Uni Köln: Ausstellung zu Comics und Zensur

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Medienapokalypsen präsentiert die Kölner Universität im Foyer ihrer Bibliothek einige interessant gestaltete Vitrinen zu den Themen Science Fiction, Theater, Musik, Film und auch Comics.

Die Comicexponate beziehen sich auf die Zensurbestrebungen, die in vergangenen Jahrzehnten immer wieder versucht wurden. Wir laden alle Interessierten ein, ab Dienstag, den 17. Juli („Enthüllung“ ist um 18 Uhr) in der Kölner Unibibliothek vorbeizuschauen und einen Blick zu riskieren (Ort: Universitätsstraße / Ecke Kerpener Straße). Die Ausstellung selbst ab dann bis 30. September frei zugänglich.

Der folgende Textbeitrag stammt vom Macher der Comicvitrine und dient als begleitende Hintergrundinformation (und wartet höchst informativ mit krassen Fakten auf).

Gastbeitrag von Eberhard Wehrle

 

„Was an Schmutz und Schund ich hab‘, fort damit ins Schmökergrab“ –
die Situation der Comics in den 1950er Jahren in Deutschland West und Ost

 

Es ist bekannt, dass die Comic-Autoren und -Verlage in den USA in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Repressalien zu kämpfen hatten. Als Beispiel sei nur der Psychologe und „Kritiker“ der Comics Fredric Wertham mit seinem Werk „Seduction of the Innocent“ von 1954 genannt. In der er die angeblich manipulative Kraft der Comics auf die Jugend der freien Welt, also der USA, nachweist.

Die Veröffentlichung führte u.a. dazu, dass sich die Hearings „Zur Untersuchung von Jugendkriminalität in den USA“ seit 1951 unter Senator Estes Kefauver[1] auch mit Comics beschäftigten und es zur Einführung der Comics Code Authority (CCA) kam, eine Selbstverpflichtung der Verlage, um Gesetzesänderungen zuvor zu kommen.

Praktisch kam das fehlende Prüfsiegel „Approved by the Comics Code Authority“ einem Handelsverbot gleich. Diese Hearings waren damals ein Medienereignis, da sie erstmals im Fernsehen übertragen wurden. Sie lösten Diskussionen in der Gesellschaft aus, sodass sogar populären Printmedien wie Reader’s Digest oder House and Garden darüber berichteten.

Weniger bekannt ist, dass es diesen Diskurs auch in Deutschland gab. Der, trotz größter politischer Differenzen von Ost und West, in fast gleicher Weise geführt wurde. In diesem Artikel sollen ein paar der damaligen Aktionen betrachtet werden.

 

„Der kleine Sheriff“ und die Bundesprüfstelle
für jugendgefährdende Schriften

 

Die öffentlichen Diskussionen über die schädliche Wirkung der Comics in den USA kam wenig später auch in Deutschland an. Schon 1951 berichtet DER SPIEGEL im Artikel „Opium der Kinderstube“ über die Ergebnisse von Werthams Forschungen.
„Meine klinischen Studien haben mich überzeugt, dass durch die Comics der Brunnen spontaner Kinderphantasie vergiftet wird“.
Wertham war davon überzeugt, dass die Bildergeschichten maßgeblich an der „Jugendverwahrlosung“ schuld seien. Dieser Umstand sei den Produzenten natürlich bewusst, hier wird der Direktor des „Fox Features Syndicate“-Verlags zitiert, der gesagt haben soll, dass es „[…] mehr Dummköpfe als richtige normale Menschen“ gäbe und die ersteren nun mal ihre Kunden seien.

(Der ganze Artikel ist übrigens kostenfrei im Online-Archiv des SPIEGEL einsehbar!)

Am 19. Mai 1954 nahm die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) ihre Arbeit auf. Gegründet, um gegen alle Formen von jugendgefährdenden Medien vorzugehen, also auch Rundfunk (Radio, Fernsehen und Film), kristallisierten sich sehr schnell heraus das es hauptsächlich um die Bilderhefte ging.

In der ersten regulären Sitzung am 9. Juli wurden dem Prüfgremium direkt Comics vorgelegt, je zwei „Tarzan“ und zwei „Pecos Bill“-Hefte aus dem Mondial Verlag. Bei ihnen wurde das Indizierungsverfahren eingestellt mit der Begründung, dass es ein „Fall geringerer Bedeutung“ sei.
Das Heft „Der kleine Sheriff, Nr. 12 – Verwegene Jagd“, auch ein Lizenz-Produkt des Mondial Verlags, aus der Feder des italienischen Zeichners Camillo Zuffi, hatte weniger Glück. Es war das erste Print-Erzeugnis und das erste Comic, das indiziert wurde.

Interessant ist, dass der Antrag auf Prüfung vom Bundesministerium des Inneren (BMI) kam u.a. mit der Begründung, die Hefte der Reihe würden „die geistige Trägheit“ der Jugendlichen fördern. Aus heutiger Sicht mag es überraschen, womit sich das Ministerium beschäftigte, wenn es aber mit den neusten Studien zu Geschichte des BMI verglichen wird, ist es verständlicher. Hierzu komme ich später ausführlicher.

Die Begründung für die Indizierung des Heftes war in diesem Fall schon fundierter. Man sah eine sittliche Gefährdung, da „der Kampf als Selbstzweck dargestellt“ sei, besonders da „der kleine Sheriff noch ein Knabe sei, mit dem der jugendliche Leser sich identifizieren“ könne.

(Infos zur Serie „Der kleine Sheriff“ HIER auf Wikipedia.)

Die BPjS beschäftigte sich auch des öfteren mit den Piccolo-Heften von Hansrudi Wäscher, die dieser für den Lehning-Verlag zeichnete. In seinem Buch „Allmächtiger!“ hat Andreas C. Knigge das Verfahren zu dem „Sigurd, Heft 54 Samadis Geheimnis“ vom 10. Dezember 1955 dokumentiert.
Die Begründung, dass der Indizierung nicht nur an der gezeigten Gewalt liegt, sondern auch an der „zeichnerischen und typologischen Primitivität und Armseligkeit der Darstellung“ ist problematisch – schwingt sich hier doch die Prüfstelle zum Geschmacksrichter auf.

Spannend sind die Methoden der Veränderungen, sowohl textlich als auch in den Bildern, die gemacht wurden um Neuauflagen ohne Handelsbeschränkungen auf den Markt zu bringen, dies würde aber den Rahmen des Artikels sprengen …

 

Wenn du es nicht magst – verbrenn es

 

Deutsche Jugendschützer und Lehrerverbände organsierten von 1954 an Aktionen mit dem schmissigen Slogan „Was an Schmutz und Schund ich hab‘, fort damit ins Schmökergrab“. Die Aktionen sahen so aus, dass Kinder und Jugendliche ihren „Schund“, gemeint sind hier hauptsächlich Comics, gegen gute „besonders ansprechende, gebundene Jugendschriften mit möglichst bunten Umschlagbildern“ eintauschen konnten.

Diese „wertige“ Jugendliteratur waren Bücher aus den Reihen wie z.B. „Brehms Tierleben“, „Die schwarze Hand“, „Lilipu“ und „Mechanikus“, die von den Verlagen vergünstigt zur Verfügung gestellt wurden. Es gab genaue Regeln für den Umtausch; für ein „gutes“ Buch mussten 10 Schundhefte à 20 Pfennig oder 5 à 40 Pfennig abgegeben werden.

Indizierungserlass der Bundesprüfstelle.

Der Zeitzeuge Wilhelm Hoppe beschreibt die Schmökergrab-Aktion der Stadtbücherei Hagen vom Dezember 1954 in seinem Aufsatz für die Zeitschrift Bücherei und Bildung 1955.
Er berichtet, dass es einen solchen Andrang an umtauschwilligen Jugendlichen gab, dass bald nach dem Öffnen der „Schund-Annahme-Stelle“ nicht mehr gewährleistet werden konnte, ob die Regeln eingehalten wurden.

Der „Schund“ bestand zum Größenteil aus Comic-Heften (rund 17.000 Stück), meist im Piccolo-Format. Nur ca. 3.000 Abgaben waren reine Text-Medien. In vielen Gemeinden wurden die Druckerzeugnisse öffentlich vernichtet, am eindrucksvollsten in einer abendlichen Verbrennung.

In Hagen wurde vermutet, dass man mit der Vernichtung nichts erreichen könne, außer das vielleicht ein Vakuum geschaffen würde, dass mit neuem „Schund“ aufgefüllt werden könnte. Darum wurde das „[…] angefallene Material […] geordnet, gezählt, näher untersucht und schließlich zu einer Ausstellung zusammengefasst, die allen Erziehern, Lehrern und Geistlichen, allen Jugendverbänden, der Elternschaft, kurz allen, denen das Wohl der Jugend am Herzen liegt, zugänglich gemacht […]“ wurde, um vor der Gefahr zu warnen.

Interessant ist, dass u.a. auch der Grundstock des „Comicarchivs“ des „Institut für Jugendbuchforschung“ der Goethe-Universität Frankfurt a.M. aus einer LKW-Ladung „Schund“ bestand, der nicht vernichtet wurde.

Piccolo-Heft der frühen 1950er-Jahre: Schund oder Abenteuer?

Belege für Schmökergrab-Aktionen liegen u.a. für Aachen, Hagen und Münster vor, es ist aber anzunehmen, dass sehr viel mehr Gemeinden daran beteiligt gewesen sind. Die Dokumentation ist hier lückenhaft.

Dieser Tage erscheint das Buch „Hüter der Ordnung – Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus“, (Hg.) Frank Bösch und Andreas Wirsching. In ihm wird nachgewiesen, dass die Strukturen und „Werte“ des NS-Regimes, bedingt durch Personalentscheidungen, fortgeführt wurden und die junge Demokratie beeinflussten.

Unter diesem Gesichtspunkt sind sowohl die Eingaben des BMI an die BPjS als auch die unreflektierte neuerliche Vernichtung von Bild und Text, nur 20 Jahre nach den Nazi-Bücherverbrennungen, nicht wirklich verwunderlich.

(Auf dieser Webseite sehen sie ein Fotodokument der Schmökergrab-Aktion in Aachen 1958.)

 

Der Osten und der „imperialistische Schund“

 

Doch nicht nur die BRD hatte ihre Sorge wegen der Comics. Auch das sozialistische Bruderland sah die Bilder mit Besorgnis. Zu der Zeit, als die SED- und VEB-konformen Comicfiguren „Digedags“ im MOSAIK von Hannes Hegen anfingen, die DDR zu erobern, wurde die Angst vor den Strips des Klassenfeindes immer ausgeprägter, die immer wieder hinter den Antiimperialistischen Schutzwall gelangten[2].

Mit dem NATO-Beitritt der BRD 1955 konnte man im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, lesen, dass die „Comics – Rezepte für NATO-Söldner“ seien und dass man im Adenauer-Regime einen der Hauptschuldigen für die Militarisierung sehen könne, die hierfür die Schund- und Schmutzliteratur instrumentalisiere. Durch die „Schundschwarten“ würde die Jugend „für einen dritten Weltkrieg reif“ gemacht.

In einer der letzten Ausgaben der Täglichen Rundschau (die von der Roten Armee herausgegebene „Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung“), am 18. Mai 1955, erschien folgende Meldung:

Aus Berlin ist das entsetzliche Verbrechen des dreizehnjährigen Rudolf Scheffler bekannt, der im Februar seine Tante mit dem Flacheisen erschlug… Er stand unter ständigem Einfluß der amerikanischen Schundfilme und Verbrecherschmöker, kaufte sich sofort nach dem Mord neue Schundhefte und sah sich am Wedding einen Tarzanfilm an.“

Es wurde das „Berliner Kuratorium zum Kampf gegen die Vergiftung der Jugend durch Schund und Schmutz“ gegründet. Dieses organisierte am selben Tag, an dem der Artikel über den 13-jährigen Gewaltverbrecher erschien, einen Schauprozess in Berlin-Lichtenberg unter dem Vorsitz des Volkskammerabgeordneten und Professors für Staats- und Rechtstheorie an der Humboldt-Universität Dr. Klaus Steiniger gegen den Schmutz.

Steiniger kam zu dem Urteil: „Schuldig ist schließlich jeder, der Comics besitzt, verbreitet oder nicht einziehen läßt.“ Bemerkenswert ist hier die Reihenfolge der Aufzählung.

Bei regelmäßig stattfindenden Schulranzenkontrollen, durch Lehrer*innen, die bis in die frühen 80er Jahre stattfanden, wurden gefundene Hefte konfisziert und dieser Tatbestand, zusammen mit dem Vermerk über die Parteizugehörigkeit der Eltern, ins Klassenbuch geschrieben.

Aus den konfiszierten Heften wurde parallel zum Prozess und der Pressearbeit 1955 eine Ausstellung im Kultursaal des VEB Elektrokohle eingerichtet. Auch West-Spielzeugwaffen wurden gezeigt, um den wieder erstarkenden Militarismus des Klassenfeindes zu demonstrieren.

Ebenfalls im Westen auf dem Index: Foltermotiv vom SHERIFF TEDDY Nr. 24.

Was macht man dann aber nur mit dem ganzen „Schund“? Richtig, auch hier fliegt der „Dreck“ auf den Scheiterhaufen und geht in Flammen auf. Hier waren sich die politischen Gegner einig – schuld ist der Comic und sein manipulativer Einfluss.

(Wie sich die Bilder gleichen, hier ist es Ost-Berlin 1955, sehen Sie bei Klick auf diese Webseite des Bundesarchivs.)

Apropos „manipulativ“ – ein im Westen, ab 1954, produziertes Western-Comic des Lehning-Verlags war „Sheriff Teddy“ (die Hefte 24, 26, 28 und 31 wurden von der BPjS indiziert).
Diesen Namen übernahm der in der DDR bekannte Schriftsteller Benno Pludra (u.a. „Bootmann auf der Scholle“) für sein Jugendbuch „Sheriff Teddy“.

Das Buch war eine Abenteuer-Geschichte, die von Kindern und Jugendlichen beim Aufbau der DDR handelte. Aber auch hier ging es um das verderbte Wirken der West-Comics auf die braven Kinder des Sozialismus. So erklärt ein Lehrer im Buch, dass die Comics „eine Seuche“ seien. Durch deren Einfluss verlören die Kinder „[…] die Achtung vor allem Guten, Menschlichen und Edlen […]“. 1957 wurde das Buch von der DEFA verfilmt.

Mario Niemann hat einen ausführlichen Aufsatz zu dem Thema Comic und DDR unter dem Titel „Mittel zur Zerstörung der nationalen Kultur“ im Buch „Ritter Runkel in seiner Zeit“, (Hg.) Wolfgang Eric Wagner, 2017, veröffentlicht.

 

Neues Medium – gleiche Angst

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Angst vor den bunten Heften tief steckte. Auch in meiner Kindheit, in den 1970er-Jahren der BRD, waren vielen Schulkameraden von den Eltern Comics verboten und jede Schlechtigkeit wurde gerne auf deren Konsum zurückgeführt. Kaum vorzustellen, wenn man heute sieht, dass Comics in den Feuilletons angekommen sind.

Neue Medien werden oft von Ängsten begleitet. Das war vor 2.400 Jahren so, als Platon die Kritik Sokrates an der Schrift und der damit einhergehenden Verdummung seiner Schüler, formulierte. Fast die gleichen Argumente wurden auch gegen die Comics vorgebracht. Heute klingen die Sorgen ähnlich, wenn es um Games geht.

Dass die Ängste in Teilen der Gesellschaft existieren, will ich nicht abstreiten oder verharmlosen. Diese Ängste sollten aber auch historisch betrachtet und reflektiert werden. Wenn das erfolgt, stellt man nämlich fest, dass es früher nicht unbedingt besser war und alles schon mal dagewesen ist.

 

Der Artikel entstand aus den Recherchen für die Ausstellung „Medienapokalypsen – Hoffnungen und Ängste zum medialen Wandel“ die vom 29. Mai bis 30. September 2018 im Foyer der Universitäts- und Stadt-Bibliothek Köln gezeigt wird. Die Ausstellung wurde von Dozierenden und Studierenden der Universität Köln unter der Leitung von Prof. Dr. Packard konzipiert.

 


Fußnoten:

[1] Senator Kefauver führt auch einen Kampf gegen Bettie Page, weswegen sie u.a. ihre Kariere als PinUp 1957 beendete.

[2] Die BRAVO und der Playboy u.a.gehörten auch zu den verbotenen Druckwerken. Auch wenn sie sich an unterschiedliche Zielgruppen richten, ist es interessant das man durch sie eine Zersetzung der sozialistischen Ideologie fürchtete.

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