DIE SPINNE bei Kult Comics

Schön ist das alles nicht. Aber wer sagt, dass Krimihandlungen schön sein sollten?

Und DIE SPINNE (oder „die.spinne.“, wie die Macher ihr Werk typografisch gestalten, was ich jedoch nicht mitmache, he) ist ein waschechter Krimi – und zwar einer von der harten Sorte.

Die, wo es grausam und dreckig zur Sache geht. Die, wo kein polizeilicher Ermittler Hoffnung auf Aufklärung erweckt. Die, wo wir als Leser nicht mit gutem Gefühl entlassen werden.

DIE SPINNE präsentiert zwar eine Sheriff-Figur, doch dieser „Sheriff Bob“ ist ein sadistischer Rassist, für den Gerechtigkeit nicht oben auf der Prioritätenliste rangiert. Bob sieht zwar nach dem Rechten, allerdings bevorzugt so, dass es ihm in den Kram passt.

Als die flotte Amber, die Tochter des Barbiers Frank, ins Städtchen kommt, gibt es Ärger. Zum einen, weil sie einen afroamerikanischen Liebhaber im Schlepptau hat: Dieser Darnell wird schnell zur Zielscheibe des Hasses der weißen Bevölkerung.
Zum anderen ist Amber eine emanzipierte und starke Frau, die ihre eigenen Vorstellungen vom Leben auch gegen Widerstände durchsetzt.

Deshalb mietet sie sich ein bei einem Freund ihres Vaters, der in einem kleinen Gehöft vor der Stadt haust: Hauptfigur ist Jimmy, ehemaliger Mechaniker, vom Aussehen her in vielen Bildern dem harmlos wirkenden Hollywoodstar James Stewart nachempfunden.

Jimmy allerdings ist eine getriebene Seele, um es mal vornehm auszudrücken: Erst stalkt er Amber und späht sie aus, dann sperrt er sie in einem Kellerverlies ein. Jimmy ist dem Wahn erlegen, die junge Frau sei seine (verstorbene) Schwester Libby, die ihm durch eine schwierige Jugend geholfen hat.

Was ein wenig wie der Film „Psycho“ beginnt (inklusive Duschszene, sicherlich eine Hommage), entwickelt sich bald zu einem brutalen Zweikampf: Jimmy versucht, Ambers Willen zu brechen – doch die wehrt sich, immer wieder.

Im Folgenden kommt es zu Fluchtversuchen und Verfolgungsjagden, zur Einbeziehung weiterer Personen – bis sich die anfangs rätselhaft verstreuten Hinweise zu einem organischen Ganzen fügen. DIE SPINNE ist ein Psychogramm der Kleinstadt Tinkerville und ihrer seelisch verwundeten Menschen.

Wer aber ist die titelgebende „Spinne“?

Jimmy scheint die augenfällige Wahl, der Mann, der sich ein Opfer sucht und es in seinen Keller verschleppt, doch ist auf gewisse Weise jeder in einem Netz gefangen: Ist nicht auch die wehrhafte Amber eine Planerin und Strippenzieherin?
Auch Sheriff Bob hat seine Agenda. Und natürlich zappelt Jimmy im Netz seiner traumatischen Vergangenheit.

DIE SPINNE rückt heran ans populäre True-Crime-Genre. Wir verfolgen das perfide Wirken eines Serientäters (der auch noch Bezug auf weitere Täter nimmt), nur dass Autor Michael Mikolajczak fiktives Personal benutzt.

Damit kommen wir zu den Kreativen: Michael Mikolajczak hat diesen herben Stoff geschrieben und der saarländische Zeichner Andreas Möller hat diesen in mehrjähriger Arbeit auf 200 Seiten illustriert. (Verlagsinfos HIER.)

Jimmy fängt Fliegen, opfert sie im Spinnennetz und dokumentiert dies; Amber schaut skeptisch zu.

 

Ich bin übrigens sehr dankbar, dass dieser Comic die Grenze zur sexuellen Gewalt nicht überschreitet. Für das Gros männlicher Comicmacher wäre es ein Leichtes (wenn nicht sogar Selbstverständliches) gewesen, Amber nackt zu zeichnen und bei der Gelegenheit auch zu vergewaltigen.
Mikolajczak und Möller jedoch beweisen Stil und steuern weg von diesen Widerwärtigkeiten. Das macht ihr Werk nicht unbedingt verträglicher, doch es entzieht es dem Vorwurf der  Frauenfeindlichkeit.

In meinen Augen! Ist alles diskutabel. Wer sagt, eine Frau einzusperren und unter Drogen zu setzen, sei frauenfeindlich, hat natürlich recht. Aber in einem Crime-Noir-Reißer, in dem es um Entführung geht, finde ich es vertretbar. Solange keine sexuelle Gewalt hinzukommt.

Schauen Sie selbst: Jimmy bereitet der bewusstlosen Amber ihr Zimmer, entkleidet sie und legt ihr Libby-Klamotten raus. Ich finde diese heikle Szene stilvoll gelöst.

Kritik, haben wir Kritik?

Es ist unmöglich, nicht von Möllers Artwork beeindruckt zu sein. Der Mann verfügt über ein meisterhaftes Handling von Schwarzweiß und Graustufen, hat ein tolles Gespür für Kamera und Layout. Mitunter wandelt er auf dem Grad zur „Überkomposition“, meint: Manche Seiten packt mir Möller zu voll; hier möchte er zaubern, was gar nicht nötig gewesen wäre.

Manche Sequenzen jedoch sind traumwandlerisch perfekt und nahezu Weltklasse. Diese beiden Seiten führe ich zum Beweis an. Amber hat einen Flashback nach ihrem Autounfall: Sie sehnt sich zurück nach ihrem verwitweten Vater (dem Frisör), gleichzeitig nähert sich Jimmy (und sie nähert sich ihm). Die Spinne schlägt zu!

Also: Möller hat sich richtig Mühe gegeben. Das gilt auch für Mikolajczak, der mit DIE SPINNE bereits sein fünftes Comicskript vorlegt (s. Link zu den Verlagsinfos oben)!

Ich kenne als weiteres Werk nur RATTEN aus seiner Feder (mit Zeichner Sascha Dörp), erlaube mir aber die Vermutung, dass Mikolajczak ein Freund des Finsteren ist. Freund der Finsternis – oder gar ihr Fürst?!
Die Nagetier-Apokalypse RATTEN ist jedenfalls einer der düstersten Dystopien, die mir je untergekommen ist. Eine Welt ohne Hoffnung geht schnurstracks zum Teufel.

Mit DIE SPINNE verhält es sich … nunja … ähnlich. Der Stoff beginnt auf einer dunklen Note – und sucht dann nach Tönen, die noch schwärzer resonieren.
Ohne hiermit etwas zu verraten, darf ich mitteilen, dass wir es nicht mit einem Feelgood-Comic zu tun haben.
Mikolajczak scheint besessen davon, die dramaturgische Schraube weiter und weiter anzuziehen. Korrekt! Soll er auch, macht er kunstvoll und geschickt.
Aber muss es denn immer so ausarten?!

Bei einem Fluchtversuch wird Amber aus dem Nichts heraus von einem Hund angegriffen; ausgerechnet ihr Entführer rettet sie vor dem Biest.

Die handelnden Personen verstricken sich tiefer und tiefer in ihre Verfehlungen, bis am Ende kaum noch jemand stehen wird. Heftig. Krass. Lärmig mitunter.

Zudem war mir eine Handlungsschleife zu viel. Warum exerzieren die Figuren diese Situation ein zweites Mal? (Darf nicht sagen, was, das wäre echtes Spoilern.)
Natürlich kann Mikolajczak die Chose beim zweiten Mal steigern, dennoch kam es mir redundant und gewollt und damit etwas unglaubwürdig vor. Schade.
Ansonsten habe ich den Comic mit Staunen gelesen.

Nur einen SPINNEN-Gedanken noch zum Schluss:

Wäre das ein amerikanisches Produkt und stünden die Namen Ed Brubaker (Text) und Sean Philipps (Zeichnungen) drüber, würde die Szene vor Begeisterung in Schnappatmung verfallen.

So aber brummeln vielleicht einige was von Nachahmung und suchen das Haar in der Suppe. Ich finde, Mikolajczak und Möller müssen sich nicht verstecken. Es ist ihnen – im Gegenteil – ein praller und pulstreibender Thriller gelungen!

Wie immer unser Instagram-Blättervideo im Anhang:

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