Das große Staunen

Ein Newcomer-Comic katapultiert die Graphic Novel
in eine neue Dimension

 

Die Ermittlungen ergeben: Die heißeste Graphic Novel des Jahres kommt von einer völlig unbekannten, 55-jährigen Amerikanerin namens Emil (!) Ferris, trägt den Titel
„My Favorite Thing Is Monsters“ und ist ein Debüt-Werk!
Es handelt sich NICHT um einen Fake, was ich anfangs dachte, denn die Künstlerin ist in Person gesichtet und von namhaften Zeitschriften porträtiert und interviewt worden. Aus dem Nichts fliegt uns hier ein Comic um die Ohren, der durch und durch faszinierend ist.

Die Künstlerin: Emil Ferris

Wer auch nur in „My Favorite Thing Is Monsters“ hineinblättert, denkt spontan:
„Das gibt es nicht. Zu perfekt, zu komplex, zu professionell. Wer war das: Crumb? Spiegelman? Ware? Bechdel?“
Nein, es stammt wirklich von Emil Ferris. Und die vorgenannten Personen haben ihr bereits gratuliert.

Ferris, das Phantom, schildert eine Begegnung mit einem Giganten:
„Ich hocke auf einer Bank bei der Miami Book Fair und fühle mich wie Falschgeld. Ich sehe schrecklich aus und habe Tacokrümel an der Backe. Die Besucher schauen zu unserem Stand und wundern sich, was die komische alte Dame da wohl zu suchen hat. Ein Agent kommt auf mich zu und fragt, ob ich auch was geschrieben habe.
Ich sag ‚Das da‘ und zeige auf FAVORITE THINGS. Er starrt mich blinzelnd an, versucht das Puzzle zusammenzusetzen, dreht sich dann wortlos weg und geht hinüber zu einem Herren, der wie ein Mitglied der Weimarer Intelligentsia aussieht. Er zieht äußerst elegant an einer elektrischen Zigarette, Dampf steigt aus seinem Mund. Der Agent beugt sich zu ihm hinunter, flüstert etwas in sein Ohr.
Der Herr dreht sich zu mir um, streckt seinen Arm herüber und schüttelt meine Hand. Er sagt: ‚Hi, ich bin Art Spiegelman und ich liebe Ihr Buch‘. Da hab ich angefangen, hemmungslos wie ein Baby zu flennen.“

Fantasie-Horrorheft im Stil der 1950er-Jahre, solche Titelbilder sind zahlreich durch das Buch verstreut

Schon diese Anekdote zeigt, dass Ferris die Gabe der Beobachtung und erzählenden Verdichtung beherrscht, und das sogar, wenn es um die eigene Person geht. Viel eigenes Erleben ist nämlich in ihren Comic eingeflossen: eine Jugend im Chicago der 1960er-Jahre, eine Vorliebe für billigen Grusel, die Faszination für bildende Kunst, persönliches Außenseitertum und Krankheit, die Bekanntschaft mit Holocaust-Überlebenden.
Ferris: „Ich litt als Kind unter Rückgratverkrümmung, war sehr einsam, konnte kaum laufen. Ich fühlte mich monströs. Dann merkte ich, dass mir Kinder zuzuhören begannen, wenn ich meine erdachten Gruselgeschichten erzählte. Also wurde ich so zum Storyteller, es war meine Art, Freunde zu gewinnen.“

Die Idee zu FAVORITE THINGS trägt Ferris über zwanzig Jahre mit sich herum, zeichnet ab und zu ein paar Seiten, probiert Figurenkombinationen in Kurzgeschichten aus, veröffentlicht aber nie. Ein besonderes Verhältnis zur Kunst war ihr offenbar in die Wiege gelegt worden:
„Meine Eltern waren beide Studenten am Art Institute of Chicago, Kunst war ihre Religion, das Museum war ihr Tempel. Schon als Schüler hat mein Vater, der später auch Ringer und Boxer war, selbst fabrizierte Pornocomics verteilt. Aber statt ihn der Schule zu verweisen, hat ihn ein Lehrer ans Art Institue vermittelt. Da traf er meine Mutter, und beide haben mich mit ihrem speziellen Glauben angesteckt. Andere Kinder lernen Bibelverse auswendig, ich lernte Bilder auswendig.“

Was ist nun das Besondere an „My Favorite Thing Is Monsters“ (Monster mag ich am liebsten)? Der kindlich klingende Titel fängt bereits die Perspektive ein, aus der Ferris berichtet. Erzählerfigur ist ein eigenwilliges Schulmädchen.
Und FAVORITE THINGS ist nicht ein Buch, es sind im Grunde genommen gleich fünf, kunstvoll ineinander verwoben:

  1. Familientragödie
  2. Coming-of-Age-Story
  3. Kriminalfall
  4. Holocaust-Überlebenden-Drama
  5. Erweckungsbericht

Unfasslich ist, wie souverän und scheinbar mühelos Ferris mit diesen Erzählsträngen jongliert! Drama, Comedy, Tragödie, Historie und Popkultur verknäueln sich zu diesem eigenartigen, unerhörten, nie dagewesenem Ganzen – und lassen sich doch jederzeit entwirren, um auf einen Aspekt zu fokussieren. Dröseln wir es mal auf, Punkt für Punkt:

Karen, das Werwolfmädchen

Chicago 1968: Die zehnjährige Karen Reyes lebt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Diego im Souterrain eines Hauses im Elendsviertel der Stadt.
Die frömmlerische, abergläubische Mutter hält den Haushalt zusammen, bis sie schwer erkrankt. Karen flüchtet sich in Fantasien, Diego ist der zwielichtige Casanova des Viertels und meistens keine Hilfe. Zudem lastet ein dunkles Geheimnis auf der geplagten Rumpffamilie.

Karen liebt Gruselfilme und Horrorcomics. Als halbe Latina und Unterschichtenkind wird sie von ihren Schulkameraden gehänselt und angegriffen.
Da sich ihr Außenseitertum auch in lesbischen Neigungen manifestiert, findet sie Trost in der Glorifizierung als Monstrum – sie imaginiert sich eine Persona als Werwolfmädchen.

In der Wohnung über ihr wird die Nachbarin ermordet: Die mysteriöse und attraktive Anka Silverberg liegt erschossen in ihrem Bett. Die Polizei kann keinen Täter ermitteln, also nimmt Karen die Sache in die Hand. Wenn sie den Trenchcoat ihres Bruders überwirft, wird sie zum Detektiv und spioniert die Mitbewohner aus.

Aus Gesprächen mit dem Witwer und Tonbandaufzeichnungen der Verstorbenen rekonstruiert sich das Schicksal einer Holocaustüberlebenden. Anka wuchs als Kind in Berliner Bordellen auf, wurde kindliche Mätresse eines reichen Deutschen und von diesem in Sicherheit gebracht, als sie als Jüdin deportiert und vergast werden soll. Aber konnte Anka ihrer Vergangenheit jemals entkommen – oder ist ihr Tod eine schreckliche Spätfolge der erlebten Gräuel?

Kunst spielt eine tragende Roll in Karens Leben, denn Diego hat sie für die ausgestellte Malerei im Art Institute of Chicago entflammt. Immer wieder kehrt die Hauptfigur an diesen Ort zurück, um Kraft zu tanken und sich in den Gemälden zu verlieren. Alleine oder mit Freunden bestaunen sie die Klassiker, erfinden sich Geschichten dazu und erstellen ihre höchst komischen Interpretationen. Karen zeichnet selber, und durch den Comic verstreut sind Dutzende von selbst erstellen Horrorheftchen-Titelbildern, hochkomische Zeugnisse der Pop- und Eskapismuskultur.

Sie, liebe Leser, denken jetzt wahrscheinlich: „Ogottogottogott, was für ein deprimierender und schwermütiger Kram! Armut, Familiendramen, Holocaust, Minderheiten! Will ich nicht sehen! Geh weg!“
Verständlich, und doch weit gefehlt: Ferris verpackt ihre schweren Themen in ein federleichtes, freundliches Artwork und bewahrt mit Karens unschuldiger Haltung jede einzelne Seite von FAVORITE THINGS vor Freudlosigkeit, Zeigefingertum und Langeweile.

Der Look des Buches ist ebenfalls abgefahren und höchst originell (muss man aber mögen, s. Beispielabbildungen). Sämtliche Zeichnungen prangen auf den Doppelseiten eines blau LINIERTEN Ringbuchs. Die Klammerung befindet sich sichtbar in der Buchfalz, und die vorgearbeiteten, hässlichen Lochungen zur Abheftung werden manchmal ins Artwork integriert (als Knöpfe, Augen oder Punktemuster).

Auf ungeeigneterem Material kann man nicht zeichnen! Ein verdammtes, liniertes Schreibheft mit Ausreißseiten! Ferris‘ Artwork setzt sich souverän über diese Beschränkung hinweg. Nirgendwo hat man das Gefühl, die Linien hätten die Zeichnungen beeinflusst. Ihr Zeichenwerkzeug, meist feiner bunter Bleistift, verzaubert, ja: transzendiert die strenge Vorgabe mit atemberaubenden Layouts und teilweise subtilsten Stricheleien, die die harte Realität der Linie Lügen strafen. Auch das auf einer Meta-Ebene der Sieg der Kunst über das elende Leben!

(Ich höre schon jetzt ein gewaltiges Anträge-auf-Dozentenschreibtische-Aufklatschen: FAVORITE THINGS wird eine Flut akademischer Analysen nach sich ziehen, jede Wette.)

Zudem ist dieser Schreibheftlook natürlich ein toller Trick, der Story Authentizität zu verleihen: Das arme Slumkind musste sich künstlerisch auf billigstem Blockpapier austoben.
Fast jede Doppelseite ist anders konzipiert: Mal nutzt Ferris ein konservatives Panel-Grid und zieht Bild- und Textkästen auf die Seite, mal enfaltet sie das Diorama einer Straßenszene, mit eingebetteten Nebenelementen, mal explodiert eine Seite in expressiv-mangaeskem Layout, mal konfrontiert sie uns mit „stummer“, großflächiger Bildpoesie.

Die geheimnisvolle Mrs. Anka Silverberg

FAVORITE THINGS ist im Kern eine Meditation über das menschliche Miteinander. Homo homini lupus. Der Mensch ist ein Wolf und reißt sein Gegenüber. Wäre es da nicht besser, gleich ein Werwolf zu sein? Das brodelnde Böse in sich zu akzeptieren und zuzulassen, zumindest phasenweise? Und als solch ein Monstrum einen freien Willen zu pflegen und dem Bösen auch mal zu entsagen?

Emil Ferris möchte ihre Leser dazu animieren, Toleranz walten zu lassen und sich selbst zu verwirklichen – eine Botschaft, die sie verbalisiert hat: „Die Menschen müssten keine bösen Monster sein, wenn sie sich dafür entscheiden könnten, gute Monster zu sein. Ihre Schattenseiten anzunehmen, ihren Frieden zu machen und aus dieser Haltung heraus auch Freude und Dankbarkeit in die Welt zu senden.“

Die Medien (so auch ich) sind bemüht, Ferris auf die comichistorische Landkarte zu setzen. Ihr Comic-Coup schreit danach, die Frau hinter der Künstlerin kennenlernen zu wollen. Also machen schon biografische Anekdoten die Runde:
Sie sei alleinerziehende Mutter, habe als freiberufliche Illustratorin gejobbt, für die „Happy Meals“ von McDonald’s die MULAN-Figürchen entworfen und sei fast neun Monate lang gelähmt gewesen, nachdem sie sich mit dem West-Nil-Virus infiziert hatte. Die Auslieferung von FAVORITE THINGS sei verzögert worden, weil die Schiffsladung der gedruckten Bücher als Faustpfand im Panamakanal zurückgehalten wurde, bis der insolvent gegange, südkoreanische Drucker seine Schulden beglichen hatte.

Die LGBT-Gemeinde gratulierte Ferris ausdrücklich zur Einkleidung der sexuell ambivalenten Karen in ein Wolfskostüm. Sie habe die ermächtigende Kraft der Horror-Subkultur (empowering subversiveness of horror) für queere Menschen perfekt eingefangen und glaubhaft in Szene gesetzt.

Emil Ferris hat eine Premiere hingelegt, an die man sich noch lange erinnern wird. Ich prophezeie kometenhafte Popularität, denn Ferris wird der Comicwelt erhalten bleiben:
Im Frühjahr 2018 erscheint Teil 2 ihres faszinierenden Zeitgemäldes.

Oja, das ist bislang nur der erste Band – man kommt bei dieser Frau aus dem Staunen nicht heraus.

Noch gar nicht geredet habe ich von den textlichen Qualitäten. Ich mache jetzt noch nen Schlenker, um den anarchischen Spaß zu dokumentiern, der auch in diesem Buch steckt. Da Karen erst zehn Jahre ist, deutet sie vieles falsch und versteht einiges miss, was uns erwachsene Leser sehr erheitert: ein von Weintrauen umrankter Satyr ist ein „grape monster“, der Heilige Christophorus (der Sage nach hundsköpfig) ist ihr „werewolf saint“ mit einer Kreissäge statt einem Heiligenschein, die Begegnung mit zwei waschechten Hippies endet im unschuldigen Verzehr von Haschkeksen.
Die mechanisch ablaufenden Sexualakte, die sie Diego ausführen sieht, tauft sie „the night machine“, befremdet ist sie auch über die obszönen Darstellungen in Bildern der Maler Grosz und Dix („their real names, no joke!“).

In Karens Küche hängt eine Jesus-Uhr, die im  Sekundentakt mit den Augen rollt. Die Mutter sagt, er halte Ausschau nach Sündern in Not. Der Bruder sagt, er sehe aus wie ein Junkie mit Fressflash auf der Suche nach was Essbarem.

Das romantische Verhältnis zwischen Karen und Missy, eingefangen auf dieser Doppelseite.

FAVORITE THINGS wimmelt nahezu sitcom-artig vor skurrilen Charakteren: die unglückliche Spielfreundin Missy (die heimlich Karens Leidenschaften teilt), die immerhungrige Sandy (ein ausgemergeltes Phantom), der modebegeisterte, aber entstellte Schwule Franklin (der als Frankenstein-Monster dargestellt wird), der auf der Flucht befindliche Puppenspieler Mr. Chugg, der kleinwüchsige Kleingangster Salvatore aus der Nachbarschaft, der Mobster Jack Gronan (der aus dem Knast heraus die Fäden zieht), seine sexsüchtige Gattin Sylvia (die gegen Jacks Willen eine Affäre mit Diego unterhält) … und Dr. Martin Luther King (der nie persönlich auftritt, aber dessen Ermordung Schockwellen durch Chicago sendet).

Für mich ist „My Favorite Thing Is Monsters“ die lang gesuchte „Great American Novel“ in Comicform. Ich lasse all die geschwollenen Romane liegen für dieses irre, einfühlsame, fantastische, gewitzte, melancholische und zutiefst menschenfreundliche Gesamtkunstwerk! Ich kann mich an kein fulminanteres Debüt erinnern, meine Verehrung.

Der 380-Seiten-Klopper war in Deutschland zunächst nicht erhältlich, mittlerweile doch über Amazon lieferbar für ca. 38 Euro. Schwer vorstellbar, dass sich ein deutscher Verlag an die Veröffentlichung wagt, denn das Werk müsste aufwendig handgelettert werden, da der Text nur selten in Blasen steht, sondern mit den Zeichnungen verschmiltz bwz. in diese integriert ist.

Persönliche Leseerfahrung noch zum Schluss:
FAVORITE THINGS ist nichts, was ich in einem Rutsch oder zwei verschlingen konnte. Oder drei. Ich habe mir dieses Wunderwerk genüsslich in Häppchen zu etwa zwanzig Seiten einverleibt, über einen vollen Monat hinweg. Man schlägt irgendwo auf und blättert und entdeckt und versinkt … und bleibt dennoch handlungstechnisch am Ball … und staunt… hatte ich das Staunen vergessen? Niemals.

Der Arbeitsplatz von Emil Ferris

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