Tillmann liest: HARD BOILED

Mein Lieblingscomic von Frank Miller ist nicht das hochgejazzte SIN CITY (das mir zu genre-verhaftet und damit abgeschmackt ist) und auch nicht die Batman-Neuerfindung THE DARK KNIGHT RETURNS. Ich möchte werben für einen Comic, den er nicht selber gezeichnet hat, zumal das Werk soeben neu auf Deutsch (bei Cross Cult) aufgelegt wird: HARD BOILED.

Die kurz vor SIN CITY 1990 entstandene Miniserie wird bei der Aufzählung von Millers Meriten immer unter den Teppich gekehrt, dabei war HARD BOILED bei seinem Erscheinen nichts weniger als eine Sensation.
Das lag am überwältigenden Artwork von Geoff Darrow, das wirkt, als laufe die ligne claire Amok. Die sauberen, präzisen und konturierten Zeichnungen sind zu irrwitzigen und mega-detaillierten Wimmelbildern verklumpt!

Die böse Omi eröffnet das Feuer auf Nixon!

 

Man glaubt kaum, dass Darrow seine Szenerien wirklich zeichnet – es schaut aus wie am Computer produziert. Kein Mensch allein kann doch so viele Details in seine Panels packen! Da stehen die Figuren auf einer Straße, auf der wir jede verbeulte Dose, jedes Bonbonpapierchen und jede weggeworfene Kippe einzeln bestaunen können.

Fortgesetzter Kampf: Die böse Omi zieht sich zu Nixon hoch ins Wageninnere, der daraufhin einen Bus rammt! Beide segeln aus dem Auto hinaus und in den Bus hinein – filmische Slow-Motion-Technik par excellence.

 

(Die Bebilderung dieses Artikels stammt übrigens aus der Veröffentlichung der Serie in SCHWERMETALL, die habe ich gerade zur Hand …)

Wer einmal in das ganze Buch reinschauen mag: Der Vlogger EarlGrey blättert uns durch HARD BOILED …

Ein zweiter Clip von EarlGrey präsentiert uns „The Pencil Art of Geoff Darrow“ und offenbart seinen Detailreichtum (bei Interesse auf orangenes Feld klicken).

Noch größere Wirkung entfaltet die Kunst des Geoff Darrow dadurch, dass seine messerscharfen Tableaus oft ultrabrutale Gewalt abbilden. Auch das seinerzeit (für den amerikanischen Markt) ein „Meilenstein“, wenn man so will.
Da zerreißen Körper und fliegen Zähne und Knochensplitter – und es sieht grafisch nahezu ästhetisch aus. Haben Darrow (und sein Autor Miller) die „Ästhetik der Gewalt“ (ein alter Filmtopos) in den Comic eingeführt?!
Selten jedenfalls hat ein Massaker so schick ausgesehen!

(HARD BOILED ist der erste Comic, der mich mit einer Rückansicht eines faustgroßen Schusslochs durch einen Körper hindurch schockierte! Was seitdem beinahe Standard ist, wenn man sich einen Action- oder Splattercomic anschaut …)

 

„Ich hasse Fleisch!“

 

Die Handlung von HARD BOILED darf man im Groben verspoilern, denn wir begegnen einer Variation der „Terminator/Blade Runner“-Zukunft: Als Menschen getarnte Cyborgs erledigen die Drecksarbeit und kontemplieren den Aufstand und die Vernichtung ihrer Schöpfer.

Wir erleben diesen Zwiespalt in Person des Steuereintreibers Carl Seltz alias Nixon, der als Vorort-Spießer mit Frau, Hund und Kindern seinem oft handgreiflichen Tagwerk nachgeht. Doch seltsame Flashbacks und Halluzinationen plagen ihn, nach und nach kommt heraus, dass Nixon ein auf Mensch programmierter Cyborg ist, der nur eine Schachfigur in einem größeren Spiel ist.

Der Comic ist rasant, abenteuerlich, unterhaltsam, packend und clever konstruiert. Darüber hinaus durchzieht HARD BOILED eine tragische Note, nicht des erschreckenden Bodycounts wegen, sondern der Sturheit der Hauptfigur – die allen besseren Wissens zum Trotz an seiner vorgetäuschten Menschlichkeit festhält.
Nixon zaudert und verdrängt,  trifft nicht die Entscheidung, die ihm Klarheit (und siner Umwelt Frieden) verschaffen würde: Ein Hauch von Hamlet, wenn man so will …

Nixon erkennt seine Andersartigkeit ohne sie jedoch anzuerkennen.

 

Dieser Cyborg ist dämlich, aber dämlich auf ebendiese Sheriff- und Frontier-Mentalität, die zum Ursprungsmythos der USA gehört und sich auch durch die Noir-Filme Hollywoods zieht (nicht umsonst heißt dieser Comic HARD BOILED!)
In gewisser Weise ist dieser Nixon die Vorstudie zu SIN CITYs Marv: ein großer, dummer, hirnloser Schläger, der sein Ding durchzieht, egal wie viele Leute dabei draufgehen.

Entdeckenswert bzw. wiederentdeckenswert! Miller und Darrow hauen uns eine rabiate Dystopie um die Ohren, die in ihrer Krawalligkeit ohnegleichen ist.

(Zur Relativierung der Ohnegleichheit beachten Sie bitte die Anmerkung am Schluss des Artikels …)

Gegen Ende: Ein total zerlegter Nixon gibt auf und schwenkt die weiße Fahne! Rechts inmitten des Schlachtfelds und gepanzert in seinem Fahrzeug der unbeeindruckte Hersteller der Cyborgs, mehrere Softdrinks gleichzeitig nuckelnd. Trockener und schwarzer Humor allüberall – wir ziehen den bösen Buben am Öhrchen!

 

Schade ist, dass Geoff Darrow nach HARD BOILED nie wieder etwas Relevantes vorgelegt hat. Im Fahrwasser des Erfolgs legte das Team Miller/Darrow grafisch pompöse, aber belanglose Abenteuer um Riesenroboter und Dinosaurier in Tokio auf (BIG GUY AND RUSTY THE ROBOT, 1995), dann wurde es lange still um Darrow. Er arbeitete nämlich als Konzept-Designer bei den „Matrix“-Filmen der Wachowski-Brüder; seit 2005 widmet er sich in Eigenregie seiner Independent-Comicserie SHAOLIN COWBOY.

Die punktet wie gewohnt mit visueller Opulenz, ist aber mehr szenische Reise des Protagonisten als ein Plot. (Was wohl beweist, dass ein Geoff Darrow keine Handlung nötig hat, um uns mit der Wucht seiner Bilder zu unterhalten, zwinker!)

Den Meister selber erleben wir in einem Clip von der „New York ComicCon“. Hier bekennt er auch, dass SHAOLIN COWBOY wenig Handlung hat, sondern bloß „him doing stuff“ sei! Aha, Dankeschön.

Anmerkung:

Der andere, nicht von Miller gezeichnete, aber fantastische Comic, der die US-amerikanische Gesellschaft bitterböse aus den Angeln hebt, ist GIVE ME LIBERTY.
Mit WATCHMEN-Zeichner Dave Gibbons gelingt Miller hier ein bissiges und beißendes Zukunftsbild einer zersplitterten USA, das vor Ideen sowie Schauwerten nur so strotzt.
Eine knallige Dystopie der Vereinigten Staaten, die man kennen sollte, wenn man über amerikakritische Stoffe mitreden will.

(Und noch ein Gewalt-Bonusbildchen aus HARD BOILED: Nixon schubst die böse Omi in die Bikes einer Gang, die daraufhin die Alte mit Ketten peitscht. Die aber schlägt wehrhaft ihrem Widersacher den Kopf von den Schultern, mitsamt der Wirbelsäule. Krass, Alte!)

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