MATTER – ein Schweizer Schicksal

Auch die Schweiz war mal ein armes Land. Als Berge noch keine touristische Attraktion, sondern landwirtschaftliches Hindernis waren, litt die Bevölkerung des Kantons Aargau unter Arbeitslosigkeit und Hunger. Um 1850 herum wanderten allein in der Nordschweiz Zehntausende Menschen aus.

Dies ist der historische Hintergrund, auf dem wir den Dieb und Einbrecher Bernhart Matter agieren sehen. Der hat eine schwangere Frau, kann und seiner zukünftigen Familie jedoch kein Leben bieten und schlägt daher eine (klein)kriminelle Laufbahn ein.

Matter wird im Lauf von sechs Jahren zum prominentesten Verbrecher der Schweiz. Ein Haudegen, ein Frauenheld, ein Herzensbrecher, ein gewiefter Schelm, der sich in immer neue Identitäten rettet.
Obwohl Matter niemandem etwas zu Leide tut, verfolgen ihn die Behörden unnachgiebig und wenden Gesetze an, die jahrelange Festungsstrafen für Einbruchsdelikte vorsehen.

Der Ein- und Ausbrecher-König

 

Als „Robin Hood der Schweiz“ ist Matter bezeichnet worden, was sicherlich glamouröser klingt, als es war. Wir erleben einen Mann Ende Zwanzig, der aus Häusern bei Nacht Geld, Stoffe, Lebensmittel stiehlt und davon seinen Unterstützern abgibt.

Matter nämlich ist ständig auf der Flucht, ein Leben in dauernder Angst vor Entdeckung. Der Comic MATTER präsentiert uns den Protagonisten als coolen, tatkräftigen Macher, der sich auch von Rückschlägen, Verletzungen und Verhaftungen nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Mehrfach wird der Dieb festgenommen und mehrfach gelingt dem findigen Matter die spektakuläre Flucht aus Zellen, Gefängnissen, sogar aus der Festung Aarburg.

Dankenswerterweise hakt MATTER nicht nur biografische Stationen und Fakten ab, sondern gibt zwischendrin Raum für fiktionalisierte Szenen, die die Figuren lebendig werden lassen: ein Zwist mit rabiaten Kollegen, die Ausflüge mit der elsässischen Schmugglerbande, ein kurzer Exkurs in die Bürgerlichkeit, der Traum von Übersee, die Unterstützung durch die Landbevölkerung, eine gelungene Verkleidungs-Scharade.

Die Tragik in Matters Leben liegt darin, dass er seine Frau Barbara sowie Tochter Marie nicht halten bzw. zurückgewinnen kann. Immer wieder kehrt MATTER zu diesem Thema zurück und macht klar, dass auch der Verbrecher getrieben ist von Sehnsüchten, die ihn als ganz normalen Menschen charakterisieren.

Als die Polizei Matter zum x-ten Male habhaft werden kann, beschließt man, ein Exempel zu statuieren: Der missliebige Matter wird in extremer Auslegung des Gesetzes hingerichtet.
Ein Vorgang, den der Comic gnädig ausblendet – nicht jedoch die Empörungswelle, die das Urteil auslöst. Die Presse kritisiert, der Staat reagiert: Das aargauische Strafrecht sowie das schweizerische Gefängniswesen werden im  Jahr darauf reformiert (und dienen sogar als Folie für eine gesamteuropäische Entschärfung in Richtung eines progressiven Strafvollzugs).

Ein Schweizer Klassiker

 

Das Artwork von Reto Gloor erzeugt bei mir einen paradoxen Effekt: Die einzelnen Bilder finde ich nicht besonders kunstvoll, betrachte ich jedoch die ganze Seite, strahlt diese sehr wohl eine Kunstfertigkeit aus – die sich in kreativen Layouts und effizienter Erzählung manifestiert.

Das ist interessant und macht MATTER lesenswert. Wobei auch Autor Markus Kirchhofer ein Lob gebührt: Faktische Chronologie und fiktionalisierte Einsprengsel ergeben einen schlüssigen Gesamteindruck, der den Comic nicht zu trocken werden lässt.

Unschön und disruptiv sind leider die maschinengeletterten Textblöcke, die auf mindestens jeder zweiten Seite demonstrativ im Bild herumstehen. Das hätte man mit einer anderen und größeren Typo organischer gestalten können.
Wäre aber dem Geist dieser historischen Edition zuwidergelaufen. MATTER nämlich ist die De-luxe-Gesamtausgabe zweier Alben aus den Jahren 1992/93 (anlässlich des 200. Geburtstags von Bernhart Matter).
Die Edition Moderne feiert damit übrigens auch ihr eigenes 40-jähriges Bestehen. Glückwunsch, ihr Robin Hoods des Comicverlagswesens!
(Sie publizieren aus reichhaltigem Fundus und versorgen die an Lesestoff Armen.)

Betont sei erneut, dass MATTER nicht nur eine Schelmengeschichte ist, sondern auch von der Verfassungsfindung der Schweiz erzählt sowie von der Reformation des damals geltenden Strafrechts – das von dort aus in den Rest der Welt ausstrahlte!
Der Fall Matter hat diese Bewegung maßgeblich angestoßen und behält somit Relevanz bis in unsere Zeit.

Nicht nur betont, sondern auch vertont wurde die Matter-Materie:
Es gibt eine äußerst hübsche Komposition auf YouTube zu hören: „Bernhart Matter – The Life of a Thief“ von Mario Bürki. Vielleicht hören Sie sich die ja parallel zur Lektüre an.
(Müssen Sie allerdings flott lesen, die Miniatur-Sinfonie dauert nur 15 Minuten …)

Wir aber blättern wie üblich kurz hinein in diese Graphic Novel:

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