spiral City gerettet haben. Eigentlich hoffte sie, ihren Vater zu finden, und landet nun bei den anderen im Kleinstadt-Dimensionsgefängnis.
Doch anstatt den Mut zu verlieren und  zu resignieren, forscht Lucy nach der Historie der seltsamen Stadt. Am Ende von Band 2 macht sie eine Entdeckung, greift zum Hammer und verwandelt sich in den neuen, den afroamerikanischen, den weiblichen Black Hammer!

(Auch letzteres ein Kommentar auf aktuelle Superhelden-Verlagsgeschichten …)

Das ist noch der Vater von Lucy, der die magische Kraft des Hammers entdeckt – und zugleich auch eine mythische Welt wie beim Vorbild Thor, dort ist es Asgard (oder Midgard?) – Stuttgart!

 

Geschickt und flüssig verwebt Autor Lemire die Entwicklungslinien seiner Figuren mit der übergeordneten Mysterystory; Flashbacks aus den Heldentagen vertiefen die Charaktere; Colonel Weirds Ausflüge in die „Para-Zone“ deuten auf ein universelles Geheimnis hin.

BLACK HAMMER jagt nicht atemlos daher, es entfaltet sich Stück für Stück ein ‚bigger picture‘, wie man so schön sagt. Dieser Comic ist was für Connaisseure mit Geduld: Ich finde ihn hochinteressant, liebevoll inszeniert und auch wunderschön gezeichnet (und koloriert von Dave Stewart!) – damit sind wir beim Artwork von Dean Ormston, das man „dröge“ finden kann.

Der Roboter als Küchenhilfe: Talky-Walky sorgt für das leibliche Wohl der grotesken Wohngemeinschaft.

 

Der Engländer hat schon 1995 mit Peter Milligan THE EATERS illustriert, war kurz beim SANDMAN, dann noch PREDATOR und die BOOKS OF MAGICK: LIFE DURING WARTIME. Nichts Aktuelles also, kommt fast aus dem Blauen.
Lemire hat zum Ausdruck gebracht, dass Ormston sein Wunschkandidat war, weil „seine Zeichnungen so gar nicht nach Superheldencomics aussehen.“
Die Fallhöhe Look zu Inhalt ist somit gewollt und Programm für BLACK HAMMER, die Serie. Die Anmutung einer Graphic Novel ist beabsichtigt, Ormstons Stil ist momentan aber auch schick.

Er zeichnet in dieser halbcartoonesken Art wie heute die meisten Comics bei Image daherkommen (obwohl BLACK HAMMER bei Dark Horse unter Vertrag ist), er kann mit Flächen umgehen wie Mike Mignola, er brilliert mit der knalligen Abstraktion eines Guy Davis, er überzeugt mit seinen Arrangements wie Paul Azaceta in OUTCAST.

 

Dean Ormston versteckt herrliche Hommagen in seinem Artwork. Links: DCs SENSATION COMICS Nr. 109 von 1952, rechts: großes Panel aus BLACK HAMMER Nr. 5.

 

Natürlich muss man auf diesen Stil einsteigen und ihn goutieren können – bei mir läuft Ormston offene Türen ein. Ich bin schwer beeindruckt von seinen lockeren, leicht verzerrten Gestalten; man kann das auch doof oder unfertig finden. Geschmackssache.

Apropos: Zum Schluss reite ich nochmal herum auf dem Urteil, Lemire hätte es nicht so drauf wie Alan Moore. Erstens bin ich dankbar für jeden Autoren, der eine Moore-Kopie hinbekommt, zweitens ist mir ein Jeff Lemire, der originell und nachvollziehbar das Schicksal einer Clique abspulen kann, lieber als der oft in einem Atemzug mit Moore genannte Grant Morrison.

Dessen Werke lese ich mit Staunen, z.B. THE INVISIBLES, THE FILTH oder kürzlich erst NAMELESS, aber sie hinterlassen mich ratlos, kopfschüttelnd und teils auch betrogen.  Morrisons mystifizierter Humbug, seine private Spinnerei und ein undurchdringlicher Referenzen-Dschungel wirken zwar kunstvoll, sind aber eine ziemliche Frechheit, weil er seine Story nie befriedigend zu Ende führt und für mich damit einen Ausweis von intellektuellem Ego-Gewichse abliefert.

(Entschuldigung, aber ich hab mich geärgert, dass NAMELESS im letzten Jahr so kritiklos rezensiert wurde, dabei ist es ein Paradebeispiel für das Morrisonschen Blendwerk. Gut, ich hab mich drüber ausgeschwiegen und es hier auch nicht verrissen – was ich grad so ein kleines bisschen nachhole, hamse gemerkt, oder?)

Das Titelbild der deutschen Ausgabe.

BLACK HAMMER-Verächter Krismann steht übrigens auf NAMELESS (in COMIXENE 125 nachzulesen), Kollege Björn Bischoff  würdigt NAMELESS (in ALFONZ 4/2017) als „Alptraum von düsterer Schönheit“ und „dunkles Monster“ der Weird Fiction, enthält sich jedoch einer direkten Wertung:
Ein gewaltiger Comics, so mächtig, dass sich jeder Leser in diesen Seiten verlieren kann.
Als alter Feuilleton-Fuchs vermute ich, dass Bischoff zwischen den Zeilen ausdrückt, dass er diesen Wirrsinn auch nicht geschnallt hat.

BLACK HAMMER dagegen ist nicht mächtig, nicht monströs. BLACK HAMMER ist warm und mitfühlend. BLACK HAMMER  besticht durch leise Töne und subtile Beobachtung.

Ich habe Angst, dass im normalen Superhelden-Tamtam die künstlerischen Comics, die anspruchsvollen Werke aus dem Blickfeld geraten. Ich halte dagegen.

(Womit ich nicht sagen will, dass ich mich als Superheld „Der Kurator“ sehe, der zarte Comicpflänzchen schützt. BLACK HAMMER war nominiert für die großen Preise von Angouleme bis Erlangen und hat den Eisner-Award für die beste Serie gewonnen. Kein Grund zur Panik also.)

PS: Hinweis zur Lektüre:
Ich lese mal wieder im englischen Original (s. meine Beispielscans), aber BLACK HAMMER erscheint zeitgleich auch auf Deutsch bei Splitter, sogar in etwas größerem Format (zwei Bände bereits erschienen).

 

 

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