Leinen los für … DAS SCHIFF DER VERLORENEN KINDER

Ich halte das Team Koch/Berger für eine große Hoffnung des deutschsprachigen Comics. Hatte Autor Boris Koch schon mit DIE SCHÖNE UND DIE BIESTER ein beachtlich freches Märchen vorgelegt, macht er sich nun an eine Miniserie um Kinder in Not.

Seine Zeichnerin Frauke Berger gehört neben Reinhard Kleist, Kristina Gehrmann und Nicolas Mahler zu den wenigen Comicschaffenden, die schnell und kompetent liefern können. Ihr Stil ist außergewöhnlich eigen und erfreulich konsistent.

Die allererste Seite ruft in mir Erinnerung an „Wo die wilden Kerle wohnen“ hervor, wo sich Max einen Wolfspelz umwirft und „nur Unfug im Kopf hatte“, danach von seinen Eltern ohne Essen zu Bett geschickt wird.
Aber es ist ja kein Fehler, dass sich Autor Koch von diesem Kinderbuch-Klassiker inspirieren lässt, um seinen Comic zu beginnen.

Das wilde Spiel am Waschbecken wird von Vater und Mutter gestört, die sich durch die Fantasie ihres Sohnes Leo gestört fühlen – und auch ihn ohne Essen aufs Zimmer schicken. In der Nacht aber wächst in Leos Zimmer kein Wald, sondern der Junge gerät aufs Meer

DAS SCHIFF DER VERLORENEN KINDER  nämlich beginnt mit einer langen Actionsequenz von 100 Seiten (!), die uns die Figuren vorstellt: Die Brüder Leo und Felix werden nach dem Streit mit ihren Eltern auf magische Weise auf ein seltsames Schiff in noch seltsameren Gewässern transportiert.
In dieser Parallelwelt kommen sie dem Mädchen Chrissy zu Hilfe, das von einem Werwolf belagert wird. Nach einer wilden Hatz durch das halbe Schiff kann das jugendliche Trio das Monster bezwingen und vernichten. Sie treffen auf eine weitere Jugendliche, Asra, und flüchten mit ihr in die Eingeweide des Schiffs, wo sie sich erst einmal verschanzen.

Beachten Sie auf den obigen Beispielseiten auch Bergers kreative Kamera, die zwar nah an den Figuren bleibt, aber auch Raumdetails wie Regale, eine Hängematte oder trocknende Strümpfe erfasst.
Zudem verrät uns die Körpersprache der Charaktere eine Menge über deren Persönlichkeiten: die aufbrausende Chrissy, die souveräne Asra, der ängstliche Felix und der fürsorgliche Leo.

Schrecken der Sieben Meere

 

Das Quartett weiß inzwischen, dass das ehemalige Vergnügungsschiff von Dämonen und Alptraumgestalten gekapert wurde und unter den neuen Namen „Seelenfänger“ als schwimmendes Gefängnis für Kinder über die Meere schippert.
Ursprünglich war das Schiff eine Rettungsstation für misshandelte und missachtete Jugendliche, die in dieser Parallelwelt solange Ruhe und Frieden finden konnten, bis sie wieder zurück wollten. Ein Kinderheim auf See, befehligt von einem gütigen Kapitän. Leider kamen mit den Kindern auch ihre Ängste an Bord, die sich als unheimliche Kreaturen manifestierten. Es folgte eine Meuterei der dunklen Mächte, die das Schiff unter ihre Gewalt brachten und seitdem die Jugendlichen versklaven.

Zum Ende des ersten Bandes begeben sich unsere vier Protagonisten auf Patrouille: Chrissy, Leo, Felix und Asra suchen nach weiteren Überlebenden, dem verschollenen Kapitän und einfach auch nach Lebensmitteln und Ausrüstung für ihr Versteck.

Koch und Berger gestalten ihren Auftakt so flott und abwechslungsreich, dass mir erst beim zweiten Lesen auffiel, dass wir wirklich eine „ungeschnittene“ Passage von satten 100 Seiten absolviert haben.

Dann bricht die Erzählung und Schiffsveteranin Asra schildert den Neulingen (und uns), was denn überhaupt Sache ist. 20 Seiten geballte Welterklärung, was dramaturgisch nicht die eleganteste Variante ist – Frauke Berger aber willkommene Gelegenheit gibt, ihre Kunst auszufahren!

Berger illustriert so mitreißend, dass keine Langeweile aufkommt, sondern ich zumindest von einem Wow-Erlebnis ins nächste falle (und Freude an kleinen Hommagen habe). Sind das da nicht Ungeheuer, die ich in SANDMAN, DOCTOR STRANGE und MONSTRESS gesehen habe?!

Diese 20 Seiten sind purer Zauber, ich zeige sie im anschließenden Video.

Ich gebe zu, dass mir Bergers Actionregie ein wenig zu mangaesk und ein bisschen zu unübersichtlich ist, aber das sei ihr gestattet (und damit kann ich leben). Hier zwei Seiten vom Angriff des Werwolfs:

Positiv möchte ich betonen, dass DAS SCHIFF DER VERLORENEN KINDER auch mit feinem Humor um die Ecke kommt. Bestes Beispiel ist der „last stand“ von Felix, Leo und Chrissy gegen den Werwolf. Ihre Wagenburg ist ein plüschiges Mädchenzimmer voller Einhörner, Püppchen und Prinzessinnenkrempel.

In diesem Ambiente wird der Werwolf sein Ende finden und mit Tutu und Krönchen ausstaffiert im Wandschrank versteckt werden.
Das sind so Einfälle, wo ich mich frage, ob sie von Koch oder von Berger stammen. Im Grunde auch egal, denn die Zusammenarbeit von beiden zündet und schlägt wundervolle Comic-Funken.

Spannend ist es. Ein anspruchsvoller Jugendstoff ist es auch.
DAS SCHIFF DER VERLORENEN KINDER verspricht ein großer Wurf zu werden, man darf auch dem Verlag Splitter gratulieren, der Frauke Berger schon seit ihrem eigenen Szenario GRÜN ein Forum verschafft.

Das Motiv der verschleppten und versklavten Kinder mag aus einem anderen Kinderbuch-Klassiker entspringen: In „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ ist es der Drache „Frau Malzahn“, der in der Spiegelwelt „Kummerland“ (zum normalen „Lummerland“) das Regime führt.

Ich weiß nicht, wie viele Bände noch folgen sollen, doch ein zweiter Teil mit dem krachigen Titel „Kanonenfutter“ ist in Vorbereitung. Schiff Ahoi!

Jetzt hab ich doch eine maritime Phrase in den Artikel geschmuggelt, enthalte mich aber weiterer Klischees in meinem Geblätter durch das Album.

 

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